Wie still es bleibt

Ferdinand von Schirach, Bernhard Schlink, Herbert Rosendorfer. Dichterjuristen gibt es einige, auch in Deutschland. Zu dem Kreis gesellt sich noch ein weiterer als Schriftsteller publizierender Jurist hinzu: Markus Thiele. Mit „Echo des Schweigens“ legt der 48-jährige Rechtsanwalt aus Göttingen einen anspruchsvollen und politisch wichtigen, aber leider nicht in allen Facetten überzeugenden Roman vor.

Hannes Jansen ist seit sechs Jahren Anwalt für Strafrecht in einer Hamburger Rechtsanwaltskanzlei. Völlig unerwartet bekommt der verschuldete Jurist von seinem Chef das verlockende Angebot, Partner der Kanzlei zu werden – für viele Juristen das Karriereziel schlechthin. Partner sind die erste Garde der Kanzlei, der Titel verspricht Status und – Geld. Bedingung für den Aufstieg ist lediglich ein gewonnener Prozess. Wenn da das Aber nicht wäre, denn der Prozess, denn es zu gewinnen gilt, ist der wieder aufgerollte Fall um den Senegalesen Abba Okeke, der in einer Polizeizelle tot aufgefunden wurde.

Angeklagt ist zum zweiten Mal der Polizeibeamte Maik Winkler, der zunächst in einem Indizienprozess freigesprochen worden war. Jetzt gibt es durch ein neues rechtsmedizinisches Gutachten neue Beweise, damit eine neue Anklage – und Jansen soll nun einen Freispruch für Winkler rausholen.

Über Nacht verbrannte er bis zur Unkenntlichkeit

Die Vorgeschichte: Der in Deutschland geduldete Senegalese Abba Okeke kam Anfang Januar 2005 in Polizeigewahrsam, nachdem er alkoholisiert und unter Drogeneinfluss Frauen belästigt hatte. Weil er in seiner Zelle randalierte, wurde er an Händen und Füßen an seinem Bett fixiert. Über Nacht verbrannte er bis zur Unkenntlichkeit. Zwei Gutachten kommen unabhängig voneinander zum Ergebnis, dass Okeke sich mit einem Feuerzeug selbst entzündet habe. Der Polizei-Dienststellenleiter und zwei weitere Beamten, darunter Maik Winkler, werden freigesprochen. Dass nun entgegen des Verbots der Doppelbestrafung das Verfahren wieder aufgerollt wird, ist unter engen Voraussetzungen möglich. Der Fall Okeke erlebt damit eine neue Chance, die der Sierra-Leoner Oury Jalloh nicht bekam.

Dass der Roman von Markus Thiele an den mysteriösen und nie geklärten Tod von Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeizelle angelehnt ist, ist augenfällig, wird aber im aufschlussreichen Nachwort noch einmal genauer vom Autor erklärt. Auch Jalloh war in seiner Zelle mit Händen und Füßen an die Pritsche fixiert, auch Jalloh verbrannte. Der Dienstgruppenleiter wurde später wegen fahrlässiger Tötung nur zu einer Geldstrafe verurteilt, ein Polizeibeamter, der in der Tatnacht Dienst hatte, war zuvor schon mangels hinreichender Verdachtsmomente freigesprochen worden. Der Vorsitzende Richter am Landgericht Dessau sprach in seiner Urteilsbegründung von „Schlamperei“ und „Falschaussagen der Beamten“, die die Aufklärung verhindert hätten. Dennoch: Freispruch.

Alle Versuche der „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ und der Hinterbliebenen, mit einem neuen Gutachten das Verfahren wieder aufrollen zu lassen, scheiterten, zum Teil regelrecht erschreckend. Beispiel: Die Staatsanwaltschaft Dessau eröffnete aufgrund des neuen Gutachtens ein neues Ermittlungsverfahren. Der zuständige Oberstaatsanwalt sprach von „sehr ernsten, überraschenden und zum Teil erschreckenden Informationen“. Doch die Generalstaatsanwaltschaft entzog ihm den Fall, verwies ihn an die Staatsanwaltschaft Halle (Saale) – und die stellte das Verfahren 2017 wieder ein.

Im Oktober 2019 verwarf schließlich noch das Oberlandesgericht Naumburg das Klageerzwingungsverfahren des Bruders von Oury Jalloh. Begründung: Nicht nur, dass vieles weiterhin für eine Selbstentzündung spreche, fehle es für eine Brandlegung durch Dritte an einem hinreichenden Tatverdacht gegen einen konkreten mutmaßlichen Täter. Außerdem sei das unterstellte Tatmotiv (Verdecken einer Misshandlung) nicht ausreichend schlüssig dargelegt.

Sonderermittler: Keine offenen Ansätze für Mord-Ermittlungen

Ende August 2020 dann die derzeit aktuellste und nächste niederschmetternde Nachricht für die Hinterbliebenen: die beiden Sonderermittler, die vom Landtag Sachsen-Anhalt mit der Prüfung des Falls beauftragt worden sind, kommen zu dem Schluss, dass das Handeln der Polizei  zwar fehlerhaft und „rechtswidrig“, die Einstellung des Verfahrens im Oktober 2017 jedoch „nachvollziehbar und angesichts der Beweislage sachlich und rechtlich richtig“ gewesen sei. Offene Ansätze, um wegen Mordes oder Mordversuchs zu ermitteln, gebe es nicht.

Im Roman von Markus Thiele ist beim fiktiven Fall Okeke jedoch alles wieder offen. Und Hannes Jansen will einen Freispruch für seinen Mandanten, er will gewinnen – er muss. Hannes Jansen stürzt sich also in die Arbeit, wälzt Aktenordner, liest, liest und liebt. Ja, das ist kein Verschreiber. Hannes Jansen ist zugleich schwer verliebt, und zwar in Sophie Tauber, die, das muss man schon so sagen, dummerweise Brandgutachterin ist und wesentliche Teile des neuen rechtsmedizinischen Gutachtens im Fall Okeke geschrieben hat. Das erfährt Hannes allerdings erst bei der ersten Hauptverhandung. In der Liebe vereint, in der Sache getrennt. Kann das gut gehen?

„Echo des Schweigens“ beschäftigt sich jedoch nicht nur mit dem ohnehin schon mächtigen Fall Okeke und der alles umtänzelnden und manchmal schwermütigen Liebesgeschichte von Sophie und Hannes. Der Autor hat noch zwei weitere Handlungsstränge in seinem Roman verwoben: Sophies Mutter ist verstorben und hinterlässt ihr neben einem Haus in den Schweizer Bergen einen vergilbten Briefumschlag, adressiert an die Mutter und mit einer Briefmarke aus Kanada frankiert. Der Brief darin: von Richard. Sophies Vater? Ihre Mutter hatte nie über ihren Vater gesprochen, nie seinen Namen erwähnt. „Das Einzige, was du wissen musst, ist, dass er uns sitzen gelassen hat“, sagte ihre Mutter immer nur. Sophie will sich damit nicht mehr begnügen und beginnt mit der Recherche. 

Zweite Zeitebene im Nationalsozialismus

In einer zweiten Zeitebene befinden wir uns schließlich noch in der Zeit zwischen November 1938 und Dezember 1948. In Braunschweig und Wolfenbüttel begleiten wir die Jüdin Lea Rosenbaum sowie die beiden Brüder Carl und Heinrich durch die letzten Jahre des Nationalsozialismus. Heinrich ist glühender Verehrer der nationalsozialistischen Bewegung und geht voll darin auf, Carl ist erschrocken, wohin alles steuert und versucht Lea und ihre Familie mit aller Macht zu beschützen. Macht haben beide Brüder, denn sie sind Hersteller eines namhaften Kräuterlikörs – die Ähnlichkeit zu Curt und Wilhelm Mast, den Gründern der Mast-Jägermeister SE, ist gewollt (Markus Thiele: „Die Geschichte um Carl und Heinrich beleuchtet einen Ausschnitt der bis heute ungeklärten Verflechtungen des Unternehmens [Jägermeister] mit dem Dritten Reich.“)

„Echo des Schweigens“ ist sprachlich und atmosphärisch gut erzählt. Am besten gelingt dem Autor jedoch der Zeitsprung in die Vergangenheit, vielleicht weil er hier nicht zu sehr von seinem eigenen Beruf erzählen muss. Gerade bei juristischen Details liegt die Schwierigkeit darin, den Leser weiterhin zu fesseln, gleichzeitig aber die teilweise rechtsphilosophischen Fragen in der notwendigen Tiefe zu beantworten. Thiele beschreibt in wesentlichen Zügen Hannes‘ moralischen Konflikt, seine Zweifel, ob sein Mandant ihn anlügt oder nicht. Zu wenig aber beleuchtet er die Fragen, was Recht ist im Gegensatz zu Gerechtigkeit und was ein Anwalt riskiert, wenn er Parteiverrat begeht. Wo hört die wohlwollende Auslegung eines Sachverhalts auf, und wo fängt die Lüge an? Und wie baut man Vertrauen auf? In der Liebe und zwischen Anwalt und Mandant? Wenn ich meinem Anwalt die Wahrheit sage, baut der dann seine Verteidigung in Richtung einer sicheren Verurteilung auf? Ist es dann nicht besser so zu tun, als wäre ich es nicht gewesen, damit der Anwalt, der glaubt, ich sei unschuldig, besonders hart für mich kämpft? Und was ist mit dem Gewissen des Anwalts im Gegensatz zum Recht eines jeden auf ein faires Verfahren und eine effektive Strafverteidigung? Der innere Konflikt bleibt zu oberflächlich, etwas mehr Tiefe hätte dem Buch an dieser Stelle sehr geholfen.

Markus Thiele ist jedoch ein feiner Beobachter mit allen Sinnen. Das merkt man besonders dort, wo er Personen, Szenen, Geräusche oder einen bestimmten Geschmack beschreibt. Zum Beispiel wie es im Café Paris in Hamburg zugeht. Wie Vanillekipferl mit einer Spur Marzipan schmecken können. Wie sich stumme Panik anfühlt. Das alles umfasst er nonchalant und mit einer nüchternen, unaufgeregten Sprache, die den Leser durch den Roman trägt.

Am Ende hat Markus Thiele wohl zu viel gewollt für ein 400 Seiten langes Buch. Der Mann muss einfach ab jetzt dicke Schinken schreiben! Denn darüberhinaus ist „Echo des Schweigens“, das weder Thriller noch Kriminalroman ist, ein hochaktuelles Buch, das nachhallt. Das wütend und traurig macht. Und das man nicht zuletzt wegen des juristischen Skandals um Oury Jalloh lesen sollte, damit sein Tod und die unfassbaren Wirren um dessen Aufklärung nicht in Vergessenheit geraten.

Markus Thiele: Echo des Schweigens, Benevento Verlag, Wals bei Salzburg, 2020, 408 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3710900914, Leseprobe, Buchtrailer

Seitengang dankt dem Benevento-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Terror-Thriller auf Verlangen

Deutschland, Griechenland, Zypern, Großbritannien, USA, Afghanistan und Pakistan – das sind die Schauplätze des vielschichtigen und sorgfältig recherchierten Terrorismus-Thrillers „Talib – der Schüler“. Er führt direkt in die Welt eines Mannes, der die Angst des Terrors in Europa verbreiten soll – und in die eines anderen, der den Terror stoppen will. Frank Hartmann hat mit seinem Debütroman eine kluge Analyse der Strukturen und Rekrutierungsmechanismen von Organisationen wie Al-Kaida und dem IS geschrieben, die den Leser packt und teilweise raffiniert in die Zwiespältigkeit führt. Ganz nebenbei hat Hartmann mit Vangélis Tsakátos einen griechischen Geheimdienstler erfunden, mit dem man zu gern mal die Kneipen von Athen unsicher machen würde.

Tsakátos (nicht etwa Tsakatós, darauf legt der Mann wert) ist Analyst des US-Geheimdienstes National Security Worldwide (NSW) und gerade nach Athen versetzt worden. Dort soll er die griechischen Behörden bei der Bekämpfung der nationalen Terrorgruppe „Widerstand Hellas“ unterstützen. Die treibt seit Jahrzehnten ihr Unwesen in Griechenland und hat dabei Unterstützer aus allen Bereichen der Gesellschaft.

Schmutzige Bombe bei den Olympischen Spielen

Gleichzeitig gerät rund 6.000 Kilometer entfernt ein junger Mann namens Basim Atwa in Afghanistan in das ausgeklügelte Rekrutierungssystem von Al-Kaida. Wir befinden uns im Jahr 2002, rund ein Jahr nach den verheerenden Terroranschlägen von 9/11 in den USA. Der 23-jährige Basim soll der Welt der Ungläubigen den nächsten Schock verpassen und bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen eine schmutzige Bombe zünden.

Mit welchen zum Teil perfiden und manipulativen Methoden Menschen zu Gotteskriegern gemacht werden, welche persönlichen Erfahrungen einen jungen Menschen aber auch in die Fänge von Terrororganisationen treiben, das schildert Hartmann besonders eindrücklich auf den ersten rund 100 Seiten. Basim verliert mit neun Jahren nicht nur seinen geliebten Vater, sondern auch seine Beine und muss fortan im Rollstuhl sitzen.

Über verschlungene Wege und verschiedenste Orte kommen sich beide Protagonisten immer näher, begegnen und verpassen einander, jeder unterwegs in eigener Mission. Diese unterschiedlichen Lebenslinien, die sich unaufhaltsam aufeinander zubewegen, sind spannend konstruiert, obgleich sie nie konstruiert wirken.

Jahrzehntelange journalistische Erfahrung

Auch sprachlich bewegt sich der Roman auf einem hohen Niveau. Nicht nur hier merkt man dem Werk die jahrzehntelange journalistische Erfahrung des Autors an. Hartmann, dessen halbe Familie aus Griechen besteht und der selbst fünf Jahre in der Nähe von Athen gelebt hat, ist seit 35 Jahren Journalist. Seine Reportagen für große deutschsprachige Tageszeitungen und Magazine führten ihn nach Alaska, Afrika, Indien, Indonesien – und auch Afghanistan. Dort, in der Hauptstadt Kabul, ist vor Jahren die Grund-Idee zu „Talib“ entstanden.

„Talib – der Schüler“ ist derzeit nur als „Book on demand“ erhältlich – einen Verlag für seinen Erstling hat Hartmann bislang nicht gefunden. Viele bekannte Autorinnen und Autoren haben in ihren Anfängen ähnlich gearbeitet, nur für die Schublade oder Freunde geschrieben.

Die Bestsellerautorin Nele Neuhaus zum Beispiel hat 500 Exemplare ihres Erstlings „Unter Haien“ auf eigene Kosten drucken lassen, in der Garage gelagert und dann nach und nach im Kofferraum in die Buchhandlungen gefahren und unter die Leser gebracht. Durch Zufall wurde nach zwei weiteren Büchern „on demand“ eine Vertreterin des Ullstein-Verlags auf ein Buch von ihr aufmerksam. Heute haben die Bücher von Nele Neuhaus allein in Deutschland eine Gesamtauflage von rund fünf Millionen verkauften Exemplaren. Ähnlich ging es E.L. James, der Autorin von „50 Shades of Grey“ (Rezension) oder Lena Späth mit „Beyond Curtains“ (Rezension).

Auch Hartmann hat seine Erfahrungen gemacht. 20 Literaturagenten hat er kontaktiert, nur vier haben sich überhaupt zurückgemeldet. Interesse von Verlagen? Fehlanzeige. Hartmann lässt sich davon nicht beirren. Er sitzt mittlerweile an der Fortsetzung von „Talib“ und macht sich nebenbei im Land mit Lesungen bekannt. Möge an irgendeinem Ort, in irgendeiner Lesung zufällig eine Verlagsvertreterin sitzen und spitze Ohren kriegen. Vangélis Tsakátos muss weiterleben!

Frank Hartmann: Talib – der Schüler, Books on Demand, Norderstedt, 2019, 384 Seiten, gebunden, 22,99 Euro, ISBN 978-3748110354, Leseprobe

Solange wir uns erinnern

Welches Erbe tritt man an, wenn der Vater stirbt? Wie gehen wir Söhne und Töchter mit dem Tod um, und wie halten wir das Andenken und die Erinnerungen an die Eltern und die Kindheit wach? Der spanische Illustrator Paco Roca hat mit „La casa“ versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden – und zugleich sein persönlichstes Werk vorgelegt: ein zutiefst berührendes Buch über sich und den Tod seines eigenen Vaters.

Ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters Antonio kommen die drei Geschwister Vicente, José und Carla im ehemaligen Ferienhaus der Familie zusammen, um das verwitternde Gebäude zu renovieren und es danach zu einem guten Preis verkaufen zu können. Vicente ist dabei einer der hilfreichsten Gesellen, denn der Mechaniker weiß mit Werkzeug umzugehen und beginnt gleich mit den ersten Instandsetzungen.

Ganz anders als José: der verdient sein schmales Geld als Schriftsteller, hat eher zwei linke Hände und steht sich oft selbst im Weg. Als er mit dem Schlauch den trockenen Garten bewässern soll, macht der Tollpatsch sich erst mal selber nass. Niemand käme wohl auf die Idee, diesen Mann einen Liegestuhl aufbauen zu lassen, geschweige denn, ihn mit Handwerksarbeit zu betrauen. Und dann ist da noch Carla, das Nesthäkchen, das den Papierkram rund ums Haus übernommen hat, aber auch sonst keine Arbeit liegen lässt.

Vorwurf als scheinbar unüberwindbare Mauer

Zwei Geschwister, die anpacken können, und ein Heiopei-Bruder, dem man eher unterstellt, dass er schon eine Ausrede finden wird, warum er dieses oder jenes nicht tun kann – schon diese Konstellation sorgt für Streitereien. Vicente aber macht zusätzlich noch das Fass auf, dass er im Krankenhaus ganz allein die Entscheidung treffen musste, ob Papa Antonio reanimiert werden soll oder nicht. Er ließ den Vater gehen. Und zweifelt nun furchtbar, ob er die richtige Wahl getroffen hat. Zudem steht der gegenseitige Vorwurf, man habe sich nicht ausreichend um den kranken Antonio gekümmert, als scheinbar unüberwindbare Mauer zwischen den Geschwistern.

Und dann sind da noch die Erinnerungen. Jeder Leser kennt sie, diese Erinnerungen, die einen plötzlich überfallen: an gemeinsam Erlebtes, an Schrullen und Marotten der Eltern, an Liebgewonnenes und Eigentümliches, an Vertrautes und Fremdgewordenes. Carla erzählt: „Neulich war mir, als hätte ich ihn auf der Straße gesehen. Ich wollte ihn rufen, aber dann fiel mir ein, dass er nicht mehr da ist. Das hat mich traurig gemacht.“

Vicente und Carla stehen am Pool, der – fast metaphorisch – wasserlos vor sich hinrottet, während die Erinnerungen sie überschwemmen. Wie sie als Kinder fast einen Aufstand angezettelt und gedroht haben, erst dann beim weiteren Ausbau des Hauses mitzuhelfen, wenn sie einen Pool bekämen. „Den ganzen Sommer haben wir gegraben.“ – „Aber fertig war er erst im November, als es zu kalt zum Baden war.“ Vor dem geistigen Auge flimmern der stets schuftende Vater, mal im Garten, mal in der Garage, und die Mutter, die in der Tür steht und ruft, dass das Essen kalt wird.

Zeichnerisch grandios gelungen

Zeichnerisch sind die Überänge zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die Zeitsprünge und Erinnerungsblitze grandios gelungen. „La casa“ ist kein Comic der grellen Farben, sondern ein behutsam koloriertes Werk, das sich in vielen herbstlichen Ockertönen ergeht, ohne dadurch eintönig zu wirken. So gelingt es Paco Roca ganz wunderbar, (Ver-)Stimmungen einzufangen, auch durch den Einsatz von filmischen Gestaltungsmitteln wie Zoom oder Nahaufnahmen.

Nehmen Sie sich Zeit für diese Graphic Novel. „La casa“ benötigt Muße und Geduld, um wie ein leichter Herbstwind durch die Geschichte zu ziehen und zaghaft ein paar Erinnerungen aufzuwirbeln. Am Leser geht dieses Buch nicht spurlos vorbei; und im Erinnern an die eigene Familie wird gewiss, dass das Altern und das Abschiednehmen lange Prozesse sind, vor denen wir nicht flüchten sollten. Und dass eine Familiengeschichte nicht stirbt, wenn ein Mensch von uns geht. Solange wir uns erinnern.

Paco Roca: la casa, Reprodukt Verlag, Berlin, 2016, 128 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3956401046, Leseprobe

Seitengang dankt dem Reprodukt-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Pardon, Marceline

Und du bist nicht zurückgekommenManchmal fehlen Worte, um Bücher zu beschreiben, die so eindringlich sind, dass sie den Leser nicht mehr loslassen. Tagelang und ein Leben lang nicht. Marceline Loridan-Ivens‘ kleines Buch ist ein solcher Fall. Die Worte fehlen, weil sie nicht reichen, auch nicht heranreichen an das Lesegefühl, die Gedanken, die Erschütterung. Loridan-Ivens ist 15 Jahre alt, als sie mit ihrem Vater deportiert wird. Sie kommt nach Birkenau, er nach Auschwitz. Sie überlebt. Er nicht. Jetzt ist sie 87 Jahre alt und hat ihrem Vater einen letzten Brief geschrieben. Lesen Sie ihn!

Marceline und ihr Vater Froim Rozenberg gehörten zu den 76.500 Juden aus Frankreich, die nach Auschwitz-Birkenau gebracht worden sind. Zurückgekommen sind nur 2.500. Wirklich zurückgekommen ist niemand. „Wenn sie wüssten, alle, wie sie da sind, dass das Lager ständig in uns ist. Wir alle haben es im Kopf bis in den Tod“, schreibt Marceline. Sie selbst trägt es im ganzen Körper. Nicht nur die fünf Ziffern, die Zahl, die sie auf dem linken Unterarm stets an ihr Schicksal erinnert – sie nennt die Nummer ihre „furchtbare Gefährtin“. Nein, Marceline ist auch kein Stück mehr gewachsen, seit sie ihren Vater das letzte Mal gesehen hat.

Kurz vor seinem Tod konnte er ihr noch ein paar Worte zukommen lassen, auf einem Zettel, wenige Sätze, überbracht von einem anderen Häftling. Sie erinnert sich nur noch an die erste Zeile, die Anrede: „Mein liebes kleines Mädchen“. Der Rest ist in ihrer Erinnerung verloren gegangen. Und so sehr sie auch sucht, sie findet die Worte nicht. Bis heute nicht. Geantwortet hat sie ihm dennoch, mehr als 70 Jahre danach: „Und du bist nicht zurückgekommen“. So heißt auch das Büchlein, das jetzt auf Deutsch erschienen ist.

Ein schwer erträglicher Bericht

Entstanden ist damit nicht nur eine zutiefst ergreifende Liebeserklärung an den Vater. Entstanden ist auch ein schwer erträglicher Bericht vom Leben der Gefangenen zwischen Krematorium und Gaskammer, wo sie Gräben ausheben mussten, damit die Nazis auch dort noch die Leichen der vergasten Körper verbrennen konnten. Die Krematorien liefen schon auf Hochtouren. Immer neue Züge kommen an, und Marceline sieht die Menschen auf der Rampe zu den Gaskammern gehen, immer auf der Suche nach bekannten Gesichtern.

Loridan-Ivens glaubt zu wissen, warum sie die Worte ihres Vaters vergessen hat: „Es war notwendig, dass das Gedächtnis zerbrach, sonst hätte ich nicht leben können.“ Einen ähnlichen Gedächtnisschwund erlebt sie nach ihrer Rückkehr in Frankreich. Dort will niemand mehr etwas von den Erlebnissen wissen, verleugnet sie gar. Die Juden, so scheint es ihr, sind mehr daran interessiert, alles wieder aufzubauen. „Sie wollten, dass das Leben wieder seinen Gang nimmt, seine Zyklen wiederfindet, alles ging bei ihnen so schnell. Sie wollten Hochzeiten, sogar mit Abwesenden auf dem Foto, Hochzeiten, Paare, Lieder und bald Kinder, um die Leere auszufüllen.“

In Marcelines Familie erlebt sie das am eigenen Leib: Als sie völlig entkräftet aus Birkenau zurückkehrt, holt nicht ihre Mutter sie vom Bahnhof ab, sondern ihr Onkel, der selbst in Auschwitz gewesen ist. Verstohlen zeigt er ihr seine Nummer auf dem Arm. Dann rät er ihr, nichts zu sagen. „Sie würden es nicht verstehen.“ Und sie verstehen es tatsächlich nicht. Vielleicht wollen sie es auch nicht verstehen. Fassungslos liest man von Marcelines Mutter, die nicht weiß, was sie sagen soll, als sie ihr Kind erstmals wieder in die Arme schließt. Die nur bangt, ob sie vergewaltigt worden ist, weil sie schließlich noch verheiratet werden soll. Und die nicht versteht, warum ihre Tochter lieber auf dem Fußboden schläft, statt die weichen Laken eines bequemen Bettes zu genießen. „Man muss vergessen“, sagt ihre Mutter. Und entfernt sich damit weiter denn je von ihrer Tochter.

Unmissverständliche Antwort

Marceline Loridan-Ivens ist sich bis heute nicht sicher, ob es sich gelohnt hat, überhaupt zurückgekehrt zu sein. Eine erste unmissverständliche Antwort gaben ihr die Medien und Leser in Frankreich, als ihr Buch dort Anfang des Jahres erschien. Frankreich war ergriffen. Jetzt hat der Insel-Verlag das Büchlein in einer Übersetzung von Eva Moldenhauer herausgegeben.

Auch Deutschland kann jetzt antworten. Lesen Sie das Buch und verbreiten Sie es! Es gehört auch in die Hände derer, die fordern, man müsse langsam vergessen, heute lebe schließlich eine andere Generation. Schüler sollten es lesen und Theater es auf die Bühne bringen. Ja, es hat sich gelohnt, Marceline. Das ist die eine Antwort, die wir geben müssen. Die andere ist: Pardon. Auch wenn es nicht entschuldbar ist. Pardon, Marceline.

Marceline Loridan-Ivens: Und du bist nicht zurückgekommen, Insel Verlag, Berlin, 2015, 111 Seiten, gebunden, 15 Euro, ISBN 978-3458176602

Sehen Sie unbedingt dazu auch das hier verlinkte Autorengespräch mit Marceline Loridan-Ivens!

Die Nette und Dr. Biest

Washington SquareWas kann ein Vater seiner Tochter antun, wenn er nicht glauben möchte, dass sein Kind von einem Mann um seiner selbst willen geliebt wird, sondern beharrlich davon ausgeht, der Verlobte sei nur an der Mitgift interessiert! Henry James‘ zeitlos gebliebener Roman „Washington Square“ handelt mitunter von einer solchen Misere und ist im Manesse-Verlag in vortrefflicher Art neu erschienen.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts praktiziert in New York ein Dr. Austin Sloper, der als Arzt einen hervorragenden Ruf genießt. Seine Patienten nennen ihn „brillant“, der allwissende Erzähler beschreibt ihn als „zutiefst ehrenhaften Mann“. Doch auch Arztfamilien sind nicht vor dem Schicksal gefeit, und so verstirbt zunächst der erstgeborene Sohn im frühen Kindesalter und wenig später nach der Geburt der Tochter auch die eigene so innig geliebte Ehefrau.

Die Tochter Catherine ist für den Vater früh eine Enttäuschung, sieht er in ihr doch nur einen schlechten Ersatz für den verlorenen Sohn, den er zu einem Prachtexemplar von Mann heranziehen wollte. Catherine aber, ach!, hat nichts von der Schönheit ihrer verstorbenen Mutter geerbt. Sie sähe „nett“ aus, sagen die Leute, wenn sie Catherines Äußeres loben wollen, und auch im 19. Jahrhundert schon war nett nix für’s Bett, geschweige denn für eine Hochzeit.

Rechthaberisch bis ins letzte Detail

Catherine ist schlicht, wo andere klug sind, sie hat weder eine schnelle Auffassungsgabe noch war sie in ihrer Jugend ein Ausbund an Wildheit. Was sie jedoch von frühester Kindheit auszeichnet, ist ihre schier unerschütterliche Liebe für ihren Vater, gleichzeitig aber fürchtet sie ihn sehr. Das macht sie unterwürfig. Ihrem Vater zu gefallen, ist ihr seligster Wunsch. Der wiederum kennt keine väterliche Liebe. Kalt ist er, berechnend, ein Analytiker. Und vor allem rechthaberisch bis ins letzte Detail.

In diese schwierige Vater-Tochter-Konstellation tritt nun ein junger, gutaussehender Mann namens Morris Townsend, der Catherine den Hof macht, aber sein eigenes Vermögen durchgebracht hat. Dr. Sloper hält nichts von dem möglichen Schwiegersohn in spe, er sieht in ihm nur einen Taugenichts, der hinter dem Geld seiner Tochter her ist.

Catherine jedoch ist bereits in schüchterner Liebe entbrannt. Unglückselige Unterstützung findet sie in ihrer nicht besonders intelligenten Tante Mrs. Penniman, die hoffnungslos romantisch und sentimental ist und am liebsten selbst einen Liebhaber hätte, mit dem sie unter falschem Namen geheimnisvolle Briefe austauschen kann. Dr. Sloper erkennt bald den Ernst der Lage und verkündet, er werde seine Tochter enterben, wenn diese den Heiratsschwindler eheliche. Es beginnt ein Ziehen und Zerren zwischen zwei Männern, die nur aus blindem Egoismus handeln, nicht aus Edelmut oder zum Schutze von Catherine. Man möchte meinen, Catherine wäre dem Untergang geweiht, ein Spielball der eigensinnigen Intentionen zweier Männer. Doch Henry James entwirft mit ihr langsam die Geschichte einer stillen Heldin, die wahrhaftig liebt.

Feine Ironie und geistreiche Erzählkunst

Die Neuübersetzung von Bettina Blumenberg, die auch ein lesenswertes Nachwort verfasst hat, ist über die Maßen gelungen. Henry James‘ feine Ironie und geistreiche Erzählkunst werden hier erstmalig offenbar. Die Antiquiertheit früherer Übersetzungen sucht man vergebens. Ohnehin ist „Washington Square“ kein antiquiertes Sujet, denn auch heute noch heiratet mancher aufgrund geldwerten Vermögens.

Das Buch erscheint mit einem wunderbar handkolorierten Buchschnitt und einem passenden Lesebändchen. Dem Manesse-Verlag ist es damit gelungen, einmal mehr ein besonderes Stück Literatur herauszugeben. Eine wahre Wiederentdeckung!

Henry James: Washington Sqaure, Manesse Verlag, Zürich, 2014, 275 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 24,95 Euro, ISBN 978-3717523109, Leseprobe