Mörder, ick hör dir trapsen

Sie nennt sich selbst zynisch „eine lebende Leiche“: Elise Andrioli ist eine glücklich verheiratete Frau, da zerstört ein Bombenattentat in Irland ihr Leben und nimmt das ihres Verlobten. Sie selbst überlebt gelähmt und erblindet. An den Rollstuhl gefesselt und völlig auf die Hilfe ihrer Haushälterin Yvette angewiesen. Die nimmt sie eines Tages mit zum Supermarkt, wo Elise die kleine Virginie kennen lernt. Doch was als launige Unterhaltung mit einem siebenjährigen Mädchen beginnt, entwickelt sich zu einer Schauergeschichte. Denn Virginie erzählt Elise von einer Bestie, die nach und nach Jungen umbringt. Erst am vergangenen Tag habe die Bestie wieder zugeschlagen. Und sie, Virginie, habe den Mörder gesehen. Doch bevor sie mehr erzählen kann, wird sie von ihrer Mutter, die vom Einkaufen zurückkommt, unterbrochen.

Elise tut die Geschichte zunächst als Spinnerei ab, doch noch am selben Tag hört sie, man habe einen kleinen Jungen gefunden – ermordet. Elise, die nach und nach in den Freundeskreis von Virginies Eltern aufgenommen wird, beginnt, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. Dabei rückt sie selbst immer mehr in den Mittelpunkt der Ereignisse. Merkwürdigerweise vertrauen die Menschen in ihrer näheren Umgebung ihr die intimsten Geheimnisse an. Die Spannung nimmt zu, weil die Raunenden, Flüsternden und Gestehenden stets unterbrochen werden, bevor sie die ganze Wahrheit präsentieren können.

Nicht umsonst wurde dieser Krimi der Autorin Brigitte Aubert mit dem französischen Krimipreis ausgezeichnet. Die Idee, eine Frau, die fast all ihrer Sinne beraubt ist, zur Protagonistin eines Krimis zu machen, ist ein dramaturgischer Schachzug. Man zittert und lauscht mit. Rätselt. Ist schockiert. 1997 ist der Krimi erstmalig auf Deutsch erschienen. Bis heute hat er keinen würdigen Nachahmer gefunden in der Krimiliteratur. Eine Seltenheit.

„Im Dunkel der Wälder“ ist der Krimi, der in jeder freien Minute gelesen werden will. Danach kommt er ins Bücherregal, denn er ist eines der Exemplare, die sich in wenigen Jahren wieder lesen lassen.

Brigitte Aubert: Im Dunkel der Wälder, Goldmann Verlag, 1997, 284 Seiten, Taschenbuch, 8,50 Euro, ISBN 978-3442721634

So bitter und wahr

Friedrich Ani schreibt nicht die Art von Kriminalroman, die jeder mag. Die gelesen werden, nur um Nervenkitzel zu verspüren. Friedrich Ani schreibt Kriminalromane, die vieles sein können, aber nicht bloß das, was lapidar als „Krimi“ bezeichnet wird. Friedrich Anis Kriminalromane halten unserer Gesellschaft in sprachlicher Brillanz den so oft zitierten Spiegel vor. Einen Spiegel, der trotz Staubschicht die Wahrheit abbildet wie kein anderer. Wir haben ihn verstauben lassen, denn warum sollten wir einen Spiegel streifenfrei putzen, der uns nur das Elend zeigt. Ani ist der würdige Nachfolger von Georges Simenon. Wer die Eigenwilligkeit Maigrets unwiderstehlich findet, kann auch die Romane um Polonius Fischer nicht wieder weglegen.

Polonius Fischer ist Ermittler bei der Münchener Mordkommission und ehemaliger Mönch. Das führt zu seltsamen Ritualen, wenn Fischer etwa seinem zwölf Personen starkem Team zum Mittag philosophische Texte vorliest. Im Polizeipräsidium heißt seine Truppe deshalb scherzhaft „Die zwölf Apostel“. In seinem dritten Kriminalroman über Polonius Fischer („Totsein verjährt nicht“) lässt Ani ihn in einem Mordfall ohne Leiche ermitteln. Das alleine ist schon ein spannendes Sujet, wird aber brisanter durch die Anlehnung an einen realen Fall: Am 7. Mai 2001 verschwand das neunjährige Mädchen Peggy aus Lichtenberg. Weder das Mädchen noch ihre Leiche wurden bis jetzt gefunden. Trotzdem ist der geistig behinderte Ulvi K. wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Und das nur, weil der Tatverdächtige ein Geständnis abgelegt hatte, was er allerdings zwei Tage später widerrief.

Ani hat den Fall auf die heutige Zeit übertragen und lässt Polonius Fischer nach der verschwundenen Scarlett suchen, die vor sechs Jahren in München spurlos verschwunden ist. Verurteilt wurde auch bei Ani ein geistig behinderter Mann, Jonathan Krumbholz, der die Tat gestand und das Geständnis wenig später widerrief. Ein junger Mann schreibt Polonius Fischer einen Brief, er habe Scarlett lebend gesehen. Das nimmt Fischer zum Anlass, um zunächst heimlich zu ermitteln. Immer in seinen Gedanken: Seine Lebensgefährtin, eine Taxifahrerin, die brutal überfallen worden ist und nun bewusstlos im Krankenhaus liegt.

Immer neue Hinweise, Fakten, Ungereimtheiten lassen Fischer mehr und mehr daran zweifeln, dass seine Polizeikollegen damals bei der Lösung des Falls alle Möglichkeiten in Betracht gezogen haben. Es verdichtet sich die böse Ahnung, dass schnell ein Tatverdächtiger präsentiert werden musste. Und vielleicht ist Scarlett doch nicht tot, obwohl ihre Mutter auf dem Friedhof bereits ein Grab für sie gekauft hat. Fischer wird zunehmend wütender auf seine Kollegen, je mehr sich ein Knäuel von Fragen auftut. Gleichzeitig schaukelt der Leser zwischen Wut und Fassungslosigkeit. Die Kälte der Mitmenschen, das Elend, die Ratlosigkeit von Eltern und ihre Ungeübtheit, mit Kindern umzugehen. Klarzukommen im Leben. Martin Luther hat geschrieben: „Kinder sind das lieblichste Pfand in der Ehe, sie binden und erhalten das Band der Liebe.“ In dem Roman „Totsein verjährt nicht“ scheint die Lieblichkeit vergessen. Brutal ist diese Welt. Wir leben in ihr und schauen doch am liebsten weg. Den Spiegel lassen wir blind werden. Nur Friedrich Ani kommt dann und wann und zeigt uns die Realität. Die so bitter und so wahr ist.

Es gibt eine Lösung. Friedrich Ani hat sie für den Fall Scarlett. Sie ist ebenso bitter und kaum befriedigend. Noch bitterer aber ist die Lösung, die keine ist. Der Leser klappt das Buch zu. Denkt nach. Sinnt über das Gelesene. Und es folgt die Frage, für die es bis jetzt keine Lösung gibt: Was ist mit Peggy?

Friedrich Ani: Totsein verjährt nicht, Paul Zsolnay Verlag, 2009, 285 Seiten, gebunden, 19,90 Euro, ISBN 978-3552054707

Bibliomanen unter sich

Meine vielseitigen GeliebtenWer Bücher nur um des Lesens Willen liest und sie danach gleich wieder weitergibt, bei Ebay versteigert oder zurück in die Stadtbibliothek bringt, dem sei dieses kleine Büchlein nur mit Zögern empfohlen. Wer aber einer Büchergier, die gleichzeitig auch eine Neugier ist, eine Sammelleidenschaft, eine Besitzwut empfindet, dem sei Jacques Bonnets Bekenntnisse ans Herz gelegt, ja, fürwahr, es darf nicht fehlen in der heimischen Sammlung. Denn was Bonnet schreibt, kennt jeder Bibliomane, dessen Regale die Bücher kaum noch fassen können.

Bonnet, französischer Redakteur, Lektor und Herausgeber bei zahlreichen namhaften Verlagen in Frankreich, ist bekennender Bibliomane. Mehrere Zehntausend Bücher nennt er sein Eigen. Mit einem Lächeln registriert der Leser, dass Bonnet vor denselben Schwierigkeiten steht: Wie ordnet man seine Bücher? Alphabetisch? Nach Erdteil oder Land? Nach der Farbe? Wohin mit der Menge an Lesestoff? Bonnet erzählt, wie er sogar Bücherregale ins Badezimmer einbaute mit der Folge, dass das Duschen wegen des schädlichen Wasserdampfes nicht mehr möglich war. Aber auch die richtige Ordnung der Bücher stellt den Sammler vor unlösbare Probleme, denn nur ein Zusammenspiel aus mehreren Ordnungsmethoden kann zu einem einigermaßen befriedigenden Ergebnis führen.

Erfrischend ist, dass sich Bonnet nicht als Lehrmeister aufführt. Er führt mit Witz und Charme durch die Freuden und Qualen eines Bibliomanen, so dass sich der Leser dabei ertappt, oftmals bestätigend zu nicken oder gar Ausrufe des Erstaunens zu tätigen. Bislang dachte man vielleicht, man sei einer von wenigen, die sich Jahre später nicht mehr an den Inhalt eines jeden gelesenen Buches erinnern können, doch Bonnet kann beruhigen:

„Selbst wenn wir ein Buch gelesen haben, und zwar so intensiv, dass es ihm gelungen ist, sich einen besonderen Platz in unserem Geist zu erobern, dann bezieht unsere Erinnerung sich meist mehr auf unsere Empfindungen bei der Lektüre, wohingegen wir uns an den Inhalt nur noch ansatzweise erinnern.“

Schon viele Autoren haben versucht, Bücher über Bücher oder das Lesen zu schreiben – denken wir an Umberto Eco, Pierre Bayard, Alberto Manguel, Hermann Hesse, Anne Fadiman oder Rick Gekoski -, einige davon sicherlich auch mit nachhaltigem Erfolg, doch wird es Jacques Bonnet sein, der sich einen besonderen Platz im Geist des geneigten Lesers erobert. Und, mal ehrlich: Haben wir Bücherfreunde nicht alle, ja, alle schon diese Fragen von Besuchern unserer Bibliotheken gestellt bekommen: „Wie viele Bücher haben Sie denn?“ Oder: „Haben Sie die alle gelesen?“ Bonnet kommentiert das lapidar:

„Uns hingegen verwunderte es, beim Betreten einer fremden Wohnung mit der totalen Abwesenheit von Büchern konfrontiert zu werden oder auf die von Schwindsucht befallene Bibliotheks-Magerausgabe eines angeblichen Bibliophilen zu stoßen. Oder auf perfekt in Reih und Glied stehende Bücher, die vielleicht auch noch hinter Glas standen und so mehr als deutlich erkennen ließen, dass ihre Präsenz nichts weiter war als Staffage.“

Da geht einem Bibliomanen das Herz auf, erkennt er doch den Gleichgesinnten auf der anderen Seite des Buches.

Mit Bedauern ist allerdings zu bemerken, dass der Verlag Droemer aus dem kleinen Büchlein nicht gleich ein Schmuckstück gefertigt hat. Ein Lesebändchen hätte dem Werk gut zu Gesicht gestanden. Auch eine andere Auflage mit einem Ledereinband hätte wohl Abnehmer gefunden. Vielleicht folgt eine solche Edition in einigen Jahrzehnten, wenn dem Werk die Aufmerksamkeit zuteil geworden ist, die ihm gebührt.

Jacques Bonnet: Meine vielseitigen Geliebten, Droemer Verlag, 2009, 155 Seiten, gebunden, 14,95 Euro, ISBN 978-3426275160

Der Charme der Worte

„Bitte glaubt mir: Ich kann wirklich fröhlich sein. Ich kann angenehm sein. Amüsant. Achtsam. Andächtig. Und das sind nur die Eigenschaften mit dem Buchstaben „A“. Nur bitte verlangt nicht von mir, nett zu sein. Nett zu sein ist mir völlig fremd.“

Gleich zu Beginn ist es der Tod, der mit seiner Geschichte in die Phantasie des Lesers platzt. Der Tod hat viele Geschichten zu erzählen, aber es ist nur eine einzige, die ihn nachhaltig beeindruckt hat: die Geschichte der kleinen Liesel Meminger. Das neunjährige Mädchen kommt im Januar 1939 zu Pflegeeltern nach Molching in der Nähe von München. Die Pflegemutter, Rosa Hubermann, ist keine Frau feiner Worte und versteht es, ihre Mitmenschen herumzukommandieren und mit Schimpfworten zu überhäufen, insbesondere ihren Mann, Hans Hubermann, den Liesel schnell ins Herz schließt. Es ist die Zeit des Nationalsozialismus, der nach und nach seine Spuren in der Stadt und ihren Menschen hinterlässt. Auch Liesel wird immer öfter mit dem Thema konfrontiert. Ganz besonders, als ihre Pflegeeltern den Juden Max Vandenburg aufnehmen und ihn im Keller verstecken.

Max wird zu einem Freund, einem Vertrauten. Liesel, die ihr erstes Buch mehr gefunden als gestohlen hat, als es einem Totengräber bei der Beerdigung ihres Bruders aus der Hosentasche rutscht, erlernt mit Hilfe ihres Pflegevaters das Lesen. Sie stiehlt weitere Bücher, und dann ist es mehr und mehr Max, der ihr Worte zeigt und erklärt und die Lust am Lesen fördert. Mit ihrer unbekümmerten Art wickelt Liesel nicht nur Max, ihren Pflegevater und ihren besten Freund Rudi um den Finger, sondern auch die harte Rosa Hubermann kann sich dem Charme des Mädchens nicht erwehren. Und nicht zuletzt der Tod, der sich stets mit einer kunstvollen Arroganz und Eigenwilligkeit immer wieder einmischt und mit seinem Allwissen jongliert, Lösungen im Voraus präsentiert, Teile der Geschichte verrät, nicht zuletzt der Tod verfällt dem kleinen Mädchen, das allen vor Augen führt, was Menschlichkeit in einer Zeit der Unmenschlichkeit ausmacht.

Dem Autoren, Markus Zusak, ist hier ein Buch gelungen, das bald zum Kanon der Bücher gehören wird, die Kinder und Jugendliche zum Thema Nationalsozialismus gelesen haben müssen. Dazu gehören auch: „Der Junge im gestreiften Pyjama“ von John Boyne und „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ von Judith Kerr. Und jedem Erwachsenen sei das Buch wärmstens ans Herz gelegt, weil es eine zauberhafte Wortvielfalt enthält, die ihresgleichen sucht. Ungewöhnliche Metaphern, wie sie nur der Tod finden kann. Es ist ein literarischer Hochgenuss und ein Werk, das den Leser tief beeindruckt zurücklässt.

Markus Zusak: Die Bücherdiebin, Blanvalet Verlag, 2008, 588 Seiten, gebunden, 19,95 Euro, ISBN 978-3570132746