Nazis klatschen

Als der baden-württembergische Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger (CDU) im Dezember 1966 deutscher Bundeskanzler wird, schreibt der Philosoph Karl Jaspers: „Dass aber ein ehemaliger Nationalsozialist nun die Bundesrepublik regiert, bedeutet: nunmehr gilt es als gleichgültig, einst Nationalsozialist gewesen zu sein.“ In Paris fragt eine Frau ihren Mann: „Serge, was können wir tun?“ Weniger als zwei Jahre später wird diese Frau Kurt Kiesinger auf einem CDU-Parteitag eine schallende Ohrfeige verpassen und ihn als „Nazi“ bezeichnen. Die Frau heißt Beate Klarsfeld, und die Ohrfeige ist der offizielle Auftakt für ihren Kampf gegen alte und neue Nazis, gegen Antisemitismus und für Israel. Die Franzosen Pascal Bresson und Sylvain Dorange haben über die Geschichte von Beate und Serge Klarsfeld einen aufschlussreichen, historischen Comic geschaffen, der endlich auch auf Deutsch vorliegt.

Das deutsch-französische Paar hat sein Leben dem Kampf gegen das Vergessen gewidmet. In der Graphic Novel sagt Serge Klarsfeld bei einem Interview: „Wir haben unsere Pflicht getan. Wir haben mit unseren militanten und aufmüpfigen Aktionen ein Beispiel für bürgerliches Engagement gegeben.“ Es gibt Filme, Bücher und natürlich allerlei Dokumentationen über sie. Ja, das Theater Osnabrück hat einen Teil ihres Lebens sogar als Oper auf die Bühne gebracht. „Beate & Serge Klarsfeld: Die Nazijäger“ ist jedoch die erste Graphic Novel über das politisch aktive Paar. Drehbuchautor Pascal Bresson und Illustrator Sylvain Dorange ist es dabei in weiten Teilen gelungen, die Ereignisse so genau wie möglich, aber auch für junge Leser*innen möglichst aufschlussreich zu erzählen. Vorlage dafür waren die Memoiren der Porträtierten.

Im Mai 1960 begegnen sich Beate und Serge das erste Mal. Beate ist Au-pair-Mädchen in Paris, Serge steht am Ende seines Politikstudiums. Als er ihr von seiner Familie erzählt, ist sie erschüttert – das Dritte Reich wurde bei ihr zu Hause totgeschwiegen. „Man machte weiter, und unter dem Schleier des Vergessens gab man ein reines Gewissen vor.“ Serge ist Jude. Seine Familie wurde in der Nazi-Zeit verfolgt, sein Vater starb im Vernichtungslager Auschwitz.

Ihre Methoden wandeln sich

Beate und Serge heiraten und nehmen sich vor, fortan die Ruhe der Alt-Nazis zu stören und sie aus ihren politischen Ämtern zu heben; ehemalige hochrangige NSDAP-Mitglieder zu entlarven, die weltweit untergetaucht sind; und jeglichen Mantel des Schweigens herunterzureißen. Ihre Methoden wandeln sich. Erst sind es Briefe an Behörden und einflussreiche Persönlichkeiten oder Artikel und Stellungnahmen in französischen Zeitungen. Dann suchen die Klarsfelds direkte Wege in die Öffentlichkeit und bringen unter anderem Flugblätter unter die Leute.

Zuletzt schrecken die beiden auch nicht mehr vor Entführungen zurück: 1971 wollen sie zum Beispiel den ehemaligen Gestapo-Chef Kurt Lischka kidnappen. In Bolivien entlarven sie das Versteck des Kriegsverbrechers Klaus Barbie, der wegen seiner Grausamkeit den Beinamen „Schlächter von Lyon“ trug. Barbie war für die Folterung und Ermordung von Mitgliedern der Résistance – unter ihnen Jean Moulin – in Südfrankreich verantwortlich. Darüber hinaus wurden ihm zahlreiche andere Verbrechen zur Last gelegt, darunter Massaker, Razzien sowie die Deportation von 44 jüdischen Waisenkindern („Kinder von Izieu“). Die Jagd nach Klaus Barbie hat 12 Jahre gedauert. Am Ende erreichen Beate und Serge, dass ihm in Lyon der Prozess gemacht wird. Wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit wird er 1987 zu lebenslanger Haft verurteilt.

„Kino auf Papier“

Bresson und Dorange porträtieren die Klarsfelds detailliert, feinsinnig und mit Respekt. Für den Autor waren die Klarsfelds „moderne Helden“, er verfolgte ihre Spuren schon, seit er 15 Jahre alt war. Zur Entstehungsgeschichte dieser Graphic Novel erzählt Bresson dem Carlsen-Verlag, wie Beate und Serge ihm zunächst misstrauisch begegnet seien, obgleich Serge bereits Bressons Buch über die französische Holocaust-Überlebende Simone Veil kannte (bislang nicht ins Deutsche übersetzt). Dann aber habe man sich sechs Monate lang jede Woche getroffen, Serge habe sogar sein Archiv geöffnet und Bresson unveröffentlichte Fotos aus Konzentrationslagern gezeigt. Drei Jahre arbeiteten Bresson und der Illustrator Sylvain Dorange an dem Buch, bis es das war, was es nach Worten von Bresson werden sollte: „Kino auf Papier.“

Ja, es ist tatsächlich Kino auf Papier. Eine Biographie, die wie ein Thriller angelegt ist, die Zeitsprünge macht, die verlässlich und immer akribisch genau informiert, die aber auch sehr emotional ist. Insbesondere die in sepia-grau gezeichneten Rückblenden auf die Familiengeschichte der Klarsfelds gehen an die Nieren. Bedrückend sind die Momente, in denen deutlich wird, dass die alte Nazi-Riege nicht tatenlos zuschaut, wie die Klarsfelds sie hartnäckig bekämpfen. Eine Auto-Bombe bedroht das Leben der beiden, Steine zertrümmern Fensterscheiben und Droh-Anrufe rütteln am Nervenkostüm der Aktivisten.

Beate und Serge Klarsfeld überleben all das und leben auch heute noch. Ihre Geschichte kann jetzt von nachfolgenden Generationen gelesen werden, die zum Teil selbst schon die Erfahrung machen, dass Protest, Demonstrationen und das Auflehnen gegen die Tatenlosigkeit der Eltern-Generation Dinge voranbringt, ganz nach Gudrun Pausewang: Etwas lässt sich doch bewirken. Dem Engagement von Beate und Serge Klarsfeld setzt diese Graphic Novel ein modernes Denkmal, das nicht nur Sehenswürdigkeit ist, sondern unerlässlich im Kampf gegen das Vergessen, den Beate und Serge begonnen haben. Auf dass er niemals ende.

Pascal Bresson / Sylvain Dorange: Beate & Serge Klarsfeld – Die Nazijäger, Carlsen-Verlag, Hamburg, 2021, 208 Seiten, gebunden, 28 Euro, empfohlen ab 14 Jahren, ISBN 978-3551793478

Anmerkung: Empfehlenswert ist dazu der Dokumentarfilm „Die Nazijäger – Beate & Serge Klarsfeld“ aus der Reihe „Geschichte treffen“ des Senders ZDFinfo, derzeit nur abrufbar über YouTube.

Pardon, Marceline

Und du bist nicht zurückgekommenManchmal fehlen Worte, um Bücher zu beschreiben, die so eindringlich sind, dass sie den Leser nicht mehr loslassen. Tagelang und ein Leben lang nicht. Marceline Loridan-Ivens‘ kleines Buch ist ein solcher Fall. Die Worte fehlen, weil sie nicht reichen, auch nicht heranreichen an das Lesegefühl, die Gedanken, die Erschütterung. Loridan-Ivens ist 15 Jahre alt, als sie mit ihrem Vater deportiert wird. Sie kommt nach Birkenau, er nach Auschwitz. Sie überlebt. Er nicht. Jetzt ist sie 87 Jahre alt und hat ihrem Vater einen letzten Brief geschrieben. Lesen Sie ihn!

Marceline und ihr Vater Froim Rozenberg gehörten zu den 76.500 Juden aus Frankreich, die nach Auschwitz-Birkenau gebracht worden sind. Zurückgekommen sind nur 2.500. Wirklich zurückgekommen ist niemand. „Wenn sie wüssten, alle, wie sie da sind, dass das Lager ständig in uns ist. Wir alle haben es im Kopf bis in den Tod“, schreibt Marceline. Sie selbst trägt es im ganzen Körper. Nicht nur die fünf Ziffern, die Zahl, die sie auf dem linken Unterarm stets an ihr Schicksal erinnert – sie nennt die Nummer ihre „furchtbare Gefährtin“. Nein, Marceline ist auch kein Stück mehr gewachsen, seit sie ihren Vater das letzte Mal gesehen hat.

Kurz vor seinem Tod konnte er ihr noch ein paar Worte zukommen lassen, auf einem Zettel, wenige Sätze, überbracht von einem anderen Häftling. Sie erinnert sich nur noch an die erste Zeile, die Anrede: „Mein liebes kleines Mädchen“. Der Rest ist in ihrer Erinnerung verloren gegangen. Und so sehr sie auch sucht, sie findet die Worte nicht. Bis heute nicht. Geantwortet hat sie ihm dennoch, mehr als 70 Jahre danach: „Und du bist nicht zurückgekommen“. So heißt auch das Büchlein, das jetzt auf Deutsch erschienen ist.

Ein schwer erträglicher Bericht

Entstanden ist damit nicht nur eine zutiefst ergreifende Liebeserklärung an den Vater. Entstanden ist auch ein schwer erträglicher Bericht vom Leben der Gefangenen zwischen Krematorium und Gaskammer, wo sie Gräben ausheben mussten, damit die Nazis auch dort noch die Leichen der vergasten Körper verbrennen konnten. Die Krematorien liefen schon auf Hochtouren. Immer neue Züge kommen an, und Marceline sieht die Menschen auf der Rampe zu den Gaskammern gehen, immer auf der Suche nach bekannten Gesichtern.

Loridan-Ivens glaubt zu wissen, warum sie die Worte ihres Vaters vergessen hat: „Es war notwendig, dass das Gedächtnis zerbrach, sonst hätte ich nicht leben können.“ Einen ähnlichen Gedächtnisschwund erlebt sie nach ihrer Rückkehr in Frankreich. Dort will niemand mehr etwas von den Erlebnissen wissen, verleugnet sie gar. Die Juden, so scheint es ihr, sind mehr daran interessiert, alles wieder aufzubauen. „Sie wollten, dass das Leben wieder seinen Gang nimmt, seine Zyklen wiederfindet, alles ging bei ihnen so schnell. Sie wollten Hochzeiten, sogar mit Abwesenden auf dem Foto, Hochzeiten, Paare, Lieder und bald Kinder, um die Leere auszufüllen.“

In Marcelines Familie erlebt sie das am eigenen Leib: Als sie völlig entkräftet aus Birkenau zurückkehrt, holt nicht ihre Mutter sie vom Bahnhof ab, sondern ihr Onkel, der selbst in Auschwitz gewesen ist. Verstohlen zeigt er ihr seine Nummer auf dem Arm. Dann rät er ihr, nichts zu sagen. „Sie würden es nicht verstehen.“ Und sie verstehen es tatsächlich nicht. Vielleicht wollen sie es auch nicht verstehen. Fassungslos liest man von Marcelines Mutter, die nicht weiß, was sie sagen soll, als sie ihr Kind erstmals wieder in die Arme schließt. Die nur bangt, ob sie vergewaltigt worden ist, weil sie schließlich noch verheiratet werden soll. Und die nicht versteht, warum ihre Tochter lieber auf dem Fußboden schläft, statt die weichen Laken eines bequemen Bettes zu genießen. „Man muss vergessen“, sagt ihre Mutter. Und entfernt sich damit weiter denn je von ihrer Tochter.

Unmissverständliche Antwort

Marceline Loridan-Ivens ist sich bis heute nicht sicher, ob es sich gelohnt hat, überhaupt zurückgekehrt zu sein. Eine erste unmissverständliche Antwort gaben ihr die Medien und Leser in Frankreich, als ihr Buch dort Anfang des Jahres erschien. Frankreich war ergriffen. Jetzt hat der Insel-Verlag das Büchlein in einer Übersetzung von Eva Moldenhauer herausgegeben.

Auch Deutschland kann jetzt antworten. Lesen Sie das Buch und verbreiten Sie es! Es gehört auch in die Hände derer, die fordern, man müsse langsam vergessen, heute lebe schließlich eine andere Generation. Schüler sollten es lesen und Theater es auf die Bühne bringen. Ja, es hat sich gelohnt, Marceline. Das ist die eine Antwort, die wir geben müssen. Die andere ist: Pardon. Auch wenn es nicht entschuldbar ist. Pardon, Marceline.

Marceline Loridan-Ivens: Und du bist nicht zurückgekommen, Insel Verlag, Berlin, 2015, 111 Seiten, gebunden, 15 Euro, ISBN 978-3458176602

Sehen Sie unbedingt dazu auch das hier verlinkte Autorengespräch mit Marceline Loridan-Ivens!

Seitengang auf der Leipziger Buchmesse 2012 – Die Zusammenfassung

Die Buchmesse in Leipzig ist zu Ende, ich bin wieder in Bielefeld. Auf der Sonderseite des Blogs ist bis Sonntagabend die Zusammenfassung der vier Tage erschienen, jetzt geht der lange Text auch auf der Hauptseite online. Und bald dann wieder eine neue Rezension.

Freitag, 16. März 2012:

Nachdem ich am Donnerstag den ersten Tag der Leipziger Buchmesse frühzeitig abbrechen musste, weil ich plötzlich krank und schlapp wurde, war ich am Freitag wieder in den Messehallen unterwegs. Davon und von den wenigen Erlebnissen am Donnerstag berichte ich nun.

Pünktlich um 10 Uhr begann am Donnerstagmorgen mit einem Gong die Leipziger Buchmesse 2012. Von dem sagenumwobenen Gong habe ich allerdings nichts mitbekommen, weil ich erst gegen 10.30 Uhr die Messehallen betrat.

Begonnen habe ich mit dem Programm um 11 Uhr bei der Eröffnung des Cafés Europa mit den Preisträgern des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung, Timothy Snyder und Ian Kershaw. Insbesondere Kershaw, der mit seiner zweibändigen Hitlerbiografie für Furore gesorgt hatte, reizte mich. In seinem aktuellen Werk beschäftigt er sich mit der Frage, warum die Deutschen unter Hitler noch weiterkämpften und durchhielten, obwohl sie militärisch schon am Ende waren. Der Besucherandrang zur Eröffnung des Cafés war aber so groß und die Lautstärke der Lautsprecher so gering, dass ich dem Gespräch kaum folgen konnte. Schade.

Selbiges Problem hatte ich wenig später in der LVZ-Autoren-Arena, in der Egon Bahr und Peter Ensikat ihr gemeinsames Buch „Gedächntnislücken“ vorstellten und in deutschen Nachkriegs- und Nachwendegeschichten schwelgten. Für die nächsten Lesungen wusste ich jetzt: Ellbogen ausfahren und einen Platz sichern.

Weniger problematisch dagegen war es, der Lesung von Jan Peter Bremer beizuwohnen. Der Berliner mit dem Krauskopf las aus seinem neusten Buch „Der amerikanische Investor“, das unlängst in der Sendung „Druckfrisch“ von Denis Scheck höchst gelobt wurde.

Ich selbst habe es noch nicht gelesen, habe es aber bereits auf meine Liste der noch zu lesenden Bücher gesetzt. Irgendwann gibt’s also auch dazu mal eine Rezension bei Seitengang. Ein neues Buch, verriet Bremer, sei noch nicht in Vorbereitung. Und er wolle sich damit auch noch Zeit lassen, zumindest bis zur übernächsten Leipziger Buchmesse.

Die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse habe ich dann leider nicht mehr mitnehmen können, weil es mir nicht mehr so gut ging, nachdem ich schon den ganzen Tag mehr und mehr geschwächelt hatte. Der Ordnung halber: Der Preis der Leipziger Buchmesse 2012 wurde Wolfgang Herrndorf (Belletristik), Jörg Baberowski (Sachbuch/Essayistik) und Christina Viragh (Übersetzung) verliehen. Herrndorf konnte den Preis nicht selbst in Empfang nehmen, sondern Robert Koall, ein enger Freund und Dramaturg seiner Stücke sowie Chefdramaturg am Staatstheater Dresden, übernahm die Rolle für ihn.

Die einzige Lesung von Christian Kracht in der Albertina (alle anderen Messetermine wurden abgesagt) konnte ich am Abend dann auch nicht mehr besuchen. Aber wie man am Freitagmorgen hörte, soll er nur rund eine Stunde gelesen und dann keine Diskussion zugelassen haben, sondern nur signiert.

Der Freitag begann mit einem ausgiebigen Bummel durch die Hallen – ich wollte es nicht übertreiben, nachdem der Donnerstag so frühzeitig für mich vorbei war. Zum ersten Mal sah ich am Stand des Hanser Literaturverlags das erste Buch des Hanser Verlags Berlin, einem neu gegründeten Verlag unter dem Dach des Hanser Literaturverlags. Das erste Programm soll erst im Herbst 2012 erscheinen, das erste Buch aber, so kündigte der Verlag vor rund zwei Wochen an, wurde schon am 16. März veröffentlicht: „Ziemlich beste Freunde“, nicht das Buch zum Film, sondern das Buch, dem der Film zugrundeliegt.

Auf dem blauen Sofa des ZDF war Frank Goosen mit seinem neuen Buch „Sommerfest“ zu Gast. Er las in typisch kohlenpott’schem Slang Auszüge daraus vor und unterhielt sich mit Moderatorin Marita Hübinger über die Kulturlandschaft Ruhrpott und Fußball. Das Ruhrgebiet sei ohne Fußfall nicht denkbar, sagte er und schloss mit einem Plädoyer für den Pott als lebenswerte Region in Nordrhein-Westfalen: „Wir müssen allerdings zusehen, dass die jungen Leute bei uns bleiben und nicht nach Berlin abwandern.“

Am späten Nachmittag schließlich wurde es in der LVZ-Autoren-Arena noch einmal richtig voll. Henryk M. Broder sprach über sein neues Buch „Vergesst Auschwitz!“ Auschwitz sei eine Touristenattraktion, ein „Disneyland des Todes“, das finde er „unerträglich“. Darauf angesprochen, was er denn davon halte, dass die Nationalelf zur Europameisterschaft das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz besuchen solle (der Zentralrat der Juden hatte diesen Vorschlag gemacht, nachdem ein israelischer Fußballspieler des Bundesligisten Kaiserslautern mit antisemitisch angeöbelt worden war): „Das ist eine Schnapsidee, eine billige Nummer, nur damit die Bilder um die Welt gehen“, sagte Broder und kündigte dazu einen Gastbeitrag im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ an, der am Montag (19. März 2012) erscheinen werde.

Aber Broder wetterte auch gegen den SPD-Chef Sigmar Gabriel, der den Umgang Israels mit den Palästinensern mit dem früheren Apartheid-Regime in Südafrika verglichen hatte: „Er hat nicht mehr alle Gurken im Glas!“ Er denke mit einem „sozialdemokatischen Wirrkopf“ und wolle sich nun beim Zentralrat der Juden für koscher erklären lassen, lästerte Broder.

Am Abend schließlich besuchte ich im Cinestar die Lesung von Sarah Kuttner, die natürlich ihren Jack Russel Terrier im Schlepptau hatte. Im ausverkauften Cinestar-Saal begeisterte Kuttner gleich zu Anfang mit der glaubwürdig vorgetragenen Entschuldigung, dass sie ihre diesjährige Lesereise nicht wie sonst in Leipzig begonnen habe, sondern „mit Oldenburg fremdgegangen“ sei. Sie plauderte munter drauf los. Die Lesung selbst kündigte sie mit den Worten an, sie könne gar nicht lesen wie die großen Literaten, mit Augenkontakt und all dem. „Ihr seht diese Augen während der Lesung jetzt also zum letzten Mal“, erklärte sie. Und begann, aus ihrem aktuellen, zweiten Roman „Wachstumsschmerz“ zu lesen – die Geschichte von Luisa und Flo, einem Pärchen über 30, das beschließt, zusammenzuziehen. Es wird viel gelacht an diesem Abend, das macht der kuttnersche Humor, ihr Schreibstil, aber auch die Art, wie sie schelmisch über sich selbst quasselt und dabei allzugern den Faden verliert, um ihn dann aus dem Publikum wieder zugeworfen zu bekommen.

Nach der Lesung stand Kuttner für Fragen der Zuschauer zur Verfügung. Einen dritten Roman werde es solange nicht geben, wwie ihr der zweite „noch nicht auf die Nüsse“ ginge. Und in „Wachstumsschmerz“ würden natürlich auch persönliche Kuttner-Noten stecken. So fände sie selbst Indoor-Klettern ähnlich blöde wie die Protagonistin. Auf die Frage einer Zuschauerin, ob sie schonmal Klettern gewesen sei, hatte Kuttner zunächst nur verstanden, ob sie schonmal bei Schlecker gewesen sei und antwortete dementsprechend verwirrt: „Äh, ja… ob ich schonmal bei Schlecker war? Hast du das wirklich gefragt?“ Lautes Gejohle im Saal. Dann die Richtigstellung. Ja, sie sei einmal mit ihrem Cousin Till geklettert, aber das sei nichts für sie. Und so parierte Kuttner schlagfertig wie immer jede noch so seltsame Frage.

Am Ende durfte auch der Jack Russel Terrier noch ran. Für ein Leckerli zeigte er bereitwillig das einzige Kunststückchen, das er kann: tot umfallen. Sarah schoss mit den Fingern auf ihren Hund, der sogleich auf den Rücken fiel, um dann schwanzwedelnd nach dem Leckerli zu lechzen. Der Applaus war den beiden sicher. Nach einer kurzen Rauchpause signierte Sarah Kuttner schließlich noch all die mitgebrachten oder gerade erst gekauften Kuttnerbücher ihrer Fans. Ein wahrlich gelungener Abend.

Samstag, 17. März 2012:

Der Samstag auf der Buchmesse war – gelinde gesagt – anstrengend. Nicht nur die Menschenmassen, die durch die Gänge strömten und die Stände der Verlage umdrängten – damit war ja zu rechnen -, sondern auch die Cosplayer, die mit ihren Mangakostümen die Glashalle bevölkerten.

Für mich begann der Samstag in der LVZ-Autoren-Arena. Ahnend, dass nicht nur mich der Besuch von Tatort-Kommissar Axel Prahl interessieren würde, stand ich schon etwas früher hinter dem Glasfenster, an dem ich schon Henryk M. Broders Lesung verfolgt hatte. So sah und hörte ich Reste von dem Gespräch mit der Krimi-Autorin Petra Hammesfahr, die ihr neues Buch „Die Schuldlosen“ vorstellte. Von sich selbst sagte die Autorin, sie sei eigentlich keine gute Schreiberin: „Ich kann nur gut lesen und verbessern.“ Wenn sie morgens nach dem Frühstück um zehn Uhr am Schreibtisch Platz nehme, dann lese sie zunächst die Seiten, die sie am Tag zuvor geschrieben habe, und verbessere sie. Außerdem sei sie wohl auch keine gute Krimi-Autorin, denn ihr tue es immer leid, wenn sie Menschen sterben lassen müsse. Der Moderator hakte ein und sagte: „Ich habe vor längerer Zeit hier mit Ingrid Noll gesessen – die liebt es, wenn gemordet wird und Blut fließt. Sie nicht?“

Hammesfahr schüttelte den Kopf und erzählte, sie habe in einem ihrer Romane fast ein ganzes Dorf ausgelöscht. Der Verlag wollte eine Fortsetzung, und weil ihr das Dorf so leid getan habe, habe sie den Überlebenden etwas Gutes auf den Leib geschrieben. „Als der Verlag die erste Fassung las, sagte der: Nein, das kannst du so nicht machen, du schreibst Krimis, da müssen Menschen sterben.“ Aber Hammesfahr argumentierte gegenüber dem Verlag, dass sie schon im ersten Roman so viele Leben ausgelöscht hatte, dass ihr ganz unwohl sei. „Dann lass doch ein paar Menschen zuziehen, hat mein Verlag mir vorgeschlagen.“ Gelächter im Publikum. Geeinigt habe man sich schließlich darauf, dass es die Menschen im Neubaugebiet trifft.

Bisher bin ich die Hammesfahr-Krimis umgangen, nachdem ich eines vor Jahren gelesen und für nicht ansprechend genug befunden hatte. Vielleicht ist es an der Zeit, noch einen Versuch zu wagen. Eine sympathischen Eindruck hat die Autorin jedenfalls hinterlassen. Nicht so sehr allerdings wie Axel Prahl, der nach ihr die kleine Bühne betrat.

Axel Prahl ruft, Nordlicht wie er ist, „Moinsen Leipzig“ in die Runde, als er sich hinsetzt. Menschen zücken Fotoapparate und vornehmlich Handys, die Menge drängelt und schiebt. Prahl: „Kinder, das hier ist eine Lesung, jetzt macht schnell Eure Fotos und dann hört zu, was hier gesagt wird.“ Was gesagt wird? Es geht um den Münster-Tatort, natürlich. Dass Prahl beschämt ist, welche Quote der letzte Münster-Tatort erreicht hat. Dabei war das nicht mal die beste Quote, die er je erreicht hat. „Aber die Leute mögen auch, dass es kein typischer Tatort ist, sondern mehr ein Schlagabtausch zwischen Boerne und Thiel“, sagt Prahl. Ob an den komödiantischen Einlagen lange gefeilt werde, fragt der Moderator. „Oh ja, und wie. Das steht ja alles im Drehbuch. Aber es gab auch schon Ausnahmen, bei denen Jan-Josef und ich überlegt haben, wie eine Szene aussehen könnte“, erzählt Prahl.

Woher das Gerücht denn komme, dass Prahl aus Ostdeutschland sei, will der Moderator wissen. „Das weiß ich auch nicht, aber das ist das schönste Kompliment, was man mir je gemacht hat.“ Relativiert aber dann, dass er noch ein zweites schönes Kompliment bekommen hat, als er im Theater einen kleinen Jungen gemimt hat und nach der Vorstellung ein Schüler zu ihm auf die Bühne gekommen sei und gefragt habe: „In welche Klasse gehst du denn?“

„Und dass ich aus dem Osten komme, stimmt ja auch – ich komme aus Ostholstein“, sagt Prahl und lacht. Dann aber geht’s endlich um seine CD „Blick aufs Mehr“, die er vorstellen will. Damit habe er sich einen Trauim erfüllt. „Ich habe als Jugendlicher natürlich Gitarrespielen gelernt, um am Lagerfeuer mehr Frauen abzukriegen. Aber wenn ich dann mit meinen Freunden am Lagerfeuer gespielt habe, hatten die alle schon eine Frau im Arm und waren am rumknutschen, und zu mir haben sie gesagt: Ach, Axel, spiel doch noch eins.“

Jetzt hat er eine CD aufgenommen, die Texte hat er selbst geschrieben, und ist mit seiner Musik auf Tournee. In seinen Konzerten will er nicht nur Lieder von seiner CD singen, sondern auch Lieblingsstücke anderer Sänger, Rio Reiser zum Beispiel. Wann wird Thiel im Tatort singen? „Nie“, sagt Prahl bestimmt. Die LVZ spielt ein Stück aus Prahls CD ein und der Schauspieler singt aus vollem Halse mit. Dann ist es schnell vorbei, die Massen zerstreuen sich, andere bleiben, weil jetzt der Walser kommt. Ich gehe.

Meinen Kollegen in der Onlineredaktion von nw-news.de habe ich versprochen, mit dem Bielefelder Cartoonisten Ralph Ruthe zu sprechen, der mit einem Video für den deutschen Webvideopreis nominiert ist, und dann einen kleinen Text aus Leipzig zu senden. Also traf ich Ralph Ruthe nach einer seiner Signierstunden in der Glashalle zu einem kurzen Gespräch.

Um 14.30 Uhr präsentierte Zeruya Shalev auf dem Blauen Sofa des ZDF ihr neues Buch „Für den Rest des Lebens“. Sie nennt ihren vierten Roman selbst ihren „optimistischsten und romantischsten Roman“, lässt sich aber im Gespräch mit Wolfgang Herles wenig darauf ein, dass sich auch das Thema Politik in ihrem Roman erstmalig dichter wiederfinde. Es geht natürlich darum, dass Shalev selbst ein Kind adoptiert hat, und auch eine der Hauptpersonen ihres neuen Buches verspürt den unbändigen Wunsch, ein Kind zu adoptieren. Ingeborg Harms hat in der FAZ vom 27. Januar 2012 geschrieben: „(…) eine Adoption mit der Geschichte Israels zu verweben, macht „Für den Rest des Lebens“ zu einem bedeutenden Buch.“

Warum es ein so bedeutendes Buch ist, wird aus dem Gespräch mit Wolfgang Herles leider nicht klar. Es fehlt auch an einer Lesung. So reizt ein mühsam übersetztes Gespräch leider nicht dazu, das Buch auf die „Noch-zu-lesen“-Liste zu setzen. Dafür braucht es mehr Anreize.

Damit hatte sich mein Samstagsbesuch der Messehallen erledigt. Abends sollte noch die großartige LitPop folgen. Dass ich die Messehallen auch am Sonntag nicht mehr sehen sollte, war am Samstag allerdings noch nicht klar. Ursprünglich war geplant, am Sonntag meine Lieblingsverlage abzuklappern und nach Leseexemplaren der Frühlings-Neuerscheinungen zu fragen. Doch aufgrund meines Gesundheitszustandes habe ich am Sonntagmorgen beschlossen, die Leipziger Buchmesse 2012 abzubrechen.

Insofern war die Sputnik LitPop für mich – ohne es zu wissen – die (würdige) Abschlussfeier der Leipziger Buchmesse 2012. Im pompösen Neuen Rathaus von Leipzig stieg auch in diesem Jahr wieder die Party, auf der sich Lesungen und Konzerte treffen. Das Motto der Veranstalter: „Auch junge Leute interessieren sich für Literatur – man muss sie nur entsprechend präsentieren.“ In der Unteren und Oberen Wandelhalle, im Festsaal, im Ratsplenarsaal und im Stadtverordnetensaal lasen unter anderem Steven Uhly, Oliver Geyer, Vince Ebert und Sarah Kuttner und es spielten Max Prosa, Supershirt und Frida Gold.

Für Sarah Kuttner war natürlich kein Platz mehr frei, aber die hatte ich ja bereits am Freitag ausgiebigst gesehen. Stattdessen drängte ich mich in den Ratsplenarsaal, stieg über Beine und Arme und machte es mir auf dem Holzboden bequem. Christiane Hagn hatte gerade ihre Lesung beendet, jetzt kam Oliver Geyer, der aus seinem Roman „Sommerhaus jetzt“ las. Eine Gruppe von Freunden tut sich zusammen, jeder plündert sein Sparbucher, seinen Bausparvertrag oder anderen Sparvertrag, um sich gemeinsam den Traum vom Haus am See zu verwirklichen. Das hat Oliver Geyer tatsächlich erlebt. Und er sagt: „Ich würde es immer wieder tun.“ Auch wenn natürlich längst nicht alles reibungslos geklappt hat, wie man sich vorstellen kann. Geyer seinen Zuhörern am Samstag eine Passage vor, in der nach der Einweihungsparty die Abwasserrohre geplatzt sind. Keine hochtrabende Literatur, aber zumindest vorgelesen urkomisch. Das Buch kommt erstmal auf die „Muss ich mir mal genauer ansehen“-Liste.

Im Anschluss fordert Vince Ebert „Machen Sie sich frei“. Hier wartet manch naturwissenschaftlich aufbereiteter Kalauer, manch interessante Wissensnote. Vince Ebert, Kabarettist und diplomierter Physiker, liest und kalauert vor sich hin und bringt den Saal vor allem mit seinem Homöopathie-Text zum Lachen. Das Buch „Machen Sie sich frei“ ist aber sicher eines der Bücher, die man als Hörbuch vom Autor persönlich eingelesen hören sollte. Nur so wirken seine Pointen wirklich. Für einen solchen Abend ist das sehr amüsant, für Comedy-Fans allemal. Als Buch reizt es mich nicht.

Damit war der Abend der Lesungen vorbei, jetzt kam der Abend der Konzerte und schließlich die Nacht der Partys. Die Obere Wandelhalle war schon rappelvoll, als ich aus dem Ratsplenarsaal kam. Ich suchte mir einen Platz in der Nähe der Wand, hatte (auch aufgrund meiner Größe) einen guten Seitenblick auf die Bühne (ist doch klar: der Blogger von Seitengang braucht den Bühnen-Seitenblick…) und noch genug Freiheit um mich herum. Noch. Denn kaum hatte die Band Frida Gold die Bühne betreten und sich die Türen des Saals geöffnet, in dem Sarah Kuttner gelesen hatte, wurde es höllisch eng. Die Sarah-Kuttner-Fans wollten raus, aber dann doch vielleicht noch ein wenig stehenbleiben und Frida Gold gucken, die Frida-Gold-Fans wollten nur Frida Gold sehen, uns so prallten auf dem Gang um die Obere Wandelhalle herum zwei Gruppen aufeinander. Oder vielmer: sie pressten sich aneinander vorbei. Da ist es von Vorteil, wenn man groß ist, Seitengang-Blogger ist und den Bühnen-Seitenblick hat. Da kann man das Frida-Gold-Konzert nämlich genießen.

Das allerdings war wiederum viel zu kurz. Knapp eine Stunde spielte Frida Gold nur, dann mussten sie Platz machen für eine Band namens „Supershirt“. Ich hab dann auch Platz gemacht und bin in die Untere Wandelhalle gestiefelt, habe ein Bier-Bier getrunken und mich mit allerlei anderem LitPop-Volk rhythmisch zu den Beats auf der riesigen Tanzfläche bewegt. Wenn ich richtig gesund gewesen wäre, hätte ich das bis zum frühen Morgen durchgehalten. So aber musste ich schon bald das Tanzbein ruhig stellen und den Heimweg antreten. Ich dachte ja, ich würde am Sonntag nochmal zur Messe rausfahren.

Sonntag, 18. März 2012:

Wie bereits gesagt: Einen Buchmesse-Sonntag im Jahr 2012 gab’s nicht mehr. Aufgrund meines Gesundheitszustands hab ich davon abgesehen, nochmal zur Messe zu fahren. Das ist mir zwar schwergefallen, aber es war ja nicht die letzte Messe. Für mich war es trotz der gesundheitlichen Strapazen ein echtes Erlebnis. Im nächsten Jahr werde ich wiederkommen, dann gesund sein und bleiben und von meinen Entdeckungen zeitnaher berichten können als in diesem Jahr. Das ist ja alles noch verbesserungswürdig.

Danke für Eure Genesungswünsche, danke, dass Ihr mir gefolgt seid, mich gelesen habt und die Rezensionen meines Blogs in Zukunft vielleicht sogar abonnieren wollt (ja, das geht!).

Ich habe schon die Anfrage bekommen, ob ich auch zur Frankfurter Buchmesse fahre – da kann ich nur sagen: Mal sehen! Ihr werdet es rechtzeitig erfahren. Leipzig jedenfalls ist großartig. Deshalb gilt mein letzter Dank dem Team der Leipziger Buchmesse 2012, das eine großartige Arbeit geleistet hat.

Tschüss, LBM12, und hallo, LBM13!

Von Freitag, 16. März, bis Sonntag, 18. März, gab es auf einer inzwischen gelöschten Sonder-Seite des Blogs die ausführlichen Berichte vom Tag und von den Highlights. Spontane Impressionen, Live-Bilder und Bonmots gab es auf der Facebook-Seite des Blogs und über Twitter.