Verehrt, verfolgt und fast vergessen

Vor rund 115 Jahren wurde in Dawideny im österreichischen Kronland Bukowina einer der bekanntesten deutschsprachigen Tenöre der 1930er Jahre geboren. Jetzt holt der Essener Autor Stefan Sprang den fast in Vergessenheit geratenen jüdischen Sänger und Filmstar Joseph Schmidt mit seinem hervorragend recherchierten und ergreifenden Roman „Ein Lied in allen Dingen“ wieder zurück ins Licht. Wahrlich war es Zeit für eine Wiederentdeckung!

Die Menschen schreiben den 9. Mai 1933, und Joseph Schmidt ist 29 Jahre alt. Es ist ein Dienstag, und mehr als 2.000 Menschen versammeln sich am Abend im Ufa-Palast am Zoo in Berlin. Gegeben wird die Uraufführung des Tonfilms „Ein Lied geht um die Welt“. Alle sind sie gekommen, die Stars und Sternchen, darunter natürlich die Hauptdarsteller Charlotte Ander und Viktor de Kowa sowie der Regisseur Richard Oswald. Nur einer fehlt: Joseph Schmidt. „Machen ’se sich ma‘ schleunigst auf den Weg. Die Leute wollen Sie sehen. Dit brodelt hier, dit is‘ der reinste Hexenkessel. Die reißen mir sonst dit Kino ab, hören‘ Se! Zeigen Se‘ sich“, schallt es aus dem Telefon. Joseph Schmidt muss hin, dabei wollte er dem Spektakel fern bleiben. Nicht weil er den Rummel um seine Person nicht schätzt, sondern weil sich NS-Propagandaminister Joseph „Die Kaulquappe“ Goebbels angesagt hat.

In Deutschland ist das furchtbare Zeitalter angebrochen

„Den meisten war eh piepegal, dass er tausend Kilometer von hier entfernt als Jude geboren war. Er hieß doch Schmidt. Schmidt wie bestimmt eine Million guter Deutscher zwischen Schleswig und Sonthofen.“ Doch in Deutschland ist das furchtbare Zeitalter angebrochen, in dem Juden verfolgt, deportiert und später auch in schier unfasslich großer Zahl vergast werden. Goebbels‘ Besuch und seine Bravo-Rufe sind nichts als eine Farce. Und trotzdem: Um den Herrn Minister nicht zu brüskieren, muss Joseph Schmidt auch am festlichen Essen im Savoy teilnehmen. Dort kommt es zum Austausch der beiden Josephs: dem Juden und dem Judenhasser.

Wie mag dieses Gespräch verlaufen sein? Worüber haben die beiden Männer sich unterhalten? Es gibt kein Protokoll davon, keine Primärliteratur, nur die Gewissheit, dass es stattgefunden hat. Stefan Sprang erschließt sich in seinem Roman eine Version, wie es hätte sein können. Ein gegenseitiges Taxieren mit Blicken, Worten, Höflichkeiten, während beide wissen, dass der eine der Wolf und der andere der Gejagte ist. Der eine will größtmögliche Propaganda, der andere will überleben.

Entkommen, Flucht, und stets die Angst vor dem Entdecktwerden

Am nächsten Abend brennen in Berlin die Bücher. Anwesend auch hier: Joseph Goebbels. Joseph Schmidt dagegen flüchtet vor den Nationalsozialisten ins geliebte Wien. Jetzt ist der weltweit berühmte Sänger ein Flüchtling, und er wird es den Rest seines kurzen Lebens bleiben. Stefan Sprang beginnt seinen Roman mit einem der vielen Fluchtmomente von Joseph Schmidt. Es ist eine seiner letzten, die Flucht von Südfrankreich in die Schweiz, mit dem Judenschlepper in kalten Nächten heimlich über die Grenze. „Endlich denen entkommen, die Böses gut und Gutes böse nennen“, schreibt Sprang und zitiert damit aus dem Alten Testament. Entkommen, Flucht, und stets die Angst vor dem Entdecktwerden. Sprang findet dafür Worte, die einfach scheinen, oft in Hauptsätzen daherkommen, aber so wirkungsvoll das Kopfkino in Gang setzen.

Nicht nur in diesen Passagen, sondern im gesamten Roman trifft Sprang den Sprachduktus der damaligen Zeit perfekt. Der als freier Hörfunkredakteur arbeitende Autor hat für sein Buch kaum Sachbücher gelesen, schreibt er in den Nachbemerkungen. Stattdessen: „Literatur, Literatur, Literatur.“ Christopher Isherwood, Ernö Szép, Manès Sperber, Anna Seghers, Alfred Döblin, Vicki Baum und immer wieder Joseph Roth. „Dieser Roman ist damit auch ein Ehrerweis. Für die vielen herausragenden Autorinnen und Autoren der 20er, 30er und 40er Jahre“, schreibt er.

Vor allem aber ist der Roman eine detailverliebte, tiefe Verneigung vor der lyrischen Sangeskunst und dem Leben von Joseph Schmidt, der zu seiner Höchstzeit dermaßen erfolgreich war, dass er etwa 1936 in den Niederlanden ein Open-Air-Konzert vor mehr als 100.000 Menschen gab und 1937 in der Carnegie Hall in New York auftrat. Sprang zeigt ihn auch als humorvollen, fröhlichen und charmanten Mann, der trotz seiner geringen Körpergröße von nur 1,54 Metern eine große Anziehungskraft auf Frauen ausübte.

„Zu Tränen gerührt, selbst beim simpelsten Schlager“

Wohl niemals aber wäre dieser Roman erschienen, wäre Stefan Sprang als Student nicht innerhalb Berlins umgezogen. Denn in der neuen und vom Vormieter wohl überhastet verlassenen Wohnung findet er neben allerlei Krempel eine Doppel-LP mit Liedern und Arien von Joseph Schmidt. Auf dem nächstbesten Schallplattenspieler aufgelegt, ist dies der „magische Funke: Eine unerhörte Stimme, der Gesang eines Mannes, wie ich ihn noch nie erlebt hatte – ergreifend von der ersten Note an, dass man eine Gänsehaut bekam und zu Tränen gerührt war, selbst beim simpelsten Schlager.“

Als die Nadel auf die A-Seite der Schallplatte aufsetzt und das leise Knacken vom Staub in der Rille dem Sänger namens Joseph Schmidt Platz macht, hört der 25-jährige Student zum ersten Mal das Lied „Heut‘ ist der schönste Tag in meinem Leben“, aufgenommen im September 1935 in Wien:

Sprang liest auf der Plattenhülle von Schmidts Schicksal, und schnell ist ihm klar: „Ich will – ich muss – über diesen so besonderen Menschen schreiben.“ Doch Sprang schreibt erst anderes: Kurzgeschichten, einen Jazz-Roman und einen Hörspiel-Monolog, der 2018 vom Theater Essen-Süd kongenial für die Bühne adaptiert wird. Und jetzt also endlich „den Schmidt“.

Es ist eine Freude, ihn zu lesen, wenngleich das Los, das Joseph Schmidt gezogen hat, ein fuchtbares ist. In der neutralen Schweiz, seinem letzten Zufluchtsort vor den immer näher rückenden Nationalsozialisten, stirbt er mitten im Zweiten Weltkrieg mit nur 38 Jahren. Nur zwei Tage später hätte er Asyl bekommen und wieder auftreten dürfen.

Stefan Sprang: Ein Lied in allen Dingen – Joseph Schmidt, Größenwahn Verlag, Frankfurt am Main, 2019, 318 Seiten, gebunden, 19,90 Euro, ISBN 978-3957712387