Als Thea Dorn im Jahr 2008 ihr Buch „Mädchenmörder“ veröffentlicht, ist Natascha Kampusch seit eineinhalb Jahren frei – da drängt sich dem Leser der Verdacht auf, die Autorin habe die Zeichen der Zeit erkannt und das Martyrium der jungen Österreicherin für ein eigenes Buchprojekt genutzt. Doch Verena Mayer schreibt in der Süddeutschen Zeitung, dass Dorn bereits an dem Roman gearbeitet habe, bevor der Fall Kampusch bekannt geworden sei. Grundlage des Buches sei vielmehr ein Fall aus den USA. Dort sei ein Serienmörder quer durch die Staaten gereist sei, habe Frauen umgebracht, und nur eine 16-Jährige habe überlebt.
In Dorns „Liebesroman“ ist es die 19-jährige Abiturientin Julia, die nach einer Party in Köln den Nachtbus nehmen will und stattdessen von dem sadistischen Ex-Rennradprofi David entführt wird. Sie fristet die ersten Tage in einem dunklen Keller, wird von ihrem Entführer, den sie durchgängig als ihren „Peiniger“ bezeichnet, misshandelt und vergewaltigt, jedoch nicht getötet. Dabei hat er schon mindestens zwei weitere junge Frauen auf dem Gewissen, doch irgendetwas scheint bei Julia anders zu sein. „Wie fühlt sich eine Gazelle, wenn ihr klar wird, dass sie dem Löwen nicht mehr entkommt? Spürt sie panische Angst? Versucht sie, doch noch einmal zu fliehen? Oder schaut sie nicht den Löwen im letzten Moment an und denkt: Was für ein schönes, starkes Tier! Sterben muss ich ja sowieso. Ist es da nicht besser, von solch einem Tier gefressen zu werden als einfach zu verrecken? Ich habe mich tausendmal gefragt, wieso ausgerechnet ich als Einzige von all den Mädchen überlebt habe. Vielleicht nur deshalb, weil ich die Einsicht einer Gazelle in mir fand.“
Julia überlebt also die Entführung und die gemeinsame Flucht durch Südeuropa. Da die Medien ihr aber zu viele Fakten verdreht haben, muss sie selbst ihre Erinnerungen niederschreiben. Das ist mitunter zäher Lesestoff. Die neunmalklugen Kommentare der Einser-Abiturientin, gerne auch auf Französisch, ermüden. Teils belanglose Hintergrundinformationen werden eingeklammert, machmal mehrere hintereinander. Die Gefühle des Opfers bleiben vage, die Motive des Täters erschließen sich ebensowenig. Stattdessen werden Grausamkeiten bis ins Detail erzählt, der Leser ist nur noch Voyeur. Die Wende im zweiten Teil des Romans ist zwar einigermaßen überraschend und durchdacht, aber auch hier bleibt das Buch an der Oberfläche. Warum Julia letztendlich freikommt, bleibt ein Rätsel. Vielleicht ist dies aber auch genau Dorns Intention: Bei all der Sensationsgier des Lesers, die vollumfänglich bedient wird, schwammig und ungenau zu bleiben und die Neugier an des Rätsels Lösung doch nicht zu befriedigen.
Thea Dorn: Mädchenmörder, Wilhelm Goldmann Verlag, München, 2008, 335 Seiten, gebunden, 19,95 Euro, ISBN 978-3442545834

Was für ein Roman! Noch lange Zeit, nachdem man den „Engelmacher“ von Stefan Brijs gelesen hat, hallt dieses Werk nach. Und dann will der Leser nur noch eines: Darüber reden, was ihm Erstaunliches und Verstörendes, Bewegendes und Tiefsinniges begegnet ist.
In einem Außenbezirk Stockholms wird die Leiche eines grausam ermordeten Mannes entdeckt. Im Haus des Familienvaters erwartet die Ermittler um den Kriminalkommissar Joona Linna ein weiteres Blutbad: Die Ehefrau und die gemeinsame Tochter sind ebenfalls brutal erstochen worden. Das Massaker überlebt hat nur einer – Josef, der Sohn der Familie Ek. Schwer verletzt liegt er im Koma. Als Linna durch Zufall erfährt, dass Josef noch eine ältere Schwester hat, schwant ihm Böses. Es gilt, die Schwester vor dem Mörder zu finden, der offenbar die ganze Familie auslöschen wollte. Helfen kann nur Josef selbst. Doch die Ärztin rät ab, ihn aus dem Koma zu holen. Der letzte Ausweg ist eine Hypnose. Linna wendet sich an den Arzt und Hypnotiseur Erik Maria Bark. Der hatte nach einer verhängnisvollen Erfahrung geschworen, nie wieder jemanden zu hypnotisieren. Doch in diesem Fall macht er eine Ausnahme. Und damit geht der Wahnsinn erst richtig los…
Schnappt sich ein Mann eine wesentlich jüngere Frau, reagiert die Gesellschaft nicht so sehr mit gerümpfter Nase, wie dann, wenn sich eine Frau mit einem Jüngling einlässt. Dabei haben sich schon einige Bücher und Filme diesem Tabuthema gewidmet. Hinzugekommen ist jetzt Simonetta Greggio mit ihrem Roman „Mit nackten Händen“. Mit skandalträchtigem Inhalt.
Selten ist die Titelfigur eines Romans so schnell gestorben wie in Paul Murrays Zweitlings-Werk. Bereits auf Seite zwölf lässt der irische Schriftsteller seinen Helden das Zeitliche segnen, die restlichen 768 Seiten beschäftigen sich mit den Hintergründen von Skippys Tod. Der ist übrigens kein Känguru, sondern Schüler an einem altehrwürdigen katholischen Jungeninternat. Richtig heißt er Daniel Juster, wird von seinen Freunden wegen seiner vorstehenden Zähne aber nur „Skippy“ gerufen.