Zwischen Freundschaft und Verehrung

NilowskyFreundschaft – laut des von Lutz Mackensen herausgegebenen Wörterbuchs ist das ein „geistiges Verhältnis zwischen Menschen, die sich wertschätzen“. Im neuen Roman von Torsten Schulz steht die Wertschätzung zwischen zwei Freunden jedoch in einem unglücklichen Missverhältnis: Markus Bäcker verehrt seinen neuen Freund, und Reiner Nilowsky ist ein Großmaul, das sich gerne bewundern lässt. Dahinter stecken zwar zum Teil tragische Geschichten, streckenweise berlinert es herrlich, aber die Wucht ist das alles leider nicht.

Rund zehn Jahre ist es her, dass Torsten Schulz seinen Roman über den Boxi, den Boxhagener Platz in Berlin, veröffentlicht hat. Es war sein Erstlingswerk, und es wurde nicht nur gefeiert und mehrfach übersetzt, sondern auch verfilmt und kam 2010 in die Kinos. „Boxhagener Platz“ war eine Coming-of-Age-Geschichte, die im Ost-Berlin des Jahres 1968 spielt.

Und auch Schulz‘ neuer Roman spielt in Ost-Berlin, nur wenige Jahre später. Der 14-jährige Markus ist mit seinen Eltern gerade an den äußersten Stadtrand gezogen. Es ist das Jahr 1976, als er aus seinem geliebten Prenzlauer Berg wegziehen muss, damit seine Eltern näher am Chemiewerk wohnen, wo beide jetzt arbeiten.

Einer weiß, wie es geht

Rund fünfzig Meter von der neuen Wohnung entfernt rattern die Güterzüge vorbei und bringen das Eckhaus zum Vibrieren. Dazu wabern Schwefelabgase durch die Luft, die das Atmen erschweren. Doch einer weiß, wie es geht: Nilowsky.

„Du musst diesen Gestank, den nach faulen Eiern, richtig einsaugen musst du den, und deine ganze Körperwärme, die ganze, die musst du zum Einsatz bringen, und dem Schwefelwasserstoff, dem bleibt dann nichts anderes übrig, als zu Wasser und zu Schwefeldioxid zu verbrennen. Das ist gesund und gibt dir Kraft. Und riechen tut es dann auch nicht mehr.“

Sagt einer, der es wissen muss. Denn Nilowsky wohnt schon ewig hier draußen vor der Stadt. Sein Vater betreibt eine Kneipe namens „Bahndamm-Eck“, ist ständig sturzbetrunken und schlägt seinen Sohn im Rausch grün und blau. Dass Nilowsky mit seinen 17 Jahren so kauzig ist, mag daran liegen, dass er Verantwortung für zwei übernehmen muss. Ohne rechte Vaterfigur baut er sich seine Welt aus eigenen Philosophieansätzen, die teilweise recht hanebüchen, aber deshalb nicht weniger interessant sind.

Loyal über das Herz hinaus

Eine von seinen Ideen ist es, Groschen auf die Schienen zu legen, um sie von den Güterzügen plattwalzen zu lassen. An den Rädern aber, daran glaubt Nilowsky, bleiben Spuren seines Groschens kleben und fahren hinaus aus der DDR und bis Spanien und vielleicht noch weiter. Markus himmelt Nilowsky an, er verehrt ihn und ist loyal über sein Herz hinaus. Denn eines Tages verliebt sich Markus ausgerechnet in Nilowskys Auserwählte.

Schulz‘ neuer Roman ist über weite Strecken eine lesbare Milieustudie, die mit zarter DDR-Kritik auskommt. Es geht um Liebe und Hass, Tod und Sterbenlassen, aber auch um so etwas wie Freundschaft und den Beweis derselben.

Die Geschichte von zwei Jugendlichen aus unterschiedlichen Familienverhältnissen hätte möglicherweise Potential für ein faszinierendes Buch sein können. Nilowsky wirkt ohnehin schon wie ein moderner Huckleberry Finn. Doch der Roman verzettelt sich und wird zum enttäuschenden Nachttischhüter.

Torsten Schulz: Nilowsky, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 2013, 284 Seiten, gebunden, 19,95 Euro, ISBN 978-3608939712, Leseprobe

Von der Lesung zum Politgespräch: Gorbatschow und Genscher in der Peterskirche in Leipzig

Schlange stehen für Gorbatschow
Schlange stehen für Gorbatschow
Es war die bewegendste Veranstaltung der Leipziger Buchmesse 2013: In der mit mehr als 1.500 Menschen besetzten Peterskirche traf Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher am zweiten Messetag auf Michail Gorbatschow, den früheren Präsidenten der Sowjetunion. Gorbatschow war zur Buchmesse gereist, um dort seine Memoiren „Alles zu seiner Zeit. Mein Leben“ vorzustellen. Am Vormittag hatte er zwei Termine auf der Buchmesse wegen Erschöpfung kurzfristig absagen müssen. Umso mehr herrschte am Nachmittag großes Interesse in der Stadt, in der 1989 durch die Montagsdemonstrationen die Friedliche Wende begann.

Bereits zwei Stunden vor Beginn der Veranstaltung standen die Menschen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt vor der Kirche Schlange. Der Andrang war größer, als die Pfarrkirche Platz bot, so dass viele Besucher draußen bleiben mussten. Moderiert wurde das Gespräch zwischen Genscher und Gorbatschow von Theo Sommer, dem ehemaligen Herausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“, der zu Beginn die Worte sprach, die während der nächsten Stunde gelten sollten: „Das ist ein sehr bewegender Moment, vor allem hier in Leipzig.“ Als Gorbatschow schließlich das Podest betrat, hielt es die Menschen nicht mehr auf ihren Stühlen. Anhaltend klatschten sie Beifall, applaudierten einem sichtlich geschwächten Mann.

Einen beträchtlichen Teil seiner Memoiren nehmen die Erinnerungen an seine geliebte Frau Raissa ein, die 1999 in Deutschland ihrem Krebsleiden erlag. „Sie war eine Frau, die ich über alles liebte, und ich hoffe, dass sie das auch empfand“, antwortete Gorbatschow, als Sommer zu Beginn nach Raissas Bedeutung fragte. „Jeden Tag denke ich daran, dass sie nicht mehr da ist.“ Dann fügte er hinzu: „Raissa hat die Belastungen und Prüfungen, die uns zuteil wurden, einfach nicht ausgehalten – sie ist daran zerbrochen.“ Gemeint sind die Anfeindungen, denen er sich nach seinem Rücktritt als Präsident gegenübersah, weil viele Menschen in Russland der Meinung waren, er habe zum Zerfall der Sowjetunion beigetragen. In seiner Autobiographie geht der ehemalige Kreml-Chef deshalb der Frage nach, ob er den Tod seiner Frau hätte verhindern können.

Der Schlüssel liegt in Moskau

Die deutsche Wiedervereinigung war das beherrschende Thema in der Peterskirche. „Wir können jetzt sagen: Alles ist gut gelaufen“, erklärte Gorbatschow, „aber vorher haben wir uns Sorgen gemacht, wie man das alles löst. Wir mussten die Sowjetunion verändern und den Bürgern zeigen, was Offenheit („Glasnost“) bedeutet – wie viel mussten wir uns streiten! Alles war in Aufruhr, Veränderungen waren überall im Gange, wie sollte Deutschland da abseits bleiben?“ Natürlich habe Deutschland die deutsche Frage klären wollen, und irgendjemand habe gesagt, der Schlüssel dazu liege in Moskau, erinnerte sich Gorbatschow.

Hans-Dietrich Genscher war deutscher Außenminister, als er Gorbatschow zum ersten Mal traf. In Leipzig erzählte Genscher, dass der französische Staatspräsident François Mitterrand ihm vorher erklärt habe, Gorbatschow sei völlig anders als alle, die er bisher kannte. „Der liest ihnen nicht wie Breschnew alles vor“, habe Mitterand gesagt. Daraufhin habe sich Genscher ganz besonders auf das erste Treffen vorbereitet. „Danach habe ich zu meinem Mitarbeiter gesagt: Wenn der das alles schafft, was er vorhat, verändert er die Welt. Heute kann ich sagen: Er ist ein großer Staatsmann unserer Zeit, und als diesen schätze ich ihn.“

Gorbatschow erwiderte: „Ich halte ihm sehr zugute, dass er mir vertraut und sich für mich stark gemacht hat.“ Als erster westlicher Staatsmann hatte Genscher gesagt, man solle Gorbatschow ernst nehmen. Gorbatschow: „Die ganze Entwicklung war mühevoll, und es war unsere gemeinsame Leistung, was wir geschafft haben.“ Das Publikum antwortete mit Applaus.

„Wer zu spät kommt, den bezahlt das Leben“

Der Friedensnobelpreisträger, der das Ende des Kalten Krieges einleitete, wird immer wieder gerne mit dem Spruch zitiert „Wer zu spät kommt, den bezahlt das Leben“. Moderator Theo Sommer versuchte, in der Peterskirche nun endlich Licht in das Dunkle zu bringen, was mit diesem Zitat denn gemeint sei. Gorbatschow erklärte, er habe bei den Feierlichkeiten zum 40-jährigen Bestehen der DDR mit Erich Honecker über das Programm „Perestroika“ („Umgestaltung“) gesprochen und ihm dazu gesagt, wer hinter den Herausforderungen der Zeit hinterherlaufe, der werde bestraft.

Der Mauerfall aber, sagte Gorbatschow deutlich, sei erst durch das deutsche Volk möglich gewesen, gerade in Leipzig: „Eben hier in dieser Stadt fielen die Worte „Wir sind ein Volk“, und diese Worte wurden überall vernommen.“ 300.000 Soldaten seien zu dem Zeitpunkt auf deutschem Boden gewesen, aber sie hätten ihre Kasernen nicht verlassen – „es fiel kein Schuss“. Erneut lang anhaltender Applaus. Doch Theo Sommer ließ nicht locker und fragte nach, ob es im Kreml nicht doch auch Stimmen gegeben habe, die Panzer rollen zu lassen. Darauf reagierte Gorbatschow aber ganz entspannt: „Es wurde viel diskutiert, aber wenn man jetzt mit einem Spaten Geheimnisse ausgraben will, sollte man mit ihm lieber einen Baum pflanzen. Wir können doch alle stolz darauf sein!“

Dass man sich für den Frieden einsetzen müsse, habe er in der Zeit des Zweiten Weltkriegs sowie in den Jahren danach gelernt. Gorbatschow, dessen Eltern Bauern in einem Kolchos waren, hat fünf Monate unter deutscher Besetzung gelebt. „Um uns herum geschahen schreckliche Sachen: In einem Vorort wurden Zehntausende unserer Bürger in einer Schlucht erschossen, das bekamen wir alles mit.“ Als Gorbatschow zum Jurastudium nach Moskau fuhr, hielt der Zug immer im zerstörten Stalingrad. „Ich bin dort oft für einige Stunden ausgestiegen – es sah verheerend aus, aber aus der kurzen Zeit habe ich gelernt, dass man sich für den Frieden einsetzen muss. Und es ist ja schon wieder im Gange. Wir müssen das Wettrüsten verhindern!“

Forderung nach Abrüstung

Genscher pflichtete ihm bei: „Wir dürfen jetzt nicht stehenbleiben, wir können die Waffen am besten beherrschen, wenn wir sie vernichten!“ Und: „Wann werden die atomaren Vernichtungswaffen abgeschafft? Das ist wichtig zum Überleben der Menschheit.“ Das Gespräch, das ursprünglich der Vorstellung der Gorbatschow-Memoiren dienen sollte, wurde mehr und mehr zu einer offenen Forderung beider Staatsmänner nach Abrüstung. Schon vorher hatte Genscher an die doppelte Nulllösung zwischen den USA und der Sowjetunion erinnert: „Eine ganze Generation von Raketen wurde beseitigt, aber wir sollten nicht über Geschichte reden, sondern die nächste Generation beseitigen.“

Als Theo Sommer schließlich den früheren Präsidenten der Sowjetunion fragte, was er sich derzeit von Deutschland wünsche, antwortete der nur verschmitzt: „Das ist ein Thema für mein nächstes Buch.“ Und brachte damit ein überaus gelungenes Gespräch und einen sehr bewegenden Nachmittag zu einem Abschluss.

Michail Gorbatschow: Alles zu seiner Zeit. Mein Leben, Hoffmann und Campe, Hamburg, 2013, 546 Seiten, gebunden, 24,99 Euro, ISBN 978-3455502763

Die Nöte eines Frauenverstehers

Sie scheint nicht brechen zu wollen, die Welle der Bücher, die von Jugenderfahrungen sprechen, und die den Weg vom Kindsein zum Erwachsenwerden für ein zumeist junges Publikum aufbereiten. Es gibt derer viele, die sich diesem Thema widmen. Umso mehr wundert es, dass Jakob Hein nun auch noch ein Buch beisteuert.

Jakob Hein, ein von mir sehr geschätzter Autor (zuletzt sehr großartig und uneingeschränkt zu empfehlen: „Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht“), wurde 1971 in Leipzig geboren und lebt derzeit in Berlin. So liegt es nahe, dass der Protagonist Sascha sich an seine Jugend in der ehemaligen DDR erinnert. Doch will Hein nicht Gesellschaftskritik üben, Hein erinnert nur. Wie es war, im System des Sozialismus groß zu werden. Wie man der Oma Kaufaufträge für die Besuche im Westen gab und sie am Abend voller Spannung am Bahnhof empfing, nur um festzustellen, dass Oma keine Ahnung von großartiger Westmusik oder Westkleidung hatte. Erinnerungen an Ostdiskos und Punk- und Rockmusik. Ehemalige DDR-Kinder nicken vielleicht beim Lesen dieser und anderer Passagen. Wir, die wir nicht in diesem System groß geworden sind, lesen sie immer noch mit einer gewissen Neugier, jedoch nicht mehr mit dem brennenden Interesse der ersten Begegnungen. Zu viel wurde bereits darüber geschrieben, gelesen, gesagt, verfilmt. Und so ist „Liebe ist ein hormonell bedingter Zustand“ auch nur eines von vielen dieser Erinnerungsbücher, die unsere Generation in der erlebten Vergangenheit schwelgen lassen sollen.

Nun handelt der Roman aber auch von Liebe, die hormonell bedingt ist, so der Titel. Sascha hat glücklicherweise ein Problem, das nicht nur in der DDR und der BRD, sondern weltweit die Jugendlichen beschäftigt: Dauerverliebtheit. Sascha ist immer wieder verliebt. In immer wieder neue, erfolgsversprechende Mädchen. Doch, man ahnt es schon, die Liebe wird nicht erwidert. Im Gegenteil, Sascha wird stets nur der beste Freund. Oder wie Hein schreibt: „Die beste Freundin mit Penis.“ Das ist auf Dauer wenig befriedigend für Sascha. Und der Leser kann es nachempfinden (die Leserin auch?). Er arbeitet sich ab, er tut und macht, und darf sich dann von seiner jeweiligen Angebeteten anhören, mit welchem Typen die in die Kiste gesprungen ist. Der Leser leidet mit, weil es furchtbar ist. Sascha ist ein Frauenversteher. Und er hofft, eines Tages dafür belohnt zu werden. Doch wer belohnt wird, sind die Machos, die Draufgänger, die sich nicht um Gefühle scheren. Und Sascha ist derjenige, der das gebrochene Herz seiner Angebeteten wieder kittet, in der Hoffnung, dass es nun für ihn schlagen möge.

Doch was hatten die Frauen mit mir gemacht? Sie hatten mein Herz genommen und damit Federball gespielt. Sie hatten damit die Unterkanten ihrer Toiletten gereinigt und es dann heruntergespült. Sie hatten sich damit die Zahnzwischenräume von Plaque befreit. Sie hatten darauf herumgetrampelt und es in meinem ständig weit geöffneten Brustkorb links liegen gelassen. Die meisten Frauen hatten mich einfach nur missachtet, vor allem, wenn ich ihnen keinerlei Zeichen meiner Liebe gegeben hatte.

Sascha ist ein tragischer Held. Und die Aneinanderreihung von Misserfolgen wäre wohl zutiefst langweilend, wenn Hein nicht in seiner Sprache jenen Witz hätte, der seine Bücher immer wieder lesenswert macht. Trotzdem ist es nur eines jener vielen Erinnerungsbücher der Jugend – wer solche Bücher liebt, sollte auch dieses lesen.

Ich selbst bin derzeit noch etwas ratlos, ob es eines der Bücher ist, die mein Regal nicht braucht. Es war nicht der Hein-Roman, den ich erwartet hatte, es setzt nicht die Brillanz des Vorgängers fort. Aber er ist nun auch wiederum nicht so schlecht, dass ich ihn hier zerreißen müsste. Aber, lieber Jakob Hein, beim nächsten Mal bitte wieder ein Buch, dass ich loben und preisen kann. Machen Sie es mir doch nicht so schwer!

Jakob Hein: Liebe ist ein hormonell bedingter Zustand, Piper Verlag, 2009, 174 Seiten, Taschenbuch, 14,95 Euro, ISBN 978-3492053594