Elvis lebt

Als großer Elvis-Fan muss man vielleicht dieses Buch lesen. Mit gemischten Gefühlen, ohne große Erwartungen, gibt es doch dermaßen viele Bücher über Elvis Presley und nur wenige qualitativ hochwertige. Mit dem Namen des King of Rock’n’Roll lässt sich eben immer noch Geld machen. Keine gute Ausgangslage für das Buch „That’s all right, Mama“ von Bertina Henrichs.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Eva Jacobi kommt aus Frankreich nach Hause, weil ihre Mutter ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Sie sehen sich noch einmal, als ihre Mutter ihr aufträgt, Wäsche aus der Wohnung zu holen. Als Eva ins Krankenhaus zurückkehrt, ist ihre Mutter tot. Was folgt, ist Trauerarbeit. Als Eva auf dem Küchentisch ein Flugticket ihrer Mutter entdeckt, das sie für zwei Wochen nach Memphis bringen sollte, ist dem Leser die Fortsetzung schnell klar. Natürlich: Eva tritt diese Reise für die Mutter an, die großer Elvis-Fan gewesen ist und wohl noch einmal ihrem Idol nahe sein wollte. Leider versäumt es die Autorin, die Überlegungen zu schildern, weshalb die Tochter nun die Reise übernimmt. Zu schnell ist der Schritt gemacht. Es fehlt Nähe an dieser doch so intimen, persönlichen Stelle der Mutter-Tochter-Beziehung.

Eine weitere Szene im Buch liest man mit Befremden: Eva sitzt in Memphis in einem Linienbus und hört das Telefongespräch eines Sitznachbarn mit, der sich über die mangelnde Erfahrung seiner Frau in der Küche beschwert. Daraus entwickelt sich vor Evas geistigem Auge eine detailreiche Sexszene, die mir völlig unverständlich war. Wohingegen sie eine spätere, persönliche Sexerfahrung mit einer Reisebekanntschaft sehr nüchtern und unerotisch schildert.

Trotz dieser Mängel las sich das Buch sehr angenehm, gerade sprachlich rangiert der Roman auf einem guten Niveau. Und es sind vor allem die skurrilen Personen, die kleinen Geheimnisse und nicht zuletzt natürlich die Omnipräsenz von Elvis Presley, die das Buch lesenswert machen. Ob der Streit zweier Elvis-Imitatoren in einer Schlägerei endet, eine Künstlerin behauptet, sie habe Beweise dafür, dass Elvis noch lebe oder Eva gar selbst bald daran zweifelt, ob Elvis tatsächlich tot ist – die Mutter-Tochter-Beziehung tritt ein wenig zu sehr in den Hintergrund. Aber am Ende schadet es nicht, denn man klappt das Buch zu und fühlt sich gut unterhalten. Jedoch: Der große Wurf ist es nicht.

Bertina Henrichs: That’s all right, Mama, Hoffmann und Campe Verlag, 2009, 221 Seiten, gebunden, 17,95 Euro, ISBN 978-3455401493

Bibliomanen unter sich

Meine vielseitigen GeliebtenWer Bücher nur um des Lesens Willen liest und sie danach gleich wieder weitergibt, bei Ebay versteigert oder zurück in die Stadtbibliothek bringt, dem sei dieses kleine Büchlein nur mit Zögern empfohlen. Wer aber einer Büchergier, die gleichzeitig auch eine Neugier ist, eine Sammelleidenschaft, eine Besitzwut empfindet, dem sei Jacques Bonnets Bekenntnisse ans Herz gelegt, ja, fürwahr, es darf nicht fehlen in der heimischen Sammlung. Denn was Bonnet schreibt, kennt jeder Bibliomane, dessen Regale die Bücher kaum noch fassen können.

Bonnet, französischer Redakteur, Lektor und Herausgeber bei zahlreichen namhaften Verlagen in Frankreich, ist bekennender Bibliomane. Mehrere Zehntausend Bücher nennt er sein Eigen. Mit einem Lächeln registriert der Leser, dass Bonnet vor denselben Schwierigkeiten steht: Wie ordnet man seine Bücher? Alphabetisch? Nach Erdteil oder Land? Nach der Farbe? Wohin mit der Menge an Lesestoff? Bonnet erzählt, wie er sogar Bücherregale ins Badezimmer einbaute mit der Folge, dass das Duschen wegen des schädlichen Wasserdampfes nicht mehr möglich war. Aber auch die richtige Ordnung der Bücher stellt den Sammler vor unlösbare Probleme, denn nur ein Zusammenspiel aus mehreren Ordnungsmethoden kann zu einem einigermaßen befriedigenden Ergebnis führen.

Erfrischend ist, dass sich Bonnet nicht als Lehrmeister aufführt. Er führt mit Witz und Charme durch die Freuden und Qualen eines Bibliomanen, so dass sich der Leser dabei ertappt, oftmals bestätigend zu nicken oder gar Ausrufe des Erstaunens zu tätigen. Bislang dachte man vielleicht, man sei einer von wenigen, die sich Jahre später nicht mehr an den Inhalt eines jeden gelesenen Buches erinnern können, doch Bonnet kann beruhigen:

„Selbst wenn wir ein Buch gelesen haben, und zwar so intensiv, dass es ihm gelungen ist, sich einen besonderen Platz in unserem Geist zu erobern, dann bezieht unsere Erinnerung sich meist mehr auf unsere Empfindungen bei der Lektüre, wohingegen wir uns an den Inhalt nur noch ansatzweise erinnern.“

Schon viele Autoren haben versucht, Bücher über Bücher oder das Lesen zu schreiben – denken wir an Umberto Eco, Pierre Bayard, Alberto Manguel, Hermann Hesse, Anne Fadiman oder Rick Gekoski -, einige davon sicherlich auch mit nachhaltigem Erfolg, doch wird es Jacques Bonnet sein, der sich einen besonderen Platz im Geist des geneigten Lesers erobert. Und, mal ehrlich: Haben wir Bücherfreunde nicht alle, ja, alle schon diese Fragen von Besuchern unserer Bibliotheken gestellt bekommen: „Wie viele Bücher haben Sie denn?“ Oder: „Haben Sie die alle gelesen?“ Bonnet kommentiert das lapidar:

„Uns hingegen verwunderte es, beim Betreten einer fremden Wohnung mit der totalen Abwesenheit von Büchern konfrontiert zu werden oder auf die von Schwindsucht befallene Bibliotheks-Magerausgabe eines angeblichen Bibliophilen zu stoßen. Oder auf perfekt in Reih und Glied stehende Bücher, die vielleicht auch noch hinter Glas standen und so mehr als deutlich erkennen ließen, dass ihre Präsenz nichts weiter war als Staffage.“

Da geht einem Bibliomanen das Herz auf, erkennt er doch den Gleichgesinnten auf der anderen Seite des Buches.

Mit Bedauern ist allerdings zu bemerken, dass der Verlag Droemer aus dem kleinen Büchlein nicht gleich ein Schmuckstück gefertigt hat. Ein Lesebändchen hätte dem Werk gut zu Gesicht gestanden. Auch eine andere Auflage mit einem Ledereinband hätte wohl Abnehmer gefunden. Vielleicht folgt eine solche Edition in einigen Jahrzehnten, wenn dem Werk die Aufmerksamkeit zuteil geworden ist, die ihm gebührt.

Jacques Bonnet: Meine vielseitigen Geliebten, Droemer Verlag, 2009, 155 Seiten, gebunden, 14,95 Euro, ISBN 978-3426275160

Der Charme der Worte

„Bitte glaubt mir: Ich kann wirklich fröhlich sein. Ich kann angenehm sein. Amüsant. Achtsam. Andächtig. Und das sind nur die Eigenschaften mit dem Buchstaben „A“. Nur bitte verlangt nicht von mir, nett zu sein. Nett zu sein ist mir völlig fremd.“

Gleich zu Beginn ist es der Tod, der mit seiner Geschichte in die Phantasie des Lesers platzt. Der Tod hat viele Geschichten zu erzählen, aber es ist nur eine einzige, die ihn nachhaltig beeindruckt hat: die Geschichte der kleinen Liesel Meminger. Das neunjährige Mädchen kommt im Januar 1939 zu Pflegeeltern nach Molching in der Nähe von München. Die Pflegemutter, Rosa Hubermann, ist keine Frau feiner Worte und versteht es, ihre Mitmenschen herumzukommandieren und mit Schimpfworten zu überhäufen, insbesondere ihren Mann, Hans Hubermann, den Liesel schnell ins Herz schließt. Es ist die Zeit des Nationalsozialismus, der nach und nach seine Spuren in der Stadt und ihren Menschen hinterlässt. Auch Liesel wird immer öfter mit dem Thema konfrontiert. Ganz besonders, als ihre Pflegeeltern den Juden Max Vandenburg aufnehmen und ihn im Keller verstecken.

Max wird zu einem Freund, einem Vertrauten. Liesel, die ihr erstes Buch mehr gefunden als gestohlen hat, als es einem Totengräber bei der Beerdigung ihres Bruders aus der Hosentasche rutscht, erlernt mit Hilfe ihres Pflegevaters das Lesen. Sie stiehlt weitere Bücher, und dann ist es mehr und mehr Max, der ihr Worte zeigt und erklärt und die Lust am Lesen fördert. Mit ihrer unbekümmerten Art wickelt Liesel nicht nur Max, ihren Pflegevater und ihren besten Freund Rudi um den Finger, sondern auch die harte Rosa Hubermann kann sich dem Charme des Mädchens nicht erwehren. Und nicht zuletzt der Tod, der sich stets mit einer kunstvollen Arroganz und Eigenwilligkeit immer wieder einmischt und mit seinem Allwissen jongliert, Lösungen im Voraus präsentiert, Teile der Geschichte verrät, nicht zuletzt der Tod verfällt dem kleinen Mädchen, das allen vor Augen führt, was Menschlichkeit in einer Zeit der Unmenschlichkeit ausmacht.

Dem Autoren, Markus Zusak, ist hier ein Buch gelungen, das bald zum Kanon der Bücher gehören wird, die Kinder und Jugendliche zum Thema Nationalsozialismus gelesen haben müssen. Dazu gehören auch: „Der Junge im gestreiften Pyjama“ von John Boyne und „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ von Judith Kerr. Und jedem Erwachsenen sei das Buch wärmstens ans Herz gelegt, weil es eine zauberhafte Wortvielfalt enthält, die ihresgleichen sucht. Ungewöhnliche Metaphern, wie sie nur der Tod finden kann. Es ist ein literarischer Hochgenuss und ein Werk, das den Leser tief beeindruckt zurücklässt.

Markus Zusak: Die Bücherdiebin, Blanvalet Verlag, 2008, 588 Seiten, gebunden, 19,95 Euro, ISBN 978-3570132746