Ein Erzähler macht noch keinen Romancier

TabuDass der deutsche Strafverteidiger Ferdinand von Schirach neben juristischen Schriftsätzen auch Literarisches verfassen kann, hat er mit seinen zwei Erzählbänden „Verbrechen“ und „Schuld“ bereits bewiesen. Das vernachlässigte Feld der Gerichtsreportage hat er damit neu belebt. Von Schirach ist ein Erzähler alter Klasse, wie man sie lange nicht mehr gelesen hat. „Tabu“, sein zweiter Roman, der jetzt erschienen ist, zeigt aber, dass von Schirach deshalb noch lange kein Autor von Romanen ist.

Bis zu einem Urteil gilt die Unschuldsvermutung. Aber was ist Schuld? Mit der Frage beschäftigt sich von Schirach schon seit seinem ersten Kriminalroman „Der Fall Collini“. Der neue Fall handelt von einem Mann namens Sebastian von Eschburg, Sprössling einer verarmten Adelsfamilie.

Seine Kindheit verbringt er überwiegend in einem Internat. Der Vater erschießt sich, die Mutter zeigt mehr Interesse an ihren Reitpferden als an ihrem Sohn. Die Vermutung liegt nahe, dass das beim Filius zu einem fiesen Charakter führt, eine bösartige Neurose hervorbildet oder ähnliche Folgen hat. Doch weit gefehlt. Sebastian berappelt sich und wird ein gefeierter Fotograf.

Nackte Haut und ein Pornoproduzent

Geradezu ermüdend genau beschreibt von Schirach, wie Eschburgs Kunst entsteht. Erstaunlicherweise bemüht er sogar nackte Haut und einen Pornoproduzenten, um das Bild eines extravaganten Künstlers zu zeichnen. Leider hangelt sich von Schirach dabei von Klischee zu Klischee. Der Pornoproduzent etwa trägt natürlich Lederjacke und Sonnenbrille.

Während aber geradezu detailverliebt von unterschiedlichen Kameramodellen und Fotografie-Kniffen die Rede ist, muss anderes zurückstehen. Zum Beispiel ist von Eschburg Synästhesist. Er sieht die Welt in anderen Farben als die Allgemeinheit. „Die Hände des Kindermädchens waren aus Cyan und Amber, seine Haare leuchteten für ihn violett mit einer Spur Ocker, die Haut des Vaters war eine blasse, grünblaue Fläche.“ Davon wird anfänglich viel erzählt, doch dann verliert sich die Spur im Lauf der Geschichte. Lediglich die Kapitel werden noch in Farben zusammengefasst. Interessante Aspekte vergehen also, während die üblichen Teile einer Schirach-Erzählung Bestand haben: der Strafverteidiger, das Gericht, die Schuldfrage, die anwaltliche Intervention.

Und so wird am Fall von Eschburg die Schuldfrage erklärt. Allerdings eher wie in einem mäßigen Repetitorium für Jurastudenten vor dem ersten Staatsexamen. Dem gefeierten Fotografen wird zur Last gelegt, eine Frau vergewaltigt und getötet zu haben. Die Leiche jedoch ist nicht auffindbar, macht aber nichts, denn der Angeschuldigte legt in seiner polizeilichen Vernehmung ein Geständnis ab. Die Presse hat ihr Urteil längst gesprochen.

Grantiger Advokat mit Burn-Out-Syndrom

Doch jetzt endlich tritt der Anwalt auf die Bühne des Geschehens. Es dauert 148 Seiten, bis die Leser Konrad Biegler endlich kennenlernen dürfen, jenen grantigen Advokaten mit Burn-Out-Syndrom, der von Eschburg aus dem Gefängnis holen und ihn zu einem freien Mann machen soll. Erster Anknüpfungspunkt: Das Geständnis. Erzwungen war es nämlich und erinnert an den Fall Magnus Gäfgen. Zweiter Anknüpfungspunkt: Die Schuld. Und dann auch noch das Auseinanderfallen von Wahrheit und Wirklichkeit.

Den Personen des Romans fehlt es an Tiefe und Eindringlichkeit. Sogar der Erlöser der Geschichte, Anwalt Biegler, ist alles andere als ein Charakterkopf. Er hat ja auch kaum Zeit, sich zu entwickeln. Im Grunde ist er eine arme Figur: Nur geschaffen und kurz umrissen für den letzten großen Auftritt. Eine Marionette in einem Stück, das von der Kunst des Erzählens weit entfernt ist.

Man kann nur hoffen, dass von Schirach sich wieder auf einen neuen Erzählband konzentriert. In einem Interview mit der Legal Tribune Online erklärte er im Oktober 2013: „An ‚Tabu‘ habe ich 19 Monate geschrieben, jeden Tag sechs Stunden. In dieser Zeit war ich nicht mehr in der Kanzlei. Bei den Kurzgeschichten war es einfacher, sie konnte ich nachts oder in den Ferien schreiben.“ Dieser Mann braucht Nächte und Ferien! Niemand muss doch auch noch ein großer Romancier werden, wenn er schon ein großer Erzähler ist.

Die Rezension von Anna Prizkau in der FAZ vergleicht „Tabu“ mit einer „gar nicht so schlechten Tatort-Folge“. Dem ist zu widersprechen. Diesen Tatort hätten die meisten abgeschaltet.

Ferdinand von Schirach: Tabu, Piper Verlag, München, 2013, 254 Seiten, gebunden, 17,99 Euro, ISBN 978-3492055697, Leseprobe

Das perfide Verbrechen

Gone GirlEs gibt Bücher, über die ein Leser zuvor nicht zu viel wissen sollte. So können sie ihn unvorbereitet und mit voller Wucht treffen. Der Roman „Gone Girl“ ist ein solches Buch. Wer es nicht gelesen hat, hat eines der aufregendsten Bücher des Jahres 2013 verpasst. Das perfekte Verbrechen ist überholt. Es lebe das perfide Verbrechen!

Ausgerechnet an ihrem fünften Hochzeitstag verschwindet Nicks Frau Amy. Die Haustür steht sperrangelweit offen, im Wohnzimmer liegt der Couchtisch in Scherben, Möbelstücke sind umgeworfen, alles sieht nach einem Kampf aus. Und Amy ist nicht da. Sie ist weg, verschwunden.

Die Polizei entdeckt in der Küche Reste von Blutspuren. Sie sind fortgewischt worden, nachdem dort jemand viel Blut verloren haben muss. Schnell konzentrieren sich die Ermittlungen auf Nick, der teilweise erschreckend dümmlich reagiert. Amys Eltern, die einst Millionen mit einer Kinderbuchserie über ihre Tochter verdient haben, fangen an, ihrem Schwiegersohn zu misstrauen. Und auch der Leser hat es schwer mit Nick.

Eine der Größen dieses Romans

Gerade das aber ist eine der Größen dieses Romans, der weniger Thriller oder Krimi, als vielmehr die erschreckende psychologische Studie einer Ehe ist. Die Autorin Gillian Flynn lässt Nick und Amy abwechselnd erzählen. Von Nick erfährt der Leser den aktuellen Fortgang der Geschichte, angefangen mit Amys Verschwinden.

Amy aber lässt den Leser ihre Tagebucheinträge vom Beginn ihrer Beziehung lesen. Anfangs sprüht aus ihren Zeilen die unbedingte Verliebtheit, die Schwärmerei, das Glück. Nick und Amy leben und arbeiten in New York und genießen den angenehmen Mittelklassen-„way of life“.

Doch dann geraten Leben und Liebe in Schieflage. Beide verlieren ihre Jobs als Journalisten, und Nicks Mutter liegt im Sterben. Der beschließt für Amy gleich mit, dass sie in seine Heimatstadt ziehen. Nach North Carthage, Missouri, in ein Haus direkt am Mississippi River.

Weder Glück noch Freunde

Dort findet Amy weder Glück noch Freunde. Das geht auch nicht spurlos an der Beziehung vorbei. Beide reiben sich aneinander und gegenseitig auf. Und plötzlich ist Amy weg. Nachbarn berichten der Polizei von lauten Streitereien. Der Verdacht fällt unweigerlich auf Nick.

Doch das Verschwinden Amys ist nicht das einzige Mysterium des Romans. Rätselhaft ist auch, wie sich ein auf den ersten Blick so perfektes Paar nach nur wenigen Jahren derart voneinander entfernen kann. Die Bezeichnung „Entfremdung“ wäre noch euphemistisch. Der Roman berührt damit auch die ureigenen Ängste, die jeder romantischen Beziehung zugrundeliegen, ohne dass man sie offen zu Tage treten lässt: Können wir das anfängliche Glück, die Liebe, das unbedingte Vertrauen über Jahre hinweg erhalten? Oder sind die Geheimnisse, die wir voreinander haben, wie ein schwarzes Loch, das uns unaufhaltsam ins Nichts zieht?

In den USA war Flynns Roman ein Bestseller. Die Rezensenten der großen Zeitungen überboten sich in ihren begeisterten Lobeshymnen. Regisseur David Fincher verfilmt das Buch derzeit mit Ben Affleck und Rosamunde Pike. Schon 2014 soll es in die Kinos kommen.

Auch in Deutschland wurde das Buch bereits sehr hofiert. Der Fischer Verlag begleitete das Erscheinen mit einer großen Werbekampagne. In den meisten Fällen mutet ein solcher Aufwand seltsam an. Der Verdacht liegt nahe, dass es dieses Buch ohne Werbung niemals in die Hände deutscher Leser schaffen würde. Doch in diesem Fall ist das Brimborium berechtigt. „Gone Girl“ ist eine Wucht.

Gillian Flynn: Gone Girl – Das perfekte Opfer, Fischer Scherz Verlag, Frankfurt, 2013, 576 Seiten, broschiert, 16,99 Euro, ISBN 978-3502102229, Leseprobe

Vom Vögeln statt Lieben

Maria RosenblattSex spielt in dem neuen Roman von Corinna T. Sievers eine wichtige Rolle. Maria Rosenblatt, die herrische Chefin in einem männerdominierten Kommissariat der Stadtpolizei in Zürich, ermittelt in mehreren Fällen von Kinderpornografie, die sie an ihre Belastungsgrenze bringen. Sie selbst ist süchtig nach Sex und Liebe, ihr Ehemann aber hat zum letzten Mal mit ihr geschlafen, als sie vor fünf Jahren die zweite Tochter zeugten. Was also tun? Der Roman ist offen und direkt: Es wird gefickt und gelitten in diesem wirklich lesenswerten, harten Psychogramm einer starken Frauengestalt. Männer sind hier nur Kretins.

Maria Rosenblatt ist 45 Jahre alt und steckt in einer Ehe, bei der Mann und Frau mehr Lebenspartner als Sexualpartner sind. Auch die Kommunikation ist auf der Strecke geblieben. Geäußert wird nur noch ein verwässertes Etwas der Essenz. Maria rackert sich ab, beruflich wie privat, sendet hoffnungsvoll Signale eines noch nicht erkalteten Interesses an ihrem Mann und ihrer Ehe und erntet doch nur Vorwürfe, sie kümmere sich nicht ausreichend um die Kinder.

Auch in ihrem aktuellen Fall geht es um Kinder. Unbekannte Täter fotografieren tote Kinder in pornografischer Art und Weise. Durch Zufall wird ein Handy mit entsprechenden Bildern gefunden, die offenbar per MMS verschickt worden sind, von Prepaidhandy zu Prepaidhandy, nicht nachzuverfolgen. Die Bilder in der Akte, vor Augen und im Kopf belasten nicht nur Maria, sondern gehen auch dem Leser an die Nieren.

Als Frau männlich sein

Die Ermittlungen sind zäh. Dabei ist es nicht hilfreich, dass Maria auch im Kommissariat an verschiedenen Fronten kämpfen muss. Im Grunde muss sie als Frau männlich sein, schroff, herrisch, streng. Um für die Männer nicht nur eine Frau, sondern die Vorgesetzte zu sein.

Sie ist genervt von einem Kollegen, der sich in ihrer Gegenwart ungeniert zwischen die Beine fasst. Ein anderer, Detlef, war einst ihr Liebhaber. Er behauptet, seitdem nur noch blonde Frauen vögeln zu können. Zu vögeln, nicht zu lieben. Sie hatte ihn damals verlassen, weil er nicht fähig war, ihr beim Sex schmutzige Worte ins Gesicht zu sagen. Darauf steht sie: Dirty Talk. Stattdessen war er ihr hörig.

In den Armen des neuen, ihr vorgesetzten Staatsanwalts findet sie einen Zufluchtsort, zwischen seinen Beinen einen Zu-Ficken-Ort. Es ist die Flucht vor der totalen Erschöpfung. Beim Steinmetz am See bestellt sie ihren eigenen Grabstein. Sie zahlt ihn an, doch am nächsten Tag storniert sie den Auftrag. „Abends im Bett hatte sie Hannes gefragt, ob es ihm auch so ginge, dass er die Toten um ihre Ruhe beneide.“ Ruhe. Mitunter findet sie die, wenn sie am See steht, ein wenig abseits der Autostraße in die Stadt. Ansonsten betäubt sie sich mit Alkohol.

Klare, sehr nüchterne Wortwahl

Die Figur der Maria Rosenblatt ist keine Sympathieträgerin. Doch gerade das ist einer der wichtigsten Aspekte des neuen Romans der Ärztin und Autorin Corinna T. Sievers. Einer netten, zuvorkommenden Frau nähme man die Geschichte nicht ab. Sie muss also eine harte, toughe Frau sein, wild und schamlos. Das Buch steht ihr in nichts nach. Es ist ein kurzer, nur rund 140 Seiten umfassender Kanten, der sich mit Wucht ins Gehirn hämmert. Hier wird nichts beschönigt. In klarer, sehr nüchterner Wortwahl beschreibt Sievers den atemlosen Kampf dieser Frau.

In einem Interview mit der in Bielefeld erscheinenden Tageszeitung Neue Westfälische erklärte Sievers eine der Intentionen ihres Buches: „Ich verstehe mein Buch (…) auch als Hilfeschrei einer Ärztin, die in ihrer Profession fast immer nur von Männern umgeben ist, die oftmals nicht trennen können zwischen dem Erotischen und dem Intellektuellen, wenn sie einer Frau begegnen.“

Der Roman ist wahrlich kein freudiges Leseerlebnis. Und dennoch ist es ganz und gar lesenswert. Ein ernsthaftes, wichtiges Buch.

Corinna T. Sievers: Maria Rosenblatt, Verlag Lutz Schulenburg (Edition Nautilus), Hamburg, 2013, 143 Seiten, gebunden, 16 Euro, ISBN 978-3894017798, Leseprobe

Haut einen um: Der Woodcutter

Rache verjährt nichtLassen Sie sich nicht vom reißerischen Titel täuschen! „Rache verjährt nicht“ ist keiner dieser Krimis, die es zuhauf auf den Tischen der Buchhandlungen zu kaufen gibt. „Rache verjährt nicht“ ist eines der wenigen aktuellen Werke, das den Stempel „Kriminalliteratur“ wirklich verdient. Lesen, lesen, lesen!

Wilfred „Wolf“ Hadda beschreibt sein bisheriges Leben als märchenhaft. Er, einst der einfache Holzfäller, hat sich in die adelige Imogen verliebt, ihr Herz erobert und sie schließlich geheiratet. Wolf kann sein Glück kaum fassen: Mittlerweile ist er ein erfolgreicher Hedgefondsmanager mit einem millionenschweren Vermögen, einem Privatjet und mehreren Wohnsitzen, und er hat diese bezaubernde Frau an seiner Seite. Doch auch in den Märchen leben die Menschen nur glücklich und zufrieden bis an ihr seliges Ende. Dass einen Menschen das schon nach 14 Jahren ereilen kann, erlebt Wolf an einem strahlenden Herbstmorgen im Jahr 2008.

Es klingelt an der Tür. Eine ganze Horde von Polizisten stürmt ins Haus, draußen warten Pressefotografen und ein Fernsehteam, das ganze Programm. Der Inspektor präsentiert selbstgefällig einen Durchsuchungsbefehl, woraufhin Wolf die Sicherungen durchbrennen und er dem Mann die Faust ins Gesicht schlägt. Festnahme. Erst auf dem Polizeirevier erfährt er, dass er Kinderpornografie gehortet und verkauft haben soll. Eine zweite Panikhandlung: Er flüchtet von der Anhörung im Amtsgericht und wird vom Bus überfahren. Als er aus dem Koma erwacht, ist er entstellt. Aus der Traum. Ende vom Märchen. Ab in den Knast.

Zurück in die Wälder von Cumbria

Dass er nach sieben Jahren aus der Haft entlassen wird, verdankt er seiner Psychiaterin Alva Ozigbo. Doch draußen hat er alles verloren: Seine Frau hat sich von ihm scheiden lassen und ist mit seinem Freund und Anwalt liiert, seine Tochter ist an einer Überdosis gestorben und seine Freunde haben sich von ihm abgewandt, obwohl er stets seine Unschuld beteuert hat. Er zieht zurück in die Wälder von Cumbria in Nordengland, wo das Märchen seinen Anfang nahm, und macht sich daran, die Hintergründe seines Falls zu erforschen.

„The Woodcutter“, vom Suhrkamp Verlag nicht nachvollziehbar mit „Rache verjährt nicht“ übersetzt, ist das letzte Werk des 2012 verstorbenen englischen Autors Reginald Hill. Es ist eines jener seltenen Bücher, deren Inhalt man möglichst schnell wieder vergessen will, damit man sie bald mit der Begeisterung des ersten Mals erneut lesen kann.

Der deutsche Titel aber führt in die Irre. Es ist kein Rachefeldzug eines zu Unrecht Verurteilten, sondern eine intelligente Spurensuche nach der Ursache einer perfiden Intrige. Hill hält seine Leser mit Erzählkunst ständig unter Spannung, seine Figuren haben Ecken und Kanten, wirken aber nicht wie so oft am Reißbrett entworfen. Allen voran ist es die Person Wolf Hadda, die den Leser gefangen nimmt. Und dann ist da noch der seltsame, dreiteilige Prolog, der dem Roman vorangestellt ist. Ach, man möchte so vieles darüber schreiben und kann es doch nicht, um nicht zu viel zu verraten.

Lesen Sie den „Woodcutter“, vergessen Sie ihn und lesen Sie ihn wieder. Verschenken und empfehlen Sie ihn, aber lassen Sie ihn nicht liegen. Und freuen Sie sich, dass noch weitere Übersetzungen folgen sollen. Oder wie Wolf Hadda mit Alexandre Dumas sagen würde: „Im Übrigen konnte ein Mensch nur eines tun: warten und hoffen.“ Hoffen wir auf die nächste posthume Veröffentlichung.

Reginald Hill: Rache verjährt nicht, Suhrkamp Verlag, Berlin, 2012, 686 Seiten, gebunden, 19,95 Euro, ISBN 978-3518463901

Komm heim, Kind

Als in einem Heim für schwer erziehbare Mädchen die junge Miranda und ihre Erzieherin Elisabeth brutal erschlagen aufgefunden werden, der Neuzugang Vicky aber, blutige Spuren am Fenster hinterlassend, offensichtlich geflüchtet ist, steht für die Polizei die Schuldfrage schnell fest. Es gilt nur noch, die Flüchtende zu stellen, dann scheint der Fall gelöst. Doch so einfach ist das nicht – das ahnt auch der eigenwillige Kommissar Joona Linna, der von der Stockholmer Landespolizei als Beobachter in die schwedische Provinz nach Sundsvall geschickt worden ist.

„Flammenkinder“ ist der dritte Fall des Ermittlers Joona Linna und gleichzeitig der dritte Kriminalroman des schwedischen Autorenpaars Alexandra und Alexander Ahndoril alias Lars Kepler. Die beiden verstehen ihr Handwerk und mischen die richtigen Essenzen zu einem typisch skandinavischen Krimi zusammen. Da wäre zum einen der Kommissar mit finnischen Wurzeln, ein starker Charakter, der an Kontur gewinnt. Nicht auf den ersten Blick sympathisch, aber derart unkonventionell und achtbar, dass der Leser bald mit ihm bangt und hofft. In manchen Gebaren erinnert er an Polonius Fischer, den von Friedrich Ani erdachten Ermittler bei der Münchener Mordkommission.

Zum anderen spielt die den skandinavischen Krimis eigene Brutalität eine erhebliche Rolle. Allzu zarte Gemüter sollten hier nicht zugreifen. Und letztlich sind es neben der zunächst undurchsichtigen Geschichte die sehr kurzen, meist kaum mehr als drei oder vier Seiten umfassenden Kapitel, die dem Buch die Rasanz geben, ohne dem Leser das Gefühl zu vermitteln, nichts zu sagen zu haben.

Gute Unterhaltung ohne Anspruch, mehr sein zu wollen

„Flammenkinder“ ist – ähnlich wie das Debüt „Der Hypnotiseur“ und der Nachfolger „Paganinis Fluch“ – keine literarische Sensation, sondern eher gute Unterhaltung ohne Anspruch, mehr sein zu wollen. Darin wiederum unterscheiden sich die Kriminalromane von Friedrich Ani und Lars Kepler.

Im Gegensatz zum „Hypnotiseur“ ist der dritte Band schwächer geraten. Vor allem psychologisch darf man ihn nicht zu sehr hinterfragen. Gleichwohl ist er packend erzählt und fasst Themen wie Jugendkriminalität und das Schicksal von Heimkindern auf. Allen Protagonisten ist eines gemein: Sie haben prägende Erfahrungen gemacht, schon bevor Miranda und Elisabeth zu Mordfällen wurden.

Was die Einbandgestaltung anbelangt, ist dem Verlag Bastei Lübbe ein Lob auszusprechen, scheint er doch die bisherige Farbgebung der Vorgänger als Wiedererkennungseffekt beizubehalten. Erwähnenswert ist mittlerweile leider auch, dass Bastei Lübbe die Bücher noch mit Lesebändchen versieht – daran könnten sich manch andere Verlage ein Beispiel nehmen.

Insgesamt kein Kriminalroman, der in diesem Jahr gelesen werden muss, aber zumindest einer von jenen, die gut unterhalten und nicht nur das Geld wert sind, das man für sie bezahlt, sondern auch den Platz im Bücherregal, den man für sie freiräumt, weil man glaubt, irgendwann wird man es wieder zur Hand nehmen. Oder Freunden für den Urlaub als Schmöker anempfehlen.

Lars Kepler: Flammenkinder, Bastei Lübbe Verlag, Köln, 2012, 621 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 19,99 Euro, ISBN 978-3785724637