Die blutrote Fahne, ihr Seeleut, habt acht!

„Wenn du dich mit dem Teufel einlässt, verändert sich nicht der Teufel. Der Teufel verändert dich.“ Dieses Bonmot aus dem thematisch überhaupt nicht passenden Kinofilm „8mm“ ist für sich genommen die treffendste Umschreibung für den neusten Wurf von Stuart Turton. Nachdem er mit „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ debütierte und das Buch in mehr als 30 Sprachen übersetzt und international ein Bestseller wurde (völlig zurecht übrigens), durfte man gespannt sein, was Turton mit dem zweiten Roman vollbringen würde.

Kurz gesagt: Es ist eines der besten Bücher des Jahres 2021 geworden, ein Schmöker, der seinen Namen verdient hat, und ein Buch, das man am liebsten nicht zu Ende gehen lassen möchte. Wenn Sie in diesem Jahr nur noch ein Buch lesen können oder wollen, lesen Sie dieses.

Erneut eine klar umrissene Bühne

Während wir uns in Turtons Erstling auf einem herrschaftlichen Anwesen befanden und das Grundstück kaum verließen, wählte der britische Autor, der mit seiner Frau und seiner Tochter in London lebt, für seinen zweiten Roman erneut eine klar umrissene Bühne aus. Auch hier ist ein Entkommen nur schwer möglich.

Man schreibt das Jahr 1634. Im Hafen von Batavia, heute bekannt unter dem Namen Jakarta, liegt ein Ostindienfahrer namens „Saardam“ vertäut. Mit Schiffen wie diesem bringt die Vereinigte Niederländische Ostindien-Kompanie regelmäßig Gewürze und Seidenstoffe aus den Kolonien nach Europa. Der Seeweg nach Amsterdam ist lang und gefährlich. Es lauern Piraten, Pest und pöbelnde Stürme auf See, und noch weist kein Radar sicher den Weg. Wer also von der Route abweicht, findet mitunter nicht mehr das Land, was er ansteuern wollte.

Essensrationen können knapp werden, wenn die Strecke länger ist als erwartet. Und ein Kapitän muss in manch ausweglos scheinenden Situation die Meuterei befürchten. „Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön“, das galt zumindest nicht für die Seefahrt im Jahr 1634.

Im Bann seiner Fabulierkunst

Turton schreibt „Der Tod und das dunkle Meer“ mit cineastischem Blick. Schon mit den Eingangsszenen, bei der die handelnden Personen nach und nach den Hafen von Batavia betreten, ist man im Bann von Turtons Fabulierkunst, der man sich nicht entziehen kann. Das geschäftige Treiben hier, das Beladen des Schiffes dort; Schweine, Hühner, Kühe, Fährboote kommen an und fahren wieder. Wohlhabende Passagiere stehen unter weißen Schirmen in der sengenden Sonne und warten darauf, die „Saardam“ betreten zu dürfen. Ja, fast meint man, sogar die Gerüche in der Nase zu haben, die durch den Hafen wehen.

Menschen jubeln einer Prozession zu, die einige der wichtigsten Personen dieses Romans zum Schiff bringt: Vorne weg der stolze Generalgouverneur Jan Haan auf einem weißen Hengst, hinter ihm in einer Sänfte seine Frau Sara und Tochter Lia, die körperlich und seelisch unter ihm leiden. Beide aber sind stark und selbstbewusst unter dem Deckmäntelchen des scheinbaren Gehorsams, und beide werden sich emanzipieren, wie man es nicht erwartet, aber umso mehr feiert. Das ist eine der vielen raffinierten Wendungen.

Der frühe Sherlock Holmes

Mit der Prozession kommen auch Arent Hayes und Samuel „Sammy“ Pipps, besser bekannt unter ihren Spitznamen „der Bär und der Spatz“, zum Schiff. Arent ist groß wie ein Bär und Sammy klein wie ein Spatz. Sammy ist sozusagen der frühe Sherlock Holmes, der knifflige Kriminalfälle löst, und Arent der frühe Dr. Watson, der Sammys Fälle aufschreibt und ihm ein Freund und ständiger Begleiter ist. Die Geschichten von Sammy und Arent sind in allen Teilen der zivilisierten Welt bekannt – doch jetzt ist Sammy in Ungnade gefallen und soll in Amsterdam hingerichtet werden.

Dabei hat er gerade noch für den Generalgouverneur die geheimnisvolle Phantasterei wiedergefunden – die kostbarste Fracht der „Saardam“. Was sie kann und wer sie erfunden hat (nein, es waren nicht die Schweizer), wird man später erfahren. So viel aber ist sicher: Kostbarste Fracht bleibt nie unbeobachtet, im Guten wie im Bösen.

Und das Böse ist mit an Bord. Ob es schon da war, oder der Teufel erst in Batavia als blinder Passagier auf die „Saardam“ geschmuggelt wurde, ist lange nicht klar. Wandelt der Teufel in Menschengestalt oder ist er unsichtbar? Im 17. Jahrhundert glauben die Seeleute ohnehin an vielerlei übersinnliches Unheil und versuchen, sich bestmöglich zu schützen. Sei es mit einem Talisman um den Hals, einer glücksbringenden Münze in der Hosentasche oder einem hoffnungsmachenden, ewige Liebe versprechenden Brief einer Frau in der Brusttasche über dem Herzen. Und ein jeder fasst sich an den gewählten Glücksbringer oder murmelt Gebete, als die „Saardam“ die Taue löst und die Mannschaft die Segel setzt. Denn als das Großsegel gehisst wird, prangt auf dem weißen Tuch plötzlich das Zeichen eines Auges mit einem Teufelsschwanz. Schockschwerenot!

Der Teufel verändert die Bühne immerzu

Mit der Ankunft des Teufels geschehen seltsame Dinge an Bord, Menschen und Tiere sterben unnatürliche Tode, und immer wieder taucht dieses Teufelszeichen auf. Der Teufel verändert die von Wasser und Gezeiten umgebene Bühne immerzu. Und wir sind gefühlt überall dabei: Ob an der frischen Luft auf dem Achterdeck oder dem dicht gefüllten Orlopdeck für die Passagiere, ob in den großen Kabinen für die reichen Leute oder auf Deck bei den Matrosen. Wir sind im Frachtraum, in der Pulverkammer, rund um den Großmast und ganz vorne an der Galionsfigur. Und an keiner Stelle engt der begrenzte Raum die Geschichte ein, denn Turton gelingt es meisterhaft, diese Bühne bis in die letzte Ecke, wo keiner mehr putzt, zu nutzen.

Seine Figuren, vor allem aber die unvergesslichen Held*innen, zeichnet Turton sehr raffiniert. Wie beim Häuten einer Zwiebel oder dem Öffnen einer Matroschka erfährt man erst nach und nach mehr über die handelnden Personen – und das kann schon mal ein paar hundert Seiten dauern.

Erst auf Seite 248 etwa erfahren wir, wie groß der Hochbootsmann Johannes Wyck ist, eines der wichtigsten Besatzungsmitglieder, das zugleich eine zentrale Rolle in der Aufklärung um die seltsamen Vorfälle an Bord der „Saardam“ spielt. Und seine Größe ist alles andere als unwichtig für die Geschichte.

Turton aber gelingt es hervorragend, die Figuren in den Augen der anderen Protagonisten spiegeln zu lassen, so dass die scheibchenweise Charakterbeschreibung nicht unangenehm auffällt – eher im Gegenteil. Seine Figuren entwickeln so Licht und Schatten. Und den Rest übernimmt die Phantasie.

Das einzige Manko

Die Übersetzung ins Deutsche durch Dorothee Merkel, auch das muss man lobend erwähnen, ist ausgezeichnet. Das einzige Manko, was der Rezensent auch hier nicht müde wird zu erwähnen, ist, dass „lachen“ kein Wort aus dem Wortfeld „sagen/sprechen“ ist. Das ist eine eigentümliche Angewohnheit von immer mehr Autor*innen und Übersetzer*innen, Personen in Büchern in der wörtlichen Rede etwas lachen zu lassen. Hier etwa der Satz: „‚Ich werde gegen Arent wetten‘, lachte dieser.“ Das zeugt leider nicht von einem guten Verständnis der deutschen Sprache.

Sprachlich ist „Der Tod und das dunkle Meer“ eine Wucht. Das cineastische Auge, die ungewöhnliche Art der Personenbeschreibung und das bestechende Gespür für Situationsbeschreibungen ergeben eine wunderbare Mixtur für dieses Wunderwerk an Fiktion. „Eine kaum merkliche, filigrane, aber dennoch entscheidende Balance hatte sich auf der ‚Saardam‘ verschoben.“ Merken Sie sich diesen Satz – er wird Ihnen irgendwann im Buch begegnen, und Sie werden wissen, dass er stimmt. Wer Stimmungen beiläufig scheinend, aber so treffend mit nur einem Satz einfangen kann, ist ein Meister der Worte. Stuart Turton ist ein Meister der Worte.

Die Genre-Frage

Lässt sich Turtons Buch einem Genre zuordnen? Kurze Antwort: Nein. In seinem mit britischem Humor verfassten Nachwort, das den Titel „Eine Entschuldigung an die Geschichte und das Schifffahrtswesen“ trägt, schreibt er: „Ich mache mir ein wenig Sorgen, die Leute könnten es als ein Buch über Schiffe oder als historischen Roman bezeichnen.“ Seine Angst ist vermutlich nicht unbegründet. Menschen wollen Ordnung und stecken Dinge gerne in Schubladen. Doch „Der Tod und das dunkle Meer“ passt in keine.

Für einen historischen Roman passen manche Ereignisse in diesem Buch nicht, auch die Sprache ist nicht angepasst. Für einen Roman über Schiffe sind die Details der „Saardam“ zu ungenau. Die Kleidung der Passagiere und der Besatzung sind nicht bis zum letzten Knopf recherchiert, die technischen Errungenschaften waren 1634 teilweise noch nicht erfunden. „Ich habe gründlich recherchiert, und dann habe ich alles wieder verworfen, was meiner Geschichte hinderlich war.“ Vielleicht ist es genau das, was Turtons zweiten Roman so lesenswert macht: dass die Phantasie hier das Ruder übernehmen darf.

Stuart Turtons Roman ist ein Buch zum Lachen, denn es hat Witz. Es ist zum Weinen, denn es hat sehr anrührende und traurige Passagen. Es ist zum Mitfiebern und Miträtseln. Es ist zum Fürchten und zum Bangen und Hoffen. Es bringt hinreißende Menschen hervor, die einem so sehr ans Herz wachsen, dass sie die Tage und Nächte bestimmen und man sich keine Leseminute ohne sie vorstellen mag. Es macht süchtig und es bringt einen dazu, das Ende hinauszuzögern. Was will man denn mehr?

Deshalb: Egal, welches Buch Sie gerade lesen – legen Sie es beiseite und schlagen Sie diesen Roman auf. Er wird Ihre Zeit beglücken und Sie an das köstliche Lesegefühl erinnern, als Sie das erste Mal „Moby Dick“ oder „Die Schatzinsel“ gelesen haben.

Stuart Turton: Der Tod und das dunkle Meer, Tropen-Verlag, Stuttgart, 2021, 608 Seiten, gebunden, 25 Euro, ISBN 978-3608504910, Leseprobe

Seitengang dankt dem Tropen-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Im Schloss des leisen Horrors

In der Zeit des ersten Corona-Lockdowns überschlugen sich die Feuilletons förmlich damit, welche Lektüre nun in dieser Zeit die passende sei. „Die Pest“ von Albert Camus vielleicht? Oder „Die Arbeit der Nacht“ von Thomas Glavinic? Oder Marlen Haushofers „Die Wand“ und „Die Arena“ von Stephen King? SZ.de fragte sogleich: „Die Pest, Momo oder doch die Bibel?“ und sortierte die Empfehlungen in einem Listicle nach Lesetypen. Nur das (ohnehin stets lesenswerte) Online-Magazin „54books“ ließ Till Raether völlig zurecht die grandiose US-amerikanische Autorin Shirley Jackson empfehlen („Immer im Lockdown – Warum Shirley Jackson die Autorin der Stunde ist“).

Die 1965 verstorbene Shirley Jackson ist eigentlich keine in völliger Vergessenheit dümpelnde Schriftstellerin. Zuletzt lief sehr erfolgreich die Serien-Adaption von Jacksons „Spuk in Hill House („The Haunting of Hill House“) bei Netflix, und im vergangenen Jahr kam, allerdings wohl nicht ganz so erfolgreich, die Verfilmung von Jacksons letztem Roman „Wir haben schon immer im Schloss gelebt“ in die Kinos. Das Buch, auf dem der Film basiert, ist ein literarisches Juwel, an dem man nicht so achtlos vorbeiziehen sollte, denn es begeistert sprachlich, feministisch, gespenstisch und menschlich.

Der Roman „Wir haben schon immer im Schloss gelebt“ erzählt von den Überresten der einst altehrwürdigen Familie Blackwood: Von der 18-jährigen, eigensinnigen und immer noch etwas kindlich-naiven Mary Katherine – von allen nur Merricat genannt -, ihrer älteren Schwester Constance, und ihrem gebrechlichen Onkel Julian. Alle übrigen Familienmitglieder, mit denen die drei einst in dem herrschaftlichen Anwesen zusammenwohnten, sind durch eine eigentümliche Arsenvergiftung dahingerafft worden. Denn eines Tages, man weiß nicht wie, war Arsen im Zuckerdöschen, mit dem die Familie bei Tisch wie immer ihr Dessert versüßte. Merricat war noch vor dem Abendmahl auf ihr Zimmer geschickt worden, Constance nahm keinen Zucker, Onkel Julian nur wenig. So wenig, dass er überlebte. Zwar schwer angeschlagen, aber er lebt. Der Rest: tot.

Grausame Spöttereien auf den Lippen

Dass solch ein plötzliches Ableben fast einer ganzen Familie im nahen Dorf nicht unkommentiert bleibt, ist kaum verwunderlich. Die Volksseele hat die vermeintliche Übeltäterin schnell gefunden: Es kann ja nur Constance Blackwood sein. Kann ja nur! Also schießt man sich auf sie ein. Der Roman beginnt zu der Zeit, in der Constance schon längst nicht mehr das Anwesen verlässt. Nur Merricat geht dann und wann hinunter ins Dorf, um wenige Lebensmittel zu kaufen und aus der Bibliothek neue Bücher auszuleihen. Der Weg hin und zurück ist ein ewiger Spießrutenlauf. Männer und Frauen machen aus ihrem Urteil keinen Hehl, und die Kinder haben grausame Spöttereien auf den Lippen:

Merricat, fragt Connie, willst du einen Tee?
Oh nein, sagt Merricat, darin ist Gift, o weh!
Merricat, fragt Connie, willst du nicht schlafen nun?
Drei Meter tief im Grabe ruhn!

Der Alltag der Familie Blackwood bestimmt sich in ihrer Oase der Zurückgezogenheit ganz nach Routinen. Die festen Strukturen des Tages und der Woche sind für Merricat wahre Kraftgeber und werden fast magisch aufgeladen. Das sind die Tage, an denen sie das Haus putzt und in dem Zustand hält, wie es einst gewesen ist. Ein Psychiater würde darin vermutlich eine Zwangsstörung sehen. Die Tage, an denen sie ins Dorf muss, sind die kraftraubenden, die schlimmen Tage.

Autoritär, aggressiv und einnehmend

Wie sehr die schlimmen Tage in den empfindlichen Alltag einbrechen können, erfährt Merricat, als plötzlich der schneidige Cousin Charles seine Aufwartung macht. Er ist gekommen, um zu bleiben. Autoritär, aggressiv und einnehmend spielt er sich als berechtigter Patriarch auf.

Damit ist die Bühne für den unvermeidlichen Konflikt bereitet, und es bleibt nicht bloß die Frage: wer überlebt? Sondern auch: wem kann der Leser trauen? Sollten wir jedes Wort einer Erzählerin für bare Münze nehmen, die sich in ihrer Freizeit mit Pilztoxikologie beschäftigt und sich hervorragend auskennt? Und die jegliche Grundstücksgrenzen mit Fetischen, Totems und Talismanen markiert, um die restliche Familie zu schützen? Nun …

„Wir haben schon immer im Schloss gelebt“ ist ein Roman des leisen Horrors, der sich in Zwischentönen auslebt, und an der Oberfläche leicht erzählt scheint. Es ist eine bezaubernde und zugleich beängstigende Geschichte, denn Tod und Unheil reisen ständig mit, und dennoch ist so viel Leben in diesem Roman. Leider sollte es Shirley Jacksons letzter sein.

Shirley Jackson: Wir haben schon immer im Schloss gelebt, Festa Verlag, Leipzig, 2019, 252 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 19,99 Euro, ISBN 978-3865527097, Leseprobe

Hotel „Zum Tod“

MörderhotelEin Hotel mit Falltüren, Foltertisch, versteckten Zimmern, Gucklöchern und geheimen Gängen? Klingt nicht gerade nach Erholung. Aber Herman Webster Mudgett ist auch nicht bloß Hotelier, sondern einer der ersten Serienkiller Amerikas. Wolfgang Hohlbein hat jetzt einen Roman über den Mann geschrieben, der mehr als 230 Menschen getötet haben soll. Obwohl der Roman als Thriller angepriesen wird, fehlt manchenorts die Spannung in diesem 847 Seiten starken Werk. Und dennoch ist es wirklich ein lesenswerter Roman, weil er gut recherchiert und vor allem toll erzählt ist.

Wir schreiben das Jahr 1893. In Chicago öffnet die neunzehnte Weltausstellung ihre Tore, und Millionen von Besuchern kommen in die Stadt, um solch Erstaunliches wie das erste moderne Riesenrad zu sehen. Auch Arlis Christen und der Privatdetektiv Frank Geyer reisen nach Chicago. Sie suchen nach Arlis‘ verschwundener Schwester, von der es heißt, dass sie einen gewissen Herman Webster Mudgett habe heiraten wollen. Kurzerhand quartieren sich beide in dessen Hotel ein und beginnen mit ihren Ermittlungen, die sie in tödliche Gefahr bringen.

Hohlbein, der sich als Autor von Fantasy- und Grusel-Romanen einen Namen gemacht hat, ist über eine BBC-Dokumentation zur Chicagoer Weltausstellung auf Herman Webster Mudgett aufmerksam geworden. Weil er es zunächst nicht glauben konnte, dass dem Mörder so lange niemand auf die Schliche gekommen war, forschte er weiter und erkannte dann wohl das Potential für einen Roman. Denn bisher hat nur der US-amerikanische Schriftsteller Erik Larson ein erzählerisches Sachbuch über Herman Webster Mudgett geschrieben, das in der deutschen Übersetzung („Der Teufel von Chicago“, Fischer Verlag, 2004) allerdings vergriffen ist. Im August wurde bekannt, dass Larsons Buch jetzt von Martin Scorsese verfilmt wird, und Leonardo DiCaprio soll die Hauptrolle des Killers übernehmen. Da kommt Hohlbeins Roman also zur rechten Zeit.

Erzählerisch sehr gelungen

Kritiker werfen dem Roman vor, er könne die Spannung nicht halten. Richtig ist, dass der Stempel „Thriller“ zweifelhaft ist. Aber erzählerisch ist der Roman sehr gelungen. Hohlbein nimmt sich Zeit und erlaubt dem Leser auch einen langen Blick auf die Kindheit von Herman Webster Mudgett: Etwa wie er zunächst von anderen Kindern gehänselt wird, sich dann aber – sehr blutig und mit ersten Anzeichen auf seine spätere Karriere als Serienmörder – Respekt verschafft.

Doch Hohlbein schlüsselt nicht nur Mudgetts Biographie präzise auf, sondern er hat auch die Zeitumstände ordentlich recherchiert. So werden auch die beschriebenen Schauplätze vor den Augen der Leser hervorragend lebendig, wenn Droschken über das Kopfsteinpflaster rattern, Dirnen in den Tavernen ihre Liebesdienste anbieten oder sich allerlei zwielichtiges Volk in den Gassen tummelt. Nicht umsonst war die Stadt damals lange Zeit nur als „Schlachthof der Nation“ bekannt.

Indes: Für zimperliche Leser ist das Buch eher nicht geeignet, weil es schon ordentlich blutig zur Sache geht. Und auch hier beweist Hohlbein sein Faible für Präzision, denn selbst die Morde werden sehr detailreich beschrieben. Da Mudgett manche seiner Opfer danach noch in Säure auflöste, um ihre Skelette an Universitäten und Arztpraxen zu verkaufen, muss man als Leser schon die eine oder andere Scheußlichkeit ertragen.

Lesenswerter, historischer Horror-Schmöker

Insgesamt ist Hohlbein mit seinem Roman ein lesenswerter, historischer Horror-Schmöker geglückt. Die Protagonisten sind interessant und psychologisch nachvollziehbar gezeichnet, vor allem die fabelhafte Figur von Herman Webster Mudgett. Aber auch die von Arlis Christen und dem anfangs ziemlich unsympathischen Frank Geyer, den es übrigens tatsächlich gegeben hat, sind gelungen. Lesen Sie diesen Roman, und wenn er Ihnen besonders nahe geht, werden Sie möglicherweise bald die Wände Ihrer Hotelzimmer mit den Fäusten abklopfen, bevor Sie sich dort sicher fühlen. In jedem Fall aber haben Sie sich von einem versierten Schriftsteller eine wirklich gute Geschichte erzählen lassen.

Wolfgang Hohlbein: Mörderhotel, Bastei Lübbe Verlag, Köln, 2015, 847 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3785725481, Leseprobe

Stephen King leiht sich Frankenstein

RevivalDer neue Roman „Revival“ von Stephen King wird als die Rückkehr des Horror-Meisters beworben. Der Horror in diesem Buch aber tönt nur leise, und schon das macht den Roman um einen gottvergessenen Prediger so lesenswert. Es ist vor allem aber auch eine richtig gute Erzählung. Warum King der Literatur-Stempel immer noch verwehrt bleibt, ist nicht zu verstehen.

Der Roman beginnt im Oktober des Jahres 1962. Während die Kubakrise in vollem Gange ist, lässt Jamie Morton bei seinen Plastiksoldaten lieber die Krauts gegen die Amerikaner antreten. Jamie ist sechs Jahre alt, als an jenem Tag im Oktober erstmals ein Schatten auf ihn fällt, der ihn sein ganzes Leben begleiten wird. „Ich blickte auf und sah einen Mann vor mir stehen. Weil sich die Nachmittagssonne hinter ihm befand, war er eine von goldenem Licht umgebene Silhouette – eine menschliche Sonnenfinsternis.“

Den Schatten wirft der junge Charles Jacobs, der soeben der neue Pfarrer der methodistischen Gemeinde in Harlow geworden ist. Fortan füllt er die Kirche wieder mit Gläubigen und verblüfft seine kleinen Zuschauer in der wöchentlichen Jugendgruppe mit kleinen Wundern. Jamie und die anderen Kinder erkennen jedoch schnell, dass die Wunder nichts anderes sind als Zaubertricks. Die Jesusfigur etwa, die den Anschein macht, als würde sie über einen See laufen, nutzt dafür eine kleine Führungsschiene, die unter dem seichten Wasser mit blauer Farbe verborgen ist.

Elektrizität und Spielereien

Jamie und Jacobs freunden sich an. Gleich am ersten Tag lädt Jacobs seinen jungen Freund zu sich ins Pfarrhaus ein und weiht ihn dort in sein großes Hobby ein: Die Elektrizität und allerlei damit verbundene, technische Spielereien. Er erfindet Batterien, Lichtschranken und natürlich den Wasser überquerenden Jesus. Mit seinen elektrischen Gerätschaften kann er sogar Jamies Bruder heilen, der für Monate seine Stimme verloren hatte.

Jamie ist fasziniert, während die meisten anderen Jungs wesentlich angetaner sind von Jacobs Frau Patsy, deren blonder Schopf beim Orgelspielen immer so schön hin und her wippt, und die auch ansonsten eine durchaus hübsche Erscheinung ist: „(…) und ich bekam einmal mit, wie mein Bruder Andy – der damals wohl auf die vierzehn zuging – sagte, sie über den Platz laufen zu sehen, sei eine ganz eigene religiöse Erfahrung.“ Die Mädchen wiederum sind völlig vernarrt in Jacobs zweijährigen Sohn Morrie (die Jungs nennen ihn dagegen nur „Morrie, das Klettchen“). Und die Erwachsenen, ja, die sind ihrerseits begeistert, dass sie endlich wieder einen ausgebildeten Pfarrer in ihrer Gemeinde haben.

In „Revival“ zeigt Stephen King einmal mehr, dass er ganz außerordentlich in der Lage ist, die kindliche und jugendliche Sicht der Dinge zu erzählen. Mit einem Lächeln in der Sprache, dass man meinen könnte, er habe auch beim Schreiben dieser Passagen unaufhörlich lächeln mögen. Bis der Horror das erste Mal sein Antlitz zeigt, kurz, nur ganz kurz. Denn eines Tages reißt ein grausiger Verkehrsunfall Jacobs Frau Patsy und ihren gemeinsamen Sohn Morrie aus dem Leben, von King mit drastischen Bildern beschrieben.

Mit Groll und tödlichem Zorn

Jacobs kann den Verlust seiner Frau und seines Sohnes nicht verwinden. Am darauf folgenden Sonntag liest er eine Messe, die seitdem als die „Furchtbare Predigt“ über die Gemeindegrenzen hinaus bekannt ist. Darin listet Jacobs Fall um Fall auf, in denen Gott seine Schäfchen nicht beschützt, sondern offenbar mit Groll verfolgt und mit tödlichem Zorn vernichtet hat. Jacobs Jesus hat jegliche Führungsschiene verlassen. Den Job ist Jacobs aber auch los, denn nach dieser Predigt muss er die Gemeinde verlassen.

Nun dauert es, bis Jacobs Schatten das nächste Mal auf Jamie fällt. Der Leser folgt Jamie auf dem Weg durch die Highschool und die erste Liebe. Aus dem kleinen Jungen wird ein mittelmäßiger Rock-Gitarrist, und falls das Buch jemals verfilmt wird, hat Stephen King dermaßen viele Anspielungen auf berühmte und weniger bekannte Rock-Songs gemacht, dass der Soundtrack zum Film mehrere Tonträger umfassen könnte. Viele der erwähnten Songs finden sich übrigens auch im Repertoire der Band „Rock Bottom Remainders“, in der Stephen King selbst hin und wieder Gitarre spielt. Ein Stephen-King-Fan hat sich die Mühe gemacht und eine YouTube-Playlist zusammengestellt, auf der nahezu alle bei „Revival“ erwähnten Songs zu finden sind. Leider sind einige davon in Deutschland nicht aufrufbar, aber der Rest intensiviert das Leseerlebnis.

„Revival“ trägt auch autobiografische Züge, denn Jamie Morton wird bald drogenabhängig, wie auch Stephen King einst drogen- und alkoholabhängig war. In seinem lesenswerten Interview mit dem Musikmagazin Rolling Stone (Ausgabe 245 / März 2015) erklärt King, er erkenne sich selbst in der Figur des Jamie wieder: „Jamie ist ein Bursche, der nach einem Motorradunfall süchtig wird – so wie ich nach meinem Unfall ein Drogenproblem bekam.“ Im Jahr 1999 wurde King bei einem Spaziergang von einem Auto erfasst und schwer verletzt. Um die Schmerzen zu betäuben, nahm er ein starkes, süchtig machendes Schmerzmittel ein. Aber schon zuvor habe er um 1978/1979 herum ein heftiges Alkoholproblem gehabt. „Ich musste pro Abend eine ganze 24er-Kiste verputzt haben und sagte mir: Du bist Alkoholiker.“ Ab 1978 sei er dazu noch kokainsüchtig geworden („Zwischen 1978 und 1986 war ich voll drauf“) und habe mit „Das Monstrum“ eines seiner schlechtesten Bücher geschrieben.

Elektrisches Wunder

Auch Jamie Morton ist „voll drauf“. Soeben aus der Band geworfen, tapert er, ausgemergelt und pleite von der Drogensucht, eines Tages ganz zufällig in einen kleinen Laden mit Elektrogeräten. Inhaber des Ladens ist – wie sollte es anders sein – Charles Jacobs. Der bringt Jamie auf die Beine und zurück ins Leben, erneut mit einem elektrischen Wunder, das stärker als das bisher erlebte ist. Jacobs lernt dazu, tüftelt weiter und tingelt schließlich mit seinen Zaubereien über die Jahrmärkte. Raffinierterweise lässt King seinen versessenen Reverend auch auf jenem Jahrmarkt arbeiten, der Schauplatz für seinen früheren Roman „Joyland“ gewesen ist.

Jamie und Jacobs Wege kreuzen sich immer wieder, doch Jamie graust es mehr und mehr vor der Verwandlung seines einstigen Freundes. Der widmet sich nämlich plötzlich einer Karriere als Fernseh-Prediger und Heiler, während er glaubt, Religion sei nichts anderes als ein großes Blendwerk. Mit seiner „Revival“-Show tourt er durch Amerika und lässt Blinde wieder sehen, Taube wieder hören und Menschen an Krücken und aus Rollstühlen wieder beschwerdefrei gehen. Das ist auch der Moment, in dem der leise Horror wieder einkehrt.

Wie sehr die Gläubigen nach Wundern lechzen und bereit sind, dafür ihr letztes Geld auszugeben, beschreibt King sehr eindrücklich. Auf der anderen Seite zeigt er auch die erschreckende Wesensveränderung des ehemals beliebten Reverend, der nur ein Ziel vor Augen hat: Die geheime Elektrizität zu entschlüsseln und für ihn nutzbar zu machen, nur um einen Blick hinter die Mauern des Todes zu werfen.

„Es lief mir kalt den Rücken hinunter“

King spielt dabei deutlich mit Mary Shelleys „Frankenstein“-Mythos. Das bekennt er in dem bereits erwähnten Interview mit dem Rolling Stone, als er gefragt wird, wann er die Idee für „Revival“ gehabt habe: „Schon in meiner Jugend. Auf der Highschool las ich ‚The Great God Pan‘, und darin gibt es zwei Männer, die gespannt darauf warten, ob die Protagonistin von den Toten zurückkehren kann oder nicht. Bei dieser Geschichte lief es mir kalt den Rücken hinunter. Und je mehr ich im Lauf der Jahre darüber nachdachte, desto mehr kristallisierte sich dieser ganze Mary-Shelley-Frankenstein-Komplex von ‚Revival‘ heraus.“ Im Roman aber findet sich ebenfalls ein kleiner, wenn auch versteckter Hinweis: Als es zum alles entscheidenden Experiment kommt, heißt die wichtigste Person nicht etwa Jamie Morton oder Charles Jacobs, sondern Mary Fay. Und deren Mutter soll eine geborene Shelley gewesen sein.

Kings Frankenstein aber erschafft nicht nur ein Monster, sondern viele. Denn jede von Jacobs‘ Heilungen sorgt zwar vordergründig für eine Verbesserung des Lebens, aber im Unterbewussten lauern Monster, die besser nicht geweckt worden wären. Um es mit einem berühmt gewordenen Zitat aus dem Film „Acht Millimeter“ zu sagen: „Wenn du dich mit dem Teufel einlässt, verändert sich nicht der Teufel. Der Teufel verändert dich.“ Ähnlich verhält es sich mit der scheinbar heilenden Elektrizität des Charles Jacobs.

Stephen Kings neuer Roman „Revival“ ist ein erzählerisch dichtes Werk und ein Schmöker bester Güte. Wie schon in „Joyland“ beweist King auch hier erneut, dass er Charaktere erschaffen kann, die einem Leser so sehr ans Herz wachsen, dass man sie am Ende ungern gehen lassen möchte. Dies ist kein Buch, das man nach dem Lesen wieder verkauft oder weiter verschenkt, denn man weiß, dass der Tag kommen mag, an dem man es wieder lesen möchte. Und dann muss es parat stehen.

Fehlende Bereitschaft zur korrekten Grammatik

Was bei übersetzten Büchern aus dem Heyne Verlag allerdings immer wieder ein Ärgernis ist, ist die fehlende Bereitschaft zur Verwendung der korrekten Grammatik des Hochdeutschen. Hier wird der Rezensent nicht müde werden, auf dieses Manko aufmerksam zu machen. Dass in den südlichen Bereichen Deutschlands im Zusammenhang mit der Präposition „wegen“ der Dativ statt des Genitivs verwendet wird, sollte keine Grundlage bei der Übersetzung ins Deutsche sein. So muten nämlich Passagen in Büchern wie „Revival“ seltsam an, wenn Charles Jacobs dem sechsjährigen Jamie erklärt, dass ein Satz wie „Denen, wo sich selber helfen“ grammatikalisch nicht korrekt sei, er aber eine Seite weiter selbst plötzlich grammatikalisch falsch spricht: „Ihr wisst schon, wegen seinem Unfall.“ Und das ist leider kein Ausnahmefall.

Das aber sollte letztlich niemanden davon abhalten, „Revival“ zu lesen, denn neben der unsauberen Grammatik bleibt es dennoch ein packender und lesenswerter Roman.

Stephen King: Revival, Heyne Verlag, München, 2015, 512 Seiten, gebunden, 22,99 Euro, ISBN 978-3453269637, Leseprobe

Die Zitate aus dem Rolling Stone-Interview entstammen der deutschen Übersetzung aus der deutschen Magazin-Ausgabe (März 2015). Das Interview führte der US-Autor Andy Greene für die amerikanische Ausgabe des Rolling Stone im Jahr 2014. Veröffentlicht wurde es am 31. Oktober 2014. Zum Zeitpunkt der Rezension ist das Interview im Internet nur auf Englisch vollständig abrufbar.

Die düstere Bibliothek des Herrn Murakami

Die unheimliche BibliothekAch, würde es doch mehr Jugendliche geben wie diesen Jungen aus Haruki Murakamis Erzählung „Die unheimliche Bibliothek“, die endlich auf Deutsch erschienen ist, kunstfertig von Kat Menschik illustriert. Eifrig leiht der kleine Mann Buch um Buch aus der Stadtbibliothek aus und findet seine Antworten abseits der Internetsuchmaschinen. Nur die fürchterliche Erfahrung im Keller der Bibliothek wünscht man sich für keinen Heranwachsenden. „Die unheimliche Bibliothek“ ist eine lesenswerte Erzählung, in der die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen.

Der kleine Junge ist sicherlich nicht der typische Jugendliche der heutigen Generation. Von Google scheint er glücklicherweise noch nichts gehört zu haben. Stattdessen stillt er seinen Wissenshunger in den Büchern einer Bibliothek, die mit den wundersamsten Werken bestückt ist. Weiß er etwas nicht, besucht er stets die Stadtbücherei, um es herauszufinden. Das war schon immer so. „Schon von klein auf“, erzählt er. Als er sich eines Tages auf dem Weg nach Hause fragt, wie man damals im Osmanischen Reich eigentlich die Steuern eintrieb, muss er auch diese ungewöhnliche Frage gleich beantwortet wissen, findet er.

In den Untiefen der Bücherei trifft er schließlich auf einen Bibliothekar, der dem perfiden Horror einer Gebrüder-Grimm-Hexe in nichts nachsteht. Er gaukelt dem Jungen vor, ihn zum Lesesaal zu bringen. Tatsächlich aber führt er ihn durch ein unterirdisches Labyrinth in ein Kellerverlies, wo er den Jungen einen Monat lang eingesperrt lassen will, bis dessen Gehirn vor lauter angelesenem Wissen groß und schmackhaft geworden ist.

Die Ängste eines Heranwachsenden

Doch ein freundlicher Schafsmann und ein wunderschönes, aber stummes Mädchen verhelfen dem Jungen zur Flucht. Dabei bleibt stets die Frage: Wo hört der Traum auf und wo beginnt die Realität? Oder beruht alles auf einem Albtraum? Murakamis Erzählung jedenfalls gruselt den Leser mächtig, sofern er sich darauf einlässt, weil er das Kindsein noch nicht verlernt und die Ängste eines Heranwachsenden noch nicht vergessen hat.

Dass ein Hort des Wissens mit solchen Schrecken aufwarten kann, zeigt sehr malerisch die Angst, sich auch in einer vertrauten Umgebung letztlich nicht hundertprozentig sicher fühlen zu können. Doch so schrecklich die Erfahrung für den Jungen ist – hätte er eine Internetsuchmaschine benutzt, wäre er um sein wohl größtes Abenteuer gebracht worden. Und er hätte niemals das wunderschöne Mädchen kennengelernt. Das Ende jedoch, soviel sei verraten, ist ausgesprochen rätselhaft. Wer mit offen bleibenden Fragen am Ende eines Buches nicht umgehen kann, sollte deshalb besser die Finger von diesem Büchlein lassen.

Das Wort „Büchlein“ meint in diesem Fall die Lesemenge, denn „Die unheimliche Bibliothek“ ist ein gutes Beispiel für den Wert von Büchern. Nur 64 Seiten umfasst die Erzählung, 20 davon zeigen die ganzseitigen und düsteren Illustrationen der Berliner Zeichnerin Kat Menschik. Das gebundene Buch kostet 14,99 Euro – wer da Geld durch Seitenzahl teilt, hat keinen Sinn für bibliophile Ausgaben. Denn der Verlag DuMont legt hier eine wirklich herrliche Edition vor: Die Illustrationen, das hochfeine Papier, das Lesebändchen, der würdige Umschlag – das alles macht die Erzählung zu einem wahren Leseerlebnis.

Mit aktuellem Wälzer in aller Munde

Dass Murakami, der derzeit mit seinem aktuellen Wälzer „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ in aller Munde ist, auch solch kurze Geschichten famos erzählen kann, hat er schon in zwei vorangegangenen Erzählungen bewiesen. Auch „Die Bäckereiüberfälle“ und „Schlaf“ sind beide in ähnlich opulenter Aufmachung und ebenfalls von Kat Menschik illustriert im DuMont-Buchverlag erschienen.

Murakami ist nach wie vor ein Anwärter auf den Literaturnobelpreis. Auch sein neuestes Werk wird schon wieder als meisterhaft gefeiert. „Die unheimliche Bibliothek“ wirkt da fast wie eine Schreibspielerei. Die ist jedoch nicht minder faszinierend.

Haruki Murakami: Die unheimliche Bibliothek, DuMont Buchverlag, Köln, 2013, 64 Seiten, 20 farbige Abbildungen, Lesebändchen, gebunden, 14,99 Euro, ISBN 978-3832197179, Leseprobe