Gewaltige Fabulierkunst

Mississippi JamWie Phönix aus der Asche steigt seit einiger Zeit der US-Autor James Lee Burke auf dem deutschen Buchmarkt auf und wird hier – endlich! – gefeiert. Nach weniger erfolgreichen Versuchen der Verlage Ullstein und Goldmann in den 90er Jahren, ihn den deutschen Lesern schmackhaft zu machen, gelingt das nun dem Heyne-Verlag, vor allem aber dem Bielefelder Kleinverlag Pendragon. Letzterer hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle 20 Bände der Dave-Robicheaux-Reihe zum Teil erstmals auf Deutsch herauszubringen. Eine wahre Wucht von nervenaufreibendem Hardboiled-Krimi ist der 588-Seiten-Wälzer „Mississippi Jam“.

Das Buch ist unbedingt zu empfehlen – das weiß man besser, bevor man etwas über den Plot erfährt. Es klingt einfach geradezu hanebüchen: 1942 soll vor dem Mississippi-Delta ein U-Boot der Nazis gesunken sein, an Bord ein sagenumwobener Nazi-Schatz. Einige zwielichtige Schatzsucher wollen das Wrack rund 50 Jahre später bergen, und niemand Geringeres als ausgerechnet Dave Robichaeux weiß, wo das Ding liegt. Robicheaux ist Detective und Bootsverleiher mit Anglerladen in New Orleans, hat mittlerweile einiges auf dem Kerbholz, Vietnam-Erfahrungen und Alkohol-Narben, aber immerhin eine tolle Frau, seine dritte.

Ja, er ist ein ziemlich harter Hund, und dennoch erschüttert es ihn, als ihm nicht nur die städtischen Gangster auf den Pelz rücken, sondern auch noch der skrupellose Neo-Nazi Will Buchalter deutlich macht, dass auch er ein intensives Interesse an dem U-Boot hat. Man könnte jetzt sagen: komm, das ist eine schöne Südstaaten-Posse. Aber „Mississippi Jam“ geht empfindlich darüber hinaus. Denn was der Nazi-Psychopath da so abliefert, gehört zu den krassesten gewaltlosen Wunden, die man so schlagen kann. Und damit nicht genug. James Lee Burke ist ein famoser Fabulierer! Wie er die rivalisierenden Milieus der Stadt zeichnet und den florierenden Drogenhandel, den Rassismus und Judenhass, und wie liebevoll und gleichzeitig erbarmungslos er Menschen beschreibt, das ist literarisch auf hohem Niveau. Sie werden außerdem selten so intensive und mitreißende Schilderungen der Louisiana-Landschaft und ihrer Wetterumschwünge gelesen haben wie in „Mississippi Jam“.

Schneise der Verwüstung im Garten Eden

Und dann sind manche Passagen auch perfekte Vorlagen für das eigene Kopfkino. Allein die Szene, wie Robicheauxs bester Freund Clete Purcel ins Führerhaus einer Planierraupe steigt und damit eine Schneise der Verwüstung durch den Garten Eden und die Villa eines Mafiosos zieht, ist wahrlich eine Pracht und muss eigentlich auch auf die große Leinwand. Burke kommentiert lapidar: „Die Römer in Karthago konnten ihre Sache kaum besser und gründlicher gemacht haben.“ Viele andere Szenen könnten auch einer Tarantino-Idee entstammen, das heißt, man muss als Leser schon gewalttätige und blutige Auseinandersetzungen in Krimis mögen, um das Buch nicht zur Seite zu legen.

Burke hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er Robicheaux nach seinem Vorbild geschaffen hat. Wie sein Krimi-Held hat auch der 79-jährige Burke eine Alkoholvergangenheit und wie sein Alter Ego wohnt er in der Stadt New Iberia nordwestlich von New Orleans. Sein Held ist nur nicht so mit renommierten Preisen überhäuft, darunter als einer von wenigen Autoren gleich zwei Mal mit dem Edgar-Allan-Poe-Award und mit dem Hammett Prize.

Seit 1987 hat Burke insgesamt 20 Bände für die Robicheaux-Reihe geschrieben. Der Bielefelder Pendragon-Verlag hat indes angekündigt, sie in den nächsten Jahren nach und nach auf Deutsch zu veröffentlichen, allerdings nicht chronologisch. „Mississippi Jam“, im amerikanischen Original 1994 als „Dixie City Jam“ veröffentlicht, ist der siebte Band. Zuvor ist mit „Sturm über New Orleans“ („The Tin Roof Blowdown“, 2007) schon Band 16 erschienen. Ganz neu hat Pendragon im Juli Band 1 („Neonregen“) der Reihe in einer überarbeiteten Übersetzung herausgegeben. Die unsortierte Veröffentlichung ist im Übrigen nicht hinderlich für den Lesegenuss, denn Robicheauxs persönliche Historie wird in jedem Roman ausreichend erklärt.

Dem Verlag aus Bielefeld ist jetzt Durchhaltevermögen zu wünschen, auf dass irgendwann tatsächlich alle 20 Bände über den hartgesottenen Sheriff auf Deutsch und in ansprechender Übersetzung vorliegen. Das wäre eine Pracht für alle Hardboiled-Fans, und für die Burke-Fans ohnehin. Dieser Mann ist einfach ein Könner seines Genres, und es wird Zeit, dass die deutschen Leser das endlich erkennen. Vielleicht braucht es einfach einen neuen alten Kult-Krimihelden. Voilà, dürfen wir vorstellen? Dave Robicheaux.

James Lee Burke: Mississippi Jam, Pendragon Verlag, Bielefeld, 2016, 588 Seiten, broschiert, 17,99 Euro, ISBN 978-3865325273, Leseprobe

Diese Rezension ist in gekürzter Fassung auch im Wochenendmagazin der Neuen Westfälischen (Samstag/Sonntag, 3./4. September 2016) erschienen.

Mit Champagner stürzt man besser ab

Die Kunst Champagner zu trinken„I think, we’ll have champagne with the bird“, sagt Miss Sophie bei „Dinner for one“, und Champagner ist nur eines von vielen Getränken an diesem denkwürdigen Abend. Dass Champagnertrinken nicht nur die feinperlige Lust der Schönen und Reichen ist, sondern vielmehr eine Kunst und ein Wagnis, das lehrt uns die französische Autorin Amélie Nothomb literarisch und erbarmungslos mit ihrem neuen Roman „Die Kunst, Champagner zu trinken“.

Nothomb ist bekannt dafür, dass ihre Romane oft autobiographisch geprägt sind. In ihrem aktuellen Buch macht sie daraus noch weniger einen Hehl als sonst, denn die Protagonistin heißt schlichtweg Amélie und ist erfolgreiche Schriftstellerin in Paris. Man darf es als Können respektive als Kunst bezeichnen, wenn einer Schriftstellerin es so famos gelingt, dem Leser das Gefühl zu geben, er folge tatsächlich der Autorin und als befände er sich höchstpersönlich in einer Folge der Arte-Serie „Durch die Nacht mit…“.

Bei einer Lesung lernt Amélie die 22-jährige Pétronille kennen, eine Frau, die aussieht wie ein fünfzehnjähriger Junge. Beide eint nicht nur das Interesse für Literatur, sondern vor allem das Faible für Champagner. Schon bei ihrer nächsten Begegnung schlürfen sie einen Brut von Roederer, während um sie herum Kaffee getrunken wird. Nothomb bemerkt dazu: „Frankreich ist jenes Zauberreich, wo Ihnen in der gewöhnlichsten Kneipe jederzeit ein ideal temperierter großer Champagner serviert werden kann.“

Die Liebe zum Champagner ist eine unbedingte

Amélie ist angetan von Pétronille, nicht zuletzt, weil sie weder snobistisch ihren Champagner trinkt, noch die unpassend vom Garçon dazu gereichten Erdnüsse isst. Pétronille genießt nur. Die Liebe zum Champagner ist eine unbedingte. Für sie braucht es Mitstreiter, Mitgenießer, Hedonisten, mit denen der Rausch Seite an Seite zelebriert werden kann. Hat Amélie in Pétronille die trink- und genusslustige wie -süchtige Begleiterin gefunden? Und hat Pétronille dagegen mit Amélie die Mentorin entdeckt, die ihr, der baldigen Literatur-Debütantin, auf die Sprünge hilft? Aus dem Für und Wider dieser Konstellation hätte sich etwas mehr Reiz entwickeln können.

Dennoch ist „Die Kunst, Champagner zu trinken“ schon deshalb ein wahnsinnig faszinierendes Buch, weil Nothomb einfach ein Händchen hat für befremdliche Situationen. Ganz und gar wunderbar gelingt ihr etwa die Beschreibung einer Begegnung mit Vivienne Westwood, der Erfinderin der Punk-Mode, die sie bei einem Interview-Termin völlig lässig links liegen lässt und dann sogar noch mit ihrem Hund Gassi gehen schickt. Das ist von wahrlich feinem Witz! Von dezent beobachteter Dekadenz dagegen zeugt eine Szene auf der Skipiste, die Amélie und Pétronille mit einer Champagnerflasche in der Hand statt mit Skistöcken hinunterrasen. Was kostet die Welt? Und ist sie nicht vergänglich wie das Perlen einer geöffneten Champagnerflasche? Wer wird uns denn einen kleinen Rausch verwehren?

Dass jeder alkoholische Zaubergarten aber auch eine Klippe hat, über die sich trefflich stürzen und fallen lässt, das verschweigt Nothomb nicht. Und plötzlich schmeckt alles wie eine Flasche, die viel zu lange geöffnet in der Sonne gestanden hat. Aber auch dieser letzte Schluck, die Neige, gehört dazu, zum Roman, zum Leben, und zum Gelage, das das Leben jedem von uns bietet.

Einen Toast auf den Champagner

„Die Kunst, Champagner zu trinken“ ist ein feines, kleines Büchlein, das niemand unbedacht an vermeintliche Champagnertrinker verschenken sollte. Vielmehr gilt es, den Leser unter den Bonvivants und Hedonisten zu suchen, der den feinen Stoff des Schaumweins zu goutieren versteht. Und ist man selbst ein solcher, dann sei schnell eine Flasche Schampus mit dem Degen geköpft und die Lektüre zu einem vergnüglichen Genuss herbeigereicht. Einen Toast auf den Champagner: Lass uns stets Freunde bleiben, oder zumindest bis zur Neige dieser Flasche! Santé, was für ein Kleinod von Champagner-Roman!

Amélie Nothomb: Die Kunst, Champagner zu trinken, Diogenes Verlag, Zürich, 2016, 144 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3257069617, Leseprobe

Zwischen Astra und Auftragskillern

Blaue NachtTreffen sich ein österreichischer Auftragskiller, ein albanischer Drogenboss und eine Hamburger Staatsanwältin… So könnte ein schlechter Witz beginnen. Simone Buchholz‘ „Blaue Nacht“ ist weder Witz noch schlecht. Ihr neuster Wurf ist schlichtweg einer der besten Krimis dieses Frühjahrs. Völlig zu Recht hat er es im Mai auf der Bestenliste der Wochenzeitung „Die Zeit“ von Null auf Platz eins geschafft.

Die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley hat es nun wirklich nicht leicht. Zum einen ist sie als Halbamerikanerin mit dem furchtbaren Vornamen geschlagen, der immer noch partout falsch verstanden wird. Zum anderen aber ist sie mittlerweile zur Opferschutzbeauftragten degradiert worden, nachdem sie einen Vorgesetzten der Korruption überführt und einem Gangster die Familienplanung unmöglich gemacht hat. Cojones hat der jedenfalls allerhöchstens noch im übertragenen Sinne.

Ihr neuster Fall ist von drei üblen Jungs regelrecht fertig gemacht worden. Kaum ein Knochen ist nicht gebrochen, den rechten Zeigefinger hat er, schnipp-schnapp, gleich ganz verloren. Der Mann ohne Namen liegt im Krankenhaus, und ausgerechnet Riley soll nun rausfinden, wer das ist, und wer den Mann so zugerichtet hat. Der aber schweigt beharrlich und lässt sich nur durch die beherzte Astra-Zufuhr erweichen, überhaupt mal mit ein paar Infos rüberzuwachsen. Dadurch kommen Riley und ihre Kollegen einem Ganoven auf die Schliche, der seit Jahren unbehelligt sein Unwesen in der Hamburger Unterwelt treibt, weil er in den Mächtigen der Stadt ebensolche Schutzpatrone hat.

Starke Sprache

Was diesen Roman vor allem so stark macht, ist die Sprache. Was ist das nur für eine Autorin, die so kiezig, so lakonisch, so raubeinig schreibt, dann aber wieder so melancholische Bilder findet? Wer schöne Wörter und Ausdrücke sammelt, kann in „Blaue Nacht“ ein wahres Sammelsurium entdecken. „Der Mond hängt vor meinem Fenster, er ist drauf und dran, sich zu halbieren, und der Hafenstaub hat auch noch einen seiner speziellen Filter draufgepackt. Er sieht aus wie eine große, gelbe Kartoffel.“ Aus Fenstern „kullert gelbes Licht“, in Wohnungen hausen Menschen mit Namen „wie schlechtes Wetter: Niesgrau und Tuschrack“ und „im Hintergrund biegen sich ein paar unerhört magere Birken im Wind nach rechts. Industriegebietsbaumbestand.“

Und der Hamburger Lokalkolorit kommt selbstverständlich auch nicht zu kurz. Allenortens wird Astra gereicht, die Reeperbahn, St. Pauli, die Hafenfähren, die Elbphilharmonie finden ihren Weg in die Geschichte. Und wie schon in Heinz Strunks „Der goldene Handschuh“ ist auch bei Simone Buchholz eine Kiezkneipe einer der wesentlichen Schauplätze ihres Romans. Da wird nach allen Regeln der Kunst gesoffen, und auch Riley langt kräftig zu. Die „Blaue Nacht“ gibt es übrigens wirklich, eine Fußballkneipe, in einer Parallelstraße zur Reeperbahn. Und wie bei Buchholz dudelt auch hier regelmäßig die Jukebox.

Gefühlt ist Riley wirklich mehr in der Kneipe als mit dem Fall beschäftigt, und manchmal möchte man sie am Kragen aus der Kneipentür schleifen und sagen: Mädchen, nun mach doch mal, die Spannung lässt nach. Und schon hat er dich selbst gepackt, der Roman, denn du bist drin im Plot, du willst, dass Riley den Kopf von der Theke nimmt und die Ermittlungen vorantreibt. Etwas Besseres kann einem Roman und seinem Leser doch gar nicht passieren als die unmittelbare Nähe zur Protagonistin! Denn schon wenig später möchte man sich auch allzu gern auf einen leeren Hocker an der Theke schwingen und zwei weitere Astra bestellen, eins davon für Riley.

Crystal Meth und der neue Wahnsinn namens „Krok“

Das Subthema, die Modedroge Crystal Meth und der neue Wahnsinn namens Krokodil („Krok“), kommen dafür leider etwas zu kurz. Die Darstellung von Drogenabhängigen hätte im Vergleich zur übrigen Gewaltdarstellung etwas drastischer sein können. So wirkt Rileys Reaktion, als sie zum ersten Mal Krok-Abhängige sieht, etwas dürftig, blass, verhalten, wohl auch ungewöhnlich naiv für eine Staatsanwältin ihres Schlags: „Ich kann mich nicht bewegen und ich kann nichts sagen. Ich möchte: schreien. Weinen. So was darf es einfach nicht geben.“ Das ist eine Kleinmädchenrechnung. Und was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.

„Blaue Nacht“ ist der sechste Teil der Reihe um die Staatsanwältin Chastity Riley, und man kann mit Fug und Recht behaupten, es ist auch der beste Teil bisher. Gelesen haben muss man die vorherigen Romane zum Verständnis nicht. Aber es schadet natürlich auch nicht. Möglicherweise war es für Buchholz ein geschickter Schachzug, für den neuen Band vom Verlag Droemer Knaur zu Suhrkamp zu wechseln. Die Aufmerksamkeit derzeit ist riesig. Möge sie noch lange anhalten und uns weitere so hervorragende Riley-Krimis besorgen. Noch ein Astra für uns zwei, Chastity?

Simone Buchholz: Blaue Nacht, Suhrkamp Verlag, Berlin, 2016, 238 Seiten, broschiert, 14,99 Euro, ISBN 978-3518466629, Leseprobe, Lesung bei zehnseiten.de, Simone Buchholz im Gespräch mit Ralf Grauel

Master James und die Dame von Welt

Eine Dame von WeltDer US-amerikanische Schriftsteller Henry James wäre wohl in Deutschland langsam in Vergessenheit geraten, wenn es sich nicht ein paar wenige Verlage in den vergangenen Jahren zur Aufgabe gemacht hätten, ihn immer wieder zu verlegen. Zuletzt hat der Aufbau-Verlag die Salonerzählung „Eine Dame von Welt“ von ihm veröffentlicht, ein kleines Büchlein, geeignet für die ersten zarten Bande, die ein Leserherz zu diesem Autor knüpfen kann. Die Gelegenheit, ihn (wieder) zu entdecken, bietet auch der Kalender: Heute vor 100 Jahren ist James gestorben.

James war und ist dafür bekannt, dass er in seinen Werken mit Vorliebe die Gegensätze zwischen der „Alten Welt“ Europa und der „Neuen Welt“ Amerika und die unterschiedlichen Verhaltensweisen thematisierte. Als „Eine Dame von Welt“ entstand, galt er bereits als führender Schriftsteller seiner Generation und hatte den Ruf eines zukünftigen Erfolgsautors. Zwei Jahre zuvor waren „Washington Square“ und „Bildnis einer Dame“ (beide 1881) erschienen. Die britische Schriftstellerin Rebecca West, die eine Studie über James verfasst hat, bezeichnete „Washington Square“ als Übergangsroman in James‘ Werdegang. Und die Biographin Hazel Hutchison schreibt in ihrem 2015 veröffentlichten Buch über James: „Nach ‚Washington Square‘ war James gerüstet, ein Meisterwerk zu schaffen.“

Hutchison meint damit nicht „Eine Dame von Welt“, und auch James selbst, der seine Texte sehr kritisch beurteilte, hielt es eher für eine „arme kleine Geschichte“, wie in dem aufschlussreichen Nachwort des Übersetzers Alexander Pechmann zu lesen ist. Dabei ist „Eine Dame von Welt“ eine raffinierte, ausgefeilte und durchdachte Geschichte über Moralvorstellungen sowie die Erwartungen von Männern und Frauen an die Rolle der Frau in der Gesellschaft.

Kein Kind von Traurigkeit

Durch Zufall trifft der wohlhabende Amerikaner Littlemore im Pariser Theater der Comédie-Française auf eine alte Bekannte aus San Diego, Mrs. Headway, der er selbst auch einst zugetan war. Mrs. Headway ist bisher kein Kind von Traurigkeit gewesen, mehrfach verheiratet und skandalumwittert kommt sie nun nach Paris, um einen Weg in die feine Gesellschaft zu finden. Ein junger Mann namens Arthur Demesne macht ihr bereits den Hof, zweifelt aber noch an ihrer Ehrbarkeit. Mrs. Headway hofft, dass Littlemore ihr als Gewährsmann zur Seite steht. Nur mit einem ernst zu nehmenden Fürsprecher, glaubt sie, werde die europäische Aristokratie sie anerkennen.

Der Übersetzer Alexander Pechmann sieht in der „Dame von Welt“ ein satirisches Spiegelstück zu James‘ „Daisy Miller“, jenes Werk, das ihn so schlagartig bekannt gemacht hat. Darin reist ein junges, naives Mädchen aus Amerika nach Europa und entdeckt die „Alte Welt“ staunend, etwas planlos, aber mit schonungsloser Ehrlichkeit. Die „Dame von Welt“ dagegen ist für Pechmann das offensichtlich gegensätzliche Modell: eine mehrfach geschiedene Frau, die schon einige Skandale hinter sich hat, und nun nach Europa kommt, mit dem Plan, in der Gesellschaft anerkannt zu werden. „Daisy Miller“ ende als Tragödie, „Eine Dame von Welt“ dagegen sei eher eine Komödie. Dabei verhehlt Pechmann nicht, dass überhaupt nicht bekannt ist, ob James die „Dame von Welt“ wirklich als Gegenentwurf zu „Daisy Miller“ entworfen hat.

Tatsächlich aber muss man dem Übersetzer zumindest insofern beipflichten, als dass ohne „Daisy Miller“ die „Dame von Welt“ wohl nicht entstanden wäre. Denn mit Daisy hat er zunächst einen völlig neuen Typus von Romanheldin geschaffen: Waren seine Helden zuvor von moralischer Gewissenhaftigkeit geprägt, setzte sich „Daisy Miller“ erfrischend darüber hinweg, indem sie gesellschaftliche Konventionen naiv missachtete, es ihr aber trotzdem nicht an Moral mangelte. Aufgrund ihrer Jugendlichkeit durfte sie naiv ihre Erfahrungen sammeln.

Stellung der Frau in der Gesellschaft

Mrs. Headway dagegen hat in „Die Dame von Welt“ bereits umfangreiche Erfahrungen gemacht und sich bislang ebenfalls nicht um Konventionen geschert. Nun aber steht auch bei ihr die Ehrbarkeit in Frage, eine Eigenschaft, die heute seltsam anmutet, aber damals eine ungeheure Bedeutung hatte. Eine Frau war (auch für britische und amerikanische Autoren) damals nur dann ehrbar, wenn sie in der Lage war, die idealisierte Rolle der Frau und Mutter zu erfüllen. James sah das inzwischen anders. Seine Biographin Hazel Hutchison schreibt: James‘ „Freundschaften mit unkonventionellen Frauen wie Alice Mason und Fanny Kemble, lehrten ihn, dass etwas falsch war an der gegenwärtigen Stellung der Frau in der Gesellschaft – und dies war ein ergiebiges Thema für seine Literatur“.

„Eine Dame von Welt“ ist deshalb nicht nur als mögliches Spiegelbild zu „Daisy Miller“ zu lesen, sondern auch als beachtenswerte Novelle eines Feministen. Zudem ist es ein interessantes Zeugnis von James‘ eigenen Erfahrungen mit der englischen Gesellschaft und dem Kreis der amerikanischen Exilanten in London und Paris.

Sprachlich hat Pechmann das ganz vortrefflich übersetzt – von einer Schrecklichkeit abgesehen. Gleich zu Beginn heißt es im Original: „‚So do you – or very charming – it’s the same thing,‘ Littlemore answered, laughing, and evidently wishing to be easy.“ Pechmann übersetzt das erschreckenderweise so: „‚Sie ebenfalls – oder sehr bezaubernd, was dasselbe ist‘, lachte Littlemore und wünschte sich offenkundig, wirklich entspannt zu sein.“ Es wird wohl schwierig sein, einen Satz zu lachen. Wenn der Übersetzer dessen dennoch mächtig sein sollte, darf er das dem Rezensenten gerne einmal vortragen!

Sollte man nun „Eine Dame von Welt“ lesen? Unbedingt! Und damit nicht genug, dieses Jahr sollten Sie nutzen, um das Werk von Henry James für sich zu entdecken. „Eine Dame von Welt“ ist ein angenehmer Beginn – von dort lässt es sich wunderbar im Werk vor und zurück reisen. Die Ausgabe des Aufbau-Verlags kommt in einem gelben, flexiblen Leineneinband daher, umschlossen mit einer Banderole, dazu ein farblich passendes, gelbes Lesebändchen. Allenfalls ein stabiler Leineneinband hätte den optischen und vor allen haptischen Eindruck noch verbessert.

Henry James: Eine Dame von Welt – Eine Salonerzählung, Aufbau Verlag, Berlin, 2016, 176 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen und Banderole, 16,95 Euro, ISBN 978-3351036348, Leseprobe

Seitengang dankt dem Aufbau-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Gone Girl zum Zweiten

Girl on the TrainWie konnte „Girl on the Train“ nur ein Bestseller werden? Es erinnert an allen Ecken und Kanten an Gillian Flynns Bestseller „Gone Girl“, kann aber mit dem Vorbild an Raffinesse und Spannung überhaupt nicht mithalten. Hintergründig betrachtet, ist „Girl on the Train“ das Produkt einer perfekten Werbemaschinerie. Immerhin aber gelingt der Autorin Paula Hawkins bei der Protagonistin des Romans die vortreffliche Darstellung einer alkoholkranken Frau.

Jeden Morgen fährt Rachel mit dem Zug nach London, und jeden Morgen hält der Zug an derselben Stelle auf freier Fläche an. Dann geht ihr Blick zum Fenster hinaus und hinüber zur Wohnsiedlung, die direkt an die Bahngleise grenzt. Früher hat sie dort auch gewohnt, mit ihrem Mann, glücklich, in der kleinen Vorstadtidylle. Jetzt wohnt eine neue Frau bei ihrem Ex-Mann, sie haben ein kleines Kind zusammen, und Rachel kommt und kommt nicht los von ihrem Tom, der nicht mehr ihrer ist. Und weil sie das Leben derzeit so deprimiert, sehnt sie sich nach Liebe, Zuneigung, Geborgenheit und projiziert all diese Wünsche auf ein junges Paar, das sie nicht kennt. Sie nennt sie Jess und Jason.

Beide wohnen ebenfalls in der kleinen Wohnsiedlung an den Bahngleisen. Und jedes Mal, wenn Rachels Zug dort halten muss, beobachtet sie das Leben der beiden. Vieles malt sie sich aus, einiges aber kann sie auch aus dem Fenster sehen. Eines Tages bricht das Bild einer perfekten Liebe entzwei, denn Rachel beobachtet eine Szene, die sie in Mark und Bein erschüttert. Wenig später liest sie in der Zeitung von einem Vermisstenfall – daneben ein Foto von ihrer Jess. Für Rachel steht außer Frage, dass sie ihre Beobachtungen nicht für sich behalten sollte und begibt sich nicht nur dadurch in Gefahr.

Nach 32 Seiten drängt sich der Vergleich auf

Das klingt zunächst einmal nach einem soliden Thrillerplot. Nach 32 Seiten aber drängt sich zunehmend der Vergleich mit „Gone Girl“ auf, denn der Roman wird nicht nur aus Rachels Sicht erzählt, sondern auch aus der von Megan, die man bis dahin nur unter dem Namen „Jess“ kennt. Megans Erzählung aber beginnt ein Jahr zuvor und bewegt sich auf das Jetzt zu, während Rachels Erzählstrang linear in der Gegenwart verläuft. Das kennen Leser bereits von „Gone Girl“: Dort ist es der Ehemann, der die Gegenwart erzählt, und aus dem Tagebuch der verschwundenen Ehefrau erfahren die Leser, was zuvor passiert ist. Beide Erzählstränge wechseln sich auch bei „Gone Girl“ immer wieder ab. Doch die Konstruktion des Romans ist nicht die einzige Parallele. Die englischen Romantitel sind in beiden Fällen auch in der deutschen Übersetzung beibehalten worden und klingen zumindest so ähnlich, dass es wohl eher kein Zufall ist. Auch beide Covergestaltungen ähneln sich in Farbe und Typographie.

Der Verlag Blanvalet, der zur Verlagsgruppe Random House gehört, hat zur Veröffentlichung eine große Werbekampage gefahren, die ihre Wirkung offensichtlich nicht verfehlt hat, denn auch in Deutschland kletterte das Buch in den Bestsellerlisten nach oben. Besucher der Bertelsmann-Party 2015 in Berlin fanden in ihren Überraschungstüten ein Exemplar von „Girl on the Train“ – ein geschickter Werbe-Schachzug, um das Buch auch unter den Promi-Multiplikatoren zu verbreiten. Doch kann man das Bertelsmann und Blanvalet wirklich vorwerfen? So funktioniert die Buchbranche nun mal.

Was man dem Roman jedoch lassen muss, ist die hervorragende und zum Fremdschämen geeignete Darstellung der alkoholkranken Rachel. Alkohol ist hier kein Genussmittel mehr, was sich schon daran erkennen lässt, dass sie Gin & Tonic fertig gemischt aus Dosen trinkt. Im Grunde ist Rachel ständig sturzbetrunken und weiß oft am Morgen nicht mehr, was sie in der Nacht so alles angestellt hat, nachdem sie sich am Laden um die Ecke noch eine Flasche Wein gegönnt hat. Oft hat sie dann ihren Ex-Mann angerufen und gebettelt, dass er sie doch wieder lieben solle. Der aber macht sie stattdessen runter und stürzt sie damit noch weiter in die Abhängigkeitsspirale. Hin und wieder redet sie sich ein, keinen Alkohol mehr zu trinken und sich einen neuen Job zu suchen, doch der Vorsatz hält manchmal wenige Tage, häufig jedoch nur wenige Stunden und ein paar Enttäuschungen, bis sie wieder zum Hochprozentigen greift.

Wer kann ihr glauben?

Alkoholisiert ist sie aber die denkbar schlechteste Zeugin für ein mögliches Verbrechen. Wer kann ihr glauben, wenn sie Träume für die Realität hält und ihr allzu oft eine Alkoholfahne vorausflattert? Paula Hawkins stellt das alles hervorragend und sehr eindringlich dar. Auch den Leser führt sie damit gerne an der Nase herum, so dass durch die verschiedenen Sichtweisen immer mehr mögliche Perspektiven und Tatvarianten ins Spiel kommen. Das ist durchaus gut gemacht.

Was bleibt, ist also eine ganz solide Thrillerhandlung, verbunden mit einer ausgezeichneten Darstellung des Alkoholismus. Von Paula Hawkins darf man sicher noch mindestens einen weiteren Roman erwarten, denn die in Simbabwe aufgewachsene Autorin wird wohl gerne an ihren Erfolg anknüpfen wollen. Hawkins arbeitete fünfzehn Jahre lang als Wirtschaftsjournalistin, bevor sie unter dem Pseudonym Amy Silver mit dem Schreiben von Liebesromanen begann. „Girl on the Train“ ist ihr erster Roman unter ihrem Klarnamen. Die Filmrechte hat sich Dreamworks gesichert, und am 7. Oktober 2016 kommt der Film schon in die amerikanischen Kinos. Die Rolle von Rachel hat die britisch-US-amerikanische Schauspielerin Emily Blunt („Der Teufel trägt Prada“, „Lachsfischen im Jemen“) übernommen.

Paula Hawkins: Girl on the Train – Du kennst sie nicht, aber sie kennt dich, Blanvalet Verlag, München, 2015, 447 Seiten, broschiert, 12,99 Euro, ISBN 978-3764505226, Video-Buchtrailer, Leseprobe