Der frühe Volo fängt den Wurm

Einmal Boulevard machen. Das wünschen sich wohl manche Chefredakteur*innen, während sie abends mit den Blattmachern an den sachlich-korrekten Aufmacherüberschriften der nächsten Ausgabe tüfteln. Wäre es nicht viel einfacher, wenn man in großen Lettern reißerisch die nächste Halbwahrheit verkünden könnte? Wie es in den Newsrooms großer Boulevardblätter zugeht, weiß man nicht zuletzt durch Dokumentationen wie die umstrittene Amazon-Serie „BILD.Macht.Deutschland?“ oder den Dokumentarfilm „Kronen-Zeitung: Tag für Tag ein Boulevardstück“ der Belgierin Nathalie Borgers.

Einen ganz anderen Einblick gewährt dagegen Moritz Hürtgen in seinem exzellenten Debütroman „Der Boulevard des Schreckens“. Wer nicht ganz so tief in der Medienlandschaft steckt, weiß vielleicht nicht, dass Hürtgen über jeden Verdacht erhaben ist, den Boulevard-Journalismus zu propagieren. Der 1989 geborene Hürtgen war seit 2019 Chefredakteur der Satirezeitschrift „Titanic“, gab seinen Posten aber im Herbst 2022 auf, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Nun wird nicht aus jedem Journalisten ein hervorragender Romancier, und nicht jeder Chefredakteur ist qua Funktion eine Edelfeder.

Davon ist wohl auch bei Oliver Michels auszugehen, in Hürtgens Roman Chefredakteur einer überregionalen Berliner Tageszeitung. Michels kokst offen im hell erleuchteten Newsroom und ist ein ausgemachter Choleriker. In der großen Konferenz, an der sonst nur die Chefredaktion, Ressortleiter*innen und deren Stellvertreter*innen teilnehmen dürfen, ist an einem schicksalhaften Morgen auch der Volontär Martin Kreutzer anwesend.

Ein Anfall von Größenwahn und Karrieregeilheit

Ende zwanzig und damit vermutlich schon mit ein wenig Lebenserfahrung ausgestattet, kommt er in einem Anfall von Größenwahn und Karrieregeilheit auf die Idee, ein Interview mit dem Performance-Künstler Lukas Moretti anzubieten, der der Zeitung bisher alle Interview-Anfragen ausgeschlagen hat. Aber er, Kreutzer, kenne Moretti noch persönlich aus Studienzeiten, rühmt er sich. Seminare gemeinsam besucht, guter Draht und so. Problem: Ist alles geflunkert. Kein Problem: Er bekommt den Auftrag.

Für Kreutzer geht’s nach München, wo Moretti ein zweitägiges Festival veranstaltet. Doch der DJ der guten Lyrik, der erlauchte Crossover-Künstler, will von dem Schreiberling aus der Hauptstadt nichts wissen, lässt ihn eiskalt und aus Gründen abblitzen. Der aber hat in seiner Boulevard-Akademie offenbar schon was gelernt und sagt sich: Gut gefälscht ist halb gewonnen. Und erfindet kurzerhand ein komplettes Interview. Die ganze Nacht feilt er daran. Schreibt Antworten um (die Fragen gehen ihm leicht von der Hand, aber die Antworten!). Und dann, um 7.15 Uhr sendet er den Text an die Redaktion. Da ist Moretti allerdings schon tot.

Fliegt nun der ganze Schwindel auf? Ist der wahre, echte Journalismus nicht so, dass die Schurken in den Redaktionsstuben irgendwann entlarvt werden? Bei Claas Relotius hat das doch auch funktioniert. Das allerdings war „Der Spiegel“, und nicht so ein Revolverblatt wie hier. Deshalb dreht Hürtgen die Schraube noch eine Drehung weiter. Nun muss Kreutzer nach Kirching, einen Münchner Vorort mit S-Bahn-Anschluss. Dort soll er die Todesumstände Morettis recherchieren. Und dann: große Reportage. Langstrecke! Exklusiv und so. Sein Interview mit Moretti? Hat die Redaktion in Berlin längst umgeschrieben.

„Der ganze Journalismus ist im Eimer“

„Der Boulevard des Schreckens“ ist surreal und herrlich drüber. Denn Hürtgen weiß, was er tut und wie man Satire gekonnt spitz formuliert. Doch wie Hunde nicht nur spielen wollen, will Hürtgen nicht nur übertreiben. Journalist*innen müssen beim Lesen viel leiden, denn ihre Berufssparte kommt nicht gut weg. „Der ganze Journalismus ist im Eimer!“, lässt der Autor den Boulevard-Fotografen Frank Nietner wissend sagen (ohnehin eine der besten Figuren in diesem Schauspiel), „man müsste alle rauskegeln und vorn vorne anfangen.“ Die Frage wäre nur, mit wem noch?

Auch der Münchner Speckgürtel bekommt sein Fett weg. Hürtgen hat in einem Niet dieses Gürtels seine Kindheit verbracht, hat dem Menschenschlag dort vermutlich jahrelang penibel auf den Mund geschaut und kann nun authentisch die Kulisse für diesen wahnwitzigen, mediensatirischen Mysterythriller beschreiben. Da wird unnatürlich in Serie gestorben, da brennen Forellen, und ein islamophober Anführer einer Bürgerwehr patrouilliert in Zehenschuhen durchs Dorf. Und schließlich fährt bei der dörflichen Sonnwendfeier noch ein Feuerwehrauto in bester King’scher „Trucks“-Manier in die Menschenmenge. Das sind Sternstunden des Boulevard-Journalismus‘. Oder dem Volontär ist es am Ende doch zu schwer, und er verliert den Verstand. Wer weiß das schon in diesen Zeiten?

Nicht nur der Volo zeigt ein Manko

Das Garstige an diesen jungen Volontär*innen ist allerdings, dass einige von ihnen die deutsche Sprache und ihre Merksätze nicht mehr beherrschen. „Wer ‚brauchen‘ ohne ‚zu‘ gebraucht, braucht ‚brauchen‘ gar nicht zu gebrauchen“, zum Beispiel. In Hürtgens Roman ist es leider nicht nur der Volo, der dieses Manko zeigt. Auch der Autor selbst ist nicht in der Lage, das Wortfeld „sagen“ angemessen korrekt anzuwenden. Blame it on the author? Vielleicht.

Aber zu einem guten Text gehört auch immer eine gute Redigatur. Dabei sollten solche Sprachschnitzer auffallen. Leser*innen von Tageszeitungen könnten jetzt Leser*innen-Briefe schreiben und gar mit Abo-Kündigung drohen, wenn die Fehler nicht abgestellt werden. Als Roman-Leser*innen können wir nur mit Nichtlesen des nächsten Buches drohen. Das aber schreckt keinen Verlag, keinen Autor. Erst recht keinen wie Hürtgen. Und dann war dieses Debüt auch noch unverschämt gut. Deshalb folgender Vorschlag: Dem Hürtgen ist ein befristeter Vertrag in einer untertariflich bezahlten Tochtergesellschaft des Verlags anzubieten. Damit er weiter gute Romane schreibt.

Moritz Hürtgen: Der Boulevard des Schreckens, Verlag Antje Kunstmann, München, 2022, 301 Seiten, gebunden, 24 Euro, ISBN 978-3956145094, Leseprobe

Die Wiederentdeckung der Ricarda Huch

Der Fall DerugaVor 150 Jahren kam in Braunschweig die spätere Historikerin und Schriftstellerin Ricarda Huch zur Welt. Inzwischen sind ihre bedeutenden Werke ein wenig in Vergessenheit geraten. Der Insel Verlag hat jetzt ihren bekanntesten Kriminalroman wieder neu aufgelegt, den Huch selbst als „Schundgeschichte“ bezeichnet hatte. Sie habe ihn nur geschrieben, um Geld zu verdienen. Heute, mit rund 100 Jahren Abstand, liest sich der Roman jedoch als historisch feinsinniges Gesellschaftsbild mit thematisch aktueller Brisanz.

Der Arzt Sigismondo Enea Deruga reist von Prag nach München, um einem ihm zu Ohren gekommenen Verdacht nachzugehen, er selbst solle seine geschiedene Frau umgebracht haben. Dort erfährt er, dass das Gericht schon beschlossen hat, gegen ihn Mordanklage zu erheben, so dass es geradezu vorbildlich sei, dass er sich selbst stelle.

Seine Frau, Mingo Swieter, war Anfang Oktober verstorben und hatte ihn in ihrem Testament zum Alleinerben ihres Vermögens gemacht. Das rief die Baronin Truschkowitz, die schon mit der Finanzspritze fest gerechnet hatte, auf den Plan. Sie brachte das Gericht dazu, eine Exhumierung anzuordnen, nach der unglücklicherweise festgestellt wurde, dass Mingo Swieter nicht an ihrer Krebserkrankung gestorben war, sondern an einem furchtbaren Gift namens Curare.

Ein Alibi kann Deruga nicht vorweisen

Von Deruga weiß man, dass er in argen finanziellen Nöten steckt, am Vorabend des Todes seiner Exfrau eine Fahrkarte nach München gelöst hat und erst am übernächsten Tag nach Prag zurückgekehrt ist. Ein Alibi kann er nicht vorweisen. Hat er in der Zeit also seine ehemalige Frau umgebracht, damit er weiterhin seinem verschwenderischen Leben nachgehen kann?

Der Verdacht wiegt schwer, und Deruga macht es weder dem Gericht noch dem Leser leicht, Ansatzpunkte zu finden, die für ihn sprechen. Im Gegenteil: Er ist mürrisch, provozierend, spottet über das Gericht und wird oft ungeduldig und aufbrausend. Der Gerichtsverhandlung scheint er nur mit einem Ohr zu folgen, und auch sonst zeigt er kein besonderes Interesse daran, dass der Verdacht gegen ihn entkräftet wird. Spricht das am Ende dafür, dass der Richtige auf der Anklagebank sitzt?

Ricarda Huch beschreibt ihre Figuren mit vornehmer Zurückhaltung und erzählt mit dem feinsinnigen Gespür für Dialoge und Ironie. „Der Fall Deruga“ gerät so zu mehr als nur einem Kriminalstück, das überwiegend vor Gericht spielt. Es ist vor allem ein scharfsinniger Gesellschaftsroman aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Hier sind die hierarchischen Strukturen noch klar getrennt: Es gibt den Gerichtspräsidenten und den Angeklagten, die Baronesse und das Dienstmädchen, den Arzt und den Bettler. Aber das ist nur der gesellschaftliche Ausgangspunkt.

„Schwarzes Haar und Feueraugen“

Mit ungutem Gefühl vernimmt der Leser gleich zu Beginn die Stimmen des Publikums, die dem Angeklagten einen „italienischen Typus“ bescheinigen, und zwar den der „verschlagenen, heimtückischen, rachsüchtigen Welschen“. Eine andere Stimme raunt: „Ich dachte, er hätte schwarzes Haar und Feueraugen.“ Und dass es doch unmöglich sei, dass ein Mordverdächtiger auf freiem Fuße sei, „noch dazu einer, der so aussehe, als ob er zu jedem Verbrechen fähig wäre“. Das ist fein beobachtet und heutzutage bei Mordprozessen leider kaum anders.

Der Gerichtssaal ist die kleine Bühne dieses Falls. Der Leser sitzt nah am Geschehen. Fast ist der Luftzug beim Schließen der Aktendeckel zu spüren, so dicht schildert Huch den Prozess, das Auf und Ab der Zeugen, die vielen kleinen Begegnungen vor Gericht und die manchmal sogar philosophischen Betrachtungen danach. Der Leser ist nicht nur Zuschauer, er wird zum Geschworenen, dem die schillernde Persönlichkeit des Doktors von allen Seiten präsentiert wird. Fürsprecher allerdings gibt es nur wenige.

„Der Fall Deruga“ ist aber auch der Roman einer Scheidung und trägt dabei autobiographische Züge. Die Person des Deruga gilt als deutliches Porträt von Huchs erstem Ehemann, Ermanno Ceconi, mit dem sie seit 1898 acht Jahre verheiratet und bis an dessen Lebensende im Jahr 1927 verbunden war. Auch das beschreibt „Der Fall Deruga“ eindrucksvoll: Jene seltene und die Zeit überdauernde Harmonie zwischen zwei schon geschiedenen Ehepartnern.

Was ist die moralische Pflicht?

Damit verknüpft ist es letztlich auch die stets aktuelle Brisanz der Sterbehilfe, die das Buch selbst nach fast 100 Jahren immer noch lesenswert macht. Obgleich es damals ein wenig erwähntes Thema ist, macht Huch es zum zentralen Sujet ihres Romans und bietet dem Leser die rechtliche und moralische Betrachtung. Wie ist jemand zu bestrafen, der auf Verlangen tötet, dem aber keine eigennützige Motivation nachzuweisen ist? Was ist die moralische Pflicht, was bedeuten Begriffe wie Nächstenliebe und Menschlichkeit?

Es steckt also viel drin in diesem kleinen Büchlein, das nun glücklicherweise vom Insel Verlag wieder aufgelegt worden ist. Endlich!, möchte man rufen. Der Ruhm der Schriftstellerin Ricarda Huch ist ein wenig vergangen, ihre Schriften über die Geschichte des alten Deutschlands vergessen und vergriffen. Möge „Der Fall Deruga“ der Anfang eines umfassenden Wiederlesens sein.

Ricarda Huch: Der Fall Deruga, Insel Verlag, Berlin, 2014, 213 Seiten, Taschenbuch, 7,99 Euro, ISBN 978-3458360131, Leseprobe

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