Oh, du mein arg romantisch pochendes Herz

Wir schreiben die siebziger Jahre. In einer Moorlandschaft im Süden Englands hat sich eine Künstlerkolonie angesiedelt, deren Bewohner das freie Leben genießen. Auch Cecilia wächst dort auf. Ihre Eltern Dora und Patrick haben ein altes Gehöft gekauft, in den Ställen kommen andere Hippies unter, bezahlt wird mit Naturalien oder handwerklichen Dingen. Das alles geht Cecilia gehörig auf den Keks. Am schlimmsten für sie ist aber die antiautoritäre Erziehung an ihrem Internat, einer Reformschule, wo sie auch das Töpfern und Flechten erlernt. Welch ein Lichtblick, als der ernsthafte Englischlehrer James Dahl an die Schule kommt, und die 15-jährige Cecilia und ihre Freundinnen sich reihenweise in den Mann verlieben.

„Gefährliche Nähe“, das ist Joanna Briscoes aktueller Roman, der in Deutschland jetzt bei Bloomsbury Berlin erschienen ist. Und wie der Vorgänger „Schlaf mit mir“ ist auch dieses Buch sehr emotional, schwülstig und für das romantische Herz geschrieben. Kaum vorstellbar, dass ein Mann an diesem Buch Gefallen finden kann. Jedoch: Freundinnen von tiefromantischen Liebes- und Familiensagas werden wahrscheinlich ihre helle Freude daran haben.

Es kommt, wie es kommen muss: Die belesene Cecilia entbrennt in tiefer Liebe zu ihrem Lehrer, weil er die klassische Bildung verkörpert. Auch er liest Bücher, weiß daraus zu zitieren und ist ansonsten unnahbar ernsthaft. In der Beschreibung erinnert Mr. Dahl an Matthew Macfadyen und seine meisterhafte Darstellung des Mr. Darcy in der Joe-Wright-Verfilmung von „Stolz und Vorurteil“.

Vom zarten Band zur gefährlichen Nähe

Zwischen Cecilia und James Dahl entwickelt sich ein zartes Band, das sich mehr und mehr zur titelgebenden gefährlichen Nähe entwickelt. Die wird zwar von Cecilias Mutter Dora gesehen, aber nicht wirklich erkannt. Dafür ist keine Zeit, denn Dora fühlt sich zum anderen Part der Dahls hingezogen, Elisabeth, James‘ bi-interessierte Ehefrau.

Rund zwanzig Jahre später kehrt Cecilia mit ihrer eigenen Familie in das Haus ihrer Kindheit zurück, um näher bei ihrer krebskranken Mutter zu sein. Die Erinnerungen an die Erlebnisse in ihrer Kindheit prasseln auf sie ein, und schnell wird deutlich: Auch jetzt noch lauert an diesem Ort eine gefährliche Nähe.

Es wird viel gefühlt und geliebt in diesem Roman, dafür fehlt es an derb-deftigen Sexszenen, wie man sie noch in „Schlaf mit mir“ lesen konnte. Wer also zumindest darauf hofft, wird enttäuscht werden. Insgesamt bleibt es ein Liebesroman durch und durch, der sich durch die verbotene Liebe zwischen Lehrer und Schülerin etwas Reiz verspricht, ihn aber nicht halten kann. Wieder mal ein Buch für den Urlaub, sofern man ein arg romantisch pochendes Herz besitzt.

Joanna Briscoe: Gefährliche Nähe, Bloomsbury Verlag, Berlin, 2012, 495 Seiten, gebunden, 22,90 Euro, ISBN 978-3827010490

Hauptsache, du schläfst mit mir

Das Musikprojekt „Sin with Sebastian“ landete in den 90er Jahren mit „Shut up (and sleep with me)“ einen Hit. Joanna Briscoes Roman „Schlaf mit mir“ trägt eine ähnliche Aufforderung im Titel – zum Hit reicht das Buch leider nicht, auch wenn es teilweise erotisch-deftig daherkommt.

Richard und Lelia sind ein glückliches Paar – noch unverheiratet und keine Kinder, beide sind berufstätig. Richard arbeitet als Redakteur in der Feuilleton-Redaktion einer Tageszeitung, Lelia lehrt Französisch und Deutsch an einem College der Universität von London. Auf einer Party bei Freunden lernen sie Sylvie Lavigne kennen. Für Richard ist sie zunächst nur ein „Gespenst“, „irgendein Gesicht in einer Gruppe von zehn Personen“. Lelia erinnert sich an sie als „jemand ziemlich Stilles, aber irgendwie auch Nettes“. Die folgende Geschichte wird dem Leser abwechselnd aus der Sicht von Richard und Lelia erzählt. Worauf das alles hinausläuft, verrät der Klappentext schon – Sylvie macht sich nicht nur an Richard ran, sondern auch an Lelia.

Dann ist Lelia plötzlich schwanger – und Richard einen Moment zu lange schweigsam, als sie ihm die freudige Nachricht überbringt. Richard entfernt sich, ist schockiert angesichts der Milchpumpen, Strampler und Brustwarzenschoner, die Lelia in Erwägung zieht, und wendet sich immer mehr dieser unscheinbaren Französin Sylvie zu. Für den Leser bleibt es aber rätselhaft, was diese blasse Frau mit einem Mal so anziehend macht.

Vom Mauerblümchen zur sexuell anziehenden Gefahr

Es ist eine der großen Schwächen dieses Buches, dass zwar aus beiderlei Sicht die Entfernung und Entfremdung voneinander und die Zuwendung zur Dritten emotional, teilweise stark schwülstig beschrieben wird, die Verwandlung eines Mauerblümchens zur sexuell anziehenden Gefahr aber ungeklärt bleibt. Dass sich hinter der Ménage à trois auch noch ein Psychothriller abspielt, sorgt zwar für einen Spannungsbogen, der aber durch erwartbare Details an Aufgeregtheit verliert.

„Schlaf mit mir“ ist Briscoes dritter Roman. Sie arbeitet in England als freie Journalistin und Autorin und hat 2012 ihr viertes Werk „Gefährliche Nähe“ veröffentlicht. „Schlaf mit mir“ ist kein Leserherzfüller wie „Shut up (and sleep with me)“ ein Tanzflächenfüller war. Der Roman wird kaum einen Mann ansprechen und ist wohl ohnehin eher für das weibliche Publikum geschrieben worden – allzu unverhohlen stellt Briscoe den Fremdgänger und nichtbereiten Vater Richard als emotionale Nullnummer dar und scheint sich der Zustimmung der Leserinnen gewiss.

Der Dame sei zu raten: Die ersten Seiten anlesen, wenn’s gefällt, mit in den Sommerurlaub nehmen und nach dem Lesen im Hotel lassen. „Schlaf mit mir“ ist ein Werk, das das Regal nicht braucht.

Joanna Briscoe: Schlaf mit mir, Bloomsbury Verlag, Berlin, 2005, 373 Seiten, mit Lesebändchen, gebunden, derzeit vergriffen, ISBN 978-3827005915
Joanna Briscoe: Schlaf mit mir, Bloomsbury Taschenbuch-Verlag, 2006, 371 Seiten, broschiert, 10 Euro, ISBN 978-3833303722

Schneller Tod

Selten ist die Titelfigur eines Romans so schnell gestorben wie in Paul Murrays Zweitlings-Werk. Bereits auf Seite zwölf lässt der irische Schriftsteller seinen Helden das Zeitliche segnen, die restlichen 768 Seiten beschäftigen sich mit den Hintergründen von Skippys Tod. Der ist übrigens kein Känguru, sondern Schüler an einem altehrwürdigen katholischen Jungeninternat. Richtig heißt er Daniel Juster, wird von seinen Freunden wegen seiner vorstehenden Zähne aber nur „Skippy“ gerufen.

Zunächst aber fällt die außergewöhnliche Gestaltung des Buches auf: In einem bunt bemalten Schuber stecken drei Taschenbücher, die den Roman in die drei Teile „Hopeland“, „Heartland“ und „Ghostland“ unterteilen. Auf einem Lesezeichen werden die wichtigsten Personen kurz beschrieben. Selten, dass sich ein Verlag derartige Mühe gibt, schönen Worten ein so kunstvolles Äußeres zu geben. Und schlägt der Leser die ersten Seiten auf, versinkt er in der Fabulierlust des jungen irischen Autors.

Skippy wohnt mit seinem besten Freund Ruprecht van Doren im Turmzimmer des Seabrook Colleges. Während Skippy sich für das Computerspiel „Hopeland“ begeistert, ist Ruprecht auf der Suche nach außerirdischer Intelligenz und stellt komplexe mathematische Gleichungen auf. Als sich Skippy jedoch in die wunderschöne, Frisbee-spielende Lori Wakeham vom Mädcheninternat gegenüber verliebt, gerät alles aus den Fugen.

Das erste, zarte Gefühl von aufflammender Liebe

Und dann funkt ihm auch noch Carl Cullen, Schulpsychopath und Drogendealer, dazwischen, der auch ein Auge auf Lori geworfen hat und mit allen Mitteln versucht, sie für sich zu gewinnen. Murray erzählt von dicken Freundschaften, dem ersten, zarten Gefühl von aufflammender Liebe, aber auch von der Flucht vor den Erwartungen der Lehrer und Eltern sowie von der Suche nach der eigenen Persönlichkeit.

Auch die Lehrerschaft hat ihr Päckchen zu tragen: Den frustrierten Geschichtslehrer Howard Fallon und den überengagierten Schwimmtrainer Tom Roche verbindet eine alte, tragische Geschichte, als beide selbst noch Schüler des Seabrook Colleges waren. Und so ganz nebenbei soll das altehrwürdige Internat modernisiert und nicht länger vom katholischen Orden geleitet werden.

Bei all dem skurrilen Humor, mit dem hier geschrieben und beschrieben wird, bleibt dem Leser dann und wann das Lachen im Hals stecken, denn auch am Seabrook College geschehen Dinge, über die der Orden lieber den Teppich des Schweigens hüllt.

„Skippy stirbt“ ist ein Buch zum Lachen und Leiden, das man kaum aus der Hand legen mag. Und ist die letzte Seite gelesen, braucht es etwas Zeit, bis man es loslässt. Aber dann möchte man gleich wieder von vorne beginnen.

Paul Murray: Skippy stirbt, Antje Kunstmann Verlag, München, 2010, 780 Seiten, broschiert im Schuber, 26 Euro, ISBN 978-3888977008
Goldmann Verlag, München, 2012, 784 Seiten, Taschenbuch, 12,99 Euro, ISBN 978-3442476954

Hinweis: Diese Rezension ist auch erschienen in der Neuen Westfälischen Zeitung von Samstag/Sonntag, 2./3. April 2011, Nr. 78/13, 201. Jahrgang, hier: Magazin, S. 5

Der geheimnisvolle Fremde… Mistkerl

Man kann es nicht anders sagen: Das ist ein krasses Buch! Die englische Autorin Deborah Kay Davies macht es dem Leser nicht einfach, die Protagonistin ihres Debütromans ins Herz zu schließen. Im Gegenteil – man ist geneigt, diese Frau zu rütteln und zu schütteln, auf dass sie endlich aufwacht und erkennt, was für einem Mistkerl sie erlegen ist.

Die junge Frau arbeitet beim Sozialamt, ihr Leben ist eines dieser normalen, unaufgeregten Leben. Sie arbeitet, hat Spaß mit ihrer besten Freundin Alison, einen guten Kontakt zu ihren Eltern, aber eben keinen Mann. Bis sie eines Tages zur Sachbearbeiterin eines Ex-Sträflings wird. Blonde Locken, enge Jeans. „Die obersten Knöpfe seines Hemdes standen offen. Sein Hals sah zum Anbeißen aus.“ Als sie Feierabend hat, wartet der Mann vor der Tür auf sie. Er redet nicht viel. Bloß: Hi. Und: Kommst du? Dann nimmt er ihre Hand, zieht sie mit sich.

„Ich ging einfach mit“, schreibt sie. In dem darauffolgenden kurzen Kapitel, das mit dem Titel „Ich passe nicht auf meine Sachen auf“ überschrieben ist, hat sie einen ebenso kurzen Fick mit ihm in der Tiefgarage – die Wörter Beischlaf oder Geschlechtsverkehr oder gar Sex wären hier unangebracht. Danach setzt er sie in ein Taxi und schickt sie heimwärts. Und sie? Betrauert ihre neue Lederjacke, die von der Betonwand der Tiefgarage Risse und Kratzer am Rücken bekommen hat.

Freunde und Familie sind brüskiert, aber Mr. Blond kommt und geht

Sie verfällt dem Mann, der von Alison nur Mr. Blond genannt wird. Sie verfällt ihm derart, dass sie ihren Job verliert, ihre Freunde und Familie brüskiert und sich selbst immer mehr vernachlässigt. Der Typ kommt und geht, wann er will. Er schlägt und vergewaltigt sie, nimmt ihr wochenlang das Auto weg, so dass sie mit dem Taxi zur Arbeit fahren muss. Sie erträgt es mit einer stoischen, ja: naiven Ruhe. Sie redet sich ein, diesen Mann zu lieben.

Spät, sehr spät erst trifft sie die Erkenntnis:

„Was tat ich da? Es konnte doch nicht sein, dass jemand kam und ging, wie es ihm passte. Oder das Leben eines anderen einfach so in Beschlag nahm. Oder jemanden allein auf einer Party zurückließ. Oder in eine Familienbeerdigung reinplatzte. Ich setzt mich aufs Klo und rieb mir die Augen, bis ich nur noch blutrote Punkte sah. Ich dachte an die anderen Dinge, die er mir angetan hatte. Die ich ihn hatte tun lassen. Es waren keine guten Dinge. Er war nicht gut für mich.“

Deborah Kay Davies schreibt all das mit wahrem Geschick. So sehr man diese junge Frau auch verteufelt, so sehr will man dieses Buch lesen, weil es fassungslos macht, aber auch weil es mit fassungslos eindringlicher Sprache beschreibt, wie sich eine solche Abhängigkeit aufbaut und sie den Menschen immer tiefer in den Abgrund reißt. Unbedingt lesen!

Deborah Kay Davies: Bedingungslos, Kein & Aber Verlag, Zürich, 2010, 217 Seiten, gebunden, 18,90 Euro, ISBN 978-3036955872