Preis der Leipziger Buchmesse 2013: Die Gewinner

Alle Preisträger: Heinz Ickstadt (v.l.), der stellvertretend für Eva Hesse den Preis entgegennahm, David Wagner und Helmut Böttiger. Foto: Leipziger Messe GmbH / Norman Rembarz
Alle Preisträger: Heinz Ickstadt (v.l.), der stellvertretend für Eva Hesse den Preis entgegennahm, David Wagner und Helmut Böttiger. Foto: Leipziger Messe GmbH / Norman Rembarz
Zum neunten Mal wurde am Donnerstagnachmittag in Leipzig der mit insgesamt 45.000 Euro dotierte Preis der Leipziger Buchmesse verliehen. Er gehört mittlerweile zu den richtungweisenden Literaturpreisen im deutschsprachigen Raum. In diesem Jahr entschied sich die siebenköpfige Jury unter dem neuen Vorsitzenden Hubert Winkels für:

David Wagner (Kategorie Belletristik) mit seinem Roman „Leben“, erschienen im Rowohlt Verlag,

Helmut Böttiger (Kategorie Sachbuch/Essayistik) mit seinem Buch „Die Gruppe 47“, erschienen in der Deutschen Verlags-Anstalt (DVA) und

Eva Hesse (Kategorie Übersetzung) mit ihrer Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Ezra Pounds „Die Cantos“, erschienen im Arche Literatur Verlag.

David Wagners Buch „Leben“ ist bereits zuvor von der Kritik übereinstimmend hoch gelobt worden. Der autobiographische Roman des 1971 Geborenen erzählt die Geschichte einer Organtransplantation: Ein junger Vater bekommt eines Tages den ersehnten Anruf – es gibt ein passendes Spenderorgan für ihn. Sein Krankenhauszimmer teilt der Protagonist mit den verschiedensten Menschen, die ihn bereitwillig in ihre Lebensgeschichten einweihen.

„Nüchterner Krankenhausalltag und existenzielle Fragen liegen in dieser Romanerzählung so nah beieinander wie die Wörter Leber und Leben“, begründet die Jury ihre Entscheidung und bewertet die Geschichte als „lakonisch“ und „mit zartem Humor erzählt“.

Als Burkhard Jung, Oberbürgermeister der Stadt Leipzig, die Entscheidung der Jury bekannt gibt, dass Helmut Böttiger in der Kategorie „Sachbuch/Essayistik“ den Preis erhält, ist der Jubel der Zuschauermenge groß. Böttiger, einer der renommiertesten Literaturkritiker des Landes, hat sich mit der von Hans Werner Richter ins Leben gerufenen losen Schriftstellervereinigung „Gruppe 47“ beschäftigt und legt mit seinem Titel den ersten umfassenden Überblick über die Geschichte dieser Institution vor.

Böttiger hat nicht nur viele bisher unbekannte Dokumente gesichtet und verarbeitet, sondern auch mit Zeitzeugen gesprochen. Die Jury sagt: „Böttiger setzt in der Darstellung der Gruppe 47 neue Akzente. Er zeichnet ihre Geschichte durch genaue Porträts der Zentralfiguren nach und untersucht die Kritik an ihrem Gebaren.“

In der Kategorie „Übersetzung“ wird Eva Hesse für ihre Übertragung von Ezra Pounds „Die Cantos“ aus dem amerikanischen Englisch mit dem Leipziger Buchpreis prämiert. Es ist Pounds Hauptwerk, dessen sich Hesse angenommen hat, die mit ihm selbst noch zusammengearbeitet hat.

„Zum ersten Mal gibt es Ezra Pounds ‚Cantos‘ nun vollständig auf Deutsch – dank Eva Hesse mit allen Blitzen, Sprachgewittern und politischen Abgründen des Originals“, begründet die Jury ihre Entscheidung. Die besondere Leistung habe „das Zeug zur Legende“. Aus Krankheitsgründen konnte die 1925 in Berlin geborene Übersetzerin den Preis nicht selbst entgegennehmen.

Auf dem Blauen Sofa: Helmut Böttiger (l.) im Gespräch mit Moderator Wolfgang Herles.
Auf dem Blauen Sofa: Helmut Böttiger (l.) im Gespräch mit Moderator Wolfgang Herles.
Wenig später sind die Preisträger auch auf dem Blauen Sofa zu Gast. Böttiger, von Wolfgang Herles darauf angesprochen, ob heutzutage nicht auch eine Gruppe 47 benötigt werde, erklärte, dass eine solche Gruppe nicht mehr zeitgemäß sei. „Mittlerweile hat jede größere Stadt ihr eigenes Literaturfest – das regelmäßige Treffen von Schriftstellern hat sich also auf eine ganz andere Ebene verlagert.“ Die Gruppe 47 dagegen habe an einem einzigen Wochenende alle relevanten Themen besprochen, und sich dann erst ein halbes Jahr später wieder getroffen.

Im Gespräch: David Wagner (l). mit Moderator Wolfgang Herles auf dem Blauen Sofa.
Im Gespräch: David Wagner (l). mit Moderator Wolfgang Herles auf dem Blauen Sofa.
Auch David Wagner trifft wenig später zum Gespräch am Blauen Sofa ein und erzählt dort noch einmal, dass sein Roman auch autobiographische Züge trägt, denn Wagner selbst kämpfte schon mit dem Leben. Vor sechs Jahren konnte ihn nur das Organ eines anderen Menschen retten, so schwer war sein angeborener Leberschaden. Das Buch könne man deshalb auch als Dank an den Lebensretter verstehen, erklärt der 41-Jährige, der in Berlin lebt. Lesenswert ist im übrigen die Rezension seines Mitpreisträgers Helmut Böttiger, der Wagners Buch als „Glücksfall“ preist.

Insgesamt sind in diesem Jahr 430 Titel von 141 Verlagen für den Preis eingereicht worden. Daraus nominierte die Jury fünf Autoren oder Übersetzer in jeder Kategorie.

Nominierte Kategorie Belletristik:
Ralph Dohrmann: „Kronhardt“ (Ullstein Verlag)
Lisa Kränzler: „Nachhinein“ (Verbrecher Verlag)
Birk Meinhardt: „Brüder und Schwestern“ (Carl Hanser Verlag)
David Wagner: „Leben“ (Rowohlt Verlag)
Anna Weidenholzer: „Der Winter tut den Fischen gut“ (Residenz Verlag)

Nominierte Kategorie Sachbuch/Essayistik:
Götz Aly:
„Die Belasteten: >Euthanasie< 1939-1945. Eine Gesellschafts-Geschichte" (S. Fischer Verlag)
Kurt Bayertz: „Der aufrechte Gang: Eine Geschichte des anthropologischen Denkens“ (C.H. Beck)
Hans Belting: „Faces: Eine Geschichte des Gesichts“ (C.H. Beck)
Helmut Böttiger: „Die Gruppe 47: Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb“ (Deutsche Verlags-Anstalt DVA)
Wolfgang Streeck: „Gekaufte Zeit: Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus“ (Suhrkamp Verlag)

Nominierte Kategorie Übersetzung:
Eva Hesse:
„Die Cantos“, aus dem Englischen, von Ezra Pound (Arche Verlag)
Maralde Meyer-Minnemann: „Der Archipel der Schlaflosigkeit“, aus dem Portugiesischen, von António Lobo Antunes (Luchterhand Literaturverlag)
Alexander Nitzberg: „Meister und Margarita“, aus dem Russischen, von Michail Bulgakow (Galiani Berlin)
Claudia Ott: „101 Nacht“, aus dem Arabischen erstmals ins Deutsche übertragen nach einer Handschrift des Aga Khan Museums (Manesse Verlag)
Andreas Tretner: „Briefsteller“, aus dem Russischen, von Michail Schischkin (Deutsche Verlags-Anstalt DVA)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s