Ende im Gelände

EndeNeun Menschen treffen sich in der spanischen Wildnis, die meisten davon Freunde, die sich vor 25 Jahren schon einmal an diesem Ort aufgehalten haben. Es ist ein Wiedersehen, ein Wiederbeleben, ein Wiedererinnern. Doch dann fällt der Strom aus und einer nach dem anderen verschwindet spurlos.

David Monteagudos erster Roman „Ende“ hat die spanischen Bestsellerlisten im Sturm erobert. Im Jahr 2012 hat der Rowohlt Verlag das Debüt in Deutschland veröffentlicht. Es ist ein Erstlingswerk, über das sich trefflich streiten lässt. Viele Leser wird es wohl enttäuschen, einige mit einem rätselnden Blick zurücklassen. Dabei ist gerade das Rätsel des titelgebenden Endes die große Raffinesse dieses Buches.

Wenn sich Schulfreunde nach 25 Jahren wiedersehen, ist das ein großes Hallo. Es werden Lebensläufe verglichen, mit Erfolgen geprahlt, Misserfolge verschwiegen. Manche haben es zu Geld gebracht, andere gehen in familiären Strukturen auf. Das ist auch bei „Ende“ nicht anders. Im zarten Alter von 20 Jahren verbrachten die Schulfreunde eine Nacht in der Herberge der Burg Penahonda bei El Tiemplo. Und weil es ein Erlebnis war, kam einer von ihnen auf die Idee, die Sause zu wiederholen: am selben Tag, zur selben Uhrzeit, aber 25 Jahre später.

„Der Prophet“ kommt nicht

Einer fehlt. Die Freunde nennen ihn nur „Der Prophet“, ein Außenseiter. Er kommt nicht zum Treffen, doch ohnehin hat kaum jemand damit gerechnet, denn nach und nach wird dem Leser klar: Die Clique muss dem Propheten einst übel mitgespielt haben. Es bleibt unklar, was genau passiert ist, aber es muss derart demütigend gewesen sein, dass alle sich im Nachhinein schämen und die Sache lieber unerwähnt lassen.

Doch spät am Abend, als Ibánez die Musik an der Stereoanlage lauter drehen will, und die kleine Feier auf einem Höhepunkt angelangt ist, flammt draußen vor der Tür plötzlich ein weißes Licht auf. Mit einem Mal ist alles dunkel, alles still. Ein totaler Stromausfall ist die erste Vermutung. Dann bemerkt Hugo, dass sein Handy nicht mehr funktioniert. Nieves‘ und Rafas auch nicht. Selbst die Autos springen nicht mehr an. Und von der anfänglichen Begeisterung über den wolkenlosen Sternenhimmel bleibt nichts übrig als blankes Entsetzen und hilflose Angst.

Als Rafa am nächsten Morgen fehlt, glauben die Zurückgebliebenen, er sei nur kurz spazieren gegangen, doch er kehrt nicht zurück. Da sind es nur noch acht. Acht Menschen in der spanischen Wildnis. Sie brechen zu einer nahe gelegenen Siedlung auf, doch auch dort ist keine Menschenseele zu finden. Wie ausgestorben.

Mixtur aus Optimismus und Verzweiflung

Die nächste Großstadt gibt Hoffnung. Die Freunde machen sich auf den Weg, an einer Schlucht entlang. Plötzlich fehlt Cova. Verschwunden, spurlos verschwunden wie schon Rafa vor ihr. Da sind es nur noch sieben. Treibt da jemand seinen mörderischen Spaß mit den Freunden? Oder hat das Verschwinden ganz andere Ursachen? Es ist eine Mixtur aus Optimismus und Verzweiflung.

Monteagudo legt geschickte Fährten, lässt den Leser im Ungewissen, und macht Gedankenspiele möglich. Romanfiguren und Leser, die nach Sicherheit streben, nach Antworten auf Fragen, die unlösbar scheinen, beißen sich die Zähne aus. Monteagudos Roman „Ende“ ist ein weiterer gelungener Versuch, Menschen mit der Ungewissheit zu konfrontieren. Trotz einiger Längen, die es zu überstehen gilt, ist „Ende“ ein empfehlenswertes Buch. Und nach dem Lesen gehen die Gedankenspiele erst richtig los.

David Monteagudo: Ende, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2012, 349 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 19,95 Euro, ISBN 978-3498045203

Lesen Sie Gasdanow!

Das Phantom des Alexander WolfEin junger Mann von 16 Jahren erschießt im russischen Bürgerkrieg einen Reiter. Noch Jahre später bedrückt ihn die Erinnerung daran. Doch eines Tages fällt ihm ein Buch in die Hände, in dem genau diese Szene beschrieben steht – aus der Sicht des vermeintlich Getöteten. Hat er überlebt? Der inzwischen erwachsen gewordene Erzähler macht sich auf die Suche nach dem Mann, der offenbar ihr gemeinsames Erlebnis aufgeschrieben hat.

„Das Phantom des Alexander Wolf“ ist eine Entdeckung für deutsche Leser. Der russische Schriftsteller Gaito Gasdanow war Ende der 20er Jahre in Paris einer der hoffnungsvollsten Prosaiker, die die aus Russland emigrierten Literaten zu bieten hatten. Neben Vladimir Nabokov war es der Name Gasdanow, der ähnlich häufig genannt wurde, erst recht nach seinem Debütroman „Abend bei Claire“. Bis heute gilt Gasdanow als einer der wichtigsten Exilautoren des 20. Jahrhunderts.

Allerdings ist er in Deutschland weitestgehend unbekannt geblieben. „Das Phantom des Alexander Wolf“ wurde zum ersten Mal 1947 bis 1948 in der New Yorker Zeitschrift „Nowy Schurnal“ veröffentlicht, ab 1950 erschienen europäische Übersetzungen. Deutschland aber musste bis zum Ende des Jahres 2012 warten, ehe der Hanser Verlag die glänzende Übersetzung von Rosemarie Tietze herausgab. Und zu Recht schreibt Tietze am Ende ihres aufschlussreichen Nachworts: „Höchste Zeit, dass auch für den deutschen Leser das Phantom des Gaito Gasdanow endlich reale Gestalt annimmt.“

„Arbeit von ermüdender Vielfalt“

Der Roman spielt im Paris des Jahres 1936. Der Ich-Erzähler ist russischer Emigrant, der als Journalist sein Geld verdient, obwohl er doch lieber Schriftsteller wäre: „Statt dass ich meine Zeit literarischer Tätigkeit widmete, zu der ich mich hingezogen fühlte, die jedoch gehörigen Zeitaufwand und uneigennützigen Einsatz verlangt hätte, gab ich mich mit Journalismus ab, einer sehr unregelmäßigen Arbeit von ermüdender Vielfalt.“

Seine Suche nach dem Schriftsteller Alexander Wolf gestaltet sich trotz intensiver Recherche schwierig. Erst als er Heiligabend in einem russischen Restaurant einen Mann namens Wladimir Petrowitsch Wosnessenski kennenlernt, kommt er dem Phantom auf die Spur. Denn durch einen wahrhaft erstaunlichen Zufall, den der Leser Gasdanow zu gerne verzeiht, kennt ausgerechnet Wosnessenski den geheimnisvollen Alexander Wolf.

Gasdanows Roman ermöglicht dem Leser eine bemerkenswerte Reise in die Welt des russischen Emigrantenmilieus kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Ganz offensichtlich hat Gasdanow von eigenen Erfahrungen gezehrt. Auch er meldete sich mit fast 16 Jahren freiwillig zum Militär, diente als Soldat auf einem Panzerzug und kam mit 23 Jahren nach Paris, wo er Taxi fuhr und schrieb.

Boxkampf im Halbschwergewicht

Sein Stil im „Phantom des Alexander Wolf“ ist sachlich prägnant, schnörkellos, berichtend, auch in Liebesdingen fast distanziert. Die Beschreibung eines Boxkampfes im Halbschwergewicht zwischen einem Franzosen und einem Amerikaner wird zum hervorragenden Beispiel einer guten Sportberichterstattung.

Gasdanow lässt seinen Erzähler über Leben und Tod, Liebe und Moral diskutieren. Und was ist das für eine herrliche Szene, als der Erzähler von seiner Geliebten aufgefordert wird, Konfekt an Prostituierte zu verteilen! Oft möchte man verzückt mit der Zunge schnalzen, so wunderbar allumfassend ist dieser Roman geraten.

Lesen Sie Gasdanow! Er ist eine Entdeckung, fürwahr.

Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf, Hanser Verlag, München, 2012, 191 Seiten, gebunden, 17,90 Euro, ISBN 978-3446238534

Die Schatzinsel? Pah!

Der Master von BallantraeFamos, ganz und gar famos! Seien Sie dem Mareverlag dankbar, dass er erneut einen literarischen Schatz gehoben hat. Mit der glänzenden und modernen Neuübersetzung von Robert Louis Stevensons „Master von Ballantrae“ ist der alte Klassiker über einen Bruderkampf im Schottland des 18. Jahrhunderts neu zu entdecken. Das sollte man nicht versäumen.

Die Geschichte beginnt im Jahr 1745. In Schottland zieht Bonnie Prince Charlie in den Zweiten Jakobitenaufstand. Unter seiner Fahne reitet auch James Durie, der Master von Ballantrae und einer der Söhne von Lord Durrisdeer, ein Hallodri, Raufbold und Weiberheld, unberechenbar, skrupellos und arrogant. Als der zurückgebliebenen Familie die Kunde vom Tod des Masters zugetragen wird, übernimmt der jüngere und anständige Bruder Henry die Geschäfte und heiratet die Frau, die einst dem Master zugesprochen war. Doch eines Tages kehrt der totgeglaubte James nach Hause zurück.

Das Sujet klingt altbekannt, fast trivial, und doch ist es geradezu meisterlich, was Stevenson daraus geschaffen hat. Gäbe es noch Kaminabende, an denen Freunde beisammen sitzen und sich die tollsten Geschichten erzählen, während Tabak geraucht wird und die Gläser klirren, es wäre diese Geschichte des „Masters von Ballantrae“, die die staunendsten Blicke ernten würde. Das Abenteuer führt durch Schottland, Frankreich, Indien und Amerika. Es gibt Piratengeschichten, Moorwanderungen und Schatzsuchen. Indianer skalpieren das eine oder andere Bleichgesicht, ein Inder versteht mehr Englisch, als er zugibt, und Piraten tun das, was sie eben tun.

Ein Pas de deux par excellence

Die Feindschaft der beiden Brüder findet seinen Höhepunkt in einem nur von Kerzen beleuchteten winterlichen Degen-Duell, das wie ein Tanztheater konzipiert ist. Das Bühnenbild von eindringlicher Qualität, die Requisiten spärlich, aber mit Bedacht gewählt, vollführen die handelnden Personen einen Pas de deux par excellence.

Der Winter spielt eine wichtige Rolle im „Master von Ballantrae“. Stevenson bezeichnete das Buch nicht als Roman, sondern als „Eine Wintergeschichte“ und verweist damit auf die Entstehung des Buches. Ende 1887 hielt sich Stevenson in einem Sanatorium in Saranac auf, um sich dort von einem Tuberkulosespezialisten behandeln zu lassen.

In einem Entwurf für ein Vorwort schreibt Stevenson: „Es war Winter; die Nacht war sehr finster; die Luft war außerordentlich klar und kalt und von köstlicher Waldesfrische. Weit unten hörte man den Fluss mit Eis und Felsbrocken kämpfen; einzelne Lichter waren zu sehen, ungleichmäßig in der Dunkelheit verstreut, doch so weit entfernt, dass sie den Eindruck der Einsamkeit nicht minderten. Das waren gute Voraussetzungen für das Verfassen einer Geschichte.“

„Seine einzige Geschichte in Schwarz und Weiß“

Obgleich der „Master von Ballantrae“ nicht notwendigerweise im Winter gelesen werden muss, sind es doch vor allem die winterlichen Szenen, die besonders wirkungsvoll und eindringlich sind, allen voran die schon erwähnte Duell-Szene. Gilbert Keith Chesterton schreibt in einem Essay aus dem Jahr 1927 über Stevenson: „Stevenson bewies seinen untrüglichen Instinkt, als er [das Buch] „Eine Wintergeschichte“ nannte. Es ist seine einzige Geschichte in Schwarz und Weiß, und ich kann mich keines Worts entsinnen, das ein Farbfleck wäre.“

Auch er lobt die Duell-Szene: „Das Haus Durrisdeer geht nicht unter wie das Haus Usher. Diese mörderische Szene ist durchdrungen von etwas unbenennbar Reinem, Salzigem, Gesundem, und allem zum Trotz ist der weiße Raureif für die Kerzen eine kalte Läuterung wie eine Art Lichtmess.“

Ganz vortrefflich ist sie, diese Ausgabe des Mareverlags. Melanie Walz hat den Text nicht nur brillant übersetzt und dabei alle bisherigen Übersetzungen außer Acht gelassen, sondern ihn auch noch kommentiert sowie ein aufschlussreiches Nachwort und Stevensons Entwürfe für ein Vorwort beigefügt.

Auch äußerlich ist der „Master von Ballantrae“ gelungen: In Leinen gebunden und mit zweifarbiger Prägung auf dem Titel und Rücken, mit einem farbigen Vorsatzpapier und einem Lesebändchen, steckt das Werk in einem von Simone Hoschack und Petra Koßmann gestalteten stabilen Schmuckschuber. Wahrlich eine Pracht. Der geneigte Leser sollte nicht lange zögern.

Robert Louis Stevenson: Der Master von Ballantrae, Mareverlag, Hamburg, 2010, 352 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, im Schmuckschuber, 29,90 Euro, ISBN 978-3866481206

Miteinander reden 4

In diesem SommerJedes Jahr am 14. Juli treffen sich drei befreundete Paare in einem Haus an der Küste der Normandie. Davon könnten viele französische Bücher und vor allem Kino-Filme herrlich tragikomisch erzählen, Véronique Olmis Roman „In diesem Sommer“ aber ist ein bitterer Abgesang auf langjährige Beziehungen, ein mit Schärfe herausgearbeiteter Stoff über die Laster und Lasten von Freunden und Paaren.

Diesmal sind sie zu zehnt. Alex und Jeanne, die beiden Kinder der Gastgeber Delphine und Denis, haben noch je einen Schulfreund mitgebracht – sonst wären sie gar nicht erst mitgekommen. Delphine ist das alles nur recht, denn sie braucht Abstand von ihrem Mann. „Sie brauchte Leute, so viele Leute wie möglich zwischen sich und Denis.“ Und so beginnt schon auf der ersten Seite das ungute Gefühl, dass dieser Kurz-Trip keine herrlich leichte Kost für Fans französischer Filme sein wird.

In kurzen Episoden erzählt Olmi zunächst von der Anreise der drei Paare und stellt sie und ihre Lebenssituation vor. Lola, die ehemalige Kriegsberichterstatterin, die jedes Jahr mit einem neuen Freund an die Küste fährt, hat dieses Jahr den zwölf Jahre jüngeren Samuel an ihrer Seite, den sie mehr als Kind, denn als Partner sieht. Samuel will in diesen Tagen nicht nur die Beziehung mit Lola verstärken, sondern auch bei ihren Freunden einen guten Eindruck hinterlassen und sich in das große Miteinander einbringen. Er ist überschäumend verliebt und hoffnungsfroh.

Als Schauspielerin erniedrigt

Nicolas reist mit Marie an, die gerade 52 Jahre alt geworden ist und sich als Schauspielerin erniedrigt fühlt, weil ihr wiederholt eine Rolle als Großmutter angeboten worden ist. Währenddessen ahnt sie nicht, dass Nicolas an den seelischen Folgen eines tragischen Erlebnisses leidet.

Delphine ist vierzig Jahre alt, eine gutaussehende Frau, von den Männern begehrt, von ihrem Mann Denis verdächtigt, den Avancen des einen oder anderen auch zu erliegen, weil ihre Ehe nur noch die äußere Hülle eines inneren Nichts ist. In manchen Momenten findet Delphine ihren Mann noch immer schön, doch ihr fehlt die Zärtlichkeit, die Zweisamkeit.

Olmis Roman ist gelebte Kommunikationspsychologie. Hier wird zu wenig geredet. Man versteht sich oberflächlich, aber die Gefühle, die Probleme bleiben unerwähnt, unter den Partnern, aber auch unter den Freunden. Es braucht nicht mal kleine spitze Bemerkungen, um ein Gespräch eskalieren zu lassen. Wenn Friedemann Schulz von Thun, bekannt für seine Bücher „Miteinander reden 1-3“, einen Roman geschrieben hätte, es hätte dieser sein können, wenn er die dramaturgische Stärke einer Véronique Olmi besäße.

In Frankreich ist Olmi, als eine der bekanntesten Dramatikerinnen des Landes, für ihre Arbeit bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden. Mit „In diesem Sommer“ legt sie einen an die Seele gehenden Roman vor, der zwar auch von Längen gezeichnet ist, aber letztlich ein gutes, mit sachlicher Verständlichkeit werbendes Lehrstück ist.

Véronique Olmi: In diesem Sommer, Verlag Antje Kunstmann, München, 2012, 271 Seiten, gebunden, 18,95 Euro, ISBN 978-3888977763

Tarnkappe oder Nichttarnkappe?

Wie würden Sie entscheiden, wenn Sie eine Kappe besäßen, die Ihnen Unsichtbarkeit beschert? Wenn Sie ungesehen in fremde Wohnungen schlüpfen oder Banktresore ausräumen könnten? Wenn die Kappe mehr und mehr Ihre Gedanken kontrollieren würde, und Sie sich jedes Mal, wenn Sie die Kappe abnähmen, Haarbüschel ausreißen und höllische Schmerzen verspüren würden? Kappe oder Nichtkappe?

Simon Bloch ist an eine solche Tarnkappe gelangt. Ein verloren geglaubter Freund schlüpft in einem unbeobachteten Moment in Simons Wohnung. Er sei auf der Flucht, Simon müsse für eine Zeit auf seinen Koffer aufpassen. Nur für einen Tag. Doch der Freund kehrt nicht zurück. Stattdessen findet Simon in einem Schrank, für den er auf einen Stuhl steigen muss, um ihn zu erreichen, eine fremde Plastiktüte von Aldi und darin – eine braune Kappe aus Leder. Schmierig, abstoßend, mit einem Geruch nach verbranntem Fleisch.

Erst will er sie nur loswerden, doch seine Hände machen sich selbständig und setzen ihm die Kappe auf den Kopf. „Sie saß perfekt, nein, sie passte sich seiner Kopfform an, schien sich in seine Haare zu wühlen, an seiner Kopfhaut zu nagen, es war, als schmatze die Kappe auf seinem Kopf, als vertilge sie etwas da oben, vielleicht seine Haare, seine Gedanken, einen Teil seines Hirns, irgendwas fraß sich seinen Weg zu ihm hinein, er spürte ein Knistern, etwas, was tief in ihm geschah und zugleich auf der Oberfläche, ganz so, als kehre sich alles in ihm Verborgene nach außen und alles Äußere nach innen.“ Und damit wird Simon Bloch unsichtbar.

Ausbruch aus der Routine des Alltags

Simon Bloch, dieser Mittvierziger, der einst den Traum hatte, Filmkomponist zu werden, und nun in einer Agentur für Beschwerdemanagement Briefe unzufriedener Kunden beantwortet, ist jetzt Besitzer einer Tarnkappe. Er genießt seine neue Freiheit und die mit ihr entstandene Möglichkeite, aus der Routine des Alltags auszubrechen, dem Trott zu entkommen, der ihm Struktur und Halt gegeben hat, seit ihm seine Frau Anna durch einen Schicksalsschlag genommen wurde.

Simon wird Träger der Kappe. Fast hört man ihn wie Gollum flüstern: „Mein Schatz.“ Beherrscht der Träger des Einen Rings den Ring oder der Ring den Träger? Kann der Träger der Tarnkappe noch über sich und die Kappe bestimmen oder dominiert nicht vielmehr die Kappe den Träger? Und wie verändert sich ein Mensch, der mit einem Mal unsichtbar ist? In dem literarischen Motiv der Unsichtbarkeit, vor allem bekannt aus der Mythen- und Sagenwelt wie dem Nibelungenepos, erinnert Markus Orths‘ Roman „Die Tarnkappe“ stark an H. G. Wells‘ „Der Unsichtbare“.

Auch in Orths‘ Roman entwickelt sich die psychologische Frage der Unsichtbarkeit. Simon gerät in einen Strudel, der ihn abhängig macht und in die Isolation reißt, hebt sich gleichzeitig aber auch zu einem Entscheider über Leben und Tod empor. An H. G. Wells reicht Orths‘ „Tarnkappe“ nicht heran, trotzdem darf man den Roman nicht als Abklatsch eines alten Motivs abtun. Tarnkappenbomber haben den phantastisch wirkenden Kindheitstraum längst in die Wirklichkeit geholt, und auch Orths gelingt die Ansiedlung des Themas in der Jetztzeit. Das macht den Roman aus, obwohl mancher Metapherreigen nervt, manche Nebengeschichte zu winzig gerät.

Markus Orths: Die Tarnkappe, Schöffling & Co., Frankfurt am Main, 2011, 223 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 19,95 Euro, ISBN 978-3895614712

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