Der mörderische Leser

FinderlohnIn der Literaturgeschichte finden sich mehrere Beispiele von Schriftstellern, die nur wenige Werke geschrieben haben und dann für ewige Zeiten verstummt sind: Jerome David Salinger, Margaret Mitchell, Emily Brontë oder auch Ralph Ellison. Glücklicherweise war bisher keinem von ihnen das Schicksal beschert, das John Rothstein ereilt hat. Denn der fiktive Autor von nur drei Romanen wird in Stephen Kings neuem Thriller „Finderlohn“ von einem glühenden Fan überfallen und ermordet. King hat damit nicht nur den erzählerisch mitreißenden zweiten Band seiner Trilogie um den alternden Ex-Detective Bill Hodges geschrieben, sondern auch eine lesenswerte Abhandlung über das Spannungsverhältnis zwischen Leser und Autor verfasst.

In King-Kennern wird der Roman schnell Erinnerungen an „Misery“ (in der deutschen Übersetzung hieß der Roman schlicht „Sie“) wachrufen. Darin ließ King eine geistesgestörte Leserin ihren Lieblingsautor gefangenhalten und zum Schreiben zwingen. Ihr gefiel nämlich gar nicht, dass ihre Lieblingsfigur sterben sollte. Ähnlich verhält es sich auch in Kings aktuellem Roman: Morris Bellamy vergöttert John Rothstein, der in den Sechzigerjahren eine berühmte Trilogie geschrieben hat. Im letzten Band geht der Held dieser drei Bücher, Jimmy Gold, in die Werbebranche – für Bellamy ein unfassbares Ende. Seine Identifikationsfigur endet im bürgerlichen Leben. Das hätte nicht geschrieben werden dürfen. Rothstein muss sterben, findet Bellamy. „‚Sie haben eine der größten Gestalten der amerikanischen Literatur erschaffen und dann einfach darauf geschissen‘, sagte Morrie. ‚Ein Mensch, der so etwas tut, verdient es nicht, weiterzuleben.“

Morris Bellamy bringt den Autor, den das Time-Magazin mal „Amerikas scheues Genie“ genannt hat, um und räumt dessen Tresor aus. Darin: Bargeld und Dutzende von Notizbüchern mit zwei weiteren Romanen über Jimmy Gold – für den großen Fan ein unglaublicher Schatz. Doch das Schicksal will es, dass er die Beute zunächst in einem Koffer versteckt vergraben muss, weil er für 30 Jahre wegen einer gänzlich anderen Sache in den Knast wandert. In der Zwischenzeit findet der jugendliche Peter Saubers – ebenfalls Verehrer von John Rothstein – den Koffer. Als Bellamy kurz darauf frei kommt, beginnt die wahrlich nervenaufreibende Hatz.

Kings eigene Leidenschaft für Literatur

Doch die wirkliche Stärke dieses Romans ist die erzählerische Kraft, die er entwickelt, ein Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Viel mehr als der Vorgänger „Mr. Mercedes“ ist „Finderlohn“ auch ein Stoff für’s Kino. Das liegt schon daran, dass King seinen beiden Hauptcharakteren genügend Raum gibt, sich zu entwickeln. Und das ist wirklich fabelhaft erzählt. Privatermittler Bill Hodges tritt erst sehr viel später auf den Plan. Bis dahin macht King keinen Hehl aus seiner eigenen Leidenschaft für Literatur: Immer wieder entwickeln sich Literaturgespräche zwischen handelnden Personen, Lesebekenntnisse werden ausgestoßen, die Welt der Bücher gelobpreist.

Das Verhältnis zwischen Leser und Autor ist ein immer wiederkehrendes Motiv in Kings Werk. Das beste Beispiel ist der bereits eingangs erwähnte Roman „Misery“. Aber auch in seinem Interview mit dem Musikmagazin Rolling Stone (Ausgabe 245 / März 2015) erklärt King, dass er selbst den Ehrgeiz habe, Leuten zu gefallen. „Aber irgendwann kommt auch der Punkt, wo man sich sagt: Ich werde mich nicht prostituieren und genau das schreiben, was man von mir erwartet.“ Insbesondere als er „Mr. Mercedes“ geschrieben habe, was schließlich nichts anderes als ein klassischer Krimi gewesen sei, habe er sich gefragt: „Willst du das machen, wozu dir dein Herz rät – oder das, was Leute von dir erwarten? (…) Schreib besser, was du selbst schreiben willst.“ Zuletzt hat er sein Verständnis von Autor und Leser in einem lesenswerten Aufsatz für die New York Times noch einmal spezifiziert.

„Finderlohn“ ist der erzählerisch besser gelungene, zweite Teil der Hodges-Trilogie, eine Hymne auf Büchernarren dieser Welt und die Mächte der Literatur. Nicht ganz so dramatisch spannend wie „Mr. Mercedes“, aber wie so oft im King-Universum mit dem ersten Teil verknüpft. Bedauerlicherweise lähmt der Auftritt des skurrilen Ermittlertrios die Klasse der Erzählung etwas – dabei sind Hodges und seine zwei Helfer eigentümlich genug, um einen Roman lesenswert zu machen. In „Mr. Mercedes“ haben sie das bewiesen, in „Finderlohn“ leider nicht. Aber das Duell zwischen dem mörderischen Leser Morris Bellamy und dem jungen Fan Peter Saubers entschädigt für alle Schwächen dieses Romans. Im Jahr 2016 soll der abschließende Teil der Trilogie erscheinen. Einen englischen Titel gibt es schon: „Suicide Prince“.

Stephen King: Finderlohn, Heyne Verlag, München, 2015, 544 Seiten, gebunden, 22,99 Euro, ISBN 978-3453270091, Leseprobe

Die Zitate aus dem Rolling Stone-Interview entstammen der deutschen Übersetzung aus der deutschen Magazin-Ausgabe (März 2015). Das Interview führte der US-Autor Andy Greene für die amerikanische Ausgabe des Rolling Stone im Jahr 2014. Veröffentlicht wurde es am 31. Oktober 2014. Zum Zeitpunkt der Rezension ist das Interview im Internet nur auf Englisch vollständig abrufbar.

Die Liga der außergewöhnlichen Super-Dänen

Der Susan-EffektDänemark ist nicht gerade bekannt für seine Superhelden. Der dänische Schriftsteller Peter Høeg hat jetzt für seinen neuen Roman eine ganze Superhelden-Familie erfunden. Als alle Familienmitglieder der Svendsens in Indien in heftige Schwierigkeiten geraten, kann sie nur noch der Geheimdienst retten. Der aber macht nichts umsonst, und so muss die Elementarphysikerin Susan ihre besondere Fähigkeit einsetzen, um den Rest der Familie auszulösen. Eigenwillig, zeitweise höchst amüsant und mit Bonmots gespickt ist dieser neue Wurf von Peter Høeg die richtige Wahl für anspruchsvolle Thriller-Leser.

Susans Noch-Ehemann Laban, in Dänemark ein berühmter Komponist und Konzertpianist, hat in Indien eine 17-jährige Maharadschatochter aufgegabelt und ist mit ihr nach Goa gefahren – und die südindische Mafia hinterher. Susans 16-jähriger Sohn Harald hat versucht, Antiquitäten nach Nepal zu schmuggeln und wurde festgenommen. Seine Zwillingsschwester Thit ist derweil mit einem Priester des Kalitempels in Kalkutta stiften gegangen. Und Susan selbst? Nun, Susan soll versucht haben, ihren Liebhaber mit bloßen Händen zu erwürgen. Kurzum: Es läuft wahrlich nicht gut für die Familie Svendsen in Indien. Wenn Susan dem Geheimdienst nur einen kleinen Gefallen tut, könnte alles andere vergessen sein.

Nur widerwillig nimmt sie den Job an und macht sich auf die Suche nach dem geheimen letzten Sitzungsprotokoll einer ominösen Zukunftskommission. Wissenschaftler unterschiedlicher Fachbereiche haben seit den 70er Jahren mit großem Erfolg die Zukunft vorausgesagt, aber ausgerechnet der letzte Orakelspruch ist nicht auffindbar. Und genau der soll Dänemark jetzt einen Wissensvorsprung verschaffen, denn auch andere Länder sind von der letzten Weissagung betroffen. Leider aber scheint das irgendwer verhindern zu wollen, denn die Wissenschaftler sterben in diesen Tagen wie die Fliegen. Und meist ziemlich blutig.

Wen es nicht erwischt, den erwischt immerhin Susan, und das ist auch nicht immer erstrebenswert, denn Susan hat jene übernatürliche Gabe, die sich mit physikalischen Grundsätzen nicht erklären lässt: Wer mit ihr in einem Raum ist oder ihr nahe kommt, wird aufrichtig, ganz und gar aufrichtig. Sie ist eine Empathikerin, und irgendwas an ihr oder in ihr sorgt dafür, dass sich die Menschen in ihrer Umgebung ihr spontan offenbaren. Nicht behutsam, sondern häufig in erbrechensartigen Entladungen. Neben ihrem ohnehin schon sehr trockenen Humor führt auch ihre Gabe mitunter zu sehr komischen Situationen.

Susan ist eine starke Frau, die sich in einer männerdominierten Welt gegen allerlei Widrigkeit zur Wehr setzt, ohne dass es klischeehaft wird. Ihre Methoden sind unkonventionell, aber hilfreich. Trotz ihrer Gabe ist für Gefühle und vor allem familiäre Nähe nicht viel Platz, und das ist vielleicht auch der Grund dafür, dass ihre Zwillinge zu solchen frühreifen Intelligenzbestien aufwachsen. Auch Freundschaften sind ihr im Grunde fremd. Susan lebt in ihrer eigenen Welt, ist vielleicht sogar ein wenig autistisch veranlagt, und denkt und sagt so häufig kluge Dinge, dass man sich als Leser Stift und Papier bereit legen sollte, um sie aufzuschreiben.

Wieder also steht eine starke Frauenfigur im Mittelpunkt, wie auch schon bei Høegs viel beachtetem Debüt „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ vor 23 Jahren. Dass Høeg aus der weiblichen Ich-Perspektive schreibt und das Superweib dabei so herrlich überspitzt darstellt, ohne jedoch sexistisch zu sein, macht allein schon Freude, das Buch zu lesen. Andererseits wissen Høeg-Kenner, dass der Autor in seinen Büchern gerne mal esoterisch abdriftet. Im aktuellen Roman aber gehören diese Passagen zu den seltenen. Stattdessen könnten Physikverdrossene genervt sein von den diversen Exkursen und philosophischen Betrachtungen zum Thema Physik und Mathematik. Letztendlich sind diese beiden Wissenschaften aber jene Mächte, die nicht nur Susans Welt zusammenhalten.

„Der Susan-Effekt“ ist zwar nicht die hohe Kunst der Literatur, aber ein wirklich fesselnder, anspruchsvoller und lesenswerter Thriller, mit dem man die Nächte durchmachen könnte. Vielleicht nehmen Sie sich dafür besser frei.

Peter Høeg: Der Susan-Effekt, Carl Hanser Verlag, München, 2015, 397 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 21,90 Euro, ISBN 978-3446249042, Webseite zum Buch

Finnlands letzter Schund

Lauras letzte PartyEine Gruppe von finnischen Autoren und Drehbuchschreibern hat sich an einer Krimi-Trilogie versucht. Band 1 ist jetzt auf Deutsch im Suhrkamp-Verlag erschienen. Der Fall über das Verschwinden einer Schülerin und die Facebook-Ermittlungen einer Ex-Polizei-Internetspezialistin und jetzigen Sonderpädagogin ist ihnen jedoch nicht geglückt. Sie hätten das Schreiben wohl besser einem versierten Krimi-Autoren überlassen sollen.

Miia Pohjavirta ist internetsüchtig und musste deshalb ihren Job als Coach bei der Polizei in Helsinki aufgeben, wo sie einst die Einheit für Ermittlungen in sozialen Netzwerken begründete und dann schnell als Internet-Spionin bekannt geworden ist. Das soll nun alles der Vergangenheit angehören, denn sie hat ein völlig neues Betätigungsfeld gefunden: In ihrer Heimatstadt Palokaski arbeitet sie jetzt an ihrer alten Schule als Sonderpädagogin. Ein Teil ihrer früheren Clique wohnt noch immer in dem ruhigen, finnischen Nest, und ihr kleiner Bruder Nikke arbeitet an ihrer Schule als Psychologe.

Ausgerechnet am letzten Ferientag, als sich Miia gerade dem versammelten Lehrerkollegium vorstellen möchte, wird bekannt, dass die 16-jährige Schülerin Laura Anderson verschwunden ist. Wie jedes Jahr hatten die Schüler die Ferien mit einer Party am Badestrand beendet. Seitdem wurde Laura nicht mehr gesehen.

Keine normale Beziehung zu der 16-Jährigen

Miia verfällt schnell wieder in alte Muster: Sie bietet ihrem ehemaligen Chef ihre Hilfe bei den Ermittlungen an, sie recherchiert bei Facebook mögliche Hintergründe für das Verschwinden und wird schnell darauf gestoßen, dass ihr Bruder Nikke offensichtlich keine ganz so normale Beziehung zu der 16-Jährigen gehabt haben soll, wie man es gemeinhin von einem Schulpsychologen erwartet.

An sich ist der Plot eine Kriminalgeschichte, wie es sie zigfach schon in anderen Büchern erzählt worden ist. Die finnische Uusimaa Newspaper findet jedoch, das Buch sei „ein dunkler, psychologischer Thriller, ein fesselndes Beziehungsdrama in Zeiten des Internets“. Dass nun ausgerechnet eine Internetspezialistin mit Fachgebiet „Soziale Medien“ ermittelt, ist für diejenigen, die das Internet noch für Neuland halten, vielleicht spektakulär. Digital Natives können darüber nur müde lächeln. Und leider nimmt gerade die Internetrecherche dann auch noch zu wenig Raum ein. Es genügt einfach nicht, eine Ermittlern ein wenig durch Facebook zu schicken, um dem Leser deutlich zu machen, dass hier eine Spezialistin am Werk ist.

Wer wirklich einen guten Thriller lesen möchte, in dem eine Internetspezialeinheit der Polizei agiert, sollte beherzt zu der neuen Reihe von Karl Olsberg rund um die “Sonderermittlungsgruppe Internet” des LKA Berlin greifen. Der zweite Band ist im Frühjahr erschienen, weitere werden wohl folgen. Von der Palokaski-Trilogie jedoch kann man nur abraten.

Ein finnischer Anwalt sagt „Servus“

Möglicherweise liegt es an der Übersetzung, dass der Roman auch sprachlich nicht ansprechend ist. Dass die Schuldirektorin nicht in der Lage sein soll, die Grammatik zu beherrschen, ist wohl kaum vorstellbar. Dennoch gebraucht sie „brauchen“ ohne „zu“, und der Rezensent wird nicht müde werden, solche grammatikalischen Fehler zu erwähnen. Und dass ein finnischer Anwalt zur Verabschiedung tatsächlich „Servus“ sagten sollte, ist zwar ein nettes Beispiel von einem zusammenwachsenden Europa, aber dennoch eher ungewöhnlich.

Letztlich kann ein Leser von einer Sonderermittlerin der Polizei wohl mehr Feingefühl, Klasse und Lebenserfahrung erwarten, als Gedankengänge wie diese hier: „Als Verdächtiger kam der sonderbare Kauz auch weiterhin in Frage. Wer so unverfroren über die Brüste fremder Frauen redete, konnte sich locker an seinen Schülerinnen vergreifen.“ Das ist eigentlich nur eins: Billige Schund-Kriminalliteratur, die den Stempel „Literatur“ nicht verdient hat. Es erstaunt, dass es der renommierte Suhrkamp-Verlag ist, der sich die „Palokaski“-Trilogie an Land gezogen hat. Wer so großartige Krimi-Autoren wie Don Winslow, Reginald Hill und André Georgi im Programm hat, kann doch solche Bücher nun wirklich Publikumsverlagen wie Bastei Lübbe überlassen.

„Lauras letzte Party“ enttäuscht auf der ganzen Linie. Teil zwei und drei erscheinen im September und November. Wer den ersten Teil gelesen hat, muss im Grunde auch zum zweiten und dritten greifen, denn eine Lösung ist im ersten Buch nicht annähernd in Sicht. Wer aber gute Kriminalliteratur schätzt, findet sicher Besseres als die „Palokaski“-Trilogie.

J. K. Johansson: Lauras letzte Party, Suhrkamp Verlg, Berlin, 2015, 267 Seiten, Taschenbuch, 8,99 Euro, ISBN 978-3518465905, Buchtrailer, Leseprobe

Stephen King leiht sich Frankenstein

RevivalDer neue Roman „Revival“ von Stephen King wird als die Rückkehr des Horror-Meisters beworben. Der Horror in diesem Buch aber tönt nur leise, und schon das macht den Roman um einen gottvergessenen Prediger so lesenswert. Es ist vor allem aber auch eine richtig gute Erzählung. Warum King der Literatur-Stempel immer noch verwehrt bleibt, ist nicht zu verstehen.

Der Roman beginnt im Oktober des Jahres 1962. Während die Kubakrise in vollem Gange ist, lässt Jamie Morton bei seinen Plastiksoldaten lieber die Krauts gegen die Amerikaner antreten. Jamie ist sechs Jahre alt, als an jenem Tag im Oktober erstmals ein Schatten auf ihn fällt, der ihn sein ganzes Leben begleiten wird. „Ich blickte auf und sah einen Mann vor mir stehen. Weil sich die Nachmittagssonne hinter ihm befand, war er eine von goldenem Licht umgebene Silhouette – eine menschliche Sonnenfinsternis.“

Den Schatten wirft der junge Charles Jacobs, der soeben der neue Pfarrer der methodistischen Gemeinde in Harlow geworden ist. Fortan füllt er die Kirche wieder mit Gläubigen und verblüfft seine kleinen Zuschauer in der wöchentlichen Jugendgruppe mit kleinen Wundern. Jamie und die anderen Kinder erkennen jedoch schnell, dass die Wunder nichts anderes sind als Zaubertricks. Die Jesusfigur etwa, die den Anschein macht, als würde sie über einen See laufen, nutzt dafür eine kleine Führungsschiene, die unter dem seichten Wasser mit blauer Farbe verborgen ist.

Elektrizität und Spielereien

Jamie und Jacobs freunden sich an. Gleich am ersten Tag lädt Jacobs seinen jungen Freund zu sich ins Pfarrhaus ein und weiht ihn dort in sein großes Hobby ein: Die Elektrizität und allerlei damit verbundene, technische Spielereien. Er erfindet Batterien, Lichtschranken und natürlich den Wasser überquerenden Jesus. Mit seinen elektrischen Gerätschaften kann er sogar Jamies Bruder heilen, der für Monate seine Stimme verloren hatte.

Jamie ist fasziniert, während die meisten anderen Jungs wesentlich angetaner sind von Jacobs Frau Patsy, deren blonder Schopf beim Orgelspielen immer so schön hin und her wippt, und die auch ansonsten eine durchaus hübsche Erscheinung ist: „(…) und ich bekam einmal mit, wie mein Bruder Andy – der damals wohl auf die vierzehn zuging – sagte, sie über den Platz laufen zu sehen, sei eine ganz eigene religiöse Erfahrung.“ Die Mädchen wiederum sind völlig vernarrt in Jacobs zweijährigen Sohn Morrie (die Jungs nennen ihn dagegen nur „Morrie, das Klettchen“). Und die Erwachsenen, ja, die sind ihrerseits begeistert, dass sie endlich wieder einen ausgebildeten Pfarrer in ihrer Gemeinde haben.

In „Revival“ zeigt Stephen King einmal mehr, dass er ganz außerordentlich in der Lage ist, die kindliche und jugendliche Sicht der Dinge zu erzählen. Mit einem Lächeln in der Sprache, dass man meinen könnte, er habe auch beim Schreiben dieser Passagen unaufhörlich lächeln mögen. Bis der Horror das erste Mal sein Antlitz zeigt, kurz, nur ganz kurz. Denn eines Tages reißt ein grausiger Verkehrsunfall Jacobs Frau Patsy und ihren gemeinsamen Sohn Morrie aus dem Leben, von King mit drastischen Bildern beschrieben.

Mit Groll und tödlichem Zorn

Jacobs kann den Verlust seiner Frau und seines Sohnes nicht verwinden. Am darauf folgenden Sonntag liest er eine Messe, die seitdem als die „Furchtbare Predigt“ über die Gemeindegrenzen hinaus bekannt ist. Darin listet Jacobs Fall um Fall auf, in denen Gott seine Schäfchen nicht beschützt, sondern offenbar mit Groll verfolgt und mit tödlichem Zorn vernichtet hat. Jacobs Jesus hat jegliche Führungsschiene verlassen. Den Job ist Jacobs aber auch los, denn nach dieser Predigt muss er die Gemeinde verlassen.

Nun dauert es, bis Jacobs Schatten das nächste Mal auf Jamie fällt. Der Leser folgt Jamie auf dem Weg durch die Highschool und die erste Liebe. Aus dem kleinen Jungen wird ein mittelmäßiger Rock-Gitarrist, und falls das Buch jemals verfilmt wird, hat Stephen King dermaßen viele Anspielungen auf berühmte und weniger bekannte Rock-Songs gemacht, dass der Soundtrack zum Film mehrere Tonträger umfassen könnte. Viele der erwähnten Songs finden sich übrigens auch im Repertoire der Band „Rock Bottom Remainders“, in der Stephen King selbst hin und wieder Gitarre spielt. Ein Stephen-King-Fan hat sich die Mühe gemacht und eine YouTube-Playlist zusammengestellt, auf der nahezu alle bei „Revival“ erwähnten Songs zu finden sind. Leider sind einige davon in Deutschland nicht aufrufbar, aber der Rest intensiviert das Leseerlebnis.

„Revival“ trägt auch autobiografische Züge, denn Jamie Morton wird bald drogenabhängig, wie auch Stephen King einst drogen- und alkoholabhängig war. In seinem lesenswerten Interview mit dem Musikmagazin Rolling Stone (Ausgabe 245 / März 2015) erklärt King, er erkenne sich selbst in der Figur des Jamie wieder: „Jamie ist ein Bursche, der nach einem Motorradunfall süchtig wird – so wie ich nach meinem Unfall ein Drogenproblem bekam.“ Im Jahr 1999 wurde King bei einem Spaziergang von einem Auto erfasst und schwer verletzt. Um die Schmerzen zu betäuben, nahm er ein starkes, süchtig machendes Schmerzmittel ein. Aber schon zuvor habe er um 1978/1979 herum ein heftiges Alkoholproblem gehabt. „Ich musste pro Abend eine ganze 24er-Kiste verputzt haben und sagte mir: Du bist Alkoholiker.“ Ab 1978 sei er dazu noch kokainsüchtig geworden („Zwischen 1978 und 1986 war ich voll drauf“) und habe mit „Das Monstrum“ eines seiner schlechtesten Bücher geschrieben.

Elektrisches Wunder

Auch Jamie Morton ist „voll drauf“. Soeben aus der Band geworfen, tapert er, ausgemergelt und pleite von der Drogensucht, eines Tages ganz zufällig in einen kleinen Laden mit Elektrogeräten. Inhaber des Ladens ist – wie sollte es anders sein – Charles Jacobs. Der bringt Jamie auf die Beine und zurück ins Leben, erneut mit einem elektrischen Wunder, das stärker als das bisher erlebte ist. Jacobs lernt dazu, tüftelt weiter und tingelt schließlich mit seinen Zaubereien über die Jahrmärkte. Raffinierterweise lässt King seinen versessenen Reverend auch auf jenem Jahrmarkt arbeiten, der Schauplatz für seinen früheren Roman „Joyland“ gewesen ist.

Jamie und Jacobs Wege kreuzen sich immer wieder, doch Jamie graust es mehr und mehr vor der Verwandlung seines einstigen Freundes. Der widmet sich nämlich plötzlich einer Karriere als Fernseh-Prediger und Heiler, während er glaubt, Religion sei nichts anderes als ein großes Blendwerk. Mit seiner „Revival“-Show tourt er durch Amerika und lässt Blinde wieder sehen, Taube wieder hören und Menschen an Krücken und aus Rollstühlen wieder beschwerdefrei gehen. Das ist auch der Moment, in dem der leise Horror wieder einkehrt.

Wie sehr die Gläubigen nach Wundern lechzen und bereit sind, dafür ihr letztes Geld auszugeben, beschreibt King sehr eindrücklich. Auf der anderen Seite zeigt er auch die erschreckende Wesensveränderung des ehemals beliebten Reverend, der nur ein Ziel vor Augen hat: Die geheime Elektrizität zu entschlüsseln und für ihn nutzbar zu machen, nur um einen Blick hinter die Mauern des Todes zu werfen.

„Es lief mir kalt den Rücken hinunter“

King spielt dabei deutlich mit Mary Shelleys „Frankenstein“-Mythos. Das bekennt er in dem bereits erwähnten Interview mit dem Rolling Stone, als er gefragt wird, wann er die Idee für „Revival“ gehabt habe: „Schon in meiner Jugend. Auf der Highschool las ich ‚The Great God Pan‘, und darin gibt es zwei Männer, die gespannt darauf warten, ob die Protagonistin von den Toten zurückkehren kann oder nicht. Bei dieser Geschichte lief es mir kalt den Rücken hinunter. Und je mehr ich im Lauf der Jahre darüber nachdachte, desto mehr kristallisierte sich dieser ganze Mary-Shelley-Frankenstein-Komplex von ‚Revival‘ heraus.“ Im Roman aber findet sich ebenfalls ein kleiner, wenn auch versteckter Hinweis: Als es zum alles entscheidenden Experiment kommt, heißt die wichtigste Person nicht etwa Jamie Morton oder Charles Jacobs, sondern Mary Fay. Und deren Mutter soll eine geborene Shelley gewesen sein.

Kings Frankenstein aber erschafft nicht nur ein Monster, sondern viele. Denn jede von Jacobs‘ Heilungen sorgt zwar vordergründig für eine Verbesserung des Lebens, aber im Unterbewussten lauern Monster, die besser nicht geweckt worden wären. Um es mit einem berühmt gewordenen Zitat aus dem Film „Acht Millimeter“ zu sagen: „Wenn du dich mit dem Teufel einlässt, verändert sich nicht der Teufel. Der Teufel verändert dich.“ Ähnlich verhält es sich mit der scheinbar heilenden Elektrizität des Charles Jacobs.

Stephen Kings neuer Roman „Revival“ ist ein erzählerisch dichtes Werk und ein Schmöker bester Güte. Wie schon in „Joyland“ beweist King auch hier erneut, dass er Charaktere erschaffen kann, die einem Leser so sehr ans Herz wachsen, dass man sie am Ende ungern gehen lassen möchte. Dies ist kein Buch, das man nach dem Lesen wieder verkauft oder weiter verschenkt, denn man weiß, dass der Tag kommen mag, an dem man es wieder lesen möchte. Und dann muss es parat stehen.

Fehlende Bereitschaft zur korrekten Grammatik

Was bei übersetzten Büchern aus dem Heyne Verlag allerdings immer wieder ein Ärgernis ist, ist die fehlende Bereitschaft zur Verwendung der korrekten Grammatik des Hochdeutschen. Hier wird der Rezensent nicht müde werden, auf dieses Manko aufmerksam zu machen. Dass in den südlichen Bereichen Deutschlands im Zusammenhang mit der Präposition „wegen“ der Dativ statt des Genitivs verwendet wird, sollte keine Grundlage bei der Übersetzung ins Deutsche sein. So muten nämlich Passagen in Büchern wie „Revival“ seltsam an, wenn Charles Jacobs dem sechsjährigen Jamie erklärt, dass ein Satz wie „Denen, wo sich selber helfen“ grammatikalisch nicht korrekt sei, er aber eine Seite weiter selbst plötzlich grammatikalisch falsch spricht: „Ihr wisst schon, wegen seinem Unfall.“ Und das ist leider kein Ausnahmefall.

Das aber sollte letztlich niemanden davon abhalten, „Revival“ zu lesen, denn neben der unsauberen Grammatik bleibt es dennoch ein packender und lesenswerter Roman.

Stephen King: Revival, Heyne Verlag, München, 2015, 512 Seiten, gebunden, 22,99 Euro, ISBN 978-3453269637, Leseprobe

Die Zitate aus dem Rolling Stone-Interview entstammen der deutschen Übersetzung aus der deutschen Magazin-Ausgabe (März 2015). Das Interview führte der US-Autor Andy Greene für die amerikanische Ausgabe des Rolling Stone im Jahr 2014. Veröffentlicht wurde es am 31. Oktober 2014. Zum Zeitpunkt der Rezension ist das Interview im Internet nur auf Englisch vollständig abrufbar.

Der Schmerz der Doppelgänger

Im ersten AugenblickDer neue Roman von Grégoire Delacourt, Autor des Bestsellers „Alle meine Wünsche“, wird von den Medien fälschlicherweise nur als Liebesroman gefeiert. Die französische Tageszeitung Le Figaro etwa schreibt: „Grégoire Delacourt hat den Liebesroman neu erfunden.“ Der Atlantik Verlag druckt das Lob gleich auf den Umschlag. Doch „Im ersten Augenblick“ ist auch der bedrückende Roman einer Identitätssuche und gerade deshalb so lesenswert.

Arthur Dreyfuss ist 20 Jahre alt, macht sich als Automechaniker die Hände dreckig und wohnt allein in einem kleinen freistehenden Häuschen am Rand eines französischen Örtchens mit 687 Einwohnern. Während er eines Abends eine Folge der TV-Serie „Die Sopranos“ sieht, klopft es plötzlich an der Haustür. Als er öffnet, steht vor ihm die amerikanische Schauspielerin Scarlett Johansson.

Obwohl ihm schlagartig bewusst wird, dass er nur seinen Lieblingsfernsehaufzug, weißes Unterhemd und Schlumpf-Boxershort, anhat, bittet er sie herein. „Und welcher Mann auf der Welt, selbst in Unterhemd und Schlumpf-Boxershorts, hätte zu der phänomenalen Schauspielerin aus „Lost in Translation“ nicht „Kommen Sie herein“ gesagt?“

Müde vom Licht der Scheinwerfer

Sie gesteht dem völlig verdatterten Arthur, dass sie vom Filmfestival in Deauville geflohen sei, um ein paar Tage zu verschwinden, müde vom Licht der Scheinwerfer. Arthur entscheidet sich, die erschöpfte Schauspielerin bei sich unterzubringen. Während er sich schlaflos auf dem Ikea-Sofa im Wohnzimmer herumwälzt, schlummert Scarlett selig zwei Etagen höher in seinem Jugendzimmer unter den Postern von Michael Schumacher und der nackten Megan Fox.

Am Abend ihres dritten gemeinsamen Tages gesteht die Schönheit in Arthurs Haus schließlich, dass sie nicht Scarlett Johansson, sondern Jeanine Foucamprez heißt. Sie sieht bloß aus wie Scarlett Johansson, haargenau wie Scarlett Johansson. Und sie leidet fürchterlich unter dieser Last, denn für die Öffentlichkeit ist die Person Jeanine Foucamprez eine unsichtbare Frau. Wahrnehmbar ist nur die äußere Hülle, die Scarlett Johansson gleicht wie das eine sprichwörtliche Ei dem anderen.

Wie geht ein Mensch damit um, dass die Öffentlichkeit das eigene Ich verleugnet und es in eine andere Rolle presst? Wie verhält sich ein möglicher Partner? Liebt er den Menschen oder den äußeren Schein? Und welche Auswirkungen hat beides auf ein Liebespaar? Das sind die Fragen, die – ja, mit einer anmutigen Liebesgeschichte verwoben – in diesem sprachlich außergewöhnlichen Roman gestellt werden.

Die Zweifel bleiben

Die echte Scarlett Johansson hat ihre Rolle in der Öffentlichkeit gefunden, Jeanine Foucamprez nicht. Unfreiwilliger Doppelgänger zu sein, macht nicht nur unglücklich, sondern vor allem einsam, denn die Zweifel bleiben, ob das Gegenüber wirklich den Menschen liebt und nicht doch nur das „Sieht aus wie…“.

Die Angst vor dem Verlust der eigenen Identität und das Doppelgängermotiv finden sich immer wieder in der Literatur („Das Bildnis des Dorian Gray“, „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“). Grégoire Delacourt fügt jetzt noch ein weiteres gelungenes Beispiel hinzu, wenngleich man ihn gewiss nicht mit Oscar Wilde oder Robert Louis Stevenson gleichsetzen kann. Literarisch kann Delacourt da nicht mithalten. Eindringlich aber sind all jene Leser davor zu warnen, die aufgrund des Klappentextes und des kitschigen Umschlags nur von einer schönen, unterhaltsamen Liebesgeschichte ausgehen. Dieses Buch vermag viel mehr!

Umso unverständlicher ist es, dass Scarlett Johansson gegen dieses Buch vor Gericht gezogen ist. Der Roman verletzte und nutze betrügerisch ihre Persönlichkeitsrechte aus. Johansson verlangte nicht nur 50.000 Euro Schadensersatz, sondern wollte auch erreichen, dass keine weiteren Rechte an dem Buch verkauft werden, es also zum Beispiel nicht verfilmt werden könnte. Johanssons Anwälte vertraten die Auffassung, Delacourt habe die Person Scarlett Johansson dafür missbraucht, seinen Roman aufzuwerten und zu einer Sensation zu machen.

„Archetyp der heutigen weiblichen Schönheit“

Delacourt war sprachlos, als er davon erfuhr. Er erklärte laut der britischen Tageszeitung The Guardian, er habe Scarlett Johansson ausgewählt, weil sie der „Archetyp der heutigen weiblichen Schönheit“ sei. Seine Hauptperson aber sei Jeanine Foucamprez, nicht Johansson. Es ist also mehr eine Hommage an die amerikanische Schauspielerin – die aber in Übersee nicht verstanden wurde. Vielleicht auch deshalb nicht, weil der Roman zum Zeitpunkt des Prozesses noch nicht ins Englische übersetzt worden war und Johansson ihn deshalb noch nicht gelesen habe, wie Delacourt in einem kurzen Interview mit der franzözischen Tageszeitung Le Figaro erklärte.

„Wenn ein Autor nicht mehr die Dinge erwähnen kann, die uns umgeben, eine Biermarke, ein Denkmal, einen Schauspieler … dann wird es kompliziert, Romane zu schreiben“, sagte Delacourt weiter. Das Problem daran ist: Marken haben einen Marktwert, und Hollywoodschauspieler haben den auch. Bei dem Prozess in Paris ging es also auch darum, welchen Wert die Marke Johansson hat. Den Gefallen tat das Gericht der Schauspielerin allerdings nicht: Delacourt und sein Verlag müssen 2.500 Euro Schadensersatz bezahlen und 2.500 Euro Anwaltskosten übernehmen. Die Rechte blieben unerwähnt.

Ironischerweise wäre es in Johanssons Heimatland gar nicht zum Prozess gekommen, erklärte der New Yorker Anwalt Lloyd Jassin gegenüber dem amerikanischen Nachrichtenmagazin „Time“. Dort ist die Garantie der Meinungsfreiheit im 1. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten („First Amendment“) unantastbar. In Europa aber, sagte Jassin, würden Persönlichkeitsrechte „sehr viel ernster“ genommen – für Johansson die beste Gelegenheit, sich darauf zu berufen und ein wenig Geld einzuheimsen.

Im Interview mit dem Figaro scherzte Delacourt: „Ich dachte, sie könnte mir Blumen schicken, weil es eine Liebeserklärung für sie war, aber sie wollte es nicht verstehen.“ Und weiter: „Sie beschwert sich über das, was ich sage, das ist ein wenig paradox, aber der Prozess ist schließlich sehr amerikanisch.“

Grégoire Delacourt: Im ersten Augenblick, Atlantik Verlag, Hamburg, 2014, 206 Seiten, gebunden, 17,99 Euro, ISBN 978-3455600018, Leseprobe