Leipziger Buchmesse 2013: Hohlbein, Hirata, Goebel und Litpop

Besucherandrang am Samstag bei der Leipziger Buchmesse 2013
Besucherandrang am Samstag bei der Leipziger Buchmesse 2013
Der Samstag ist üblicherweise der erste offizielle Publikumstag der Leipziger Buchmesse. Und so strömten auch an diesem Samstag Tausende von Besuchern in die Glashalle und die Ausstellungshallen. Dazwischen tummelten sich mehrere hundert Cosplayer in ihren Kostümen, verkleidet als Figuren aus japanischen Mangas, Fernsehserien oder Computerspielen. Allein für diesen Tag hatte das Messe-Programmheft Veranstaltungen auf mehr als 80 Seiten zu bieten. Entsprechend eng war es nicht nur in den Hallen selbst, sondern vor allem in den Zugängen, die teilweise nur noch in eine Richtung geöffnet waren.

Autogrammstunde von Wolfgang Hohlbein
Autogrammstunde von Wolfgang Hohlbein
Signierbereich der Halle 2: Wer immer hier ein Autogramm des wohl bekanntesten deutschen Fantasy- und Science-Fiction-Autors Wolfgang Hohlbein ergattern wollte, musste sich am Vormittag auf lange Wartezeiten einstellen. Hohlbein signierte dort seinen neuen Roman „Pestmond“ aus der „Chronik der Unsterblichen“, einer preisgekrönten Buchreihe, die von einem Vampir und seinem Gefährten handelt, die auf der Suche nach ihrer Herkunft durch Europa streifen. „Pestmond“ ist der 14. Teil dieses Zyklus‘ und ist Mitte Februar im Egmont Lyx Verlag erschienen.

Wolfgang Hohlbein: Pestmond, Egmont Lyx Verlag, Köln, 2013, 544 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, ISBN 978-3802588402

Andrea Hirata (r.) signiert seinen Roman "Die Regenbogentruppe"
Andrea Hirata (r.) signiert seinen Roman „Die Regenbogentruppe“
Auf der „Ausgezeichnet!“-Lesebühne in der Glashalle war derweil Andrea Hirata zu Gast. Der indonesische Autor las aus seinem Erfolgsroman „Die Regenbogentruppe“, der im Januar 2013 im Hanser Berlin Verlag erschienen ist, und stellte sich den Fragen der Lektorin und Verlegerin Elisabeth Ruge. Sein autobiographischer Roman spielt auf der kleinen indonesischen Insel Belitung, die so klein ist, dass sie in manchen Kartenwerken gar nicht verzeichnet ist.

Die „Regenbogentruppe“ ist eine Gruppe von zehn Schülerinnen und Schülern, die zum ersten Mal seit Generationen eine Schule besuchen und für ihre Bildung keine Mühen scheuen. Zuvor war ihnen der Besuch der Schulen stets verwehrt worden, zu arm seien die Alteingesessenen, um auf die Schulen der Reichen gehen zu können, hatten die holländischen Kolonialherren einst gesagt. Das hielt sich von Generation zu Generation. Bis heute: Da kommt ein 15-jähriges Mädchen daher, das alles verändert – es überzeugt einige Eltern davon, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Und das ist der Beginn der „Regenbogentruppe“. Der Roman wurde 2008 in Indonesien verfilmt und in 25 Sprachen übersetzt. Er machte Hirata zum meistgelesenen Schriftsteller Indonesiens. Anfang März 2013 ist Hirata für seinen Roman in Berlin mit dem „ITB Book Award“ ausgezeichnet worden.

Andrea Hirata: Die Regenbogentruppe, Hanser Berlin Verlag, Berlin, 2013, 272 Seiten, gebunden, 19,90 Euro, ISBN 978-3446241466

Aus den Staaten war der US-amerikanische Schriftsteller Joey Goebel in Leizig zu Besuch, um sein neues Buch „Ich gegen Osborne“ vorzustellen, das im Februar 2013 im Diogenes Verlag erschienen ist. Bei der englischsprachigen Lesung im Literaturforum vermittelte er einen ersten Eindruck seines neuen Helden James Weinbach. Der Protagonist sei ein ausgesprochener „Vintage-Typ“, sagte Goebel. Er trägt Anzug, sieht gerne Schwarz-weiß-Filme, hört Jazz und kann seine sexbesessenen, auf Coolness und vermeintliche Individualität setzenden Mitschüler nicht ausstehen. Bis auf eine, die anders ist: Chloe. James ist schwer verliebt, muss aber am ersten Tag nach den Ferien erkennen: Chloe ist anders geworden. Oder vielmehr: Gleich. Gleich – wie ihre Mitschüler. Da sagt James ihnen den Kampf an: „Ich gegen Osborne“.

Der Roman umfasst einen ganzen Tag an der Osborne-Highschool. Und dank James Weinbach wird es ein turbulenter Tag. Nach dem ersten Eindruck sehr lesenswert, nicht nur der Kampf eines Schülers, sondern vor allem auch die Kritik seines Autors an der amerikanischen Spaßgesellschaft.

Joey Goebel: Ich gegen Osborne, Diogenes Verlag, Zürich, 2013, 430 Seiten, gebunden, 22,90 Euro, ISBN 978-3257068535

Am Abend dann stieg im Neuen Rathaus die LitPop, seit sechs Jahren die Messe-Party, auf der Literatur und Pop zusammenfinden. Mehr als 20 Lesungen im Ratsplenarsaal, im Festsaal und im Stadtverordnetensaal sowie Konzerte und Disco in der altehrwürdigen Wandelhalle, das alles ist die LitPop. Rund 3.000 Menschen feierten bis tief in die Nacht und sahen zuvor Lesungen von Florentine Joop, Stephan Ludwig (in Begleitung des großartigen David Nathan), Inger-Maria Mahlke, Jürgen Roth, Wigald Boning, Frank Spilker oder Jorge Gonzalez sowie Konzerte von Laing, Leslie Clio oder Terribly Overrated Youngsters.

Ein eiskaltes Lese-Ärgernis

Wenn in einem Jugendbuch mindestens 16 Mal der Genitiv nicht gebraucht wird, wo er nötig ist, ist das für die Erziehung junger Leser zur richtigen Grammatik niederschmetternd. Wenn der Verlag dazu auch noch eine Lehrerhandreichung anbietet, das Buch also im Unterricht behandelt werden könnte, kann man nur hoffen, dass möglichst viele Lehrer zuvor diese Rezension lesen. Denn „Kälte“ von Michael Northrop ist nicht nur grammatikalisch ärgerlich, sondern inhaltlich auch noch dünn und unausgegoren.

Als die Schüler der Tattawa Regional Highschool in Neuengland aus dem Fenster sehen, fängt es gerade an zu schneien. Das beunruhigt sie zunächst nicht weiter, denn es hat den ganzen Monat schon viel Schnee gegeben. Als es aber immer heftiger schneit und der Wetterbericht eine Schneesturmwarnung herausgibt, sagt der Rektor die Sportveranstaltungen für den Nachmittag ab und schickt alle Schüler nach Hause. Doch nicht alle verlassen die Schule: Sieben Schüler und ein Geschichtslehrer bleiben – aus unterschiedlichen Motiven.

Altmeister Stephen King hätte daraus womöglich eine beklemmende Geschichte gemacht. Dem amerikanischen Autor Michael Northrop aber gelingt das leider nicht. Er legt zwar verschiedene Charaktere an, die genug Konfliktpotential hätten, reizt das aber nicht aus. Erzählt wird die Geschichte des fast einwöchigen Schneesturms aus der Sicht des Zehntklässlers Scotty Weems, Basketballspieler im Schulteam. Mit seinen Freunden Jason Gillespie und Pete Dubois bildet er eine Dreierbande, die noch ein paar Stunden in der Schule bleiben wollen, um im Werkraum an Jasons „Flammenwerfer“ zu basteln, einem motorisierten Go-Kart. Jasons Vater, so die Abmachung, würde sie dann später mit seinem Allrad-Pickup abholen und sicher durch den Schnee bringen.

Ständige unterschwellige Bedrohung

Auch der Bad Boy der Schule, Les Goddard, ist noch in der Schule. Von ihm geht eine ständige unterschwellige Bedrohung aus, eilt ihm doch das Gerücht voraus, er trage immer irgendeine Art von Waffe bei sich und sei absolut unberechenbar. Dann ist da noch der Außenseiter Elijah James, für Scotty ein merkwürdiger Typ, der ständig in der Schulbibliothek sitzt und ansonsten in seiner eigenen Welt zu leben scheint.

Und schließlich komplettieren zwei Neuntklässlerinnen den Reigen, Krista O’Rea und ihre beste Freundin Julie Anders. Oder Enders. So genau weiß Scotty das nicht, denn sein Hauptaugenmerk liegt auf Krista, die sich äußerlich vor allem durch die „perfekte Kombination aus richtig dosierten Kurven und einem straffen, durchtrainierten Körper“ (S. 41) auszeichnet, oberflächlich betrachtet – und das bleibt leider auch so.

Obwohl sich allein durch die unterschiedlichen Charaktere viele Handlungsstränge anbieten, entwickelt sich keiner zu seiner überzeugenden Vollkommenheit. Sogar die aufkeimende Liebesgeschichte zwischen Scotty und Krista bleibt schwach und eher spekulativ. Wenn wenigstens die Beschreibung des Hauptplots gelänge! Doch es will keine rechte Beklommenheit beim Leser aufkommen. Es mangelt dem Buch an Ideen und an packend geschriebener Sprache. Die immerwährende Notiz, dass sich der Schnee immer höher türmt, langweilt schnell.

Die Dramatik der Isolation

Vielleicht ist es Scotty als Erzähler nicht gegeben, eine Geschichte so zu erzählen, dass man an seinen Lippen hängt. Er beobachtet zu oberflächlich, ist zu betont lässig und jugendlich, lässt nicht viel Raum für Dramatik. Und das, obwohl die Notbeleuchtung spärlicher wird, die Expeditionen in die Mensa zur Essensbeschaffung gefährlich sind, das Dach der Schule unter der Schneelast einzubrechen droht und die Verbindungen zur Außenwelt durch ein Radio nur einseitig sind. Potential hat die Geschichte, obwohl sie so und anders schon oft erzählt worden ist. Allein: es wird nicht genutzt. Die Dramatik der Isolation bleibt unter ihren Möglichkeiten.

Die durchgängige Missachtung des Genitivs aber ist ein wahres Lese-Ärgernis. Dass das beim Lektorat nicht aufgefallen ist, ist unverständlich. Das Argument der Jugendsprache darf hier nicht gelten, denn obwohl sich der Text deutlich an jüngere Leser wendet, muss auf die Einhaltung der Grammatik geachtet werden. Alles andere ist bedenklich, vor allem in Kinder- und Jugendbüchern. Wird hier in einer nächsten Auflage nicht nachgebessert, ist von einer Schullektüre abzuraten.

Michael Northrop: Kälte, Loewe Verlag, Bindlach, 2012, 253 Seiten, Taschenbuch, 6,95 Euro, ISBN 978-3785574287, vom Verlag empfohlenes Alter: 13 bis 16 Jahre