Der Untergang des Hauses Compson

Schall und WahnEs ist eines der großen Werke der Weltliteratur, aber auch eines der sperrigsten überhaupt: William Faulkners erstmals 1929 erschienener Roman „Schall und Wahn“ („The Sound and the Fury“). Frank Heibert hat das Buch jetzt neu ins Deutsche übersetzt, und das ist ihm kongenial gelungen. Durch seine umsichtige Übertragung in eine modernere Sprache lässt sich der faszinierend erzählte Roman jetzt vollkommen neu entdecken.

„Schall und Wahn“ erzählt von der tragischen Geschichte der Südstaatenfamilie Compson, die unaufhaltsam in den Untergang rauscht. Die einst einflussreiche Familie musste ihr letztes Stück Land verkaufen, damit sie ihrem ältesten Sohn Quentin ein Studium in Harvard finanzieren konnte. Schon das aber nimmt kein gutes Ende, denn der intelligente Sprössling wählt den Freitod, weil er gegenüber seiner Schwester Candice, genannt Caddy, Inzestgedanken hegt, die ihn nicht loslassen.

Caddy wiederum bringt ein uneheliches Kind zur Welt und wird kurzerhand zwangsverheiratet, bald aber wieder geschieden. Letzteres bringt Jason, den zweitältesten Sohn der Familie, regelmäßig zur Weißglut, hatte Caddys Ehemann ihm doch einen Job ihn Aussicht gestellt, der ihm einiges Barvermögen gebracht hätte. Stattdessen muss Jason sich mit einem schlecht bezahlten Job über Wasser halten. Er veruntreut Geld, das für Caddys Tochter gedacht ist, und verzockt weiteres Familienvermögen an der Börse.

Eine Ansammlung von ungefilterten Wahrnehmungen

Und dann ist da noch Benjamin, der Jüngste der Familie. Er ist geistig behindert und erlebt jeden Tag wie eine Ansammlung von ungefilterten Wahrnehmungen, Erinnerungen und Versatzstücken. Der Familie ist er eine Last, nur Caddy kümmert sich um ihren Bruder. Währenddessen trinkt sich der Vater zu Tode, und die Mutter dämmert in ihrem abgedunkelten Schlafgemach vor sich hin.

Erzählt wird das alles in vier Kapiteln, die sich im Grunde an drei aufeinanderfolgenden Tagen des Aprils 1928 ereignen, nur unterbrochen von einem Rückblick auf das Jahr 1910. Innerhalb der Kapitel aber fehlt oft die Chronologie. Die ersten drei Kapitel werden aus Sicht je eines Bruders beschrieben, erst das vierte übernimmt ein allwissender Erzähler. Das schwierigste Kapitel des Buches ist gleich das erste, das den Leser ohne Vorwarnung in den Gedanken-Dschungel von Benjamin „Benjy“ Compson katapultiert.

Hier zeigt sich schon, welche enormen Anforderungen an den Leser gestellt werden, um dieses Dickicht zu durchdringen. Denn Benjy ist nicht in der Lage, Vergangenheit und Gegenwart, Erlebtes und Gedachtes auseinanderzuhalten. Die Folge ist ein Bewusstseinsstrom aus unterschiedlichen Zeitebenen, Orten, Personen und Gedanken. Dem Leser verlangt das gleich zu Beginn einiges an Aufmerksamkeit und Geduld ab. Aber wer sich müht und bereit ist, sich auf diese ungewöhnliche Art der Erzählstruktur einzulassen, wird mit einem wortgewaltigen und intensiven Lese-Erlebnis belohnt. Faulkner-Fans nennen das Buch übrigens nicht von ungefähr das „Monster“.

Wahrlich faszinierend

Nach dem sperrigen ersten Kapitel wechselt Faulkner im Quentin-Kapitel in eine literarisch gehobenere Sprache, gefolgt von einem derben Abgesang im dritten Kapitel, in dem der Misanthrop Jason seine antisemitischen und rassistischen Reden schwingt. Dabei ist es wahrlich faszinierend, mit welchem Geschick Faulkner multiperspektivisch aber auch experimentell erzählen kann. Manche Leser mögen vielleicht aber auch daran verzweifeln. Faulkner hat Lesern, die meinten, sie hätten den Roman auch nach der dritten Lektüre nicht verstanden, trocken empfohlen: „Read it four times!“ („Lesen Sie ihn vier Mal!“) Möglicherweise ist das die Lösung.

Ebenso faszinierend aber ist auch die Arbeit des Übersetzers Frank Heibert, der dieses sprachmächtige Werk in ein modernes Deutsch übertragen hat. Dabei ist hervorhebenswert, dass er den schwierigen Jargon der Schwarzen nicht mit Anleihen aus deutschen Dialekten versieht. Im aufschlussreichen Nachwort erklärt Heibert: „In meiner Übersetzung habe ich versucht, das Faulkner’sche Black American English mit sprachlichen Mitteln nachzubilden, die auf heutige deutsche Leser eine möglichst analoge Wirkung haben. Die Sprache der Schwarzen in meiner Übersetzung soll, ganz in Faulkners Sinne, ihre klare Einfachheit, Würde und Kraft ausdrücken.“ Diese Einfachheit, Würde und Kraft hätte die Sprache verloren, wenn die Schwarzen der Südstaaten mit deutschen Dialekten gesprochen hätten. Vielmehr hätte sie das der Lächerlichkeit ausgesetzt, ganz anders als Faulkner, der die Sprache als Teil und Ausdruck der Verwurzelung und Identität verstand.

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ beschrieb Faulkner im Jahr 1956 als „notorischen Whisky-Trinker und genialen Chronisten der Legende und Verdammnis des amerikanischen Südens; ein homerischer Provinzler, dem der Sezessionskrieg und sein Problem, die Sklavenbefreiung, noch heute als Bühne und Horizont der Welt gilt, als das zentrale und tragischgleichnishafte Ereignis der amerikanischen, wenn nicht der Weltgeschichte.“ Was für ein Glück für uns deutschsprachige Leser, dass Frank Heibert sich an die Aufgabe herangewagt hat, „Schall und Wahn“ neu zu übersetzen und den großen amerikanischen Schriftsteller und Romancier William Faulkner wieder ins verdiente, strahlende Licht zu ziehen.

William Faulkner: Schall und Wahn, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2014, 381 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 24,95 Euro, ISBN 978-3498021351, Leseprobe

Hölle, Hölle, Hölle

InfernoIn einem unsäglichen Lied heißt es: „Das ist Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle?“ Dasselbe könnte man Dan Brown fragen, dessen neues Werk „Inferno“ jetzt erschienen ist. Denn Freunde der Literatur leiden Höllenqualen angesichts Browns Idee, mit Dante Alighieris „Göttlicher Komödie“ ein Verbrechen zu rechtfertigen, das den Helden Robert Langdon in sein nächstes Abenteuer schicken soll. Alle anderen aber lesen einen Dan Brown, wie sie ihn erwarten.

Sein neues Werk folgt wieder dem „Robert rennt“-Prinzip: Robert Langdon, der bereits aus den Büchern „Illuminati“, „Sakrileg“ und „Das verlorene Symbol“ bekannte Symbolforscher aus Harvard, wacht in einem Krankenzimmer in Florenz auf. Er kann sich beim besten Willen nicht daran erinnern, wie er dorthin gekommen ist. Allerdings hat er auch nicht viel Zeit darüber nachzudenken, denn schon nach wenigen Minuten muss er vor einer auf ihn angesetzten Killerin flüchten. Bald kommt er einem Mann auf die Spur, der Dante Alighieris berühmtestes Werk der Weltliteratur, die „Göttliche Komödie“, als Grundlage dafür nutzt, einen zerstörerischen Plan zu verschlüsseln und gleichzeitig zu begründen.

Der Mann, der sich zunächst nur „Der Schatten“ nennt und sich später als der Biochemiker Bertrand Zobrist entpuppt, beschwört das „Inferno“ herauf und will damit die Überbevölkerung der Welt stoppen. Seine Idee: Die Bevölkerung auf vier Milliarden Menschen zu reduzieren. Dazu deponiert er an einem unbekannten unterirdischen Ort eine mysteriöse Substanz, die das Problem schon bald lösen soll. Die Story ist dünn, ohnehin ist der Dan-Brown-Hype vorbei, die Geschichten ähneln sich. Unbestreitbar aber beherrscht Dan Brown es, Städte so detailreich zu beschreiben, dass man sich gleich in den Flieger setzen möchte. Seine Szenen machen reisehungrig.

Es hakt

An einigen Stellen hakt der Roman. Auf Seite 107 etwa ist Robert Langdon weiterhin auf der Flucht und versteckt sich kurze Zeit hinter einem parkenden Lieferwagen. „Der Van jagte vorbei, ohne seine Fahrt zu verlangsamen.“ Und trotzdem kann Langdon einen „flüchtigen Blick auf eine Person im Fond“ werfen. In diesem Bruchteil einer Sekunde erkennt Langdon in der Person nicht nur eine „ältere, attraktive Frau“, sondern auch noch, dass sie zwischen zwei Soldaten sitzt, ihre Augen halb (!) geschlossen hat und ein Amulett um den Hals trägt. Von einer solch schnellen Auffassungsgabe träumen wohl auch so manche Superhelden, denn wirklich realitätsnah ist das nicht.

Über die Arbeit der Übersetzer ist im Vorfeld des Erscheinens werbewirksam berichtet worden: In einem fensterlosen Raum wurde der Stoff innerhalb von zwei Monaten in allerlei Sprachen übersetzt. Vielleicht ist es der Pflicht der Schnelligkeit zuzurechnen, dass sich bei einer Dan-Brown-Übersetzung dann Fehler einschleichen. So entschlüsselt Robert Langdon – so viel darf verraten werden – auf Seite 159 ein Wort, das aus zehn Buchstaben besteht. Die Buchstaben des ursprünglichen Wortes stehen untereinander, ebenso die Buchstaben des neuen, entschlüsselten Wortes. Urplötzlich aber hat sich ein Buchstabe mehr eingeschlichen. Ein Flüchtigkeitsfehler wie dieser muss an einer solchen Stelle bei einer Endkontrolle auffallen. Jetzt fällt er dem aufmerksamen Leser auf und sorgt für Unverständnis.

Ebenfalls ein Beispiel für eine unsaubere Übersetzung ist der folgende Satz: „Langdon grinste innerlich.“ (S. 160) Das erinnert an einen Satz, den der deutsche Komiker Heinz Erhardt geprägt hat: „Äußerlich bin ich völlig ruhig, nur innerlich schlage ich die Hände über dem Kopf zusammen.“

Lieferant der Motivation

Was hat das nun alles mit Dante Alighieri zu tun? Am Ende nicht viel: Anfangs musste die „Göttliche Komödie“ als Grundlage herhalten, dann zur Erklärung der Motivation das Zitat „Die heißesten Orte der Hölle sind reserviert für jene,/die in Zeiten moralischer Krisen nicht Partei ergreifen“ liefern, um dann immer mehr in den Hintergrund zu treten.

Ob jetzt zumindest ein Teil der Brown-Leser auch zu Dante greifen werden – es ist ihm zu wünschen! Ohnehin ist es die bessere Wahl zwischen den beiden Büchern. Immerhin endet Dan Browns „Inferno“ mit dem Wort, mit dem auch Dante Alighieri alle drei Teile seiner „Divina Commedia“ beendet hat: Sterne.

Dan Brown: Inferno, Bastei Lübbe Verlag, Köln, 2013, 685 Seiten, gebunden, 26 Euro, ISBN 978-3785724804

American Wuff of Love

Er war der treue Begleiter des 42. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Er war Bill Clintons „Buddy“ und zufällig im Nebenraum des Oval Office, als sich Mr. President und Monica Lewinsky näher kamen. Buddy war Clintons Labradorrüde, der 2002 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. In Luis Rafael Sánchez‘ Satire „First Dog – Enthüllungen eines Präsidentenhundes“ spielt er eine letzte große Hauptrolle, die ihm Unrecht tut.

Sánchez lässt den Präsidentenhund vom Geheimdienst kidnappen und in Harvard von Wissenschaftlern verkabeln, vermenschlichen und an einen Sprachcomputer anschließen. Dann soll er Zeugnis ablegen von dem amourösen Abenteuer seines Herrchens. Doch Buddy nutzt die Chance der ungeteilten Aufmerksamkeit zunächst, um über das Hundsein im Allgemeinen und im Speziellen zu philosophieren. Nach der Mittagspause sind die Begebenheiten, die zu Buddys Ergreifung geführt haben, Gegenstand seiner Erzählungen, und erst im dritten Teil des Buches, ab Seite 75, wird der bis dahin auf Spar-Spannung gehaltene Leser mit der Fleischeslust des Präsidenten konfrontiert.

Was aber nun den besonderen Reiz dieser Satire ausmacht, das erschließt sich nicht. Die Kritik an der amerikanischen Gesellschaft, die sich monatelang über den lüsternen Präsidenten das Maul zerriss, ist zwar bissig und mit spitzer Hundezunge geäußert, aber aus dem Sujet hätte der puertoricanische Autor weitaus mehr machen können. In die Breite getreten wird der Text schließlich noch dadurch, dass auch der Autor erklären will, wie er überhaupt an die mysteriösen Enthüllungen des Präsidentenhundes gelangt ist. Am Ende bleibt der Eindruck eines durch menschliche Maschinen aufgeplusterten, arroganten und großkotzigen Hundes, der schon auf den ersten Buchseiten jegliche Sympathie beim Leser verspielt.

Die Vermenschlichung eines Tieres ist ein altbekanntes literarisches Thema. In „Ein Bericht für eine Akademie“ verwandelte Franz Kafka einen Affen in einem Menschen, und in „Lebensansichten des Katers Murr“ ließ E.T.A. Hoffmann den wie ein Mensch sprechenden Kater aus seinem Leben erzählen. Sánchez aber scheitert mit seinem „First Dog“. Im Grunde gut gedacht, teilweise auch wirklich interessante Wendungen und Bonmots eingebaut, aber am Ende reicht es nicht, um einen ständigen Platz im Bücherregal zu ergattern.

Luis Rafael Sánchez: First Dog – Enthüllungen eines Präsidentenhundes, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 2011, 137 Seiten, gebunden, 15,90 Euro, ISBN 978-3803112750