Es gibt Schlimmeres im Leben als Drachen

Der zwölfjährige Gustave hat’s nun wirklich nicht leicht: Erst zerstört ein Siamesischer Zwillingstornado sein Schiff und saugt seine Mannschaft in den Himmel, da trifft er auch schon auf den Tod und dessen etwas anstrengende Schwester Dementia. Der Tod ist nicht zimperlich und stellt dem lebenswilligen Gustave sechs Aufgaben. Verliert er, gehört seine Seele dem Tod. Es beginnt eine wilde Reise durch die Nacht.

Der gleichnamige Roman des „Käpt’n Blaubär“-Schöpfers Walter Moers ist ein Ausbund an Phantasie, Humor und Andeutungen an die Weltliteratur. Es ist ein Kinderbuch und ein Buch für den belesenen erwachsenen Leser. Dem Kind wird es herzlich egal sein, wie das sprechende Pferd heißt, auf dem Gustave manche Abenteuer erlebt – es hat genug Witz für das eine oder andere Kinderkichern. Der erwachsene und belesene Leser aber freut sich, dass das Pferd Pancho Sansa heißt und erkennt eine Anspielung auf Don Quijote. Doch der besondere Kniff des Buches ist: Es ist nicht von Moers selbst illustriert worden, sondern von Gustave Doré, ohne dass der davon je erfahren hätte.

Gustave Doré war ein bekannter Maler und Grafiker des 19. Jahrhunderts, der sich vor allem durch seine Illustrationen zu Cervantes‘ Don Quijote, Dantes Göttlicher Komödie und der Bibel einen Namen gemacht hat. Schon als Schüler wurde seinen große Begabung offenbar – mit neun Jahren begann er seine Zeichnungen an Dantes Göttlicher Komödie, mit 15 Jahren verdiente er sein erstes Geld mit seinen Illustrationen. Fast 120 Jahre nach seinem Tod zieren seine Xylografien nun das Werk „Wilde Reise durch die Nacht“ von Walter Moers. Der hat die Holzschnitte aus verschiedenen Werken entliehen und daran entlang seine skurrile Geschichte erzählt.

Sechs Aufgaben muss der junge Held in einer Nacht bestehen. Dabei klingt eine schlimmer als die andere: Eine Jungfrau aus den Klauen eines Drachen befreien, möglichst auffällig durch einen Gespensterwald reiten oder gar dem schrecklichsten aller Ungeheuer einen Zahn ziehen. Das scheint gar furchtbar zu sein, aber Moers ist bekannt dafür, dass er die Erwartungen seiner Leser auf den Kopf stellt. Und so muss Gustave schon im ersten Abenteuer erkennen, dass es weitaus Schlimmeres im Leben gibt, als einem Drachen zu begegnen. Der Liebe etwa.

Es weht eine Luft von alten Abenteuerbüchern durch den Roman. Das fühlt sich ganz und gar großartig an, würdigt aber als Taschenbuchausgabe fast zu wenig die schaurigen Zeichnungen des Gustave Doré. Die gebundene Ausgabe jedoch ist vergriffen und derzeit nur antiquarisch erhältlich. Das ist schade, hätte dieser Roman von Walter Moers doch eine stets im Buchhandel verfügbare Prachtausgabe verdient.

Walter Moers: Wilde Reise durch die Nacht, Goldmann Verlag, München, 2003, 224 Seiten, Taschenbuch, 9 Euro, ISBN 978-3442452910;
gebunden (derzeit vergriffen): Eichborn Verlag, Frankfurt am Main, 2001, 208 Seiten, ISBN 978-3821808901

So bitter und wahr

Friedrich Ani schreibt nicht die Art von Kriminalroman, die jeder mag. Die gelesen werden, nur um Nervenkitzel zu verspüren. Friedrich Ani schreibt Kriminalromane, die vieles sein können, aber nicht bloß das, was lapidar als „Krimi“ bezeichnet wird. Friedrich Anis Kriminalromane halten unserer Gesellschaft in sprachlicher Brillanz den so oft zitierten Spiegel vor. Einen Spiegel, der trotz Staubschicht die Wahrheit abbildet wie kein anderer. Wir haben ihn verstauben lassen, denn warum sollten wir einen Spiegel streifenfrei putzen, der uns nur das Elend zeigt. Ani ist der würdige Nachfolger von Georges Simenon. Wer die Eigenwilligkeit Maigrets unwiderstehlich findet, kann auch die Romane um Polonius Fischer nicht wieder weglegen.

Polonius Fischer ist Ermittler bei der Münchener Mordkommission und ehemaliger Mönch. Das führt zu seltsamen Ritualen, wenn Fischer etwa seinem zwölf Personen starkem Team zum Mittag philosophische Texte vorliest. Im Polizeipräsidium heißt seine Truppe deshalb scherzhaft „Die zwölf Apostel“. In seinem dritten Kriminalroman über Polonius Fischer („Totsein verjährt nicht“) lässt Ani ihn in einem Mordfall ohne Leiche ermitteln. Das alleine ist schon ein spannendes Sujet, wird aber brisanter durch die Anlehnung an einen realen Fall: Am 7. Mai 2001 verschwand das neunjährige Mädchen Peggy aus Lichtenberg. Weder das Mädchen noch ihre Leiche wurden bis jetzt gefunden. Trotzdem ist der geistig behinderte Ulvi K. wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Und das nur, weil der Tatverdächtige ein Geständnis abgelegt hatte, was er allerdings zwei Tage später widerrief.

Ani hat den Fall auf die heutige Zeit übertragen und lässt Polonius Fischer nach der verschwundenen Scarlett suchen, die vor sechs Jahren in München spurlos verschwunden ist. Verurteilt wurde auch bei Ani ein geistig behinderter Mann, Jonathan Krumbholz, der die Tat gestand und das Geständnis wenig später widerrief. Ein junger Mann schreibt Polonius Fischer einen Brief, er habe Scarlett lebend gesehen. Das nimmt Fischer zum Anlass, um zunächst heimlich zu ermitteln. Immer in seinen Gedanken: Seine Lebensgefährtin, eine Taxifahrerin, die brutal überfallen worden ist und nun bewusstlos im Krankenhaus liegt.

Immer neue Hinweise, Fakten, Ungereimtheiten lassen Fischer mehr und mehr daran zweifeln, dass seine Polizeikollegen damals bei der Lösung des Falls alle Möglichkeiten in Betracht gezogen haben. Es verdichtet sich die böse Ahnung, dass schnell ein Tatverdächtiger präsentiert werden musste. Und vielleicht ist Scarlett doch nicht tot, obwohl ihre Mutter auf dem Friedhof bereits ein Grab für sie gekauft hat. Fischer wird zunehmend wütender auf seine Kollegen, je mehr sich ein Knäuel von Fragen auftut. Gleichzeitig schaukelt der Leser zwischen Wut und Fassungslosigkeit. Die Kälte der Mitmenschen, das Elend, die Ratlosigkeit von Eltern und ihre Ungeübtheit, mit Kindern umzugehen. Klarzukommen im Leben. Martin Luther hat geschrieben: „Kinder sind das lieblichste Pfand in der Ehe, sie binden und erhalten das Band der Liebe.“ In dem Roman „Totsein verjährt nicht“ scheint die Lieblichkeit vergessen. Brutal ist diese Welt. Wir leben in ihr und schauen doch am liebsten weg. Den Spiegel lassen wir blind werden. Nur Friedrich Ani kommt dann und wann und zeigt uns die Realität. Die so bitter und so wahr ist.

Es gibt eine Lösung. Friedrich Ani hat sie für den Fall Scarlett. Sie ist ebenso bitter und kaum befriedigend. Noch bitterer aber ist die Lösung, die keine ist. Der Leser klappt das Buch zu. Denkt nach. Sinnt über das Gelesene. Und es folgt die Frage, für die es bis jetzt keine Lösung gibt: Was ist mit Peggy?

Friedrich Ani: Totsein verjährt nicht, Paul Zsolnay Verlag, 2009, 285 Seiten, gebunden, 19,90 Euro, ISBN 978-3552054707

Elvis lebt

Als großer Elvis-Fan muss man vielleicht dieses Buch lesen. Mit gemischten Gefühlen, ohne große Erwartungen, gibt es doch dermaßen viele Bücher über Elvis Presley und nur wenige qualitativ hochwertige. Mit dem Namen des King of Rock’n’Roll lässt sich eben immer noch Geld machen. Keine gute Ausgangslage für das Buch „That’s all right, Mama“ von Bertina Henrichs.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Eva Jacobi kommt aus Frankreich nach Hause, weil ihre Mutter ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Sie sehen sich noch einmal, als ihre Mutter ihr aufträgt, Wäsche aus der Wohnung zu holen. Als Eva ins Krankenhaus zurückkehrt, ist ihre Mutter tot. Was folgt, ist Trauerarbeit. Als Eva auf dem Küchentisch ein Flugticket ihrer Mutter entdeckt, das sie für zwei Wochen nach Memphis bringen sollte, ist dem Leser die Fortsetzung schnell klar. Natürlich: Eva tritt diese Reise für die Mutter an, die großer Elvis-Fan gewesen ist und wohl noch einmal ihrem Idol nahe sein wollte. Leider versäumt es die Autorin, die Überlegungen zu schildern, weshalb die Tochter nun die Reise übernimmt. Zu schnell ist der Schritt gemacht. Es fehlt Nähe an dieser doch so intimen, persönlichen Stelle der Mutter-Tochter-Beziehung.

Eine weitere Szene im Buch liest man mit Befremden: Eva sitzt in Memphis in einem Linienbus und hört das Telefongespräch eines Sitznachbarn mit, der sich über die mangelnde Erfahrung seiner Frau in der Küche beschwert. Daraus entwickelt sich vor Evas geistigem Auge eine detailreiche Sexszene, die mir völlig unverständlich war. Wohingegen sie eine spätere, persönliche Sexerfahrung mit einer Reisebekanntschaft sehr nüchtern und unerotisch schildert.

Trotz dieser Mängel las sich das Buch sehr angenehm, gerade sprachlich rangiert der Roman auf einem guten Niveau. Und es sind vor allem die skurrilen Personen, die kleinen Geheimnisse und nicht zuletzt natürlich die Omnipräsenz von Elvis Presley, die das Buch lesenswert machen. Ob der Streit zweier Elvis-Imitatoren in einer Schlägerei endet, eine Künstlerin behauptet, sie habe Beweise dafür, dass Elvis noch lebe oder Eva gar selbst bald daran zweifelt, ob Elvis tatsächlich tot ist – die Mutter-Tochter-Beziehung tritt ein wenig zu sehr in den Hintergrund. Aber am Ende schadet es nicht, denn man klappt das Buch zu und fühlt sich gut unterhalten. Jedoch: Der große Wurf ist es nicht.

Bertina Henrichs: That’s all right, Mama, Hoffmann und Campe Verlag, 2009, 221 Seiten, gebunden, 17,95 Euro, ISBN 978-3455401493