Engel sind nicht die besseren Vampire

Der Erfolg der Twilight-Saga von Stephenie Meyer hat zu einer Flut anderer Vampirbücher geführt. Das war zu erwarten. Auch der Erfolg von „Sakrileg“ und „Illuminati“ von Dan Brown hatte ähnliche Folgen. Solche Genres werden von Autoren und Verlagen nur zu gerne ausgeschöpft, weil sich diese Trends zu Geld machen lassen. Der Vampir aber hat so langsam ausgedient. Es muss etwas neues her. Etwas ähnlich Übersinnliches. Ein neuer Kampf zwischen Gut und Böse. Und natürlich: romantisch muss es sein, für Jung und Alt. Da nehme der geneigte Autor doch einfach ein paar… Engel.

Lauren Kate hat’s gemacht. Die amerikanische Autorin schrieb eines der ersten Engel-Bücher, die nun die Begeisterung für Bella & Edward ablösen sollen. Überhaupt schrieb sie mit „Engelsnacht“ ihr erstes Buch. Das soll ihr nicht zum Vorwurf gemacht werden, viele andere Autoren haben erst nach einigen schlechten Büchern Meisterleistungen abgeliefert. Andere haben aber bereits großartige Erstlingswerke vorgelegt. Lauren Kate gehört nicht dazu. Ihre Geschichte langweilt.

Die Protagonistin heißt Lucinda Price, von allen nur Luce genannt, ist 17 Jahre alt und muss auf ein Internat für kriminelle Jugendliche. Dort sind Handys verboten, jeder Winkel wird von Kameras überwacht und die Mitschüler sind zum großen Teil auch nicht das, was Lucinda von ihrer alten Schule kennt. Der blanke Horror also. Wäre da nicht, ja, wäre da nicht dieser unglaublich attraktive Typ. Daniel Grigori heißt er. Und bei dem Namen muss jedem Leser klar sein, dass das nicht der einfache Durchschnittsamerikaner ist, der hier zur Schule geht. Grigori, das klingt nach mehr. Die Grigori, vielleicht erfährt das der Leser im zweiten Teil des Buches (der bestimmt „Engelsmorgen“ heißen wird), nennen wir die „Wächter“, die gefallenen Engel, die dem Menschen am ähnlichsten sehen. Sie bildeten einst den zehnten Chor, ließen sich dann aber wohl mit Frauen ein, weshalb sie verstoßen wurden. Das alles aber ist dem unwissenden Leser des ersten Bandes noch unbekannt.

Daniel Grigori verhält sich Luce gegenüber distanziert. Da bekommt sie auch schon mal den Mittelfinger gezeigt. Trotzdem wird Luce das Gefühl nicht los, ihm schon mal begegnet zu sein. Und natürlich ist der sagenumwobene Daniel immer dann zur Stelle, wenn Luce von mysteriösen Schatten umtanzt wird und in Gefahr ist. Sie himmelt ihn an, er lässt sie abblitzen, und sie schwärmt wieder von ihm. Leider wird das aller dermaßen langweilig beschrieben, dass keine romantisch angehauchte Stimmung aufkommen mag. Es fehlt der Geschichte an Charakteren, die sich entwickeln. Es fehlt an Ideen, die Spannung aufbauen. Es fehlt an einer schwungvollen Sprache. Dafür bekommt der Leser Klischees en masse präsentiert. Romantische Schwärmereien reihen sich aneinander, wiederholen sich und bleiben blaß und nicht nachvollziehbar. Wie romantisch kann so eine Geschichte doch sein, wenn sie begreifbar erzählt wird?

Und dann ist da noch Cam, der andere süße Typ. Der Widersacher Daniels. Was bei „Twilight“ Jacob war, ist hier Cam. Man sollte meinen, das brächte Brisanz. Ja, am Ende gar Rasanz. Das Buch könnte sogar spannend werden. Ein Pageturner. Nichts dergleichen. Es bleibt zäh und unmotiviert, von einigen Szenen abgesehen. Kollegen erzählte ich, dass es jetzt langsam spannend werde. „Auf welcher Seite bist du?“, fragten sie. Und ich sagte: „280.“ Die Spannung war auch schnell wieder vorbei.

Selbstverständlich gibt es einen großen Kampf zum Schluß, und natürlich bleiben genug Geheimnisse, die der Leser im zweiten Band erfahren könnte, wenn er wollte. Ich nicht.

Jetzt kann man sich fragen: warum hat der das Buch überhaupt gelesen? Ich bin mal wieder auf das Umschlagbild hereingefallen. Ich hatte ja bereits berichtet, dass mir das bei „Ein geschenkter Tag“ widerfahren war. „Engelsnacht“ sah ich in einer italienischen Buchhandlung am Gardasee liegen. Mich faszinierte das Bild, ich notierte Titel und Autorin und kaufte das Buch bei meiner Rückkehr in Deutschland. Mein Lob an die Gestalterin des Umschlags. Mich haben Sie überzeugt, verehrte Hanna Hörl!

Lauren Kate: Engelsnacht, cbt Verlag, 2010, 447 Seiten, gebunden, 17,99 Euro, ISBN 978-3570160633

Mörder, ick hör dir trapsen

Sie nennt sich selbst zynisch „eine lebende Leiche“: Elise Andrioli ist eine glücklich verheiratete Frau, da zerstört ein Bombenattentat in Irland ihr Leben und nimmt das ihres Verlobten. Sie selbst überlebt gelähmt und erblindet. An den Rollstuhl gefesselt und völlig auf die Hilfe ihrer Haushälterin Yvette angewiesen. Die nimmt sie eines Tages mit zum Supermarkt, wo Elise die kleine Virginie kennen lernt. Doch was als launige Unterhaltung mit einem siebenjährigen Mädchen beginnt, entwickelt sich zu einer Schauergeschichte. Denn Virginie erzählt Elise von einer Bestie, die nach und nach Jungen umbringt. Erst am vergangenen Tag habe die Bestie wieder zugeschlagen. Und sie, Virginie, habe den Mörder gesehen. Doch bevor sie mehr erzählen kann, wird sie von ihrer Mutter, die vom Einkaufen zurückkommt, unterbrochen.

Elise tut die Geschichte zunächst als Spinnerei ab, doch noch am selben Tag hört sie, man habe einen kleinen Jungen gefunden – ermordet. Elise, die nach und nach in den Freundeskreis von Virginies Eltern aufgenommen wird, beginnt, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. Dabei rückt sie selbst immer mehr in den Mittelpunkt der Ereignisse. Merkwürdigerweise vertrauen die Menschen in ihrer näheren Umgebung ihr die intimsten Geheimnisse an. Die Spannung nimmt zu, weil die Raunenden, Flüsternden und Gestehenden stets unterbrochen werden, bevor sie die ganze Wahrheit präsentieren können.

Nicht umsonst wurde dieser Krimi der Autorin Brigitte Aubert mit dem französischen Krimipreis ausgezeichnet. Die Idee, eine Frau, die fast all ihrer Sinne beraubt ist, zur Protagonistin eines Krimis zu machen, ist ein dramaturgischer Schachzug. Man zittert und lauscht mit. Rätselt. Ist schockiert. 1997 ist der Krimi erstmalig auf Deutsch erschienen. Bis heute hat er keinen würdigen Nachahmer gefunden in der Krimiliteratur. Eine Seltenheit.

„Im Dunkel der Wälder“ ist der Krimi, der in jeder freien Minute gelesen werden will. Danach kommt er ins Bücherregal, denn er ist eines der Exemplare, die sich in wenigen Jahren wieder lesen lassen.

Brigitte Aubert: Im Dunkel der Wälder, Goldmann Verlag, 1997, 284 Seiten, Taschenbuch, 8,50 Euro, ISBN 978-3442721634

Die Umkehrung des Titels

Es gibt Menschen, die kaufen Bücher auch wegen einer schönen Umschlaggestaltung. Ich selbst neige dazu, macht es das Buch doch zusätzlich erlebbar. Ich kann nicht verhehlen, dass mich der Schutzumschlag von Anna Gavaldas „Ein geschenkter Tag“ begeistert hat. Dieses violette Blütenmeer, vor allem aber der Oldtimer, der auf einer offenbar engen Feldstraße durch die Landschaft fährt, weckt, ach!, so wunderbare Gefühle von Freiheit und einer unbändigen Reiselust. Leichtfertig habe ich zu diesem Buch gegriffen. Habe ich doch auch schon Gavaldas sanft erzählte Romane „Ich habe sie geliebt“ und „Zusammen ist man weniger allein“ mit Freude gelesen. „Ein geschenkter Tag“ erschien mir wie die passende Sommerlektüre, der vergnügliche Lesehappen zwischen anderen Werken. Ich sollte Unrecht haben.

Ich kann nicht sagen, wer oder was die Verleger geritten hat, aber dieses Buch ist schlecht. Im Ganzen wirkt es eher wie die Idee zu einem längeren Roman, aus dem letztendlich nichts geworden ist. Zugegeben, das dünne Büchlein beginnt vergnüglich. Aus der Sicht von Garance erlebt der Leser eine Autofahrt mit ihrer Schwester Lola, ihrem Bruder Simon und dessen Frau Carine. Auf engstem Raum prallen vier Charaktere aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die anstrengende Carine, Apothekerin von Beruf, die aber lieber Frau Doktor genannt werden möchte, wird zum komischen Mittelpunkt des Geschehens. Schon während der Fahrt schweißt die Geschwisterliebe zusammen. Erinnerungen an die Kindheit werden wach. Wer Geschwister hat, empfindet es nach, wer nicht, liest möglicherweise mit Wehmut. Die Vier reisen zu einer Hochzeitsfeier auf dem Land. Doch dort angekommen ereilt die Geschwister die Nachricht, dass ihr anderer Bruder Vincent nicht kommen wird. Kurzerhand entscheiden sie sich, die Hochzeit zu verlassen und zu ihrem Bruder zu fahren. Die Geschwister unter sich.

Fürwahr, es ist eine leichte Sommerlektüre. Doch ist der Titel eher Negation denn Überschrift für das Leseerlebnis. Aus dem geschenkten Tag wird allenfalls ein gestohlener. Die Geschichte fließt dahin, wie der Wein aus einer unbedacht umgeworfenen Flasche Sancerre. Nach der letzten Seite fällt der Blick zur Uhr, und es folgt der Schreck, zwei Stunden für dieses Buch ausgegeben zu haben. Es drängt sich außerdem der ungemütliche Verdacht auf, die Geschichte muss eine bestimmte Länge erreichen, um überhaupt die Chance der Veröffentlichung zu haben. 140 Seiten lang ist dieses Buch in der hier rezensierten Ausgabe des Hanser Verlags. Der geneigte Leser beachte die häufigen Absätze – kaum einer ist länger als wenige Zeilen.

Was bleibt, ist, dass der Hanser Verlag, bei dem dieser Roman erschienen ist, wieder den richtigen Mann an der Hand hatte, um ein Buch zu einem Bestseller werden zu lassen. Peter-Andreas Hassiepen, Grafiker, hat schon mindestens einmal dem Hanser-Verlag einen Bucherfolg beschert, obwohl der Text von den Kritikern zerrissen wurde. Wie der Kulturredakteur Ulrich Greiner in der Zeit-Ausgabe vom 15. Februar 2007 schrieb: „Das Bild, das der Grafiker Peter-Andreas Hassiepen für den Hanser Verlag gefunden hat, erinnert uns (…) daran, dass Bücher nicht nur aus ihrem Text bestehen. Unsere Leseerlebnisse sind oft mit einem ganz bestimmten Umschlagbild verbunden.“ Die Kritiker hatten in jenem Jahr an Peter Høegs „Das stille Mädchen“ kein gutes Haar gelassen. Trotzdem wurde das Buch ein Bestseller. Warum? Greiner: „Sicher ist (…), dass das Umschlagbild des Romans ‚Das stille Mädchen‘ alle Augen auf sich zieht, vielleicht sogar die eigentliche Ursache seines Erfolgs ist.“

Anna Gavalda: Ein geschenkter Tag, Hanser Verlag, 2009, 140 Seiten, gebunden, 12,90 Euro, ISBN 978-3446234895

Die Nöte eines Frauenverstehers

Sie scheint nicht brechen zu wollen, die Welle der Bücher, die von Jugenderfahrungen sprechen, und die den Weg vom Kindsein zum Erwachsenwerden für ein zumeist junges Publikum aufbereiten. Es gibt derer viele, die sich diesem Thema widmen. Umso mehr wundert es, dass Jakob Hein nun auch noch ein Buch beisteuert.

Jakob Hein, ein von mir sehr geschätzter Autor (zuletzt sehr großartig und uneingeschränkt zu empfehlen: „Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht“), wurde 1971 in Leipzig geboren und lebt derzeit in Berlin. So liegt es nahe, dass der Protagonist Sascha sich an seine Jugend in der ehemaligen DDR erinnert. Doch will Hein nicht Gesellschaftskritik üben, Hein erinnert nur. Wie es war, im System des Sozialismus groß zu werden. Wie man der Oma Kaufaufträge für die Besuche im Westen gab und sie am Abend voller Spannung am Bahnhof empfing, nur um festzustellen, dass Oma keine Ahnung von großartiger Westmusik oder Westkleidung hatte. Erinnerungen an Ostdiskos und Punk- und Rockmusik. Ehemalige DDR-Kinder nicken vielleicht beim Lesen dieser und anderer Passagen. Wir, die wir nicht in diesem System groß geworden sind, lesen sie immer noch mit einer gewissen Neugier, jedoch nicht mehr mit dem brennenden Interesse der ersten Begegnungen. Zu viel wurde bereits darüber geschrieben, gelesen, gesagt, verfilmt. Und so ist „Liebe ist ein hormonell bedingter Zustand“ auch nur eines von vielen dieser Erinnerungsbücher, die unsere Generation in der erlebten Vergangenheit schwelgen lassen sollen.

Nun handelt der Roman aber auch von Liebe, die hormonell bedingt ist, so der Titel. Sascha hat glücklicherweise ein Problem, das nicht nur in der DDR und der BRD, sondern weltweit die Jugendlichen beschäftigt: Dauerverliebtheit. Sascha ist immer wieder verliebt. In immer wieder neue, erfolgsversprechende Mädchen. Doch, man ahnt es schon, die Liebe wird nicht erwidert. Im Gegenteil, Sascha wird stets nur der beste Freund. Oder wie Hein schreibt: „Die beste Freundin mit Penis.“ Das ist auf Dauer wenig befriedigend für Sascha. Und der Leser kann es nachempfinden (die Leserin auch?). Er arbeitet sich ab, er tut und macht, und darf sich dann von seiner jeweiligen Angebeteten anhören, mit welchem Typen die in die Kiste gesprungen ist. Der Leser leidet mit, weil es furchtbar ist. Sascha ist ein Frauenversteher. Und er hofft, eines Tages dafür belohnt zu werden. Doch wer belohnt wird, sind die Machos, die Draufgänger, die sich nicht um Gefühle scheren. Und Sascha ist derjenige, der das gebrochene Herz seiner Angebeteten wieder kittet, in der Hoffnung, dass es nun für ihn schlagen möge.

Doch was hatten die Frauen mit mir gemacht? Sie hatten mein Herz genommen und damit Federball gespielt. Sie hatten damit die Unterkanten ihrer Toiletten gereinigt und es dann heruntergespült. Sie hatten sich damit die Zahnzwischenräume von Plaque befreit. Sie hatten darauf herumgetrampelt und es in meinem ständig weit geöffneten Brustkorb links liegen gelassen. Die meisten Frauen hatten mich einfach nur missachtet, vor allem, wenn ich ihnen keinerlei Zeichen meiner Liebe gegeben hatte.

Sascha ist ein tragischer Held. Und die Aneinanderreihung von Misserfolgen wäre wohl zutiefst langweilend, wenn Hein nicht in seiner Sprache jenen Witz hätte, der seine Bücher immer wieder lesenswert macht. Trotzdem ist es nur eines jener vielen Erinnerungsbücher der Jugend – wer solche Bücher liebt, sollte auch dieses lesen.

Ich selbst bin derzeit noch etwas ratlos, ob es eines der Bücher ist, die mein Regal nicht braucht. Es war nicht der Hein-Roman, den ich erwartet hatte, es setzt nicht die Brillanz des Vorgängers fort. Aber er ist nun auch wiederum nicht so schlecht, dass ich ihn hier zerreißen müsste. Aber, lieber Jakob Hein, beim nächsten Mal bitte wieder ein Buch, dass ich loben und preisen kann. Machen Sie es mir doch nicht so schwer!

Jakob Hein: Liebe ist ein hormonell bedingter Zustand, Piper Verlag, 2009, 174 Seiten, Taschenbuch, 14,95 Euro, ISBN 978-3492053594

So bitter und wahr

Friedrich Ani schreibt nicht die Art von Kriminalroman, die jeder mag. Die gelesen werden, nur um Nervenkitzel zu verspüren. Friedrich Ani schreibt Kriminalromane, die vieles sein können, aber nicht bloß das, was lapidar als „Krimi“ bezeichnet wird. Friedrich Anis Kriminalromane halten unserer Gesellschaft in sprachlicher Brillanz den so oft zitierten Spiegel vor. Einen Spiegel, der trotz Staubschicht die Wahrheit abbildet wie kein anderer. Wir haben ihn verstauben lassen, denn warum sollten wir einen Spiegel streifenfrei putzen, der uns nur das Elend zeigt. Ani ist der würdige Nachfolger von Georges Simenon. Wer die Eigenwilligkeit Maigrets unwiderstehlich findet, kann auch die Romane um Polonius Fischer nicht wieder weglegen.

Polonius Fischer ist Ermittler bei der Münchener Mordkommission und ehemaliger Mönch. Das führt zu seltsamen Ritualen, wenn Fischer etwa seinem zwölf Personen starkem Team zum Mittag philosophische Texte vorliest. Im Polizeipräsidium heißt seine Truppe deshalb scherzhaft „Die zwölf Apostel“. In seinem dritten Kriminalroman über Polonius Fischer („Totsein verjährt nicht“) lässt Ani ihn in einem Mordfall ohne Leiche ermitteln. Das alleine ist schon ein spannendes Sujet, wird aber brisanter durch die Anlehnung an einen realen Fall: Am 7. Mai 2001 verschwand das neunjährige Mädchen Peggy aus Lichtenberg. Weder das Mädchen noch ihre Leiche wurden bis jetzt gefunden. Trotzdem ist der geistig behinderte Ulvi K. wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Und das nur, weil der Tatverdächtige ein Geständnis abgelegt hatte, was er allerdings zwei Tage später widerrief.

Ani hat den Fall auf die heutige Zeit übertragen und lässt Polonius Fischer nach der verschwundenen Scarlett suchen, die vor sechs Jahren in München spurlos verschwunden ist. Verurteilt wurde auch bei Ani ein geistig behinderter Mann, Jonathan Krumbholz, der die Tat gestand und das Geständnis wenig später widerrief. Ein junger Mann schreibt Polonius Fischer einen Brief, er habe Scarlett lebend gesehen. Das nimmt Fischer zum Anlass, um zunächst heimlich zu ermitteln. Immer in seinen Gedanken: Seine Lebensgefährtin, eine Taxifahrerin, die brutal überfallen worden ist und nun bewusstlos im Krankenhaus liegt.

Immer neue Hinweise, Fakten, Ungereimtheiten lassen Fischer mehr und mehr daran zweifeln, dass seine Polizeikollegen damals bei der Lösung des Falls alle Möglichkeiten in Betracht gezogen haben. Es verdichtet sich die böse Ahnung, dass schnell ein Tatverdächtiger präsentiert werden musste. Und vielleicht ist Scarlett doch nicht tot, obwohl ihre Mutter auf dem Friedhof bereits ein Grab für sie gekauft hat. Fischer wird zunehmend wütender auf seine Kollegen, je mehr sich ein Knäuel von Fragen auftut. Gleichzeitig schaukelt der Leser zwischen Wut und Fassungslosigkeit. Die Kälte der Mitmenschen, das Elend, die Ratlosigkeit von Eltern und ihre Ungeübtheit, mit Kindern umzugehen. Klarzukommen im Leben. Martin Luther hat geschrieben: „Kinder sind das lieblichste Pfand in der Ehe, sie binden und erhalten das Band der Liebe.“ In dem Roman „Totsein verjährt nicht“ scheint die Lieblichkeit vergessen. Brutal ist diese Welt. Wir leben in ihr und schauen doch am liebsten weg. Den Spiegel lassen wir blind werden. Nur Friedrich Ani kommt dann und wann und zeigt uns die Realität. Die so bitter und so wahr ist.

Es gibt eine Lösung. Friedrich Ani hat sie für den Fall Scarlett. Sie ist ebenso bitter und kaum befriedigend. Noch bitterer aber ist die Lösung, die keine ist. Der Leser klappt das Buch zu. Denkt nach. Sinnt über das Gelesene. Und es folgt die Frage, für die es bis jetzt keine Lösung gibt: Was ist mit Peggy?

Friedrich Ani: Totsein verjährt nicht, Paul Zsolnay Verlag, 2009, 285 Seiten, gebunden, 19,90 Euro, ISBN 978-3552054707