Kinder, die Monster lauern nicht unterm Bett

In einem kleinen verschlafenen Nest namens Archer’s Peak im mittleren Westen der USA verschwinden seit Wochen Kinder und Jugendliche. An den Anschlagtafeln der Stadt flattern die „Vermisst“-Plakate in mehreren Schichten übereinander, doch die Behörden sind völlig ratlos. Bis eines Tages ein Überland-Bus hält und eine junge Frau aussteigt. Die Reisende heißt Erica Slaughter und ist die wohl coolste Monsterjägerin seit Buffy oder Arya Stark. Willkommen in Archer’s Peak und willkommen in der grandiosen Comic-Reihe „Something is killing the children“ von James Tynion IV und Werther Dell’Edera.

Der amerikanische Bundesstaat Wisconsin ist vor allem ländlich geprägt. Viele Wälder und Farmen, viel Land, und kaum größere Städte. Das fiktive Archer’s Peak liegt mitten im Nirgendwo in der tiefsten Provinz. Immerhin: es gibt eine Schule, eine Hockeymannschaft, ein Diner, einen Baumarkt, eine Wohnwagensiedlung und schummerige Bars. Der Sheriff der Stadt ist ein müder schnauzbärtiger Typ mit Schirmmütze, der in der Vermisstensache nicht mehr weiter weiß. Irgendwann tauchen Leichenteile auf, und die Polizei kann damit immerhin neun Vermisstenfälle klären. Alle diese Vermissten sind mausetot. Die örtliche Polizei geht von einem tollwütigen Bär aus. Mord und Totschlag in Archer’s Peak? Der Sheriff glaubt nicht dran: „Wir sind hier nicht in Milwaukee, Madison oder auch Green Bay. Hier passieren solche Dinge einfach nicht.“ Hier ist Archer’s Peak, wo jede*r jede*n kennt.

Doch es gibt Menschen, die es besser wissen. James zum Beispiel. Der queere Schüler hat einen Angriff des Monsters nur knapp überlebt, seine Freunde, mit denen er im Wald war, wurden von den Klauen auseinandergerissen und zerfetzt. Er erzählt der Polizei von einem Monster, von den Schreien, die er gehört hat, doch die Polizei glaubt ihm nicht, denn nur Kinder sind in der Lage, diese Monster zu sehen. So bleibt James nur „der Junge, der überlebt hat“, was auch immer er da nun überlebt hat. Ganz sicher jedenfalls kein Monster.

„Ihr habt ein Monster in diesen Wäldern. Ich werde es töten.“

Als James schließlich am Busbahnhof auf diese mysteriöse junge Frau trifft, die ihn anspricht, glaubt er zunächst, sie sei eine weitere Erwachsene, die ihm nicht zuhört und nichts begreift. Doch Erica Slaughter ist anders. Sie verspricht – und schwört es bei ihrem Leben -, alles zu glauben, was er erzählt, egal wie seltsam und gruselig es klingen möge. James vertraut ihr. Sie ist die erste Erwachsene, die diesem schwer angeschlagenen Jungen Hoffnung gibt: „Ihr habt ein Monster in diesen Wäldern. Deshalb bin ich hier. Ich werde es töten.“

In einem Baumarkt kauft Erica zum Entsetzen des Verkäufers eine Kettensäge, die auch dann nicht aufhört zu sägen, wenn man sie aus Versehen fallen lässt. „Sie stellen sich nicht ab, bis sie sich durch Ihr Bein oder was auch immer gefressen haben.“ Hervorragend geeignet für die Monsterjagd. Dazu kommen eine Axt, Handschuhe, Seile und eine Heckenschere in den Einkaufswagen. Im örtlichen Diner planen Erica und James die nächsten Schritte. Kellner dort ist ausgerechnet der halbstarke Tommy Mahoney, Bruder der vermissten Sophie. Der findet Erica höchst verdächtig und informiert gleich mal die Polizei. Fremde in der Stadt und so. Kann ja nicht geheuer sein.

Und damit geht der Reigen erst richtig los, denn Erica kämpft nicht allein, sondern ist von einer Organisation entsendet worden, die zwar Monster aus der Welt schaffen, aber gleichzeitig alles darüber vertuschen will. Wenn eine ihrer Monsterschlächterinnen in die Fänge der Polizei gerät, dann läuft dieser Einsatz nicht nach Plan. Und dann ist es nach ihren Statuten wichtiger, dass die Wahrheit nicht publik wird, als dass Menschen beschützt werden.

Schauerliches kollektives Wegsehen

„Something is killing the children“ zeigt uns eine furchtbare Welt, in der Kinder nicht wertgeschätzt werden, sondern ein lästiges Übel sind. Man kann sie warten lassen, versetzen, nicht für voll nehmen. Als einzige sehen sie das Ausmaß der Bedrohung, der die Bewohner ausgesetzt sind, während die Erwachsenen nichts begreifen. Das allein ist schon schauerlich, dieses kollektive Wegsehen. Der Comic offenbart uns aber auch die andere Seite, ohne dabei Schwarzweiß-Malerei zu betreiben: Menschen raufen sich zusammen, sind warmherzig, hören sich zu und reagieren couragiert, unabhängig von der Altersklasse, der Ethnie, des Geschlechts oder der beruflichen Stellung.

Die Monster in dieser mehrteiligen und noch nicht beendeten Comic-Reihe gehören zur grässlichsten und bösesten Sorte. Der italienische Zeichner Werther Dell’Edera fängt sie in dunklen und brutalen Bildern ein, die sich einprägen, so wie sie sich wohl auch den Überlebenden auf die Augäpfel brennen. Gleich zu Anfang fragt ein übel zugerichtetes Mädchen in einer anderen von Monstern heimgesuchten Stadt: „Es gibt noch mehr von denen, oder?“ Und Erica antwortet nur knapp mit Ja, bevor sie duschen geht und sich das Monsterblut vom Körper wäscht. Ja, es gibt diese Monster im ganzen Land, und Erica Slaughter weiß, wie man Angst und Tod aufhält.

Ursprünglich nur eine Kurzgeschichte

„Something is killing the children“ war ursprünglich nur eine Kurzgeschichte, die der US-amerikanische Comic-Autor James Tynion IV, geboren 1987 in Wisconsin, während seiner College-Zeit verfasste. Der Titel blieb ihm im Kopf und reifte dort weiter, während er andere herausragende und von Kritikern gefeierte Bücher für amerikanische Comicbuch-Verlage schrieb. Gegenüber der Multimedia-News-Seite IGN sagte Tynion im August 2019: „Ich habe sehr früh gemerkt, dass die Geschichte länger war, als wir ursprünglich dafür vorgesehen hatten. Ich brauchte mehr Platz, um diese Stadt Archer’s Peak und diese Charaktere vollständig zu erkunden.“

In den USA ist Ende Mai Heft 23 veröffentlicht worden, in Deutschland hat der Splitter-Verlag bisher vier Sammelbände mit je fünf Heften herausgegeben. Weltweit ist die Reihe mittlerweile in zehn Sprachen übersetzt worden. Die ersten drei Bände erzählen die Geschichte in Archer’s Peak, Teil vier, veröffentlicht im Juni 2022, zeigt, wie die junge Erica Slaughter zur Monsterjägerin wurde. Die neuen Hefte in den USA beginnen derweil schon mit einem neuen Fall für Erica Slaughter. Die Monsterjagd geht also weiter.

Und natürlich ist „Something is killing the children“ hervorragender Filmstoff. Der Streaming-Dienst Netflix hat schon angebissen, und die Macher von „Spuk in Hill House“ („The Haunting of Hill House“) und der Stephen-King-Adaptionen „Doctor Sleeps Erwachen“ („Doctor Sleep“) und „Das Spiel“ („Gerald’s Game“) schreiben laut der Fachzeitschrift „The Hollywood Reporter“ bereits an einer Pilotfolge.

Enormer Nervenkitzel, auch in den leisen Tönen

Es war eine hervorragende Idee von Tynion, die Geschichte um Erica Slaughter auszuweiten und in epischer Langform zu erzählen. Dieser in Heften erzählte Horror-Roman nimmt sich Zeit, um seine Figuren reifen zu lassen. Leser*innen, die nur auf Slasher-Horror aus sind, sollten hier nicht zugreifen, denn Tynion lässt seine Protagonisten bei all der Dramatik auch tarantinoeske Gespräche führen und nimmt damit immer wieder den Druck raus. Das aber beeinträchtigt nicht die Spannung. Im Gegenteil: „Something is killing the children“ entwickelt mit der Zeit einen enormen Nervenkitzel, auch in den leisen Tönen. Es ist dramatisch, beängstigend und traurig, und der Horror ist richtig packend. Zurecht wurde die Comic-Reihe unter anderem mit dem Eisner Award, einem der wichtigsten Preise für Comic-Schaffende, ausgezeichnet.

In Deutschland müssen Leser*innen noch eine ganze Weile warten, bis sie neuen Slaughter-Stoff zu lesen bekommen. Erst für März 2023 hat der Splitter-Verlag den fünften Band angekündigt. Wer es absolut nicht abwarten kann, muss zum amerikanischen Original greifen. Dort folgt Erica Slaughter bereits einem neuen Monster, das einer völlig neuen Art angehören könnte. Wetze das Messer, Erica! Wir sind an deiner Seite.

James Tynion IV/ Werther Dell’edera: Something is killing the Children (Teil 1), Splitter-Verlag, Bielefeld, 2020, 144 Seiten, gebunden, 19,80 Euro, ISBN 978-3962195571, Comic-Trailer

James Tynion IV/ Werther Dell’edera: Something is killing the Children (Teil 2), Splitter-Verlag, Bielefeld, 2021, 144 Seiten, gebunden, 19,80 Euro, ISBN 978-3962195588

James Tynion IV/ Werther Dell’edera: Something is killing the Children (Teil 3), Splitter-Verlag, Bielefeld, 2021, 144 Seiten, gebunden, 19,80 Euro, ISBN 978-3962195595

James Tynion IV/ Werther Dell’edera: Something is killing the Children (Teil 4), Splitter-Verlag, Bielefeld, 2022, 144 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3967923131

Die Außenseiterbande

„Zwiebel, leuchtende Phiole, Blütenblatt um Blütenblatt formte deine Schönheit sich“, heißt es am Anfang von Pablo Nerudas „Ode an die Zwiebel“. Und später: „Zwiebel, hell wie ein Planet und zu leuchten bestimmt.“ Kaśka Brylas zweiter Roman „Die Eistaucher“ ist wie eine solche Zwiebel, die strahlt und voller Schönheit ist. Und nicht umsonst beginnt diese Rezension mit etwas Poesie. Denn bei all dem Leid, von dem das Buch „Die Eistaucher“ auch erzählt, ist es die Macht der Poesie, die dort viel Gutes hervorbringt, wo die handelnden Personen glauben, im Schatten zu wandeln. Die Werke von Ingeborg Bachmann, Arthur Rimbaud und ganz besonders Guy de Maupassants Erzählung „Horla“ spielen wichtige Rollen.

„Die Eistaucher“ ist wie der Vorgänger ein Roman, der mit den Grenzen der Literatur spielt und sich nicht einordnen lässt. Ist er Coming-of-Age? Ist es queere Literatur? Ein Krimi? Ein Thriller? Ein Sittenbild gar? Es ist das alles und wird dem Buch doch nicht gerecht. Das war schon bei „Roter Affe“ so, Brylas fulminantem Debüt aus dem Jahr 2020.

„Die Eistaucher“, das ist eine Jugendclique, wie sie vermutlich Stephen King mit seinem unerschütterlichen Herz für Heranwachsende nicht besser hätte konzipieren können: Da ist zum einen die Longboard fahrende Iga, die zum dritten Mal die Schule wechseln und sich jetzt in einer neuen Umgebung einleben muss. Sie ist intelligent und schafft den Schulstoff spielend, ist aber ein Wildfang, der sich nichts sagen lässt, schon gar nicht von verknöcherten Lehrern. Doch über ihr hängt das Damoklesschwert, dass sie zu ihrem Vater nach Polen ziehen muss, sollte sie sich einen weiteren Schulverweis einhandeln.

Ein zärtlicher Verehrer von Poesie

Neu an der katholischen Privatschule ist auch der ebenfalls migrantische Rasputin, der sich lieber Ras nennt, und schnell von den Halbstarken der Schule zum Mobbingopfer auserkoren wird, weil er ein bisschen pummelig ist und ein zärtlicher Verehrer von Poesie. Zu Iga und Ras gesellt sich schließlich noch die hübsche und queere Halbwaise Jess, die zum Schulanfang mit den Gedanken noch in Südfrankreich und bei ihrer Sommerliebe Tifenn weilt. Die aber macht wenig später – immerhin romantisch mit einem Brief – wieder Schluss.

Dieser Brief ist die Geburtsstunde der „Eistaucher“. Denn während die drei zuvor nur in einfacher Koexistenz zueinander standen, verändert Tifenns Brief die Lage. Jess ist am Boden zerstört, sucht Trost bei Iga und hofft, dass die ihr die Rätsel des Geschriebenen entwirren kann. Tatsächlich aber ist es Ras, der jetzt mit seinem Wissen glänzen kann.

Und dann geht es erst richtig los, die Ereignisse überschlagen sich, Iga verliebt sich zum ersten Mal in eine Frau, und Ras, ja, Ras ist plötzlich Teil einer literarischen Avantgarde und beginnt, bestärkt durch die Freundschaft, selbst Gedichte zu verfassen. Es könnte so schön sein, wenn das Leben immerzu so wundervoll bliebe. Doch eines Nachts wird die Clique Zeuge einer Tat, die vertuscht werden sollte, und nimmt die Rache selbst in die Hand.

Einer für alle, alle für einen

Bryla beschreibt mit ihrer bemerkenswert sensiblen Erzählstimme, ihrer eigenen poetischen Sprache und anhaltender Spannung eine jugendliche Bande. Nicht im kriminellen, sondern im freundschaftlichen Sinn. So hätte man es früher genannt, und das Wort selbst drückt aus, was es ist: Einander zugewandt und miteinander verbunden zu sein, ein unsichtbares Band zu haben, das durch alle Hände führt. Einer für alle, alle für einen. Das Gefühl, einander vertrauen zu können. Aber auch: die Welt mit unerschütterlichen Idealismus zu sehen.

„Die Eistaucher“ beginnen mit Kapitel 9; und es ist gut, dass dem ein Inhaltsverzeichnis vorangestellt ist, das die kunstvolle Verwebung der Kapitel unter- und gegeneinander verdeutlicht. Denn nach 9 kommt 1, dann 8 und 2. Was zunächst nach nicht gekonntem Zahlenraum bis 10 aussieht, ist einmal mehr die Art, wie Kaśka Bryla Literatur zu schreiben versteht: experimentell, abseits von gängigen Regeln, jedoch ohne sperrig zu sein, aber mit der Lust, es mal anders zu machen. Und so handeln zehn der 19 Kapitel von der Jetztzeit, und 9 Kapitel spielen als Coming-of-Age-Story in der Jugend der „Eistaucher“, kurz vor der Jahrtausendwende. Während im einen Teil die Geschichte fast kontinuierlich voranschreitet, erfahren wir im zweiten Teil nur häppchenweise, was am Fixpunkt der beiden Erzählstränge in der Vergangenheit passiert sein könnte. Raffiniert!

Die Jetztzeit erleben wir durch die Augen und die teilweise sehr unangenehme strunzmännliche Innensicht von Saša, der einst Igas bester Freund war. Er hat einen Campingplatz in einem Naturschutzgebiet, von Wäldern und kleinen Bergen umgeben, manch einer würde sagen: in der Einöde. Iga und Jess wohnen in einem Dorf in der Nähe, und einmal im Jahr kommt Ras zu Besuch. Die Poesie von damals aber ist gewichen.

„Immer ist da jemand, dem Unrecht angetan wird, und immer ist da jemand, der zusieht, ohne einzuschreiten. Als Kind stellt man sich die Frage, wer man lieber wäre. Das Opfer oder der Feigling. Als Kind habe ich mich nie gefragt, wie es wäre, der Täter zu sein.“ Als Saša und die Eistaucher zu Tätern werden, ist ihre Kindheit schlagartig vorbei. Wie steht es um ihre Schuld? Was heißt es, die individuelle Verantwortung zu tragen? Was ist Gerechtigkeit, Strafe, Sühne? Auch Brylas zweiter Roman beschäftigt sich mit den großen, schweren Themen. Und wieder gelingt es ihr, sie fast leichtfüßig in das Sujet einzubetten.

Die Verbindungen, für die wir uns entscheiden

Was die Eistaucher ausmacht, damals und heute, das finden wir in Kapitel 7. Fast beiläufig steht da dieser Absatz: „Die Verbindungen, für die wir uns entscheiden, und die Risiken, die wir für sie einzugehen bereit sind. Das oder etwas Ähnliches hatte Iga einmal gesagt, und Jess hatte es damals lächerlich gefunden, aber jetzt begriff sie, dass sie recht hatte, dass eben nur das wirklich zählte.“

Und dass alles glückt, dass alles Bestand hat und nicht etwa den Bach runter geht, sich nichts vermeintlich Gutes in etwas Schlechtes verkehrt, das ist so zufällig, wie es gelingt, beim Würfeln eine Sechs zu würfeln: „‚Hast du gewusst‘, sagte Iga ruhig, „dass die Wahrscheinlichkeit, eine Sechs zu würfeln, immer ein Sechstel ist? (…) Jedes Mal, wenn du mit dem Würfel zum Wurf ansetzt, ist die Wahrscheinlichkeit wieder ein Sechstel. (…) Aber trotzdem‘, fuhr Iga fort, ‚musst du würfeln. Wenn du nicht würfelst, kannst du auch keine Sechs würfeln.'“ Die Eistaucher haben ohne Furcht versucht, eine Sechs zu würfeln, aber die Wahrscheinlichkeit spielte gegen sie.

Kaśka Bryla: Die Eistaucher, Residenz-Verlag, Salzburg/Wien, 2022, 320 Seiten, gebunden, 24 Euro, ISBN 978-3701717514, Leseprobe

Seitengang dankt dem Residenz-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Das Auto rollt, das „R“ nicht mehr

Der Debütroman „Roter Affe“ der in Wien geborenen und zwischen Wien und Warschau aufgewachsenen Autorin Kaśka Bryla ist vielschichtige Literatur, klug und mit experimenteller Raffinesse geschrieben. Er erzählt eine deutsch-österreichisch-polnische Geschichte über Grenzerfahrungen und sucht gleichsam und gekonnt nach den Grenzen des Schreibens.

Wir lernen Mania kennen, die als Gefängnispsychologin in der JVA Moabit in Berlin arbeitet. Sie erfährt eines Tages, dass Tomek, ihr bester Freund aus Kindheitstagen, aus Wien verschwunden ist. Seine Hündin Sue hat er zurückgelassen. Auf dem Tisch in seiner Wohnung liegen Zettel, auf denen zu lesen ist, wie er vor einem Jahr einen Pakt eingegangen ist – mit einer Frau namens Marina, von der Tomek noch nie erzählt hat. Marina, so ist in verblasster Schrift zu lesen, sei depressiv, wolle sich das Leben nehmen, Tomek bat sie, ein Jahr lang unter seiner Regie und Obhut zu leben, in der Hoffnung, sie zurück ins Licht ziehen zu können. Ändere sich nichts, dürfe sie sterben, und er helfe ihr dabei. Jetzt ist das Jahr vorbei, die Schatten sind noch da, und Tomek ist weg.

Mania lässt in Berlin alles stehen und liegen. Mit dem syrischen Geflüchteten Zahit, den Mania 2015 bei Tomek untergebracht hatte („Er möchte in Wien bleiben. Kümmerst du dich?“), der Hackerin Ruth und der Hündin Sue machen sich die Freund*innen von Wien auf in Richtung Polen. Während ihr Auto vorwärts fährt, erfahren wir in Rückblenden mehr über Tomeks und Manias Kindheit sowie über die polnischen Wurzeln der beiden, die zwar in Österreich geboren wurden, sich ihrer Migrationsbiografie aber sehr bewusst sind. Wir sehen den Plot aus verschiedenen Blickwinkeln, ja sogar aus der Sicht eines Hundes, nah an den starken Gerüchen und fern dem Himmel.

Was, wenn der Roman das alles und nichts ist?

Was ist „Roter Affe“ nun? Ein Road-Trip zwischen West und Ost? Ein Roman über Flucht und Migration? Ein literarisches Experiment? Was, wenn er das alles und nichts ist? Er ist keiner dieser Romane, die man betulich in Setzkästen sortiert, weil wir Menschen Ordnung brauchen. Wohl aber gibt es Themen, denen sich Kaśka Bryla widmet, vor allem den Fragen: Wie gehe ich mit Verlust und traumatischen Erlebnissen um? Wie sehr darf man Rache üben? Was ist Strafe? Und was ist Schuld?

Das Auto, mit dem die Freund*innen unterwegs sind, ist derweil das Vehikel für alle anderen Themen, die wie Tafeln an der Straße stehen und Tourist*innen auf Sehenswürdigkeiten hinweisen: die LGBTQIA*-Feindlichkeit der amtierenden polnischen Regierung, Antisemitismus, Suizid, das Böse.

„Andere verstehen auch nicht immer alles“

Aber auch: Sprache. Die eigene Sprache. Verlieren, finden und nutzen. Zum Erzählen in nur eine Richtung, zum Sprechen in viele. Warum hat Tomek das rollende R („wie es im Polnischen üblich war und im Deutschen ihre Herkunft verraten würde“) behalten, Mania aber nicht? Warum sprechen wir dieselbe Sprache, aber das Verständnis bleibt beim anderen zurück wie ein Koffer, den man am Rastplatz vergessen hat? Richtigerweise sind polnische Gespräche im Roman nicht immer übersetzt worden. „Andere verstehen auch nicht immer alles“, sagt Kaśka Bryla in einem Text in der von ihr gegründeten Literaturzeitschrift „PS – Politisch Schreiben“, der die Gespräche und Korrespondenzen aus dem Lektoratsprozess zu „Roter Affe“ wiedergibt. Lesenswert wie ihr Buch, das an keiner Stelle langweilig wird oder sich wie eine Abhandlung liest. Auch weil es sprachlich so leuchtet. Deshalb: auf keinen Fall abschrecken lassen von der Wucht der Themen!

Im Anhang ihres vielschichtigen, ja geradezu philosophisch-psychologischen Romans finden sich Hinweise, welche Autor*innen und Bücher, Serien und Filme sie inspiriert haben und mit welcher Ernsthaftigkeit sich Kaśka Bryla mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen etwa zu den Theorien des Bösen oder posttraumatischen Störungen auseinandergesetzt hat. Seit 2016 gibt sie in Gefängnissen Kurse zum Kreativen Schreiben, hat selbst am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert. Seit März 2022 ist ihr zweiter Roman „Die Eistaucher“ auf dem Markt. Hoffen wir, dass wir von dieser wahnsinnig guten Autorin noch viel mehr zu lesen bekommen.

Kaśka Bryla: Roter Affe, Residenz-Verlag, Salzburg, 2020, 232 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3701717323, Leseprobe

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