Ein Labyrinth der Möglichkeiten

Das LabyrinthDer schwedische Online-Journalist und Blogger Sigge Eklund hat einen Roman geschrieben, der vom deutschen Verlag Dumont als Antwort auf Gillian Flynns „Gone Girl“ beworben wird. „Das Labyrinth“ hat diesen Vergleich jedoch gar nicht nötig, denn das Leseerlebnis ist noch eindringlicher und verstörender als bei dem amerikanischen Bestseller. Dieser Roman ist wie ein Wein mit einem langen Abgang. Und den letzten Tropfen vergisst man nicht.

Das Ehepaar Åsa und Martin Horn ist verzweifelt: Ihre elfjährige Tochter Magda verschwindet genau zu der Zeit, als die beiden im Restaurant um die Ecke zu Abend essen. Zwar haben die beiden immer mal wieder nach ihrer Tochter gesehen, die Haustür jedoch völlig arglos nie abgeschlossen. So ist es die erste Vermutung, ein Mann könnte sich ins Haus geschlichen und Magda mitgenommen haben, denn als Åsa und Martin gegen zehn Uhr zurückkehren, ist Magda nicht mehr da.

Es beginnt eine große Suchaktion, zunächst mit den Nachbarn, dann mit der Polizei, mit Suchtrupps und Tauchern. Bei einer Pressekonferenz wenden sich Åsa und Martin direkt an einen möglichen Entführer. Doch die Botschaft wird ihnen wenig später selbst zum Verhängnis, denn nun konzentriert sich die Ermittlungsarbeit der Polizei auf sie beide: Sie stehen im Verdacht, ihre Tochter ermordet zu haben.

Aus vier verschiedenen Perspektiven erzählt

Und genau hier setzt die Handlung des Romans ein. Erzählt wird die Geschichte aus vier verschiedenen Perspektiven: Zum einen natürlich aus der Sicht von Åsa und Martin, zum anderen aber auch durch Tom, einem sehr loyalen Mitarbeiter von Martin, sowie dessen Ex-Freundin Katja. Alle vier sind in irgendeiner Weise miteinander verbunden, und sei es auch nur über Magda.

Als Leser sitzt man schnell zwischen den Stühlen, denn alle machen den anderen und auch dem Leser etwas vor, teilweise aber auch sich selbst. Bei Gerichtsprozessen heißt es nicht umsonst, dass der Zeuge das unsicherste Beweismittel ist. Vor allem dann, wenn er ein eigenes Interesse an einem bestimmten Ausgang des Verfahrens hat. Åsa und Martin reiben sich gegenseitig auf, durch gegenseitige Schuldzuweisungen, aber auch durch ihre eigenen Schuldgefühle. Ihre Ehe besteht nur noch auf dem Papier. Martin stürzt sich in seine Arbeit als Verlagslektor, Åsa streift auch nach Monaten noch nachts durch die Gegend und hofft, nachempfinden zu können, wie Magdas Entführer sie ausgewählt, beobachtet und schließlich mitgenommen hat.

Tom ist nicht einfach nur loyal, sondern geradezu unterwürfig und latent homoerotisch fasziniert von seinem Chef. Er ist besessen von dem Gedanken, Martin entlasten und dessen Unschuld beweisen zu können und ermittelt auf eigene Faust. Und Katja ist die neue Krankenschwester an Magdas Schule und hat erst kurz vor ihrem Verschwinden seltsame Male am Körper des Mädchens entdeckt. Was Åsa und Tom nicht wissen: Martin und Katja kennen sich. Und das ist nicht das letzte Geheimnis, das Martin mit sich herumträgt.

Symbol für das Gewirr aus Gedanken

Das titelgebende Labyrinth ist Symbol für die falschen Wege, die man einschlägt, für das Gewirr aus Gedanken, aus dem man schlecht den Ausgang findet, wenn sich das Ganze nicht aus einer höheren Warte betrachten lässt. Erst zum Schluss gelingt es zumindest dem Leser, sich zu erheben und das ganze fürchterliche Debakel von oben zu betrachten.

Auch wenn „Das Labyrinth“ auf den Krimi-Tischen der Buchhandlungen liegt, so ist es dennoch kein klassischer Krimi, sondern ein wirklich gut geschriebenes und vielschichtiges Beziehungsdrama mit hervorragend ausgefeilten Charakteren. Am Ende bleibt wie so oft die Gewissheit, dass ein wenig Offenheit und Miteinanderreden Vieles verhindert hätte.

Sigge Eklund: Das Labyrinth, Dumont Buchverlag, Köln, 2015, 383 Seiten, broschiert, 14,99 Euro, ISBN 978-3832197582

Miteinander reden 4

In diesem SommerJedes Jahr am 14. Juli treffen sich drei befreundete Paare in einem Haus an der Küste der Normandie. Davon könnten viele französische Bücher und vor allem Kino-Filme herrlich tragikomisch erzählen, Véronique Olmis Roman „In diesem Sommer“ aber ist ein bitterer Abgesang auf langjährige Beziehungen, ein mit Schärfe herausgearbeiteter Stoff über die Laster und Lasten von Freunden und Paaren.

Diesmal sind sie zu zehnt. Alex und Jeanne, die beiden Kinder der Gastgeber Delphine und Denis, haben noch je einen Schulfreund mitgebracht – sonst wären sie gar nicht erst mitgekommen. Delphine ist das alles nur recht, denn sie braucht Abstand von ihrem Mann. „Sie brauchte Leute, so viele Leute wie möglich zwischen sich und Denis.“ Und so beginnt schon auf der ersten Seite das ungute Gefühl, dass dieser Kurz-Trip keine herrlich leichte Kost für Fans französischer Filme sein wird.

In kurzen Episoden erzählt Olmi zunächst von der Anreise der drei Paare und stellt sie und ihre Lebenssituation vor. Lola, die ehemalige Kriegsberichterstatterin, die jedes Jahr mit einem neuen Freund an die Küste fährt, hat dieses Jahr den zwölf Jahre jüngeren Samuel an ihrer Seite, den sie mehr als Kind, denn als Partner sieht. Samuel will in diesen Tagen nicht nur die Beziehung mit Lola verstärken, sondern auch bei ihren Freunden einen guten Eindruck hinterlassen und sich in das große Miteinander einbringen. Er ist überschäumend verliebt und hoffnungsfroh.

Als Schauspielerin erniedrigt

Nicolas reist mit Marie an, die gerade 52 Jahre alt geworden ist und sich als Schauspielerin erniedrigt fühlt, weil ihr wiederholt eine Rolle als Großmutter angeboten worden ist. Währenddessen ahnt sie nicht, dass Nicolas an den seelischen Folgen eines tragischen Erlebnisses leidet.

Delphine ist vierzig Jahre alt, eine gutaussehende Frau, von den Männern begehrt, von ihrem Mann Denis verdächtigt, den Avancen des einen oder anderen auch zu erliegen, weil ihre Ehe nur noch die äußere Hülle eines inneren Nichts ist. In manchen Momenten findet Delphine ihren Mann noch immer schön, doch ihr fehlt die Zärtlichkeit, die Zweisamkeit.

Olmis Roman ist gelebte Kommunikationspsychologie. Hier wird zu wenig geredet. Man versteht sich oberflächlich, aber die Gefühle, die Probleme bleiben unerwähnt, unter den Partnern, aber auch unter den Freunden. Es braucht nicht mal kleine spitze Bemerkungen, um ein Gespräch eskalieren zu lassen. Wenn Friedemann Schulz von Thun, bekannt für seine Bücher „Miteinander reden 1-3“, einen Roman geschrieben hätte, es hätte dieser sein können, wenn er die dramaturgische Stärke einer Véronique Olmi besäße.

In Frankreich ist Olmi, als eine der bekanntesten Dramatikerinnen des Landes, für ihre Arbeit bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden. Mit „In diesem Sommer“ legt sie einen an die Seele gehenden Roman vor, der zwar auch von Längen gezeichnet ist, aber letztlich ein gutes, mit sachlicher Verständlichkeit werbendes Lehrstück ist.

Véronique Olmi: In diesem Sommer, Verlag Antje Kunstmann, München, 2012, 271 Seiten, gebunden, 18,95 Euro, ISBN 978-3888977763