Mit Champagner stürzt man besser ab

Die Kunst Champagner zu trinken„I think, we’ll have champagne with the bird“, sagt Miss Sophie bei „Dinner for one“, und Champagner ist nur eines von vielen Getränken an diesem denkwürdigen Abend. Dass Champagnertrinken nicht nur die feinperlige Lust der Schönen und Reichen ist, sondern vielmehr eine Kunst und ein Wagnis, das lehrt uns die französische Autorin Amélie Nothomb literarisch und erbarmungslos mit ihrem neuen Roman „Die Kunst, Champagner zu trinken“.

Nothomb ist bekannt dafür, dass ihre Romane oft autobiographisch geprägt sind. In ihrem aktuellen Buch macht sie daraus noch weniger einen Hehl als sonst, denn die Protagonistin heißt schlichtweg Amélie und ist erfolgreiche Schriftstellerin in Paris. Man darf es als Können respektive als Kunst bezeichnen, wenn einer Schriftstellerin es so famos gelingt, dem Leser das Gefühl zu geben, er folge tatsächlich der Autorin und als befände er sich höchstpersönlich in einer Folge der Arte-Serie „Durch die Nacht mit…“.

Bei einer Lesung lernt Amélie die 22-jährige Pétronille kennen, eine Frau, die aussieht wie ein fünfzehnjähriger Junge. Beide eint nicht nur das Interesse für Literatur, sondern vor allem das Faible für Champagner. Schon bei ihrer nächsten Begegnung schlürfen sie einen Brut von Roederer, während um sie herum Kaffee getrunken wird. Nothomb bemerkt dazu: „Frankreich ist jenes Zauberreich, wo Ihnen in der gewöhnlichsten Kneipe jederzeit ein ideal temperierter großer Champagner serviert werden kann.“

Die Liebe zum Champagner ist eine unbedingte

Amélie ist angetan von Pétronille, nicht zuletzt, weil sie weder snobistisch ihren Champagner trinkt, noch die unpassend vom Garçon dazu gereichten Erdnüsse isst. Pétronille genießt nur. Die Liebe zum Champagner ist eine unbedingte. Für sie braucht es Mitstreiter, Mitgenießer, Hedonisten, mit denen der Rausch Seite an Seite zelebriert werden kann. Hat Amélie in Pétronille die trink- und genusslustige wie -süchtige Begleiterin gefunden? Und hat Pétronille dagegen mit Amélie die Mentorin entdeckt, die ihr, der baldigen Literatur-Debütantin, auf die Sprünge hilft? Aus dem Für und Wider dieser Konstellation hätte sich etwas mehr Reiz entwickeln können.

Dennoch ist „Die Kunst, Champagner zu trinken“ schon deshalb ein wahnsinnig faszinierendes Buch, weil Nothomb einfach ein Händchen hat für befremdliche Situationen. Ganz und gar wunderbar gelingt ihr etwa die Beschreibung einer Begegnung mit Vivienne Westwood, der Erfinderin der Punk-Mode, die sie bei einem Interview-Termin völlig lässig links liegen lässt und dann sogar noch mit ihrem Hund Gassi gehen schickt. Das ist von wahrlich feinem Witz! Von dezent beobachteter Dekadenz dagegen zeugt eine Szene auf der Skipiste, die Amélie und Pétronille mit einer Champagnerflasche in der Hand statt mit Skistöcken hinunterrasen. Was kostet die Welt? Und ist sie nicht vergänglich wie das Perlen einer geöffneten Champagnerflasche? Wer wird uns denn einen kleinen Rausch verwehren?

Dass jeder alkoholische Zaubergarten aber auch eine Klippe hat, über die sich trefflich stürzen und fallen lässt, das verschweigt Nothomb nicht. Und plötzlich schmeckt alles wie eine Flasche, die viel zu lange geöffnet in der Sonne gestanden hat. Aber auch dieser letzte Schluck, die Neige, gehört dazu, zum Roman, zum Leben, und zum Gelage, das das Leben jedem von uns bietet.

Einen Toast auf den Champagner

„Die Kunst, Champagner zu trinken“ ist ein feines, kleines Büchlein, das niemand unbedacht an vermeintliche Champagnertrinker verschenken sollte. Vielmehr gilt es, den Leser unter den Bonvivants und Hedonisten zu suchen, der den feinen Stoff des Schaumweins zu goutieren versteht. Und ist man selbst ein solcher, dann sei schnell eine Flasche Schampus mit dem Degen geköpft und die Lektüre zu einem vergnüglichen Genuss herbeigereicht. Einen Toast auf den Champagner: Lass uns stets Freunde bleiben, oder zumindest bis zur Neige dieser Flasche! Santé, was für ein Kleinod von Champagner-Roman!

Amélie Nothomb: Die Kunst, Champagner zu trinken, Diogenes Verlag, Zürich, 2016, 144 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3257069617, Leseprobe

Truman Capote trifft…

Mit der Monroe ging er zur Beerdigung, Liz Taylor lud ihn zum Champagnerschlürfen und Marlon Brandos Schwärmereien über Apple Pie und die Schauspielerei lauschte er in dessen Hotelzimmer in Kioto – Truman Capotes Porträts sind tiefe Einblicke in die Welt früherer Stars und Sternchen, taktlos, direkt und zu Recht legendär. Niemand sonst hätte es gewagt zu offenbaren, dass Marilyn Monroe die englische Königin als „Fotze“ bezeichnete.

Die Porträts, die der Verlag Kein & Aber im Jahr 2009 zum 25. Todestag des amerikanischen Schriftstellers herausgegeben hat, sind alle schon einmal in anderen Werken erschienen, jedoch niemals zusammen. Sie zeigen jene Wahrheiten, die Capote über seine Freunde aus der High Society schrieb und die ihm später die Einsamkeit brachten – denn viele Enthüllungen wurden ihm nicht verziehen. Capote war stets ein feiner Beobachter. Er sezierte die Eigenschaften und Schrulligkeiten der Schriftsteller, Schauspieler und Reichen der Gesellschaft und gehörte doch selbst dazu.

Das schmale, gebundene Büchlein versammelt elf Poträts von einstigen Stars wie Coco Chanel, Louis Armstrong oder Humphrey Bogart. Die meisten von ihnen umfassen nur wenige Seiten, Marilyn Monroe und Marlon Brando aber spielen die beiden Hauptrollen in dieser Sammlung. Von außen betrachtenswert, von innen lesenswert, von der Größe perfekt für die Westentasche des Herrn oder die kleine Handtasche der Dame.

Würden doch heutzutage weniger Gefälligkeitsporträts geschrieben und häufiger solche capote’schen Betrachtungen – es wäre eine Wohltat. Adam Soboczynski, Redakteur im Feuilleton-Ressort der Wochenzeitung „Die Zeit“, bringt es im „Zeit“-Magazin (14.04.2011, Nr. 16) auf den Punkt: „Es gilt bei Porträts die traurige Regel: Je ausgewogener das Porträt, desto unspektakulärer ist es. Allergrößte, himmlische, unerreichte Porträtistenkunst wäre es, mit dieser Regel zu brechen.“ Capote hat das getan. Er wurde dafür bestraft, aber er hat es getan. Die Zeugnisse davon sind nachzulesen.

Truman Capote: Marilyn & Co., Kein & Aber Verlag, Zürich, 2009, 175 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 14,90 Euro, ISBN 978-3036955483

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