Eternauta reloaded

Im Jahr 2016 erschien in Deutschland zum ersten Mal der bekannteste argentinische Comic der 50er Jahre: „Eternauta“ von Héctor Germán Oesterheld. Der Science-Fiction-Klassiker wird noch heute als hellsichtiges Vorzeichen der Militärdiktatur in Argentinien gelesen, ist aber auch eng mit dem Leben seines Autors verknüpft. 1969 hat Oesterheld ein Remake seines Stoffes geschrieben – mit einem neuen Zeichner an seiner Seite, der einen neuen illustratorischen Zeitgeist vertrat. Auch dieses Buch ist nun auf Deutsch erschienen, vermag aber den ursprünglichen Geist des Eternauta nicht mehr so recht einzufangen. Das allerdings hat verständliche Gründe.

Wie schon im Ur-Eternauta sitzt der Held Juan Salvo eines Abends mit drei Freunden in Buenos Aires beim Kartenspiel zusammen, als plötzlich das Radio verstummt, das Licht erlischt und es draußen zu schneien beginnt. Für uns Europäer ist das nicht gerade das siebte Weltwunder, aber in der argentinischen Hauptstadt hat es zuletzt 1918 Schnee gegeben, und umso faszinierter sind die Großstädter von diesem Phänomen. Beim Blick aus dem Fenster wird den Vieren aber schnell klar, dass das kein gewöhnlicher Schnee ist. Wie ein Leichentuch legt sich eine dichte Decke aus tödlichen Flocken über die Außenwelt, und alles Lebende, was von ihnen berührt wird, stirbt augenblicklich.

Juan überprüft alle Fenster im Haus und berichtet seiner Frau Elena und Tochter Martita von der Katastrophe, die über sie hereingebrochen ist. Einen der Freunde aus der Kartenrunde hält die Todesgefahr jedoch nicht zurück – zu groß ist die Sorge um die daheimgebliebene Familie. Er rennt zur Tür hinaus und fällt nach nur wenigen Metern leblos zu Boden. Ausgelöscht. Die Freunde werden stumme Zeugen, die nur tatenlos zusehen können.

Die Großmächte haben Südamerika ausgeliefert

Das Radio macht schließlich alle Deutungen, woher der Niederschlag kommen mag, zunichte: Außerirdische haben ganz Lateinamerika angegriffen und rotten jetzt die Bevölkerung aus. Hilfe wird nicht kommen, denn die Großmächte haben Südamerika ausgeliefert, um selbst nicht angegriffen zu werden. Die Argentinier bestärkt das nur noch mehr: Sie werden sich gemeinsam dem Gegner in den Weg stellen. Und so wird auch in diesem Remake aus einer Science-Fiction-Nummer ein Kriegs-Epos.

Neu ist indes vor allem, dass die Großmächte den Angriff der Außerirdischen auf Lateinamerika tolerieren – eine deutliche Anspielung auf den US-amerikanischen imperialistischen Einfluss. Argentinien befand sich zum Entstehungszeitpunkt der neuen Fassung in einer Diktatur. General Juan Carlos Onganía war 1966 durch einen Putsch an die Macht gekommen und regierte das Land mit einem wirtschaftsliberalen Kurs, der den Arbeitern mehr und mehr gegen den Strich ging.

Als am 29. Mai 1969 die ersten drei Seiten des neuen „Eternauta“ in der Illustrierten „Gente“ („Leute“) erschienen, begann in Córdoba, der zweitgrößten Industriestadt des Landes, der berühmte „Cordobazo“, ein Volksaufstand, bei dem sich Arbeiter und Studenten zu einer großen demonstrierenden Masse vereinten. Es kam zu gewaltsamen Zusammenstößen mit Sicherheitskräften; viele Menschen wurden getötet. Onganía musste später zurücktreten.

„Sie baten mich, meine Zeichnungen zu ändern“

Neu ist aber auch der Stil der Illustration, den der neue Zeichner Alberto Breccia einführt: düster, mit teils unvollständigem Strich, die Gesichter oft grimassenhaft verzerrt. Das kommt bei vielen Lesern und auch im Verlag der populären Zeitschrift überhaupt nicht gut an. Breccia erinnert sich: „Sie riefen mich an und baten mich, meine Zeichnungen zu ändern, sie klarer und kommerzieller zu machen. Ich antwortete, dass dies mein Zeichenstil sei, und wenn er ihnen nicht gefalle, sollten sie ‚Eternauta‘ nicht weiter publizieren.“

Jede Woche sollten drei neue Seiten veröffentlicht werden. Der Verlag sprach auch mit Oesterheld, der aber der Meinung war, das Werk müsse fertiggestellt werden. Sie vereinbarten deshalb, den größeren Teil der Story zu kürzen und in wenigen Kapiteln zusammenzufassen. Das wiederum führt dazu, dass die Geschichte gehetzt wirkt, während sie in der Ursprungsfassung manchmal sogar zu detailliert daherkam. Die erste Version kommt noch auf 392 Seiten, das Remake nur noch auf knappe 50 Seiten.

Man sollte sich in diesem Fall nicht an Seitenzahlen aufhalten. Der neue Eternauta ist ganz unabhängig von der Dicke des Bandes nicht die besser erzählte Story. Aber der Grund seines Scheiterns im Jahr 1969 ist elementar: Oesterheld und Breccia erzählen von Einzelnen, die sich zusammenschließen, um sich gegen eine Übermacht zur Wehr zu setzen, um ihrem Leben einen Sinn zu geben, während die Großmächte sie verraten. Vor dem Hintergrund der Unruhen des Jahres 1969 bekommt der Comic eine Realitätsnähe, die wohl nicht so recht in eine Zeitschrift zu passen scheint, die sich den Reichen und Schönen verschrieben hat. Die Realität im Lande darzustellen, und zwar mit den düsteren expressionistischen Zeichnungen, in denen Alberto Breccia sie sah, das ging dem Chefredakteur der „Gente“ entschieden zu weit. Nach nur 16 Wochen ist Schluss mit dem „Eternauta“, die Geschichte ist auserzählt, und Chefredakteur Carlos Fontanarrosa entschuldigt sich in einem Artikel bei seinen Lesern: „Unser Auftrag ist die Kommunikation und wir hätten uns auf die Ästhetik seiner Zeichnungen, die sie manchmal völlig unverständlich machte, nicht einlassen dürfen.“ Zurück zur Weltflucht mit den Schönen und Reichen.

Reine Comic-Freunde werden enttäuscht sein

Der „Eternauta 1969“ ist ein Werk für Eternauta-Fans, für historisch Interessierte im Bereich Lateinamerika oder für Kunstkenner. Reine Comic-Freunde aber werden vermutlich von der zusammengerafften Story enttäuscht sein und sollten eher zum Ursprungswerk greifen (hier geht‘s zur Seitengang-Rezension) – wenngleich das Nachwort, ein Essay von Guillermo Saccomanno und Carlos Trillo, die Entstehungsgeschichte des Comic-Remakes gut einordnet. Bedauerlich, dass Oesterheld und Breccia nie die Gelegenheit hatten, ihre neue Version des „Eternauta“ mit allen Facetten zu erzählen. Vermutlich hätte es die erste Version in den Schatten gestellt.

Oesterheld, Sohn eines deutschen Auswanderers und einer spanischen Mutter, hat wenige Jahre später seinen ganz eigenen Kampf erlebt. Man geht davon aus, dass er selbst um 1978 ermordet worden ist. Geklärt ist sein Verbleib jedoch nicht. Kurz vor einem erneuten Putsch des Militärs war er 1976 mit seinen vier Töchtern in den Untergrund gegangen, um für die Revolution zu kämpfen. Er kam nie zurück. Geblieben ist der Welt seine bedeutsamste Geschichte: der Eternauta, der ewig Reisende zwischen den Welten.

Héctor Germán Oesterheld / Alberto Breccia: Eternauta 1969, Avant-Verlag, Berlin, 2017, 64 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3945034699, Leseprobe

Seitengang dankt dem Avant-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Widerstand hat einen Namen: Eternauta

EternautaZum ersten Mal ist in Deutschland jetzt der bekannteste argentinische Comic der 50er Jahre erhältlich. Die Handlung selbst ist nicht immer gut und lobenswert, die Entstehungsgeschichte, die Historie jedoch ist beachtlich. Geschrieben 1957 von Héctor Germán Oesterheld wird sie in dem südamerikanischen Land immer noch als Vorzeichen der Militärdiktatur und als Omen der eigenen Geschichte des Autors gelesen. Der Zeit-Autorin Anna Kemper ist es maßgeblich zu verdanken, dass die Story auch hierzulande jetzt noch einmal erzählt wird.

Wir schreiben das Jahr 1963. In der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires sitzt Juan Salvo am Abend mit drei Nachbarn zusammen und spielt Karten. Seine Frau Elena liegt schon im Bett und liest, während Töchterlein Martita bereits schläft. Es ist Winter und bitterkalt, so dass Juan darauf achtet, Fenster und Türen fest geschossen zu halten, damit ja keine kalte Luft von außen hereindringt. Das sollte den Sechsen später vorerst das Leben retten.

Europäer würden sich wahrscheinlich nicht besonders wundern, wenn es im Winter zu schneien beginnt, in Argentinien aber ist das eine Seltenheit. Umso verständlicher ist uns Europäern dann die herrschende Aufregung, als die Kartenspieler plötzlich feststellen, dass große weiße Flocken vom Himmel herab schweben. Der Strom fällt aus und alle Geräusche der Nacht verstummen. Schnell wird deutlich: Der Schnee ist kein gewöhnlicher Niederschlag, sondern eine Tod bringende Materie. Jeder, der mit den Flocken in Berührung kommt, stirbt unmittelbar.

Außerirdische erobern die Stadt

Man mag unweigerlich an einen Atomunfall denken – Fallout, aber dem ist nicht so. Die Wahrheit ist ungleich schrecklicher: Außerirdische erobern die Stadt und wohl auch ganze Erdteile. Sie senden ungeheuerliche Luftschiffe in die Städte und ein Heer aus kafkaesken Riesenkäfern mit unheimlichen Strahlenwaffen in die Straßen und vernichten alles, was sich ihnen in den Weg stellt. Manche Bewohner verwandeln sie in Robotermenschen, was wohl auch keine besonders erfreuliche Aussicht für den Rest des Lebens ist.

Juan und seine Nachbarn jedoch begehren auf. Sie wollen kämpfen und die Invasoren zurücktreiben. Zunächst ist das ein wenig aussichtsreicher Plan, auch wenn die Vier diverse erstaunliche Fertigkeiten zusammenbringen. Dann aber treffen sie auf andere Mitstreiter, unter anderem Reste des Militärs und einen Journalisten, der alles für die Nachwelt festhält. Elena und Martita hat Juan jedoch im vermeintlich sicheren Haus zurückgelassen. Kampfhandlungen, das wird sehr deutlich, sind Männersache.

Sie ziehen sich auch über weite Strecken dieses Buches hin, und das ist auch das, was man ihm vorwerfen muss: Es ist teilweise ein wenig langweilig und ermüdend, immerzu Kämpfe zu verfolgen. „Eternauta“ (sinngemäß: „Der ewig Reisende“) ist dementsprechend mehr als Kriegs- denn als Science-Fiction-Epos zu bezeichnen. Für die Einwohner von Buenos Aires muss es allerdings faszinierend gewesen sein, dass sich die Geschichte an bekannten Ecken und Straßen der Stadt abspielt.

Parabel für die spätere Militärdiktatur in Argentinien

Was es jedoch so bemerkenswert macht, ist das Parabelhafte für die spätere Militärdiktatur in Argentinien. Legt man dieses Wissen als Blaupause über die Seiten, ermöglicht das eine ganz andere Lesart. Man geht davon aus, dass Oesterheld, Sohn eines deutschen Auswanderers und einer spanischen Mutter, selbst um 1978 ermordet worden ist. Geklärt ist sein Verbleib jedoch nicht.

Héctor Oesterheld war kurz vor dem Putsch des Militärs 1976 mit seinen vier Töchtern in den Untergrund gegangen, um für die Revolution zu kämpfen – so wie Juan in „El Eternauta“ gegen die Invasoren aus dem All kämpft. Sich gemeinsam zur Wehr zu setzen, das ist das starke Motiv dieses Comics. Und so schrieb Oesterheld laut des Nachworts von Estela Schindel im Prolog zur Ausgabe von 1976: „Der wahre Held (…) ist ein kollektiver Held, eine Gruppe von Menschen. Ohne dass es im Vorhinein meine Intention gewesen wäre, spiegelt er meine tiefe Überzeugung wider, dass der einzig zulässige Held der Gruppenheld ist.“

Hier beherrscht den Comic also kein Superheld als Einzelkämpfer, sondern erst in der Gruppe der revolutionären Kämpfer wird der Held geboren, dem Unmenschliches gelingt. Auch Oesterhelds vier Töchter kehren übrigens nicht lebend zurück. Heute erinnert ein Platz in Buenos Aires an die Familie Oesterheld, in einer U-Bahn-Station prangt ein großes Mosaikbild des „Eternauta“.

Kunstvolle Zeichnungen

Verantwortlich für die grafische Umsetzung ist Francisco Solano López. Seine Zeichnungen sind kunstvoll und sorgen für feine Details. Beachtlich, wie er Schwarzweiß-Kontrastierungen nutzt! Wie dem erhellenden Beitrag von Johann Ullrich (Avant-Verlag) über die goldenen Comicjahre Argentiniens zu entnehmen ist, war López Feuer und Flamme, als er von Oesterheld das Skript des ersten Kapitels bekam: „Die Beschreibung der Situation und der Atmosphäre, die Haltungen der Protagonisten und ihr Verhalten gemäß der Persönlichkeit eines jeden einzelnen von ihnen, stellten mich vor eine Herausforderung, wie ich sie seit Anbeginn meiner Arbeit als Comiczeichner gesucht hatte.“

Faszinierend ist auch, wie López es gelingt, die Stärke seiner Zeichnungen über rund 350 Seiten beizubehalten. Denn die Geschichte des „Eternauta“ erschien in dem von Oesterheld mit seinem Bruder Jorge zusammen gegründeten Verlag „Ediciones Frontera“ als Fortsetzungsgeschichte in 106 Heften. In der deutschen Ausgabe sind alle zu einem rund zwei Kilo schweren Buch versammelt. Glauben Sie ja nicht, dass Sie das Buch unterwegs lesen können. Allein die Ausmaße des Hardcover-Buchs von 28×22 cm im Querformat machen es schwierig, das Werk in der U-Bahn ohne fremde Schöße zu lesen.

Dass der „Eternauta“ überhaupt in Deutschland veröffentlicht wurde, ist nicht nur dem Avant-Verlag zu verdanken, sondern wohl maßgeblich der Zeit-Autorin Anna Kemper, die für ihren Artikel „Auf der Suche nach der verlorenen Familie“ (Zeit-Magazin Nr. 2/2015, 9. Januar 2015) über die Geschichte der Familie Oesterheld einige Seiten des „Eternauta“ selbst ins Deutsche übersetzt hat.

Oesterheld und Peer Steinbrück

Oesterheld hat mehr als 160 Werke verfasst – der „Eternauta“ aber gilt als das wichtigste. Die Veröffentlichung der deutschen Ausgabe ist von einer Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe begleitet worden (der leidenschaftliche Comicsammler Peer Steinbrück etwa kam zur Ausstellungeröffnung ins Literaturhaus Stuttgart und hatte schon 2011 in einem lesenswerten Interview mit dem Tagesspiegel die Werke von Oesterheld als für ihn bedeutsam erklärt).

Bleibt zu hoffen, dass der Mythos des „Eternauta“ nicht zu schnell wieder in Vergessenheit gerät. In Argentinien steht das wohl nicht zu befürchten, aber auch in anderen Teilen der Welt entsteht eine Revolution nie durch Einzelne, sondern nur durch die Gemeinschaft der Einzelnen, die für eine gute, freiheitliche Sache kämpft, koste es, was es wolle.

Héctor G. Oesterheld / Francisco Solano López: Eternauta, Avant-Verlag, Berlin, 2016, 392 Seiten, gebunden, 39.95 Euro, ISBN 978-3945034354, Leseprobe

Seitengang dankt dem Avant-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Ein Labyrinth der Möglichkeiten

Das LabyrinthDer schwedische Online-Journalist und Blogger Sigge Eklund hat einen Roman geschrieben, der vom deutschen Verlag Dumont als Antwort auf Gillian Flynns „Gone Girl“ beworben wird. „Das Labyrinth“ hat diesen Vergleich jedoch gar nicht nötig, denn das Leseerlebnis ist noch eindringlicher und verstörender als bei dem amerikanischen Bestseller. Dieser Roman ist wie ein Wein mit einem langen Abgang. Und den letzten Tropfen vergisst man nicht.

Das Ehepaar Åsa und Martin Horn ist verzweifelt: Ihre elfjährige Tochter Magda verschwindet genau zu der Zeit, als die beiden im Restaurant um die Ecke zu Abend essen. Zwar haben die beiden immer mal wieder nach ihrer Tochter gesehen, die Haustür jedoch völlig arglos nie abgeschlossen. So ist es die erste Vermutung, ein Mann könnte sich ins Haus geschlichen und Magda mitgenommen haben, denn als Åsa und Martin gegen zehn Uhr zurückkehren, ist Magda nicht mehr da.

Es beginnt eine große Suchaktion, zunächst mit den Nachbarn, dann mit der Polizei, mit Suchtrupps und Tauchern. Bei einer Pressekonferenz wenden sich Åsa und Martin direkt an einen möglichen Entführer. Doch die Botschaft wird ihnen wenig später selbst zum Verhängnis, denn nun konzentriert sich die Ermittlungsarbeit der Polizei auf sie beide: Sie stehen im Verdacht, ihre Tochter ermordet zu haben.

Aus vier verschiedenen Perspektiven erzählt

Und genau hier setzt die Handlung des Romans ein. Erzählt wird die Geschichte aus vier verschiedenen Perspektiven: Zum einen natürlich aus der Sicht von Åsa und Martin, zum anderen aber auch durch Tom, einem sehr loyalen Mitarbeiter von Martin, sowie dessen Ex-Freundin Katja. Alle vier sind in irgendeiner Weise miteinander verbunden, und sei es auch nur über Magda.

Als Leser sitzt man schnell zwischen den Stühlen, denn alle machen den anderen und auch dem Leser etwas vor, teilweise aber auch sich selbst. Bei Gerichtsprozessen heißt es nicht umsonst, dass der Zeuge das unsicherste Beweismittel ist. Vor allem dann, wenn er ein eigenes Interesse an einem bestimmten Ausgang des Verfahrens hat. Åsa und Martin reiben sich gegenseitig auf, durch gegenseitige Schuldzuweisungen, aber auch durch ihre eigenen Schuldgefühle. Ihre Ehe besteht nur noch auf dem Papier. Martin stürzt sich in seine Arbeit als Verlagslektor, Åsa streift auch nach Monaten noch nachts durch die Gegend und hofft, nachempfinden zu können, wie Magdas Entführer sie ausgewählt, beobachtet und schließlich mitgenommen hat.

Tom ist nicht einfach nur loyal, sondern geradezu unterwürfig und latent homoerotisch fasziniert von seinem Chef. Er ist besessen von dem Gedanken, Martin entlasten und dessen Unschuld beweisen zu können und ermittelt auf eigene Faust. Und Katja ist die neue Krankenschwester an Magdas Schule und hat erst kurz vor ihrem Verschwinden seltsame Male am Körper des Mädchens entdeckt. Was Åsa und Tom nicht wissen: Martin und Katja kennen sich. Und das ist nicht das letzte Geheimnis, das Martin mit sich herumträgt.

Symbol für das Gewirr aus Gedanken

Das titelgebende Labyrinth ist Symbol für die falschen Wege, die man einschlägt, für das Gewirr aus Gedanken, aus dem man schlecht den Ausgang findet, wenn sich das Ganze nicht aus einer höheren Warte betrachten lässt. Erst zum Schluss gelingt es zumindest dem Leser, sich zu erheben und das ganze fürchterliche Debakel von oben zu betrachten.

Auch wenn „Das Labyrinth“ auf den Krimi-Tischen der Buchhandlungen liegt, so ist es dennoch kein klassischer Krimi, sondern ein wirklich gut geschriebenes und vielschichtiges Beziehungsdrama mit hervorragend ausgefeilten Charakteren. Am Ende bleibt wie so oft die Gewissheit, dass ein wenig Offenheit und Miteinanderreden Vieles verhindert hätte.

Sigge Eklund: Das Labyrinth, Dumont Buchverlag, Köln, 2015, 383 Seiten, broschiert, 14,99 Euro, ISBN 978-3832197582

Die Nette und Dr. Biest

Washington SquareWas kann ein Vater seiner Tochter antun, wenn er nicht glauben möchte, dass sein Kind von einem Mann um seiner selbst willen geliebt wird, sondern beharrlich davon ausgeht, der Verlobte sei nur an der Mitgift interessiert! Henry James‘ zeitlos gebliebener Roman „Washington Square“ handelt mitunter von einer solchen Misere und ist im Manesse-Verlag in vortrefflicher Art neu erschienen.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts praktiziert in New York ein Dr. Austin Sloper, der als Arzt einen hervorragenden Ruf genießt. Seine Patienten nennen ihn „brillant“, der allwissende Erzähler beschreibt ihn als „zutiefst ehrenhaften Mann“. Doch auch Arztfamilien sind nicht vor dem Schicksal gefeit, und so verstirbt zunächst der erstgeborene Sohn im frühen Kindesalter und wenig später nach der Geburt der Tochter auch die eigene so innig geliebte Ehefrau.

Die Tochter Catherine ist für den Vater früh eine Enttäuschung, sieht er in ihr doch nur einen schlechten Ersatz für den verlorenen Sohn, den er zu einem Prachtexemplar von Mann heranziehen wollte. Catherine aber, ach!, hat nichts von der Schönheit ihrer verstorbenen Mutter geerbt. Sie sähe „nett“ aus, sagen die Leute, wenn sie Catherines Äußeres loben wollen, und auch im 19. Jahrhundert schon war nett nix für’s Bett, geschweige denn für eine Hochzeit.

Rechthaberisch bis ins letzte Detail

Catherine ist schlicht, wo andere klug sind, sie hat weder eine schnelle Auffassungsgabe noch war sie in ihrer Jugend ein Ausbund an Wildheit. Was sie jedoch von frühester Kindheit auszeichnet, ist ihre schier unerschütterliche Liebe für ihren Vater, gleichzeitig aber fürchtet sie ihn sehr. Das macht sie unterwürfig. Ihrem Vater zu gefallen, ist ihr seligster Wunsch. Der wiederum kennt keine väterliche Liebe. Kalt ist er, berechnend, ein Analytiker. Und vor allem rechthaberisch bis ins letzte Detail.

In diese schwierige Vater-Tochter-Konstellation tritt nun ein junger, gutaussehender Mann namens Morris Townsend, der Catherine den Hof macht, aber sein eigenes Vermögen durchgebracht hat. Dr. Sloper hält nichts von dem möglichen Schwiegersohn in spe, er sieht in ihm nur einen Taugenichts, der hinter dem Geld seiner Tochter her ist.

Catherine jedoch ist bereits in schüchterner Liebe entbrannt. Unglückselige Unterstützung findet sie in ihrer nicht besonders intelligenten Tante Mrs. Penniman, die hoffnungslos romantisch und sentimental ist und am liebsten selbst einen Liebhaber hätte, mit dem sie unter falschem Namen geheimnisvolle Briefe austauschen kann. Dr. Sloper erkennt bald den Ernst der Lage und verkündet, er werde seine Tochter enterben, wenn diese den Heiratsschwindler eheliche. Es beginnt ein Ziehen und Zerren zwischen zwei Männern, die nur aus blindem Egoismus handeln, nicht aus Edelmut oder zum Schutze von Catherine. Man möchte meinen, Catherine wäre dem Untergang geweiht, ein Spielball der eigensinnigen Intentionen zweier Männer. Doch Henry James entwirft mit ihr langsam die Geschichte einer stillen Heldin, die wahrhaftig liebt.

Feine Ironie und geistreiche Erzählkunst

Die Neuübersetzung von Bettina Blumenberg, die auch ein lesenswertes Nachwort verfasst hat, ist über die Maßen gelungen. Henry James‘ feine Ironie und geistreiche Erzählkunst werden hier erstmalig offenbar. Die Antiquiertheit früherer Übersetzungen sucht man vergebens. Ohnehin ist „Washington Square“ kein antiquiertes Sujet, denn auch heute noch heiratet mancher aufgrund geldwerten Vermögens.

Das Buch erscheint mit einem wunderbar handkolorierten Buchschnitt und einem passenden Lesebändchen. Dem Manesse-Verlag ist es damit gelungen, einmal mehr ein besonderes Stück Literatur herauszugeben. Eine wahre Wiederentdeckung!

Henry James: Washington Sqaure, Manesse Verlag, Zürich, 2014, 275 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 24,95 Euro, ISBN 978-3717523109, Leseprobe

Bizarre Begierde nach dem Vergewaltiger

OhEines der bekanntesten Enfants terribles der französischen Literatur hat wieder zugeschlagen: Philippe Djian stichelt in seinem neuen, ins Deutsche übersetzte Werk mit dem schlichten Titel „Oh…“ nicht mehr gegen den Literaturbetrieb, sondern widmet sich der Film- und Fernsehindustrie. Hauptthema aber ist die Bewältigung einer erlebten Vergewaltigung. Wie immer hat Djian das raffiniert verwoben. Nur mit seinem üblichen Chaos-Setting hat er es diesmal etwas übertrieben.

Michèle ist eine knallharte Filmproduzentin, die an mehreren Fronten gleichzeitig kämpft: Sie hat eine Affäre mit dem Mann ihrer besten Freundin, ihr Sohn ist auf dem besten Wege, sich ein Kuckuckskind unterschieben zu lassen, und ihr eigener Vater sitzt seit Jahren im Gefängnis, weil er einst 70 Kinder in einem Ferienlager an der Atlantikküste erschossen hat. In Frankreich kennt man Michèles Vater nur als „Das Monster von Aquitanien“. Zu allem Überfluss kündigt Michèles 75-jährige Mutter an, wieder heiraten zu wollen, und zwar ihren wesentlich jüngeren Lover.

Michèle ist es gewohnt, dass die Menschen vor ihrer Dominanz zurückschrecken und unter ihr einknicken. Eines Tages aber wird sie in ihrem eigenen Haus überfallen und vergewaltigt. Sie selbst ist nun die Schwache, die Unterlegene, und das wirft sie völlig aus der Bahn. Sie beschließt, niemandem davon zu erzählen, weiterzumachen wie bisher, sich aber Pfefferspray zu kaufen und das Haus mit einer Alarmanlage zu sichern. Vielleicht glaubt sie, die völlig durchgedrehte Welt um sie herum werde sie das Erlebte schon vergessen lassen. Aber das funktioniert nicht. Mehr noch: Sie beginnt zu realisieren, dass ihr die Erinnerung an die Machtübernahme durch den vermummten Mann ungeahnte Lust verschafft. Sie begehrt ausgerechnet den Mann, der sie zuvor vergewaltigt hat. Die anderen Männer und Geliebten in ihrem Leben sind dagegen Langweiler, Banker, Nachbarn und vor allem: stets unterwürfig.

Sex spielt eine wichtige Rolle

Wer jetzt glaubt, Djian hätte die französische Version von „Shades of Grey“ geschrieben, der irrt. Solche Nacheiferungen hat Djian nicht nötig. Sex spielt in allen seinen Büchern eine wichtige Rolle, und auch bei „Oh…“ ist er allgegenwärtig. In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Focus erklärte Djian, auf das Thema Sex in seinen Büchern angesprochen: „Zuerst geht es mir um die Beziehungen zwischen Menschen. Da kann ich diesen Bereich schwerlich auslassen. Die Gesten, die mit Sex zu tun haben, sind äußerst aufschlussreich für die Psyche der Personen. Da kann man wirklich erkennen, ob jemand ein gemeiner Hund ist oder nicht.“

Michèle ist kein gemeiner Hund, sondern schlichtweg eine Frau, der etwas Ungeheuerliches passiert ist, und der wir dabei folgen, das Erlebte zu verstehen. Und trotz der vielen wörtlichen Rede in diesem Buch ist es eher ein innerer Monolog, den man zwischen den Zeilen lesen muss, zwischen den assoziativen Reihungen, die manchmal so viel Fahrt aufnehmen, dass es einem schwindelig werden kann beim Lesen.

Das ist starke Literatur, fürwahr! Aber für den Leser bedeutet das Arbeit: Viel Aufmerksamkeit ist vonnöten! Wer gerne kurz vor dem Schlafen noch ein paar Seiten liest, sollte besser zu einem anderen Buch greifen. Hinzu kommt das eingangs erwähnte maßlos chaotische Setting. Da hätte sich Djian etwas in Zurückhaltung üben können – wobei das noch nie eine von Djians Eigenschaften gewesen ist.

Was dem Diogenes Verlag noch anzukreiden wäre, ist die missglückte Umschlagbeschreibung. Dort ist zu lesen, Michèle sage das titelgebende „Oh…“, „nachdem sie in ihrem Haus bei Paris überfallen wurde“. Möglicherweise ist da zu Beginn ein „Oh…“ verloren gegangen, aber das einzige „Oh…“ dieses Romans fällt auf Seite 231. Und es steht im letzten Satz. Die Beschreibung auf dem Umschlag lässt etwas anderes vermuten. Aber das ist wohl bei einem Buch wie diesem nur eine Nebensache und kann als Kleinlichkeit des Rezensenten abgetan werden.

Philippe Djian: Oh…, Diogenes Verlag, Zürich, 2014, 231 Seiten, gebunden, 21,90 Euro, ISBN 978-3257069044, Leseprobe