Aus der Zauber

Joanne K. Rowling ist mit ihren „Harry Potter“-Büchern zur Bestseller-Autorin geworden. In ihrem neuen Werk „Ein plötzlicher Todesfall“ aber, ausdrücklich ein Roman für Erwachsene, fehlt der Zauber. Stattdessen serviert die Autorin dem Leser eine klischeehafte, reißbrettartig geplante Sozialkritik, für die es keine 576 Seiten gebraucht hätte.

Die einzige sympathische Figur des Romans stirbt bereits auf Seite 11 – Barry Fairbrother. Er kippt auf dem Parkplatz des Golfclubs um und erliegt einem Aneurysma. Durch seinen Tod wird ein Platz im Gemeinderat frei, eine plötzliche Vakanz, „The casual vacany“, wie das Buch im Original heißt. Laut Klappentext ist das der „Nährboden für den größten Krieg, den die Stadt je erlebt hat“ – so lassen sich 576 Seiten schnell begründen.

Barry Fairbrother war – wie der Name schon sagt – die gute Seele des englischen Städtchens Pagford. Aufopferungsvoll kümmerte sich der Banker um die sozial Schwachen, insbesondere um das aufmüpfige Mädchen Krystal Weedon, die mit ihrer drogenabhängigen und zeitweise der Prostitution nachgehenden Mutter und ihrem kleinen Bruder in einer verwahrlosten Wohnung in der Sozialsiedlung Fields wohnt. Fairbrother unterstützte Krystal, holte sie in die Rudermannschaft der Schule und warb im Rat dafür, die Siedlung weiterhin in der Zuständigkeit Pagfords zu belassen. Diesem Plan aber standen und stehen einige andere Ratsmitglieder ablehnend gegenüber, weil die dort wohnende Unterschicht nicht in ihr Bild einer idyllischen, wohlhabenden Kleinstadt passt. Und so entbrennt mit Fairbrothers Tod nicht nur ein Kampf um den frei gewordenen Platz im Gemeinderat, sondern auch um das Für und Wider der Integration sozial Schwächerer.

Wie aus dem Synonymwörterbuch abgeschrieben

Die Sprache ist so einfach dahergeschrieben, wie sie schon beim Kinderbuch „Harry Potter“ funktionierte. Die anstößigen Begriffe, die dem neuen Roman den „Nur für Erwachsene“-Stempel aufdrücken sollen, klingen wie aus dem Synonymwörterbuch abgeschrieben und in den Text gewürfelt. Und von Literatur lässt sich hier nun wirklich nicht sprechen. Weniges mag auch der schnellen Übertragung ins Deutsche zugeschrieben werden, mussten die beiden Übersetzerinnen den Stoff doch in vier Wochen in einem geheimniskrämerischen Akt im Londoner Verlag Little Brown übersetzen.

Doch es ist wohl der Autorin geschuldet, dass sie die Unterschicht ganz klischeehaft fluchen und sich mit „dämliche scheiß Junkie-Bitch“ oder „verkackte blöde Fixerkuh“ beschimpfen lässt, während die Mittelschicht ganz andere Probleme hat. Da ist die Mutter, die sich heimlich die Boy-Band-Videos ihrer Tochter ansieht und von einer Sexnacht mit einem Jüngling träumt, und der stellvertretende Schulleiter, der offensichtlich pädophile Gedanken hegt. Da ist die Schülerin aus Indien, die gemobbt wird und sich ritzt, während ihr Vater so perfekt aussieht, dass er als Filmschauspieler arbeiten könnte. Und natürlich ist da auch noch Krystal, die nach Fairbrothers Tod in ein Milieu und ein Leben zurückfällt, in dem sie kaum noch Unterstützung erfährt.

Das allerdings versteht Rowling: Die Welt der Kinder und Jugendlichen zu beschreiben. Doch keiner dieser jungen Leute hat ein allzu herrliches Leben. Der erste Sex, nun gut, der ist sowieso meistens nicht herrlich, vor allem aber nicht in Pagford. Dort haben die Jugendlichen Sex hinter einer Hecke auf dem Friedhof oder an einem reißenden Fluss, während der kleine Bruder wenige Meter entfernt auf einer Bank sitzt und wartet. Ein Mädchen wird vergewaltigt, zwei Jungen regelmäßig von ihrem Vater vertrimmt. Das ist eine Welt, in der Kinder und Jugendliche heutzutage aufwachsen. Das ist weder lebensfern noch übertrieben. Und es sind die eindringlichsten Szenen des Romans. Das macht ihn deshalb aber noch nicht zu einem Stück Literatur.

Erinnert an einen russischen Roman

Vom Inhalt abgesehen hätte dem Buch ein Lesebändchen gut zu Gesicht gestanden. Eine Karte könnte dem Leser einen groben Überblick über Pagford bieten, schränkt aber auch die Phantasie ein, die ohnehin kaum Raum erhält. Letztlich hätte eine vorherige Auflistung der Personen das Werk komplettiert, erinnert es mit den weitverzweigten Beziehungs- und Verwandschaftsgraden und der Vielzahl der mitunter sogar ähnlich klingenden Namen an einen russischen Roman. Gut gelöst hat das etwa der Antje Kunstmann Verlag bei Paul Murrays lesenswertem Roman „Skippy stirbt“ – auf dem Lesezeichen hat man ein „Who is who“ stets parat, um die handelnden Personen auseinanderzuhalten.

Es bleibt zu hoffen, dass Joanne K. Rowling nicht bereits an einer Fortsetzung arbeitet und sich kein Regisseur an eine Verfilmung des Stoffes wagt. Dann darf die Zeit kommen, in der die „Harry Potter“-Schöpferin sich auf ihr Können besinnt und vielleicht wieder etwas Begeisterndes schafft.

Joanne K. Rowling: Ein plötzlicher Todesfall, Carlsen Verlag, Hamburg, 2012, 576 Seiten, gebunden, 24,90 Euro, ISBN 978-3551588883

Die Wiederentdeckung eines Meisterwerks

Vor zwei Jahren legte Atlantic Books in London einen Roman wieder auf, der erstmalig 1993 veröffentlicht worden war. Jetzt hat der Luchterhand Verlag „Tony & Susan“ in deutscher Übersetzung herausgebracht – und lässt die Leser endlich ein altes Meisterwerk wiederentdecken: Den bekanntesten Roman des amerikanischen Schriftstellers und Literaturkritikers Austin Wright.

Es ist ein Roman im Roman. Rund zwanzig Jahre lang hat Susan Morrow nichts von ihrem Exmann Edward gehört, da bekommt sie mit einem Mal einen Brief von ihm. Er bittet sie, sein Manuskript zu lesen. Susan ist zunächst argwöhnisch: Will er wirklich nur ihre Meinung zu seinem Manuskript, jener Mann, der ihr einst nur auf der Tasche lag und übersteigerte Phantasien von seinem Erfolg als zukünftiger Schriftsteller hatte? Oder ist es sein Versuch, die erloschene Liebe neu zu entfachen? Doch Susan ist längst wieder verheiratet, ihr neuer Mann ist ein bekannter Herzchirurg, sie beide haben Kinder, um die sie sich kümmern muss. Die Neugier siegt aber schließlich doch – Susan liest das Manuskript.

Der Roman im Roman ist ein dramatischer und fesselnder Thriller: Edwards „Nachttiere“ erzählt von dem Mathematikprofessor Tony Hastings, der mit seiner Frau und seiner Tochter auf dem Weg in den Urlaub ist. In einer Szene, wie sie aus einer alten Stephen-King-Verfilmung stammen könnte, gerät er nachts auf einer einsamen Straße mit einem merkwürdigen Trio aneinander. Die drei in ihrem Buick drängen ihn von der Straße ab, entführen seine Frau und seine Tochter, vergewaltigen und ermorden sie. Was nach üblichem Thriller-Schema klingt, wird vielmehr zum verstörenden Psychogramm eines Mannes, dem die Realität mit all ihren Strukturen abhanden kommt, der sich verirrt.

Reflexion über das eigene Leben

Und wie sich Tony Hastings immer weiter verläuft, so gerät auch Susan Morrow immer tiefer in den Strudel der raffinierten Erzählweise ihres Exmannes. Denn „Nachttiere“ ist nicht nur ein Roman, sondern zwingt Susan auch eine Reflexion über das eigene Leben auf. Wie würde sie in Tonys Situation handeln? Hat sie in ihrer eigenen Vergangenheit die richtigen Entscheidungen getroffen und tut sie es auch heute? Welche Ansprüche hat sie an ihr Leben, an ihre Familie? Wie sehr müsste ihr Leben betroffen sein, dass sie Rachegelüste nicht nur verspüren, sondern sie auch umsetzen wollen würde?

Eine dritte Ebene eröffnet der Leser des Romans „Tony & Susan“ selbst, denn er muss sich ähnliche Fragen stellen. Wrights Roman drängt den Leser auf perfide Art und Weise zum Überdenken der eigenen Ideale und Sichtweisen. Ist er feige oder mutig? Kämpft er gegen Unrecht, das der Familie angetan wird, oder zieht er aus Angst um das eigene Leben den Schwanz ein? Wie couragiert ist er?

Es überzeugt. Es überzeugt voll und ganz. Es ist nicht nur der Plot, es ist vor allem die Unaufgeregtheit der literarischen Sprache, die in ihrer Unmittelbarkit so sehr ins Mark trifft, so sehr berührt und erschüttert, dass es den Leser nicht löslässt. Dass es ihn das Buch nehmen und ins Regal stellen lässt, um es nicht mehr fortzugeben. Lesen, unbedingt!

Austin Wright: Tony & Susan, Luchterhand Literaturverlag, München, 2012, 414 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, ISBN 978-3630873664

28 Minuten bis zum Untergang

Vier gealterte, arbeitslose Software-Entwickler haben einen Plan: In nur 28 Minuten wollen sie eine Bank überfallen. Doch der Plan geht gehörig schief. Und plötzlich haben sie es nicht nur mit der Polizei zu tun, sondern auch noch mit dem russischen Obergangster Viktor Petrenko, der nicht besonders erfreut ist, dass bei dem Überfall nur seine Schließfächer ausgeräumt worden sind – mit Geld, Diamanten und geheimen Dokumenten.

Sie waren mal gut in ihrem Job, doch jetzt gibt es viele junge Programmierer, die wesentlich mehr drauf haben als sie. Dan, Gordon, Joel und Shrini haben ihre Beschäftigungszeit offenbar hinter sich. Dan Wilson zum Beispiel: Bei Vorstellungsgesprächen wird er nach Programmierelementen gefragt, die es vor einigen Jahren noch gar nicht gab, andererseits ist seine jahrzehntelange Erfahrung nichts mehr wert, weil die gelernten Programmiersprachen heutzutage nicht mehr benötigt werden. Die Altersvorsorge ist aufgebraucht, und seine Frau Carol arbeitet zusätzlich in einer Anwaltskanzlei.

Seinen letzten Job hatte er in einer Bank, der Lynn Capital Bank. Drei Monate lang entwarf er ein neues Sicherheitssystem für die Bank – und als das fertig war, wurde die Programmierung aus Kostengründen nach Indien outgesourct, wie es so schön heißt. Doch die Inder haben einen Fehler gemacht – und dieser Fehler dauert genau 28 Minuten.

Dave Zeltserman, selbst jahrelang Software-Entwickler für große amerikanische Unternehmen, thematisiert mit seinem raffinierten Roman nicht nur das Problem Älterer, auf dem Arbeitsmarkt wieder Fuß zu fassen, sondern hat darüber hinaus einen packenden Krimi geschrieben, der von Seite zu Seite mehr Tempo entwickelt. Denn natürlich bleiben die Polizei und der brutale Russe nicht die einzigen Probleme – plötzlich ist auch noch die italienische Mafia im Spiel, das FBI zeigt Interesse an den geheimen Dokumenten des Russen und die vier Gangster, ehemals Freunde und Arbeitskollegen, misstrauen und zerfleischen sich gegenseitig. Es ist ein Stoff, der wie für’s Kino geschrieben ist, ein böses, schwarzes Untergangsszenario. Absolut empfehlenswert.

Dave Zeltserman: 28 Minuten, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Berlin, 2011, 322 Seiten, Taschenbuch, 9,95 Euro, ISBN 978-3518462256
Dave Zeltserman: 28 Minuten, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Berlin, 2012, 322 Seiten, Taschenbuch, 7,99 Euro, ISBN 978-3518462256 (Neuauflage)

Oh, du mein arg romantisch pochendes Herz

Wir schreiben die siebziger Jahre. In einer Moorlandschaft im Süden Englands hat sich eine Künstlerkolonie angesiedelt, deren Bewohner das freie Leben genießen. Auch Cecilia wächst dort auf. Ihre Eltern Dora und Patrick haben ein altes Gehöft gekauft, in den Ställen kommen andere Hippies unter, bezahlt wird mit Naturalien oder handwerklichen Dingen. Das alles geht Cecilia gehörig auf den Keks. Am schlimmsten für sie ist aber die antiautoritäre Erziehung an ihrem Internat, einer Reformschule, wo sie auch das Töpfern und Flechten erlernt. Welch ein Lichtblick, als der ernsthafte Englischlehrer James Dahl an die Schule kommt, und die 15-jährige Cecilia und ihre Freundinnen sich reihenweise in den Mann verlieben.

„Gefährliche Nähe“, das ist Joanna Briscoes aktueller Roman, der in Deutschland jetzt bei Bloomsbury Berlin erschienen ist. Und wie der Vorgänger „Schlaf mit mir“ ist auch dieses Buch sehr emotional, schwülstig und für das romantische Herz geschrieben. Kaum vorstellbar, dass ein Mann an diesem Buch Gefallen finden kann. Jedoch: Freundinnen von tiefromantischen Liebes- und Familiensagas werden wahrscheinlich ihre helle Freude daran haben.

Es kommt, wie es kommen muss: Die belesene Cecilia entbrennt in tiefer Liebe zu ihrem Lehrer, weil er die klassische Bildung verkörpert. Auch er liest Bücher, weiß daraus zu zitieren und ist ansonsten unnahbar ernsthaft. In der Beschreibung erinnert Mr. Dahl an Matthew Macfadyen und seine meisterhafte Darstellung des Mr. Darcy in der Joe-Wright-Verfilmung von „Stolz und Vorurteil“.

Vom zarten Band zur gefährlichen Nähe

Zwischen Cecilia und James Dahl entwickelt sich ein zartes Band, das sich mehr und mehr zur titelgebenden gefährlichen Nähe entwickelt. Die wird zwar von Cecilias Mutter Dora gesehen, aber nicht wirklich erkannt. Dafür ist keine Zeit, denn Dora fühlt sich zum anderen Part der Dahls hingezogen, Elisabeth, James‘ bi-interessierte Ehefrau.

Rund zwanzig Jahre später kehrt Cecilia mit ihrer eigenen Familie in das Haus ihrer Kindheit zurück, um näher bei ihrer krebskranken Mutter zu sein. Die Erinnerungen an die Erlebnisse in ihrer Kindheit prasseln auf sie ein, und schnell wird deutlich: Auch jetzt noch lauert an diesem Ort eine gefährliche Nähe.

Es wird viel gefühlt und geliebt in diesem Roman, dafür fehlt es an derb-deftigen Sexszenen, wie man sie noch in „Schlaf mit mir“ lesen konnte. Wer also zumindest darauf hofft, wird enttäuscht werden. Insgesamt bleibt es ein Liebesroman durch und durch, der sich durch die verbotene Liebe zwischen Lehrer und Schülerin etwas Reiz verspricht, ihn aber nicht halten kann. Wieder mal ein Buch für den Urlaub, sofern man ein arg romantisch pochendes Herz besitzt.

Joanna Briscoe: Gefährliche Nähe, Bloomsbury Verlag, Berlin, 2012, 495 Seiten, gebunden, 22,90 Euro, ISBN 978-3827010490

Veronikas Mann beschließt zu sterben

Schon seit Jahren steht das Foto seines verstorbenen Vaters im Bücherregal seines Zimmers, aber erst an einem Mittwoch in den Herbstferien wird der 17-Jährige neugierig, wer sein Vater war und warum er Selbstmord beging. Der Anfang einer Spurensuche zur Zeit einer verbohrten Gesellschaft.

Kurz nach seiner Geburt begeht der Vater Selbstmord. Das einzige, was ihm von seinem Vater bleibt, ist eine gerahmte Fotografie, die in seinem Bücherregal steht. Als der Junge sie an jenem Tag in den Herbstferien genauer betrachtet, entdeckt er nicht nur, das sein Vater am Handgelenk eine Uhr trägt, die er noch nie gesehen hat, sondern dass die Zeiger der Uhr auf Viertel nach sieben stehen – für einen Fototermin eine unübliche Zeit, sowohl am Morgen als auch am Abend. Der Junge löst den Rahmen und entdeckt auf dem Rücken der Fotografie einen Namen: André Gros aus Paris – sein eigener Patenonkel, den er ebenfalls noch nie gesehen hat.

„André Gros war der Mann, den wir aus den Augen verloren hatten, von dem ich nur drei Dinge wußte, daß er seine Kindheit und Jugend in der Schweiz verbracht hatte, daß er ein Schulfreund meines Vaters gewesen war und daß er sich nach dessen Beerdigung nicht mehr gemeldet hatte.“ Als der Junge mit seiner Mutter Veronika über den Verbleib der Armbanduhr spricht, erfährt er noch ein viertes Detail über seinen Patenonkel: Er besitzt die Uhr seines Vaters. Seine Mutter hatte sie ihm nach dem Tod ihres Mannes geschickt, weil sie für sie keine Bedeutung hatte.

Der Junge ist fassungslos. Er hebt all sein Geld ab, das er auf Sparbüchern und Bankkonten hat, und reist nach Paris, um seinen Patenonkel zu treffen. Der ist nicht wenig überrascht und dennoch bereit, dem Jungen Hinweise darauf zu geben, warum dessen Vater sich das Leben nahm: „Man kann sich über vieles hinwegsetzen, vor allem über die Blicke der anderen. Man muß es nur verstehen, sich nicht aus der Bahn werfen zu lassen. Mir ist es gelungen. Ich glaube, es ist mir gelungen. Deinem Vater nicht.“

Lange Zeit ist das Buch ein Roman der Andeutungen. Man muss schon zwischen den Zeilen lesen, um zu erahnen, was wirklich schiefgelaufen ist im Leben des Emil Ott, als er sich kurz nach der Geburt seines ersten Kindes das Leben nimmt. Der Schweizer Schriftsteller Alain Claude Sulzer hat sich eines Themas angenommen, über das schon so vieles geschrieben worden ist, auch über die Suche der Nachkriegsgeneration, die zu wenig über ihre Eltern weiß. Und trotzdem ist „Zur falschen Zeit“ kein weiteres dieser schon so oft geschriebenen Bücher.

Sulzer schreibt feinsinnig und stilsicher, mit einer Sprache und Wortgewandtheit, die an Max Frisch erinnert. Man legt es nicht aus der Hand, dieses Buch. Hier wird nicht rasant geschrieben, sondern die Geschichte tickt langsam, aber stetig voran wie das Räderwerk einer Uhr. Schon bald greift Sulzer zu verschiedenen Erzählebenen, die dem Leser eine Vorausschau ermöglichen. Es ist ein gekonntes Hin und Her zwischen Vor- und Rückblenden und den Erlebnissen aus der Sicht des Jungen. Und es entsteht das Portät eines Mannes, der „zur falschen Zeit“ und in einer kleinbürgerlichen Welt lebte und liebte. Ein Buch, das man gelesen haben sollte.

Alain Claude Sulzer: Zur falschen Zeit, Galiani Verlag, Berlin, 2010, 231 Seiten, gebunden, 18,95 Euro, ISBN 978-3869710198