Schuld und Sühne

Wer abends im Bett nur noch die ersten Seiten eines neuen Buches lesen und dann schlafen will, weil man am nächsten Tag früh aufstehen muss, trotzdem aber das Buch bis zum Schluss liest, der hat wahrscheinlich ein gutes Buch erwischt. Ferdinand von Schirachs „Der Fall Collini“ ist ein solches Buch.

Fabrizio Maria Collini, italienischer Staatsbürger, hat vierundreißig Jahre als Werkzeugmacher bei Daimler gearbeiter, zuletzt als Meister, und ist seit vier Monaten pensioniert. Er hat keine Vorstrafen und ist nie auffällig geworden. Doch dann geht er in das Berliner Luxushotel Adlon und tötet einen Mann namens Jean-Baptiste Meyer mit vier Schüssen in den Hinterkopf. Der junge Anwalt Caspar Leinen – erst seit ein paar Tagen hängt sein Kanzleischild am Hauseingang – bekommt den Fall als Pflichtverteidiger. Was Leinen zunächst als Karrierechance sieht, entpuppt sich als Problemfall. Denn der Getötete ist nicht nur der Großvater seines besten Freundes aus der Schulzeit, was Leinen in Gewissenskonflikte bringt, sondern Collini schweigt auch beharrlich zu seinem Motiv. Er ist geständig, will aber partout nicht darüber reden, warum Jean-Baptiste Meyer sterben musste. Um sich an dem Fall nicht die Zähne auszubeißen und zum Gespött der Berliner Anwaltschaft zu werden, muss Leinen tief in die deutsche Vergangenheit eindringen.

Was Ferdinand von Schirach mit seinem ersten Roman zustandebringt, ist ordentlich gut, aber noch nicht außerordentlich gut. Sein Schreibstil ist nüchtern und sachlich, aber weit entfernt von der Spröde eines juristischen Schriftsatzes. Das hat er bereits in seinen Erzählungen bestens unter Beweis gestellt und das macht auch den Roman so schnell und gut lesbar. Seine Figuren schwadronieren nicht, sondern sie erzählen präzise und mit knappen Worten. Der Wochenzeitung „Die Zeit“ hat er in einem Gespräch über seinen Erzählband „Schuld“ gesagt, „er sei kein Freund der Metapher, er suche nach keinem Synonym für „atmen“, wenn einer seiner Protagonisten atme. Wenn einer atme, schreibe er eben, dass dieser atme. Auf den Plot komme es an, wie in amerikanischen Storys.“

Schirach hat mit „Der Fall Collini“ die Nachkriegsjustiz zum Thema gemacht. Wer über diesen Bereich mehr lesen möchte, dem sei das Buch „Furchtbare Juristen“ von Ingo Müller ans Herz gelegt. Auch Schirach ist eng mit der Zeit des Nationalsozialismus‘ und der Nachkriegsjustiz verbunden, ist er doch ein Enkel des NS-Reichsjugendführers Baldur von Schirach. In einem Essay, der im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ veröffentlicht wurde und in dem Schirach über seinen Großvater schreibt, erklärt er jedoch, dass „Der Fall Collini“ keine Aufarbeitung seiner Familiengeschichte sei, sondern er „schreibe über die Nachkriegsjustiz, über die Gerichte in der Bundesrepublik, die grausam urteilten, über die Richter, die für jeden Mord eines NS-Täters nur fünf Minuten Freiheitsstrafe verhängten. Es ist ein Buch über die Verbrechen in unserem Staat, über Rache, Schuld und die Dinge, an denen wir heute noch scheitern.“

Auch im Bundesjustizministerium ist „Der Fall Collini“ offenbar gelesen worden, denn Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger hat im Januar 2012 die Professoren Manfred Görtemaker von der Uni Potsdam und Christoph Safferling von der Uni Marburg mit der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit im Bundesministerium der Justiz beauftragt. Ausdrücklich wird „Der Fall Collini“ in der Meldung als Beispiel erwähnt, denn der (rechts-)geschichtliche Hintergrund des Romans ist alles andere als fiktiv.

„Der Fall Collini“ ist sicherlich nicht die literarische Hochkultur, aber wenn ein Buch für eine schlaflose Nacht sorgt, ist das schon Grund genug, es guten Gewissens weiterempfehlen zu können. Es unterhält, es informiert, es rüttelt auch ein wenig auf. Und vielleicht sorgt es ja auch noch für einen Nachhall. Es wäre den Opfern der NS-Täter zu wünschen.

Ferdinand von Schirach: Der Fall Collini, Piper Verlag, München, 2011, 197 Seiten, gebunden, 16,99 Euro, ISBN 978-3492054751

Der Charme der Worte

„Bitte glaubt mir: Ich kann wirklich fröhlich sein. Ich kann angenehm sein. Amüsant. Achtsam. Andächtig. Und das sind nur die Eigenschaften mit dem Buchstaben „A“. Nur bitte verlangt nicht von mir, nett zu sein. Nett zu sein ist mir völlig fremd.“

Gleich zu Beginn ist es der Tod, der mit seiner Geschichte in die Phantasie des Lesers platzt. Der Tod hat viele Geschichten zu erzählen, aber es ist nur eine einzige, die ihn nachhaltig beeindruckt hat: die Geschichte der kleinen Liesel Meminger. Das neunjährige Mädchen kommt im Januar 1939 zu Pflegeeltern nach Molching in der Nähe von München. Die Pflegemutter, Rosa Hubermann, ist keine Frau feiner Worte und versteht es, ihre Mitmenschen herumzukommandieren und mit Schimpfworten zu überhäufen, insbesondere ihren Mann, Hans Hubermann, den Liesel schnell ins Herz schließt. Es ist die Zeit des Nationalsozialismus, der nach und nach seine Spuren in der Stadt und ihren Menschen hinterlässt. Auch Liesel wird immer öfter mit dem Thema konfrontiert. Ganz besonders, als ihre Pflegeeltern den Juden Max Vandenburg aufnehmen und ihn im Keller verstecken.

Max wird zu einem Freund, einem Vertrauten. Liesel, die ihr erstes Buch mehr gefunden als gestohlen hat, als es einem Totengräber bei der Beerdigung ihres Bruders aus der Hosentasche rutscht, erlernt mit Hilfe ihres Pflegevaters das Lesen. Sie stiehlt weitere Bücher, und dann ist es mehr und mehr Max, der ihr Worte zeigt und erklärt und die Lust am Lesen fördert. Mit ihrer unbekümmerten Art wickelt Liesel nicht nur Max, ihren Pflegevater und ihren besten Freund Rudi um den Finger, sondern auch die harte Rosa Hubermann kann sich dem Charme des Mädchens nicht erwehren. Und nicht zuletzt der Tod, der sich stets mit einer kunstvollen Arroganz und Eigenwilligkeit immer wieder einmischt und mit seinem Allwissen jongliert, Lösungen im Voraus präsentiert, Teile der Geschichte verrät, nicht zuletzt der Tod verfällt dem kleinen Mädchen, das allen vor Augen führt, was Menschlichkeit in einer Zeit der Unmenschlichkeit ausmacht.

Dem Autoren, Markus Zusak, ist hier ein Buch gelungen, das bald zum Kanon der Bücher gehören wird, die Kinder und Jugendliche zum Thema Nationalsozialismus gelesen haben müssen. Dazu gehören auch: „Der Junge im gestreiften Pyjama“ von John Boyne und „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ von Judith Kerr. Und jedem Erwachsenen sei das Buch wärmstens ans Herz gelegt, weil es eine zauberhafte Wortvielfalt enthält, die ihresgleichen sucht. Ungewöhnliche Metaphern, wie sie nur der Tod finden kann. Es ist ein literarischer Hochgenuss und ein Werk, das den Leser tief beeindruckt zurücklässt.

Markus Zusak: Die Bücherdiebin, Blanvalet Verlag, 2008, 588 Seiten, gebunden, 19,95 Euro, ISBN 978-3570132746