Emma liebt einen Jüngling von 14 Lenzen

Schnappt sich ein Mann eine wesentlich jüngere Frau, reagiert die Gesellschaft nicht so sehr mit gerümpfter Nase, wie dann, wenn sich eine Frau mit einem Jüngling einlässt. Dabei haben sich schon einige Bücher und Filme diesem Tabuthema gewidmet. Hinzugekommen ist jetzt Simonetta Greggio mit ihrem Roman „Mit nackten Händen“. Mit skandalträchtigem Inhalt.

Emma ist Anfang vierzig, Landtierärztin, ohne Mann und ohne Kinder. Will sie Sex haben, reist sie in fremde Städte, um von niemandem erkannt zu werden. „Dort klapperte ich schummrige Bars ab, trank ein paar Gläser, ließ mich treiben. Den Hunger stillte ich etwas im Lauf einer gestohlenen Nacht mit einem Gelegenheitsliebhaber. Es war ein lachhafter Trost: Wie oft hatte ich die Augen geschlossen und einen bestimmten Namen gerufen, immer denselben.“ Es ist Raphael, ihre große Liebe, den sie nicht vergessen kann. Und dann – steht eines Tages dessen Sohn Gio vor ihrer Tür. Knapp fünfzehn Jahre alt. Er erinnert Emma nicht nur an Raphael, sondern auch an Micol, jene Frau, für die sich Raphael damals entschieden hatte. Und damit gegen Emma. „Im zur Schulter geneigten Gesicht warf sein Nasenrücken – wie sein Vater hat er eine leicht gekrümmte Adlernase – einen reliefartigen Schatten auf die unrasierte Wange, halb Samt, halb Sandpapier. Seine leicht geöffneten Lippen waren die seiner Mutter, voll und geschwungen. (…) Gios Gesichtszüge waren regelmäßiger als die von Raphael, ohne die Asymmetrie, die seinem Vater etwas Faunartiges verlieh. Von Micol hatte er die sehr weiße Haut, auch die Haselnussaugen. Aber diese Anmut, dieses ausgewogene Verhältnis von Kind- und Erwachsensein gehörten ihm allein.“

Emma und Gio kommen sich näher. Viel näher, als Gesellschaft und Moral das einem 14-Jährigen und einer erwachsenen Frau erlauben. Die Umgebung reagiert entsprechend mit Abneigung, denn diese Art der Verbindung bleibt natürlich nicht lange geheim. Es beginnt mit einer Meldung in einer Tageszeitung.

Die Autorin lässt viel Raum für Phantasie. Der Liebesakt zwischen Emma und Gio wird nicht erzählt, er bleibt vage. Hier ist kein reißerisches Buch mit Vulgarität entstanden, sondern ein leise und romantisch herumflechtendes Stück. Nicht umsonst aber ist dieses Buch im Diana-Verlag erschienen. Der ist auf ein dezidiert weibliches Publikum ausgerichtet und kooperiert bei mehreren Publikationen mit dem Frauenmagazin „Brigitte“. Das „Figaro Magazine“ nennt die Sprache des Buches poetisch, doch sie ist wohl eher blumig. Die Charaktere bleiben derweil blass und ohne Tiefe, weil stattdessen mehr die Umgebung und das Wetter beschrieben werden. Das Thema reizt zu einem guten Stück Literatur, entstanden aber ist nur ein Stück Unterhaltung. Das wird sich jedoch in der Zielgruppe des Verlags trotzdem gut verkaufen lassen. Ein Buch für das Regal ist es indes nicht.

Simonetta Greggio: Mit nackten Händen, Diana Verlag, München, 2010, 159 Seiten, gebunden, 14,99 Euro, ISBN 978-3453290990

Schneller Tod

Selten ist die Titelfigur eines Romans so schnell gestorben wie in Paul Murrays Zweitlings-Werk. Bereits auf Seite zwölf lässt der irische Schriftsteller seinen Helden das Zeitliche segnen, die restlichen 768 Seiten beschäftigen sich mit den Hintergründen von Skippys Tod. Der ist übrigens kein Känguru, sondern Schüler an einem altehrwürdigen katholischen Jungeninternat. Richtig heißt er Daniel Juster, wird von seinen Freunden wegen seiner vorstehenden Zähne aber nur „Skippy“ gerufen.

Zunächst aber fällt die außergewöhnliche Gestaltung des Buches auf: In einem bunt bemalten Schuber stecken drei Taschenbücher, die den Roman in die drei Teile „Hopeland“, „Heartland“ und „Ghostland“ unterteilen. Auf einem Lesezeichen werden die wichtigsten Personen kurz beschrieben. Selten, dass sich ein Verlag derartige Mühe gibt, schönen Worten ein so kunstvolles Äußeres zu geben. Und schlägt der Leser die ersten Seiten auf, versinkt er in der Fabulierlust des jungen irischen Autors.

Skippy wohnt mit seinem besten Freund Ruprecht van Doren im Turmzimmer des Seabrook Colleges. Während Skippy sich für das Computerspiel „Hopeland“ begeistert, ist Ruprecht auf der Suche nach außerirdischer Intelligenz und stellt komplexe mathematische Gleichungen auf. Als sich Skippy jedoch in die wunderschöne, Frisbee-spielende Lori Wakeham vom Mädcheninternat gegenüber verliebt, gerät alles aus den Fugen.

Das erste, zarte Gefühl von aufflammender Liebe

Und dann funkt ihm auch noch Carl Cullen, Schulpsychopath und Drogendealer, dazwischen, der auch ein Auge auf Lori geworfen hat und mit allen Mitteln versucht, sie für sich zu gewinnen. Murray erzählt von dicken Freundschaften, dem ersten, zarten Gefühl von aufflammender Liebe, aber auch von der Flucht vor den Erwartungen der Lehrer und Eltern sowie von der Suche nach der eigenen Persönlichkeit.

Auch die Lehrerschaft hat ihr Päckchen zu tragen: Den frustrierten Geschichtslehrer Howard Fallon und den überengagierten Schwimmtrainer Tom Roche verbindet eine alte, tragische Geschichte, als beide selbst noch Schüler des Seabrook Colleges waren. Und so ganz nebenbei soll das altehrwürdige Internat modernisiert und nicht länger vom katholischen Orden geleitet werden.

Bei all dem skurrilen Humor, mit dem hier geschrieben und beschrieben wird, bleibt dem Leser dann und wann das Lachen im Hals stecken, denn auch am Seabrook College geschehen Dinge, über die der Orden lieber den Teppich des Schweigens hüllt.

„Skippy stirbt“ ist ein Buch zum Lachen und Leiden, das man kaum aus der Hand legen mag. Und ist die letzte Seite gelesen, braucht es etwas Zeit, bis man es loslässt. Aber dann möchte man gleich wieder von vorne beginnen.

Paul Murray: Skippy stirbt, Antje Kunstmann Verlag, München, 2010, 780 Seiten, broschiert im Schuber, 26 Euro, ISBN 978-3888977008
Goldmann Verlag, München, 2012, 784 Seiten, Taschenbuch, 12,99 Euro, ISBN 978-3442476954

Hinweis: Diese Rezension ist auch erschienen in der Neuen Westfälischen Zeitung von Samstag/Sonntag, 2./3. April 2011, Nr. 78/13, 201. Jahrgang, hier: Magazin, S. 5

Dieser Unsympath nervt

Vielleicht wollte Frédéric Beigbeder nur in die große Liste der Aphoristiker aufgenommen werden. Vielleicht dachte er, ein Tagebuch-Roman sei der beste Weg dazu. Jeden Tag ein paar sinnreiche Bonmots niederkritzeln, durchzogen von sexuellen Anspielungen und Ausschweifungen, angereichert mit den Namen der angesagten Damen, Herren, Orte und Clubs dieser Welt – das muss doch den anspruchsvollen Leser überzeugen. Entstanden ist das nervigste Buch seit langer Zeit.

Wer die ersten 100 Seiten gelesen hat, kann vom Rest des Buches nicht mehr erwarten als die entsprechenden Synonyme der vorhergegangenen Seiten. Oscar Dufresne heißt der 34-jährige Held des Romans. Wie sein Schöpfer ist er Schriftsteller. „Er ist ein Egoist, dazu faul, zynisch und voller sexueller Obsessionen, kurz: ein Mensch wie du und ich“, ist auf dem Buchrücken zu lesen. Viel schlimmer: Dufresne ist ein Unsympath. Mit wachsendem Missmut liest man die kurzen Einträge, die intellektuell wirken sollen, stattdessen aber in der Masse ermüden und langweilen. Nur hier und da blitzen mal ein paar geistreiche Gedanken auf. Doch würden diese Blitze mehr Aufmerksamkeit erhaschen, wenn sie auf einem Kalenderblatt zum Abreißen geschrieben stünden. So gehen sie in der Masse der Bedeutungslosigkeiten unter. Von der viel gerühmten Genialität des Herrn Beigbeders: keine Spur.

Eine Inhaltsangabe des Buches ist schwierig. Aber mir liegt auch nicht daran, dieses Buch zu empfehlen, denn ich kann nichts Gutes daran finden. Wer seiner Zeit überdrüssig ist, kann sich damit beschäftigen. Wer die Kunst des Querlesens verfeinern will, dem sei dieses Buch angeraten. Allen anderen rate ich, einen großen Bogen um den „Romantischen Egoisten“ zu machen und sich stattdessen den Essais von Michel de Montaigne zu widmen. Oder jedem anderen Buch. Es gibt derlei viele. Auch für Intellektuelle.

Frédéric Beigbeder: Der romantische Egoist, Ullstein Taschenbuch Verlag, Berlin, 2. Auflage 2009, 287 Seiten, Taschenbuch, 8,95 Euro, ISBN 978-3548267104

Der geheimnisvolle Fremde… Mistkerl

Man kann es nicht anders sagen: Das ist ein krasses Buch! Die englische Autorin Deborah Kay Davies macht es dem Leser nicht einfach, die Protagonistin ihres Debütromans ins Herz zu schließen. Im Gegenteil – man ist geneigt, diese Frau zu rütteln und zu schütteln, auf dass sie endlich aufwacht und erkennt, was für einem Mistkerl sie erlegen ist.

Die junge Frau arbeitet beim Sozialamt, ihr Leben ist eines dieser normalen, unaufgeregten Leben. Sie arbeitet, hat Spaß mit ihrer besten Freundin Alison, einen guten Kontakt zu ihren Eltern, aber eben keinen Mann. Bis sie eines Tages zur Sachbearbeiterin eines Ex-Sträflings wird. Blonde Locken, enge Jeans. „Die obersten Knöpfe seines Hemdes standen offen. Sein Hals sah zum Anbeißen aus.“ Als sie Feierabend hat, wartet der Mann vor der Tür auf sie. Er redet nicht viel. Bloß: Hi. Und: Kommst du? Dann nimmt er ihre Hand, zieht sie mit sich.

„Ich ging einfach mit“, schreibt sie. In dem darauffolgenden kurzen Kapitel, das mit dem Titel „Ich passe nicht auf meine Sachen auf“ überschrieben ist, hat sie einen ebenso kurzen Fick mit ihm in der Tiefgarage – die Wörter Beischlaf oder Geschlechtsverkehr oder gar Sex wären hier unangebracht. Danach setzt er sie in ein Taxi und schickt sie heimwärts. Und sie? Betrauert ihre neue Lederjacke, die von der Betonwand der Tiefgarage Risse und Kratzer am Rücken bekommen hat.

Freunde und Familie sind brüskiert, aber Mr. Blond kommt und geht

Sie verfällt dem Mann, der von Alison nur Mr. Blond genannt wird. Sie verfällt ihm derart, dass sie ihren Job verliert, ihre Freunde und Familie brüskiert und sich selbst immer mehr vernachlässigt. Der Typ kommt und geht, wann er will. Er schlägt und vergewaltigt sie, nimmt ihr wochenlang das Auto weg, so dass sie mit dem Taxi zur Arbeit fahren muss. Sie erträgt es mit einer stoischen, ja: naiven Ruhe. Sie redet sich ein, diesen Mann zu lieben.

Spät, sehr spät erst trifft sie die Erkenntnis:

„Was tat ich da? Es konnte doch nicht sein, dass jemand kam und ging, wie es ihm passte. Oder das Leben eines anderen einfach so in Beschlag nahm. Oder jemanden allein auf einer Party zurückließ. Oder in eine Familienbeerdigung reinplatzte. Ich setzt mich aufs Klo und rieb mir die Augen, bis ich nur noch blutrote Punkte sah. Ich dachte an die anderen Dinge, die er mir angetan hatte. Die ich ihn hatte tun lassen. Es waren keine guten Dinge. Er war nicht gut für mich.“

Deborah Kay Davies schreibt all das mit wahrem Geschick. So sehr man diese junge Frau auch verteufelt, so sehr will man dieses Buch lesen, weil es fassungslos macht, aber auch weil es mit fassungslos eindringlicher Sprache beschreibt, wie sich eine solche Abhängigkeit aufbaut und sie den Menschen immer tiefer in den Abgrund reißt. Unbedingt lesen!

Deborah Kay Davies: Bedingungslos, Kein & Aber Verlag, Zürich, 2010, 217 Seiten, gebunden, 18,90 Euro, ISBN 978-3036955872

Die Vorort-Voyeurin

Wer linst nicht gerne bei einem abendlichen Spaziergang in die hell erleuchteten Wohnzimmer anderer Menschen? Yvonne Gärstrand, erfolgreiche Chefin einer Firma für Zeitmanagement und verheiratete Mutter eines fast erwachsenen Sohnes, frönt diesem Laster ganz ausgiebig.

Durch Zufall findet sie einen kleinen idyllischen Vorort. Dort streift sie durch die Gassen und beobachtet die Einwohner in ihrem Alltag. „Sie war mit der Zeit recht gut darin geworden, die Vorort-Variante des „Wer wohnt hier?“ zu spielen. Sie versuchte zu erraten, wer in den Häusern wohnte, und mußte ihr Bild dann eventuell korrigieren, wenn sie die Bewohner sah.“ Doch ein Haus bleibt ihr rätselhaft: Der Orchideenweg 9. Als sie an einer Anschlagtafel einen handgeschriebenen Zettel liest, mit dem für genau dieses Haus eine Haushaltshilfe gesucht wird, wittert sie ihre Chance, ihre Neugier zu befriedigen.

Unter dem Pseudonym Nora Brick tritt sie bei Bernhard Ekberg im Orchideenweg 9 eine Stelle als Putzfrau an. Der Hausherr ist ein seltsamer Kauz: Im Keller stehen fein säuberlich aufgereiht die eingemachten Früchte seiner Frau. Doch von der fehlt jede Spur. „Verreist“ sei sie, sagt Bernhard Ekberg. Doch glauben will Yvonne alias Nora das nicht. Sie ist zu neugierig und dringt weiter in das rätselhafte Mysterium um Bernhard Ekberg ein – und verliebt sich dabei in den Strohwitwer. Doch der ist weit entfernt von den titelgebenden sauberen Verhältnissen. Unter Schichten von Staub und Schmutz verbirgt sich ein dunkles Geheimnis und eine kranke Seele.

Das Buch ist vieles: Krimi, Anleitung zur Gartengestaltung, Einblick in die schwedische Provinz, Psychogramm, Liebesroman. Fast wirkt es, als könne es sich nicht für ein Genre entscheiden. Muss es auch nicht. Lesenswert ist es allemal, aber es genügt, es gelesen zu haben, um es dann weiterzugeben. Dies ist keines der Bücher, die man sich ins Regal stellt, weil sie so begeistert haben, dass man glaubt, man lese sie in einigen Jahren wieder. Kaum zu verstehen ist es, wie sich eine erfolgreiche Frau wie Yvonne Gärstrand in einen Schluffi wie Bernhard Ekberg verlieben kann. Zwar kriselt es in ihrer eigenen Ehe, ihr Mann geht fremd und zeigt kaum noch Interesse an ihr, aber die plötzliche Erkenntnis, dass sie sich in diesen Mann verliebt hat, wirkt nicht überzeugend.

Letztendlich bleibt es ein Buch, das durch seine Sprache und eine feine Spur Ironie begeistern kann. Vor dem Kauf empfehle ich unbedingt, die ersten Seiten anzulesen! Wer davon nicht begeistert ist, sollte zu einem anderen Buch greifen.

Marie Hermanson: Saubere Verhältnisse, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 2007, 243 Seiten, Taschenbuch, 7,90 Euro, ISBN 978-3518459577

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