Flucht ins Ungewisse – brillant erzählt

Sind Sie schon einmal in einer Citroën DS gefahren? Wie sie dahinschwebt, leicht und vergnüglich. So liest sich zeitweilig „Villa Royale“, das außergewöhnliche und wundervoll geschriebene Romandebüt der Französin Emmanuelle Fournier-Lorentz.

Scheinbar leicht. Denn: Wenn man den Kofferraum öffnet, ist darin das schwere Gepäck. Daran hat Palma schwer zu schleppen, denn sie ist gerade erst elf Jahre alt, als ihr Vater unerwartet stirbt. Man sagt, jeder hat sein Päckchen zu tragen. Palmas Familie trägt jetzt aber auch noch das des Verstorbenen. Es ist keine Backsteinsammlung, die da so schwer wiegt, sondern das Leben eines nahen Menschen, das unbekannt geblieben ist, und das jetzt nach und nach ausgepackt wird. Mit allen Konsequenzen, die das haben kann.

Eine DS gibt’s in diesem Roman nicht, stattdessen einen orangefarbenen Renault R5. In diesem flüchten Palma, ihre beiden Brüder Charles und Victor sowie ihre Mutter quer durch Frankreich, nachdem der Vater eines Morgens tot auf dem Teppich lag. Alle drei Monate packt ihre Mutter wieder die Sachen zusammen, und dann geht es weiter, mit Sack und Pack, mit Kind und Kegel, im eigentlich viel zu engen Rennbrötchen.

Da machen die Präsidenten Urlaub

Von La Réunion reisen sie zu Palmas Großmutter nach Marseille, von dort in ein Kaff im Aveyron, wo die Mutter einen Job gefunden hat. Die Großmutter flunkert, da machten die Präsidenten Urlaub. „Dass das gar nicht stimmte, wussten wir ja nicht, und waren begeistert. Sie hat wohl selbst daran geglaubt.“

Das Auto, der R5, diese französische Knutschkugel, sie wird zum heimlichen Hort, an dem die Familie über das bisher Ungesagte sprechen kann. Wo die Kinder fragen und die Mutter manchmal mehr sagt, weil sie den Blick auf der Straße hat. Wo sie gemeinsam einen Weg aus der Trauer suchen, der nicht nur aus Wegfahren besteht.

Wir erleben das alles aus Sicht der anfangs elfjährigen Palma, die so heißt wie das Restaurant in New York, in dem ihre Mutter erfuhr, dass sie mit Palma schwanger war. Palma versteht das alles nicht, die ständigen Umzüge. An einer Stelle sagt sie, dass sie doch hätten in Marseille bleiben können, „an diesem heilen Ort im Warmen, über den das Unglück keine Macht zu haben schien“. Doch stattdessen geht’s von Ort zu Ort. Nächster Halt: Escamadur, ein Fleckchen Erde, das auf keiner Karte Frankreichs verzeichnet ist.

Drei Kartons sind ihre einzig verbliebene Umzugsmasse

Drei Kartons sind ihre einzig verbliebene Umzugsmasse. „Vielleicht hätten wir uns nie davon erholt, dass unser Vater gestorben war und wir unsere Wohnung verloren hatten, aber zumindest hätte die Sonne geschienen.“ Und vielleicht hätten sie auch endlich mal im Telefonbuch gestanden. Das nämlich ist „fast schon ein Traum“ von Palma, verrät sie ihren Brüdern. Stattdessen muss sie sich fragen, ob die Familie irgendwann in einem Auto leben müsste, weil sich ihre Mutter kein festes Dach mehr über den Kopf leisten kann.

Später, als die Mutter schon die Post nicht mehr liest, die Rechnungen nicht mehr bezahlt und der Telefon- und Fernsehanschluss abgestellt sind, erkennt Palma, warum sie immerzu umziehen, umziehen, umziehen: „Hinter unseren fluchtartigen Umzügen verbarg sich ein ganz einfaches, klares Bedürfnis: dem Tod ausweichen. Dem Schicksal ein Schnippchen schlagen, nie irgendwo richtig ankommen, damit sich bloß nichts von dem, was geschehen war, wiederholte. Keine Wurzeln, keine Freunde, keine Tragödien.“ Was für ein Leben.

Hervorragende Erzählstimme

„Villa Royale“ ist trotz der bedrückenden Themen, der körperlichen und seelischen Trauerarbeit der Familie und der Belastungsprobe für die drei Geschwister, so reich an intensiven Momenten, die wir vor allem der hervorragenden Erzählstimme verdanken. Sie versorgt uns mit Eindrücken, die hängen bleiben und die manchmal wie ein Schlüssel an einem Band um den Hals im Takt der Laufschritte schmerzhaft auf die Brust klopfen. Palma erzählt über einen Zeitraum von mehreren Jahren von ihren Erlebnissen. Und von ihrer Familie, die sich wie ein Bollwerk durch alle Ungemütlichkeiten schiebt, verlässlich und mit vollem Vertrauen für das sichere Auffangnetz, das die anderen stets in ihren Händen halten.

Zunächst hat der Roman eine kindliche Stimme, die auch trotzig ist, die aber auch diesen ulkigen Humor hat, der in scheinbar unpassenden Momenten alle anderen aus ihrer Starre holt. Und schließlich wird aus der Kinderstimme diese Erzählstimme, die erwachsen wird, die mehr überblickt, mehr ahnt, mehr auch zwischen Tönen versteht, zwischen Zeilen lesen und in der Stille Ungesagtes hören kann. Das alles beschreibt Emmanuelle Fournier-Lorentz sprachlich so virtuos und hat die Übersetzerin Sula Textor so treffend ins Deutsche übertragen, dass es eine Wonne ist. Ja, dass es eine eigene „Villa Royale“ ist, deren Wände mit Teppichen aus ergötzlicher Sprache bespannt sind.

Emmanuelle Fournier-Lorentz ist für ihren atmosphärisch dichten Debütroman mit dem Prix Michel-Dentan ausgezeichnet worden, einem der wichtigsten und prestigeträchtigsten Literaturpreise der Westschweiz. Die lesenswerte (französischsprachige) Laudatio ist hier nachzulesen. Fournier-Lorentz, 1989 in Tours geboren, lebt seit 2012 in Lausanne und arbeitete bis 2016 bei der Genfer Tageszeitung Le Courrier. Mit „Villa Royale“ hat sie ihren ersten leuchtenden Stern am Literaturhimmel schon gesetzt. Man darf sehr gespannt sein, was danach noch kommt.

Emmanuelle Fournier-Lorentz: Villa Royale, Dörlemann-Verlag, Zürich, 2023, 287 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 25 Euro, ISBN 978-3038201212, Leseprobe

Seitengang dankt dem Dörlemann-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Von den flatterigen Launen der Liebe im alten Frankreich

Sie war mit Antoine de Saint-Exupéry verlobt, in zweiter Ehe ein paar Monate mit dem österreichisch-ungarischen Playboy Pál Graf Pálffy de Erdöd verheiratet und genoss Liebesaffären mit Jean Cocteau, Thomas Maria Graf Paul Esterházy de Galántha und mit dem britischen Botschafter Alfred Duff Cooper. Die Rede ist von Louise de Vilmorin, der heute leider ein wenig in Vergessenheit geratenen französischen Autorin.

Am 4. April wäre sie 120 Jahre alt geworden – Anlass genug, um ihre Romane endlich neu zu entdecken. Seit einigen Jahren bringt der Dörlemann-Verlag in Zürich ihre Bücher in wunderbaren Neuübersetzungen heraus. Zuletzt ist in diesem Jahr „Belles Amours“ (im französischen Original: „Les Belles Amours“, 1954) erschienen, ein überwältigender, tragikomischer Roman über Liebe, Versuchung, Freundschaft, Untreue und Rache in einer verzwickten Dreiecksbeziehung. Für Sammler*innen von Aphorismen und Bonmots ist das Buch zugleich eine wahre Fundgrube.

Angelt sich der Sohn die falsche Frau?

Der 30-jährige Samenhändler Louis Duville führt mit seinem Vater ein alteingesessenes Geschäft in der französischen Provinz. Zum Leidwesen seiner Eltern gibt der Filius das sauer verdiente Geld mit vollen Händen in Paris wieder aus, mit Frauen und Freunden, für schnelle Autos, Pferderennen und amouröse Abenteuer, aber ohne dass sich eine der vielen Damen an seiner Seite dauerhaft verfestigen würde. Die elterliche Sorge ist deshalb groß, dass sich der Luftikus die falsche Frau angelt, noch dazu möglicherweise von anrüchiger Herkunft.

Madame Duville wird deshalb selbst aktiv, mustert auf Hochzeiten die Brautjungfern und lädt passende Frauen in das familiäre Landhaus nach Valronce ein. Doch alle verlassen das Anwesen wieder, ohne eine Liebe zu entfachen. Da will es das Schicksal eines Tages wohl gut meinen mit der verzweifelten Madame Duville, denn ein Cousin schaut mit seiner Nichte in Valronce vorbei.

„Er küsste sie, sie blickten sich an, und es war alles gesagt“

Die 25-Jährige ist schon Witwe, ihr Mann 1918 im Krieg gefallen. Durch einen kleinen Zufall, eine zeitliche Koexistenz an einem Ort, begegnet Louis Duville der jungen Witwe und schlägt lang hin. Es braucht nur einen kurzen Spaziergang, wenige Liebesschwüre, einen Kuss und den gemeinsamen Traum vom Leben zu zweit, dann ist alles besiegelt: „Er küsste sie, sie blickten sich an, und es war alles gesagt.“ Sie sind verliebt, verlobt, und verheiratet sollen sie auch bald sein. Doch damit fängt der Trubel erst richtig an.

Denn zur Hochzeit im Herbst 1925 kommt auch ein guter Freund der Familie, der 54-jährige weltmännische Monsieur Zaraguirre aus Südamerika, ein Prachtkerl, der mit seiner Ausstrahlung und im lockeren Plauderton Frauen für sich begeistert, ein Frauenheld, wie Louis Duville selbst einer war, bis er seine Braut traf. Doch Duvilles Glück währt nicht lang, denn auch Monsieur Zaraguirre verliebt sich in die Braut und macht als Mann von Welt kurzen Prozess: Noch am Abend vor der Hochzeit flieht er mit der Braut – und heiratet sie selbst.

Könnte jetzt zu Ende sein, der Roman? Nix da – der wird jetzt noch besser und dreht die nächsten Twists! Denn der düpierte Louis Duville sinnt auf Rache.

Herrlich beißender Sarkasmus

Die beiden Frauenhelden kommen in „Belles Amours“ nicht gut weg, aber auch den Frauenfiguren widmet sich Vilmorin mit herrlich beißendem Sarkasmus, vor allem der naiven Braut, aber auch der ebenso schlichten, aber immerhin herzensguten Madame Duville. Die Mutter des Bräutigams lässt sich etwa zu sinnstiftenden Sätzen hinreißen wie: „Will man Ordnung schaffen, muss man zunächst Chaos stiften.“ Zur Hochzeit ihres Sohnes wünscht sie sich Vollmond, denn „das macht immer besonders viel her“. Und als ihr Mann ihr wenig Hoffnung macht, dass ihr Wunsch zu erfüllen sei, gibt sie munter zurück: „Manche wissen sich immer zu helfen. Man braucht einfach nur zu beten. Du vergisst, dass es Wunder gibt.“

Hinreißend beschrieben ist auch Madame Dajeu, eine entzückend direkte und fortschrittliche Pariserin, die sich mit Madame Zaraguirre anfreundet und ihr das flirrende Paris zeigt. Madame Dajeu ist eine Bereicherung, auch für den Roman. Über die Ehe sagt sie: „Die Ehe hat zwar viele Nachteile, aber sie liefert uns Frauen wenigstens ehrenwerte Vorwände. So kann eine Frau ihren Mann betrügen, weil sie ihn liebt, und wenn sie ihr Ziel erreicht hat, wird sie, gerade weil sie ihn liebt, jede etwaig eigennützige Verbindung kappen, durch die sie sich schuldig machen würde.“

Louise de Vilmorin weiß, wovon sie schreibt, sie war selbst zweimal verheiratet und bei amourösen Abenteuern auch kein Kind von Traurigkeit. Sie lässt Madame Dajeu sagen: „Ein vernünftiger Mann gibt sich mit den Lügen seiner Frau zufrieden.“ Und weiter: „Eine Frau sollte vor allem das Gewissen und das Mitgefühl eines Mannes erobern. Das wird ihn nicht unbedingt davon abhalten, sie zu betrügen, aber so muss er sein Tun wenigstens hinterfragen und wird meistens Skrupel haben, die Betrogene zu verlassen. Damit ist ihre Ehre gerettet, und das ist das Wichtigste.“ Und über Männer sagt sie: „Männer haben es besser. Selbst wenn sie halbtot sind, merkt man ihnen nichts an. Sie sehen immer gleich aus.“

Mit viel Witz und Herzenswärme geschrieben

Vilmorin hat diesen teuflischen Roman über die flatterigen Launen der Liebe mit viel Witz und Herzenswärme geschrieben, und Patricia Klobusiczky hat ihn gekonnt in ein vorzügliches Deutsch übersetzt. „Belles Amours“ ist leichte, nicht aber seichte Lektüre. Der Roman zeigt uns vortrefflich, wie schwierig zu finden ist, wovon schon der französische Schriftsteller Honoré de Balzac 1839 in der Erzählung „Die Geheimnisse der Fürstin von Cadignan“ („Les secrets de la princesse de Cadignan“) schrieb: „Wir können lieben, ohne glücklich zu sein; wir können glücklich sein, ohne zu lieben, aber lieben und glücklich sein – diese beiden, so großen menschlichen Genüsse zu verbinden, dazu bedarf es eines Wunders.“ Vielleicht aber hat Madame Duville recht: Man vergisst, dass es Wunder gibt.

Ein solches wäre auch Louise de Vilmorin zu wünschen, auf dass ihre Bücher wieder einem breiteren Publikum bekannt werden. Ihre Werke wurden erstmalig 1953 bis 1962 ins Deutsche übertragen und zuletzt seit 2009 im Dörlemann-Verlag veröffentlicht, jeweils in Neuübersetzungen von Patricia Klobusiczky. Vom Verlag heißt es, es sei nicht ausgeschlossen, dass die Reihe fortgeführt wird, konkrete Planungen gibt es jedoch noch nicht. Dabei hat Vilmorin nicht nur die bereits veröffentlichten Romane geschrieben, sondern auch noch einige Gedichtbände. Im französischen Verlag Gallimard sind außerdem Briefwechsel von Louise de Vilmorin erschienen, darunter auch die Korrespondenz, die Louise de Vilmorin mit Jean Cocteau ausgetauscht hat und ein neues Licht auf die Beziehung wirft, die sie seit 1934 pflegten.1)

Doch noch einmal zurück zu „Belles Amours“: Ein Nachbar der Duvilles sagt am Schluss: „Was für eine Geschichte, mein Lieber, was für ein Roman!“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Parbleu!

Louise de Vilmorin: Belles Amours, Dörlemann-Verlag, Zürich, 2022, 254 Seiten, gebunden, Leinen, mit Lesebändchen, 22 Euro, ISBN 978-3038201021, Leseprobe

Seitengang dankt dem Dörlemann-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

1) Wer sich näher mit Louise de Vilmorin beschäftigen möchte, findet von Elodie Nel weitere Informationen zur Biografie in MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003 ff. Stand vom 12. November 2015, zuletzt abgerufen am 4. April 2022. Wer des Französischen mächtig ist, sollte sich auch die beiden Video-Interviews von 1955 und 1964 ansehen.

Es war einmal – verschollen

Es ist wieder diese Zeit angebrochen, in der sich manch Familie in der Stube um den großen Ohrensessel sammelt, und jemand aus ihrer Mitte aus alten Büchern vorliest. Währenddessen prasselt ein Feuer im Kamin, und draußen ist es unwirtlich, stürmisch und kalt. In der Anderen Bibliothek sind jetzt die „Verschollenen Märchen“ von Johann Wilhelm Wolf in einem feinen Extradruck erschienen, die sich vortrefflich für solche Stunden eignen. Zum Lesen und Vorlesen – ein wahrlich hinreißender Genuss!

Märchen sind im deutschsprachigen Raum vornehmlich mit den Brüdern Grimm verbunden. Deren berühmte Sammlung der „Kinder- und Hausmärchen“ dürfte in vielen Bücherregalen zu finden sein. Als Jacob und Wilhelm Grimm im 19. Jahrhundert schon die ersten Auflagen unters Volk gebracht hatten, machte sich in Hessen auch ein bis heute weitgehend unbekannt gebliebener Mann namens Johann Wilhelm Wolf auf, um seinerseits Erzählungen von gar wundersamen Begebenheiten zu sammeln.

„In Darmstadt war nichts zu gewinnen“

„In unserem Wohnort Darmstadt war natürlich (…) nichts zu gewinnen, darum zogen wir in den Odenwald, um dort in der noch weniger von der sogenannten ‚Aufklärung‘ und dem ‚Fortschritt‘ angesteckten Bevölkerung die frisch duftenden Blüthen zu lesen“, schreibt Wolf in seiner Vorrede.

Das Material für seine „Deutschen Hausmärchen“ trug er mit seinem Schwager, dem in Darmstadt stationierten Lieutenant und Millitärschriftsteller Wilhelm von Ploennies, Sohn der Dichterin Luise von Ploennies, zusammen. Sie befragten die Soldaten der Kompanie, besuchten die Spinnstuben des Odenwaldes und die Wirtshäuser an der Bergstraße. Und allerorten erzählten die Menschen ihnen ihre Geschichten. Darunter die „von einem Pfarrer, der zu kräftig predigte“, von der „Schlange im brennenden Wald“, den „13 verwünschten Prinzessinnen“, „von der schönen Schwanenjungfer“ sowie jene über „die eisernen Stiefel“. Die beiden letzten lobt Wolf in seiner Vorrede als „zwei der schönsten Märchen“.

Puff! Aus der Traum!

Die Geschichte von der Schwanenjungfer, ausgearbeitet von Wilhelm von Ploennies, erzählt von einem jungen Jägerburschen, dem auf der Pirsch eine „wunderherrliche Jungfrau“ begegnet, die ihr Leben jedoch als Schwan fristen muss. Um sie zu erlösen, soll der Jäger jeden Sonntag ein Vaterunser für sie beten und nie wieder von ihrer Schönheit sprechen. Das alles gelingt ihm recht prächtig, bis er die Prinzessin von Frankreich heiraten soll – und die Ehre einem anderen Mann zubilligt.

Da wünscht der König zu erfahren, warum der Jäger seine Tochter verschmäht. Und der erzählt kurzerhand von seiner Braut, die noch tausendmal schöner sei als die Prinzessin. Puff! Aus der Traum! Um die Schwanenjungfer dennoch zu erlösen, muss der liebestolle Jäger jetzt noch viel härtere Prüfungen überstehen und seine Braut auf dem gläsernen Berg und in der finsteren Welt suchen gehen. Er macht Bekanntschaft mit den Klauen des Vogels Greif und erleidet während dreier Nächte manche schauderliche Pein.

Gelebte Wortschatzpflege

Die Andere Bibliothek hat die Märchensammlung glücklicherweise nicht in den Duktus der Jetztzeit übertragen, wie viele Verlage derzeit Klassiker neu zu beleben versuchen, sondern sie im Urzustand belassen. Wir können also Wörter lesen, die der „Verein deutsche Sprache“ (früher: „Verein zur Rettung der deutschen Sprache“) vermutlich schon auf die Rote Liste gesetzt hat. Dieses Märchenlesen ist also auch gelebte Wortschatzpflege.

Dazu hat der Verlag das Buch gewohnt bibliophil editiert. Ein bezaubernd gestalteter Leineneinband schmeichelt der Hand, die ihn hält, und den Augen, die ihn betrachten. Schon hier begegnen wir dem ersten Schwan. Er trägt die Krone, die wir auch über dem Titel jedes Märchens wieder aufgegriffen sehen. Und mit dem farblich passenden Lesebändchen findet der Vorleser gleich zur zuletzt vorgetragenen Seite zurück.

Gestaltet hat das alles die Berliner Typografin Manja Hellpap, die für die Andere Bibliothek bereits mehrere Werke bearbeitet hat. Darunter findet sich unter anderem Selma Lagerlöfs „Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden“. Bereits 1988 hatte der Verlag die „Verschollenen Märchen“ als limitierte Ausgabe und im Schuber veröffentlicht. Da die Ausgabe jedoch inzwischen vergriffen ist, war es an der Zeit, dass Wolfs Märchen erneut gedruckt wurden. Solche Sprache, solch ein Schatz darf nicht verschollen sein!

Johann Wilhelm Wolf: Verschollene Märchen, Die Andere Bibliothek, Berlin, 2016, 348 Seiten, gebunden, Lesebändchen, 16 Euro, ISBN 978-3847740322

Mit Champagner stürzt man besser ab

Die Kunst Champagner zu trinken„I think, we’ll have champagne with the bird“, sagt Miss Sophie bei „Dinner for one“, und Champagner ist nur eines von vielen Getränken an diesem denkwürdigen Abend. Dass Champagnertrinken nicht nur die feinperlige Lust der Schönen und Reichen ist, sondern vielmehr eine Kunst und ein Wagnis, das lehrt uns die französische Autorin Amélie Nothomb literarisch und erbarmungslos mit ihrem neuen Roman „Die Kunst, Champagner zu trinken“.

Nothomb ist bekannt dafür, dass ihre Romane oft autobiographisch geprägt sind. In ihrem aktuellen Buch macht sie daraus noch weniger einen Hehl als sonst, denn die Protagonistin heißt schlichtweg Amélie und ist erfolgreiche Schriftstellerin in Paris. Man darf es als Können respektive als Kunst bezeichnen, wenn einer Schriftstellerin es so famos gelingt, dem Leser das Gefühl zu geben, er folge tatsächlich der Autorin und als befände er sich höchstpersönlich in einer Folge der Arte-Serie „Durch die Nacht mit…“.

Bei einer Lesung lernt Amélie die 22-jährige Pétronille kennen, eine Frau, die aussieht wie ein fünfzehnjähriger Junge. Beide eint nicht nur das Interesse für Literatur, sondern vor allem das Faible für Champagner. Schon bei ihrer nächsten Begegnung schlürfen sie einen Brut von Roederer, während um sie herum Kaffee getrunken wird. Nothomb bemerkt dazu: „Frankreich ist jenes Zauberreich, wo Ihnen in der gewöhnlichsten Kneipe jederzeit ein ideal temperierter großer Champagner serviert werden kann.“

Die Liebe zum Champagner ist eine unbedingte

Amélie ist angetan von Pétronille, nicht zuletzt, weil sie weder snobistisch ihren Champagner trinkt, noch die unpassend vom Garçon dazu gereichten Erdnüsse isst. Pétronille genießt nur. Die Liebe zum Champagner ist eine unbedingte. Für sie braucht es Mitstreiter, Mitgenießer, Hedonisten, mit denen der Rausch Seite an Seite zelebriert werden kann. Hat Amélie in Pétronille die trink- und genusslustige wie -süchtige Begleiterin gefunden? Und hat Pétronille dagegen mit Amélie die Mentorin entdeckt, die ihr, der baldigen Literatur-Debütantin, auf die Sprünge hilft? Aus dem Für und Wider dieser Konstellation hätte sich etwas mehr Reiz entwickeln können.

Dennoch ist „Die Kunst, Champagner zu trinken“ schon deshalb ein wahnsinnig faszinierendes Buch, weil Nothomb einfach ein Händchen hat für befremdliche Situationen. Ganz und gar wunderbar gelingt ihr etwa die Beschreibung einer Begegnung mit Vivienne Westwood, der Erfinderin der Punk-Mode, die sie bei einem Interview-Termin völlig lässig links liegen lässt und dann sogar noch mit ihrem Hund Gassi gehen schickt. Das ist von wahrlich feinem Witz! Von dezent beobachteter Dekadenz dagegen zeugt eine Szene auf der Skipiste, die Amélie und Pétronille mit einer Champagnerflasche in der Hand statt mit Skistöcken hinunterrasen. Was kostet die Welt? Und ist sie nicht vergänglich wie das Perlen einer geöffneten Champagnerflasche? Wer wird uns denn einen kleinen Rausch verwehren?

Dass jeder alkoholische Zaubergarten aber auch eine Klippe hat, über die sich trefflich stürzen und fallen lässt, das verschweigt Nothomb nicht. Und plötzlich schmeckt alles wie eine Flasche, die viel zu lange geöffnet in der Sonne gestanden hat. Aber auch dieser letzte Schluck, die Neige, gehört dazu, zum Roman, zum Leben, und zum Gelage, das das Leben jedem von uns bietet.

Einen Toast auf den Champagner

„Die Kunst, Champagner zu trinken“ ist ein feines, kleines Büchlein, das niemand unbedacht an vermeintliche Champagnertrinker verschenken sollte. Vielmehr gilt es, den Leser unter den Bonvivants und Hedonisten zu suchen, der den feinen Stoff des Schaumweins zu goutieren versteht. Und ist man selbst ein solcher, dann sei schnell eine Flasche Schampus mit dem Degen geköpft und die Lektüre zu einem vergnüglichen Genuss herbeigereicht. Einen Toast auf den Champagner: Lass uns stets Freunde bleiben, oder zumindest bis zur Neige dieser Flasche! Santé, was für ein Kleinod von Champagner-Roman!

Amélie Nothomb: Die Kunst, Champagner zu trinken, Diogenes Verlag, Zürich, 2016, 144 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3257069617, Leseprobe

Pardon, Marceline

Und du bist nicht zurückgekommenManchmal fehlen Worte, um Bücher zu beschreiben, die so eindringlich sind, dass sie den Leser nicht mehr loslassen. Tagelang und ein Leben lang nicht. Marceline Loridan-Ivens‘ kleines Buch ist ein solcher Fall. Die Worte fehlen, weil sie nicht reichen, auch nicht heranreichen an das Lesegefühl, die Gedanken, die Erschütterung. Loridan-Ivens ist 15 Jahre alt, als sie mit ihrem Vater deportiert wird. Sie kommt nach Birkenau, er nach Auschwitz. Sie überlebt. Er nicht. Jetzt ist sie 87 Jahre alt und hat ihrem Vater einen letzten Brief geschrieben. Lesen Sie ihn!

Marceline und ihr Vater Froim Rozenberg gehörten zu den 76.500 Juden aus Frankreich, die nach Auschwitz-Birkenau gebracht worden sind. Zurückgekommen sind nur 2.500. Wirklich zurückgekommen ist niemand. „Wenn sie wüssten, alle, wie sie da sind, dass das Lager ständig in uns ist. Wir alle haben es im Kopf bis in den Tod“, schreibt Marceline. Sie selbst trägt es im ganzen Körper. Nicht nur die fünf Ziffern, die Zahl, die sie auf dem linken Unterarm stets an ihr Schicksal erinnert – sie nennt die Nummer ihre „furchtbare Gefährtin“. Nein, Marceline ist auch kein Stück mehr gewachsen, seit sie ihren Vater das letzte Mal gesehen hat.

Kurz vor seinem Tod konnte er ihr noch ein paar Worte zukommen lassen, auf einem Zettel, wenige Sätze, überbracht von einem anderen Häftling. Sie erinnert sich nur noch an die erste Zeile, die Anrede: „Mein liebes kleines Mädchen“. Der Rest ist in ihrer Erinnerung verloren gegangen. Und so sehr sie auch sucht, sie findet die Worte nicht. Bis heute nicht. Geantwortet hat sie ihm dennoch, mehr als 70 Jahre danach: „Und du bist nicht zurückgekommen“. So heißt auch das Büchlein, das jetzt auf Deutsch erschienen ist.

Ein schwer erträglicher Bericht

Entstanden ist damit nicht nur eine zutiefst ergreifende Liebeserklärung an den Vater. Entstanden ist auch ein schwer erträglicher Bericht vom Leben der Gefangenen zwischen Krematorium und Gaskammer, wo sie Gräben ausheben mussten, damit die Nazis auch dort noch die Leichen der vergasten Körper verbrennen konnten. Die Krematorien liefen schon auf Hochtouren. Immer neue Züge kommen an, und Marceline sieht die Menschen auf der Rampe zu den Gaskammern gehen, immer auf der Suche nach bekannten Gesichtern.

Loridan-Ivens glaubt zu wissen, warum sie die Worte ihres Vaters vergessen hat: „Es war notwendig, dass das Gedächtnis zerbrach, sonst hätte ich nicht leben können.“ Einen ähnlichen Gedächtnisschwund erlebt sie nach ihrer Rückkehr in Frankreich. Dort will niemand mehr etwas von den Erlebnissen wissen, verleugnet sie gar. Die Juden, so scheint es ihr, sind mehr daran interessiert, alles wieder aufzubauen. „Sie wollten, dass das Leben wieder seinen Gang nimmt, seine Zyklen wiederfindet, alles ging bei ihnen so schnell. Sie wollten Hochzeiten, sogar mit Abwesenden auf dem Foto, Hochzeiten, Paare, Lieder und bald Kinder, um die Leere auszufüllen.“

In Marcelines Familie erlebt sie das am eigenen Leib: Als sie völlig entkräftet aus Birkenau zurückkehrt, holt nicht ihre Mutter sie vom Bahnhof ab, sondern ihr Onkel, der selbst in Auschwitz gewesen ist. Verstohlen zeigt er ihr seine Nummer auf dem Arm. Dann rät er ihr, nichts zu sagen. „Sie würden es nicht verstehen.“ Und sie verstehen es tatsächlich nicht. Vielleicht wollen sie es auch nicht verstehen. Fassungslos liest man von Marcelines Mutter, die nicht weiß, was sie sagen soll, als sie ihr Kind erstmals wieder in die Arme schließt. Die nur bangt, ob sie vergewaltigt worden ist, weil sie schließlich noch verheiratet werden soll. Und die nicht versteht, warum ihre Tochter lieber auf dem Fußboden schläft, statt die weichen Laken eines bequemen Bettes zu genießen. „Man muss vergessen“, sagt ihre Mutter. Und entfernt sich damit weiter denn je von ihrer Tochter.

Unmissverständliche Antwort

Marceline Loridan-Ivens ist sich bis heute nicht sicher, ob es sich gelohnt hat, überhaupt zurückgekehrt zu sein. Eine erste unmissverständliche Antwort gaben ihr die Medien und Leser in Frankreich, als ihr Buch dort Anfang des Jahres erschien. Frankreich war ergriffen. Jetzt hat der Insel-Verlag das Büchlein in einer Übersetzung von Eva Moldenhauer herausgegeben.

Auch Deutschland kann jetzt antworten. Lesen Sie das Buch und verbreiten Sie es! Es gehört auch in die Hände derer, die fordern, man müsse langsam vergessen, heute lebe schließlich eine andere Generation. Schüler sollten es lesen und Theater es auf die Bühne bringen. Ja, es hat sich gelohnt, Marceline. Das ist die eine Antwort, die wir geben müssen. Die andere ist: Pardon. Auch wenn es nicht entschuldbar ist. Pardon, Marceline.

Marceline Loridan-Ivens: Und du bist nicht zurückgekommen, Insel Verlag, Berlin, 2015, 111 Seiten, gebunden, 15 Euro, ISBN 978-3458176602

Sehen Sie unbedingt dazu auch das hier verlinkte Autorengespräch mit Marceline Loridan-Ivens!