Die Welt ist eine Google

Silicon JungleWenn der Chefentwickler bei Google einen Roman schreibt, der auch von den Geschäftsgebahren eines fiktiven Suchmaschinenkonzerns handelt, muss man hellhörig werden. Die Enthüllungen von Edward Snowden haben eine Ahnung davon gegeben, wie mit persönlichen Daten umgegangen wird. Seitdem ist Shumeet Balujas Roman „Silicon Jungle“ aktueller denn je. Die Handlung selbst ist lau erzählt, die Sache an sich jedoch geradezu beklemmend.

Der junge Informatiker Stephen Thorpe hat sein erstes Startup-Unternehmen schon vor die Wand gesetzt, da wird er unter Tausenden von Bewerbern für ein Praktikum bei Ubatoo ausgewählt. Ubatoo ist die bekannteste Suchmaschine der Welt. Daneben bietet das Unternehmen viele weitere Produkte an: E-Mail-Adresse, Kalender, Kreditkarte, Mobiltelefon. Server, die auf der ganzen Welt verteilt stehen, speichern die Daten und erzeugen so eine riesige Datenwolke. Und genau auf diese Datenwolke bekommen die Praktikanten nun Zugriff.

„In diesem gewaltigen Archiv waren mehr personenbezogene Informationen gespeichert, als je zuvor in der Geschichte der Menschheit gesammelt worden war. (…) Ubatoo war über alles informiert, über deine Kaufgewohnheiten, deine E-Mails, von denen dein Boss nichts wissen sollte, die Fotos, nach denen du hinter verschlossenen Türen gesucht hattest. Und warum wurden diese Informationen gesammelt? Aus dem einfachen Grund: damit Ubatoo dir optimierte Werbung schicken konnte.“

Terror-Liste der Regierung

Stephen will sich beweisen. Er wird in einem sogenannten Data-Mining-Team untergebracht und erstellt aus den Benutzerdaten Algorithmen, um Produktwünsche voraussagen zu können, bevor der Nutzer selbst davon weiß. Doch eine solche Datenwolke birgt auch die Gefahr, dass sie missbraucht wird. Für den Mitarbeiter einer Bürgerrechtsorganisation, offensichtlich auch Geschäftspartner von Ubatoo, ermittelt Stephen eine Liste von 5.000 Menschen, die angeblich auf eine Terror-Liste der Regierung geraten sind. Fast zu spät merkt Stephen, dass seine Datenliste ganz woanders landet.

Balujas Roman funktioniert weder als Krimi noch als Roman, wie der Suhrkamp Verlag ihn eingestuft hat. Richtig warm wird man mit den Charakteren ohnehin nicht, dafür sind sie zu blass gezeichnet. Es fehlt an Tiefe und nachvollziehbarer Emotionalität.

Wäre es ein Sachbuch, hätte es bei seinem Erscheinen im Jahr 2012 die Verschwörungstheoretiker auf den Plan gerufen. Und wahrscheinlich hätte Shumeet Baluja unter Pseudonym schreiben müssen. So aber eröffnet er sein Buch mit den Worten: „Die Figuren, Unternehmen und Zahlen sind nicht real. Keine Sorge.“

Internetnutzer produzieren immense Datenmengen über sich

Das klingt beschwichtigend angesichts der Tatsache, dass Internetnutzer tagtäglich online unterwegs sind und immense Datenmengen über sich produzieren, die von Unternehmen wie Google und Facebook ausgewertet und wirtschaftlich genutzt werden. Wie groß diese Datenmengen sind, die auch geheimdienstlich gespeichert werden, ist erst bekannt, seitdem Snowden die Weltöffentlichkeit über das Überwachungsprogramm der USA informiert hat.

Balujas „Keine Sorge“-Empfehlung wirkt deshalb nur noch zynisch. Und es bleibt unklar, warum er sich in seinem ersten Roman ausgerechnet dem Thema Datenmissbrauch und Datenschutz widmet. Womöglich nur, weil er sich damit auskennt. Denn auch Google bietet fast allumfassende nützliche Dienste an, sammelt Daten noch und nöcher. Was damit tatsächlich geschieht, ist genauso ungewiss wie bei Ubatoo. Und niemand weiß das besser als Google-Chefentwickler Shumeet Baluja.

Shumeet Baluja: Silicon Jungle, Suhrkamp Verlag, Berlin, 2012, 375 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro, ISBN 978-3518463017

Fallen und Aufrichten. Fallen.

Das Lächeln meiner MutterWer immer dieses Buch zur Hand nimmt, sollte nicht in der schwärzesten Lebensphase stecken, denn schon die ersten Seiten werfen den Leser derart aus der Bahn, dass selbst starke Gemüter den Tränen nahe sein könnten. In ihrem autobiographischen Roman „Das Lächeln meiner Mutter“ sucht Delphine de Vigan nach den Hintergründen für den Freitod ihrer eigenen Mutter. Sie fragt Verwandte, hört alte Tonaufnahmen, findet Fotos und Briefe aus vergangenen Zeiten und zeichnet mehr und mehr ein beeindruckendes Bild einer schwer zu fassenden Frau sowie einer französischen Großfamilie, die mit Schicksalsschlägen zu kämpfen hat, als sei sie von einem Fluch belegt.

Als Lucile Poirier im November 1946 geboren wird, ist sie das dritte Kind der Familie. Weitere sechs Kinder folgen. Es ist die typische Großfamilie, wie wir sie in den leichten französischen Sommerkomödien oft zu sehen bekommen. Mit großen Feiern auf dem Land, wildem Kindergetummel, Gelächter, Weingelagen und Diskussionen bis in die Nacht, alle Generationen an einem großen Tisch vereint.

Lucile wächst in einem Haus in Pierremont auf, einer kleinen Stadt im Département Yonne südöstlich von Paris. Als Kind ist sie ein gefragtes Fotomodell, sie liebt das Fotografiertwerden, genießt aber auch das Kindsein in vollen Zügen. Doch kurz vor ihrem achten Geburtstag muss sie lernen, dass der Tod das Leben mitbestimmt: Im Sommer 1954 stirbt ihr jüngerer Bruder Antonin, nachdem er beim Spielen in einen Brunnenschacht gefallen ist. In der Familienmythologie wird sein Tod zur bezeichnenden Tragödie, mit der das Unglück seinen Anfang nimmt.

Ein Grauen für Eltern und Geschwister

Ihr folgen zwei weitere Todesfälle: Jean-Marc und Milo, Luciles jüngere Brüder, sterben ebenfalls. Jean-Marc wird eines Morgens von seiner Mutter mit einer Plastiktüte über seinem Kopf tot im Bett gefunden – der Auslöser bleibt ein Mysterium, ein Grauen für Eltern und Geschwister.

Milo ist von neun Geschwistern der dritte Bruder, der stirbt. „Ich weiß nicht, ob sich solche Schmerzen addieren oder multiplizieren, aber ich denke, für eine einzige Familie wird das doch recht viel“, schreibt de Vigan. Milo kauft sich eine Pistole und schießt sich in einem Wald eine Kugel in den Kopf. In seinem Taschenkalender findet sich an seinem Todestag der Eintrag: „Bitte verzeiht mir, ich habe nie leben wollen.“

Wie geht ein Geschwisterkind mit diesen die Familie überschattenden Ereignissen um? Wirken sie sich auf das spätere Leben aus? Behutsam versucht die Autorin, sich ihrer Mutter zu nähern, die fast unnahbar war und sich bis zuletzt – oft mit einem Lächeln – entzog. Auch Luciles Geschwister finden keine Antworten: „Sie war ein geheimnisvolles Kind, ein absolutes Geheimnis.“ Später wird klar, dass Lucile an einer bipolaren Störung leidet, die nicht nur Lucile, sondern vor allem ihre beiden Töchter in Gefahr bringt. Sie glaubt, sie könne die Pariser Metro mit ihren Gedanken kontrollieren und stehe in Kontakt mit Claude Monet.

Ein ständiges Fallen und Aufrichten

Sie treibt weiter in ihre eigene Welt. Mehrere Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken folgen. Sie bekommt sich in den Griff, verlebt glückliche Momente mit ihren Enkelkindern und muss den nächsten Schlag einstecken: Bei ihr wird Krebs diagnostiziert. Es ist ein ständiges Fallen und Aufrichten. Fallen und Aufrichten. Am Ende kann die Autorin nur noch resümieren: „Lucile starb, wie sie es sich wünschte: lebendig. Jetzt bin ich in der Lage, ihren Mut zu bewundern.“

Dass die Aufarbeitung einer schwierigen Mutter-Tochter-Beziehung schon oft literarisch umschrieben wurde, ist auch Delphine de Vigan bewusst. Sie nennt das Gelände „vermint“ und das Thema „abgegriffen“. Und dennoch stellt ihr Buch vieles Zuvorgewesenes in den Schatten. De Vigan ringt mit sich, das wird immer wieder deutlich. Sie unterbricht ihr Schreiben, erzählt von den Schwierigkeiten, allen gerecht werden zu wollen, ihre Mutter nicht zu sehr in die Öffentlichkeit zu zerren und den Geschwistern die Ruhe zu erlauben, die sie sich über Jahre hinweg aufgebaut haben.

Es ist ein großes Familienprojekt, sie alle haben ihren Anteil daran, sie alle haben nicht nur lang verschlossene Kisten wieder geöffnet, sondern vor allem Erinnerungen geteilt und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Allein das ist bewundernswert, mutig, selbstlos, und zeugt von einer tiefen Zuneigung zu einer rätselhaften und zugleich faszinierenden Schwester und Mutter. Diese Faszination ergreift den Leser schon früh, denn der Buchumschlag zeigt ein Originalfoto von Lucile, aufgenommen in Pierremont, dem Ort ihrer Kindheit. Und es ist und bleibt faszinierend.

Fragwürdiger deutscher Titel

Lediglich der deutsche Titel des Buches ist fragwürdig. Im Original heißt das Buch „Rien ne s’oppose à la nuit“ („Nichts steht der Nacht entgegen“). Das Zitat entstammt laut Danksagung Alain Bashungs und Jean Fauques Chanson „Osez Josephine“, der die Autorin beim Schreiben begleitet hat. Muss ein deutscher Verlag im Titel gleich auf die Mutter-Tochter-Beziehung aufmerksam machen? Oder kann nicht auch ein feuilletonistischer Titel Erfolg haben?

Dem „Lächeln meiner Mutter“ sind auch in Deutschland viele Leser zu wünschen. In Frankreich wurde es für alle vier bedeutenden Literaturpreise nominiert.

Delphine de Vigan: Das Lächeln meiner Mutter, Droemer Verlag, München, 2013, 384 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 19,99 Euro, ISBN 978-3426199466

Die Kummer-Nummer

Miss Lonelyhearts„Haben Sie Sorgen? Schreiben Sie Miss Lonelyhearts!“ Diesem Angebot der New Yorker „Post-Dispatch“ folgen immer mehr Leserinnen und Leser, und auf dem Schreibtisch der Kummerkastentante stapeln sich die Briefe ratsuchender Menschen. Doch Miss Lonelyhearts ist nicht nur keine Frau, sondern ihre Tipps und Anregungen sind auch noch dreist erlogen. Nathanael West hat daraus einen schwachen Roman gemacht, der erstaunlicherweise von Schriftstellerkollegen und der Presse hoch gelobt wurde.

„Miss Lonelyhearts“ spielt in den Jahren 1930/1931. Viele Zeitungen haben eine regelmäßig erscheinende Ratgeberkolumne, in der mehr oder minder berufene Journalisten die meist banalen Alltagsprobleme der Leserschaft zu lösen vorgeben. Je triefender, trivialer oder anrüchiger die Problematik, desto höher ist die Begeisterung bei der Leserschaft der Boulevardblätter, die sich vornehmlich dieser Kategorie der journalistischen Darstellungsform befleißigen.

Und so hat also auch der „Post-Dispatch“ eine solche Kolumne, doch seine Kummerkastentante zeigt erste Anzeichen der Erschöpfung. Tag für Tag kommen mehr als 30 Briefe, und Miss Lonelyhearts, die ein Mister ist, findet keine Worte mehr, die nach Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft klingen. Miss Lonelyhearts ist am Ende. Der Winter hängt über der Stadt, seine Behausung ist „so voller Schatten wie ein alter Stahlstich“, und selbst der Whisky in seiner Stammkneipe kann ihn nicht erwärmen. „Wenn er nur an Christus glauben könnte, dann wäre Ehebruch eine Sünde, dann wäre alles einfach, und die Briefe wären überaus leicht zu beantworten.“

Dilemma der Moral

Religion spielt eine gewichtige Rolle in diesem Roman, „Christus“ scheint oft die wirkliche und einzige Antwort auf alle brieflichen Fragen – das Christus-Business, wie sein Feuilletonredakteur und Vorgesetzter die Sache nennt. Stattdessen aber lässt Miss Lonelyhearts das Beantworten der Briefe sein, es hat ja doch kein Zweck, und versteift sich in doppeldeutigem Sinne bei Hausbesuchen von hilfesuchenden Damen. Er zerbricht an dem Dilemma der Moral.

Das alles ist schön und gut, aber beileibe keine übertriebenen Lobeshymnen wert. Der US-amerikanische Schriftsteller Samuel Dashiell Hammett („Der dünne Mann“) erklärte nach Angaben des Manesse-Verlags: „‚Miss Lonelyhearts‘ ist aus dem Stoff, aus dem unsere Zeitungen sind – bloß dass West die Wahrheit erzählt.“ Nun, das ist famos. Aber solcherlei Lob lässt sich auf vielerlei Buchrücken drucken, das ist kein Alleinstellungsmerkmal. Ja, West schreibt leichtfüßig, ohne viele Schnörkel und verschachtelte Sätze. Kurz, prägnant, sachlich, fast ein wenig zu sehr distanziert. Das passt zu einem Text, der sich mit dem Zeitungsmilieu beschäftigt. Aber es ist keine Wucht.

Die Geschichte der Kummerkastentante bleibt schwach. Es ist eine zynische Abwärtsspirale, die unweigerlich in die Tragik führt. Am Ende müsste Miss Lonelyhearts wohl einen Brief an sich selbst schreiben, dermaßen trostlos steht es um ihn. Vortrefflich von Dieter E. Zimmer übersetzt – die erste Übersetzung der „Miss Lonelyhearts“ ins Deutsche seit 1961 -, sind es aber vor allem seine Anmerkungen und sein Nachwort, die den Roman schlußendlich erst nachvollziehbar machen.

Nathanael West: Miss Lonelyhearts, Manesse Verlag, Zürich, 2012, 170 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 19,95 Euro, ISBN 978-3717522744

Ende im Gelände

EndeNeun Menschen treffen sich in der spanischen Wildnis, die meisten davon Freunde, die sich vor 25 Jahren schon einmal an diesem Ort aufgehalten haben. Es ist ein Wiedersehen, ein Wiederbeleben, ein Wiedererinnern. Doch dann fällt der Strom aus und einer nach dem anderen verschwindet spurlos.

David Monteagudos erster Roman „Ende“ hat die spanischen Bestsellerlisten im Sturm erobert. Im Jahr 2012 hat der Rowohlt Verlag das Debüt in Deutschland veröffentlicht. Es ist ein Erstlingswerk, über das sich trefflich streiten lässt. Viele Leser wird es wohl enttäuschen, einige mit einem rätselnden Blick zurücklassen. Dabei ist gerade das Rätsel des titelgebenden Endes die große Raffinesse dieses Buches.

Wenn sich Schulfreunde nach 25 Jahren wiedersehen, ist das ein großes Hallo. Es werden Lebensläufe verglichen, mit Erfolgen geprahlt, Misserfolge verschwiegen. Manche haben es zu Geld gebracht, andere gehen in familiären Strukturen auf. Das ist auch bei „Ende“ nicht anders. Im zarten Alter von 20 Jahren verbrachten die Schulfreunde eine Nacht in der Herberge der Burg Penahonda bei El Tiemplo. Und weil es ein Erlebnis war, kam einer von ihnen auf die Idee, die Sause zu wiederholen: am selben Tag, zur selben Uhrzeit, aber 25 Jahre später.

„Der Prophet“ kommt nicht

Einer fehlt. Die Freunde nennen ihn nur „Der Prophet“, ein Außenseiter. Er kommt nicht zum Treffen, doch ohnehin hat kaum jemand damit gerechnet, denn nach und nach wird dem Leser klar: Die Clique muss dem Propheten einst übel mitgespielt haben. Es bleibt unklar, was genau passiert ist, aber es muss derart demütigend gewesen sein, dass alle sich im Nachhinein schämen und die Sache lieber unerwähnt lassen.

Doch spät am Abend, als Ibánez die Musik an der Stereoanlage lauter drehen will, und die kleine Feier auf einem Höhepunkt angelangt ist, flammt draußen vor der Tür plötzlich ein weißes Licht auf. Mit einem Mal ist alles dunkel, alles still. Ein totaler Stromausfall ist die erste Vermutung. Dann bemerkt Hugo, dass sein Handy nicht mehr funktioniert. Nieves‘ und Rafas auch nicht. Selbst die Autos springen nicht mehr an. Und von der anfänglichen Begeisterung über den wolkenlosen Sternenhimmel bleibt nichts übrig als blankes Entsetzen und hilflose Angst.

Als Rafa am nächsten Morgen fehlt, glauben die Zurückgebliebenen, er sei nur kurz spazieren gegangen, doch er kehrt nicht zurück. Da sind es nur noch acht. Acht Menschen in der spanischen Wildnis. Sie brechen zu einer nahe gelegenen Siedlung auf, doch auch dort ist keine Menschenseele zu finden. Wie ausgestorben.

Mixtur aus Optimismus und Verzweiflung

Die nächste Großstadt gibt Hoffnung. Die Freunde machen sich auf den Weg, an einer Schlucht entlang. Plötzlich fehlt Cova. Verschwunden, spurlos verschwunden wie schon Rafa vor ihr. Da sind es nur noch sieben. Treibt da jemand seinen mörderischen Spaß mit den Freunden? Oder hat das Verschwinden ganz andere Ursachen? Es ist eine Mixtur aus Optimismus und Verzweiflung.

Monteagudo legt geschickte Fährten, lässt den Leser im Ungewissen, und macht Gedankenspiele möglich. Romanfiguren und Leser, die nach Sicherheit streben, nach Antworten auf Fragen, die unlösbar scheinen, beißen sich die Zähne aus. Monteagudos Roman „Ende“ ist ein weiterer gelungener Versuch, Menschen mit der Ungewissheit zu konfrontieren. Trotz einiger Längen, die es zu überstehen gilt, ist „Ende“ ein empfehlenswertes Buch. Und nach dem Lesen gehen die Gedankenspiele erst richtig los.

David Monteagudo: Ende, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2012, 349 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 19,95 Euro, ISBN 978-3498045203

Lesen Sie Gasdanow!

Das Phantom des Alexander WolfEin junger Mann von 16 Jahren erschießt im russischen Bürgerkrieg einen Reiter. Noch Jahre später bedrückt ihn die Erinnerung daran. Doch eines Tages fällt ihm ein Buch in die Hände, in dem genau diese Szene beschrieben steht – aus der Sicht des vermeintlich Getöteten. Hat er überlebt? Der inzwischen erwachsen gewordene Erzähler macht sich auf die Suche nach dem Mann, der offenbar ihr gemeinsames Erlebnis aufgeschrieben hat.

„Das Phantom des Alexander Wolf“ ist eine Entdeckung für deutsche Leser. Der russische Schriftsteller Gaito Gasdanow war Ende der 20er Jahre in Paris einer der hoffnungsvollsten Prosaiker, die die aus Russland emigrierten Literaten zu bieten hatten. Neben Vladimir Nabokov war es der Name Gasdanow, der ähnlich häufig genannt wurde, erst recht nach seinem Debütroman „Abend bei Claire“. Bis heute gilt Gasdanow als einer der wichtigsten Exilautoren des 20. Jahrhunderts.

Allerdings ist er in Deutschland weitestgehend unbekannt geblieben. „Das Phantom des Alexander Wolf“ wurde zum ersten Mal 1947 bis 1948 in der New Yorker Zeitschrift „Nowy Schurnal“ veröffentlicht, ab 1950 erschienen europäische Übersetzungen. Deutschland aber musste bis zum Ende des Jahres 2012 warten, ehe der Hanser Verlag die glänzende Übersetzung von Rosemarie Tietze herausgab. Und zu Recht schreibt Tietze am Ende ihres aufschlussreichen Nachworts: „Höchste Zeit, dass auch für den deutschen Leser das Phantom des Gaito Gasdanow endlich reale Gestalt annimmt.“

„Arbeit von ermüdender Vielfalt“

Der Roman spielt im Paris des Jahres 1936. Der Ich-Erzähler ist russischer Emigrant, der als Journalist sein Geld verdient, obwohl er doch lieber Schriftsteller wäre: „Statt dass ich meine Zeit literarischer Tätigkeit widmete, zu der ich mich hingezogen fühlte, die jedoch gehörigen Zeitaufwand und uneigennützigen Einsatz verlangt hätte, gab ich mich mit Journalismus ab, einer sehr unregelmäßigen Arbeit von ermüdender Vielfalt.“

Seine Suche nach dem Schriftsteller Alexander Wolf gestaltet sich trotz intensiver Recherche schwierig. Erst als er Heiligabend in einem russischen Restaurant einen Mann namens Wladimir Petrowitsch Wosnessenski kennenlernt, kommt er dem Phantom auf die Spur. Denn durch einen wahrhaft erstaunlichen Zufall, den der Leser Gasdanow zu gerne verzeiht, kennt ausgerechnet Wosnessenski den geheimnisvollen Alexander Wolf.

Gasdanows Roman ermöglicht dem Leser eine bemerkenswerte Reise in die Welt des russischen Emigrantenmilieus kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Ganz offensichtlich hat Gasdanow von eigenen Erfahrungen gezehrt. Auch er meldete sich mit fast 16 Jahren freiwillig zum Militär, diente als Soldat auf einem Panzerzug und kam mit 23 Jahren nach Paris, wo er Taxi fuhr und schrieb.

Boxkampf im Halbschwergewicht

Sein Stil im „Phantom des Alexander Wolf“ ist sachlich prägnant, schnörkellos, berichtend, auch in Liebesdingen fast distanziert. Die Beschreibung eines Boxkampfes im Halbschwergewicht zwischen einem Franzosen und einem Amerikaner wird zum hervorragenden Beispiel einer guten Sportberichterstattung.

Gasdanow lässt seinen Erzähler über Leben und Tod, Liebe und Moral diskutieren. Und was ist das für eine herrliche Szene, als der Erzähler von seiner Geliebten aufgefordert wird, Konfekt an Prostituierte zu verteilen! Oft möchte man verzückt mit der Zunge schnalzen, so wunderbar allumfassend ist dieser Roman geraten.

Lesen Sie Gasdanow! Er ist eine Entdeckung, fürwahr.

Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf, Hanser Verlag, München, 2012, 191 Seiten, gebunden, 17,90 Euro, ISBN 978-3446238534

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