Stephen King leiht sich Frankenstein

RevivalDer neue Roman „Revival“ von Stephen King wird als die Rückkehr des Horror-Meisters beworben. Der Horror in diesem Buch aber tönt nur leise, und schon das macht den Roman um einen gottvergessenen Prediger so lesenswert. Es ist vor allem aber auch eine richtig gute Erzählung. Warum King der Literatur-Stempel immer noch verwehrt bleibt, ist nicht zu verstehen.

Der Roman beginnt im Oktober des Jahres 1962. Während die Kubakrise in vollem Gange ist, lässt Jamie Morton bei seinen Plastiksoldaten lieber die Krauts gegen die Amerikaner antreten. Jamie ist sechs Jahre alt, als an jenem Tag im Oktober erstmals ein Schatten auf ihn fällt, der ihn sein ganzes Leben begleiten wird. „Ich blickte auf und sah einen Mann vor mir stehen. Weil sich die Nachmittagssonne hinter ihm befand, war er eine von goldenem Licht umgebene Silhouette – eine menschliche Sonnenfinsternis.“

Den Schatten wirft der junge Charles Jacobs, der soeben der neue Pfarrer der methodistischen Gemeinde in Harlow geworden ist. Fortan füllt er die Kirche wieder mit Gläubigen und verblüfft seine kleinen Zuschauer in der wöchentlichen Jugendgruppe mit kleinen Wundern. Jamie und die anderen Kinder erkennen jedoch schnell, dass die Wunder nichts anderes sind als Zaubertricks. Die Jesusfigur etwa, die den Anschein macht, als würde sie über einen See laufen, nutzt dafür eine kleine Führungsschiene, die unter dem seichten Wasser mit blauer Farbe verborgen ist.

Elektrizität und Spielereien

Jamie und Jacobs freunden sich an. Gleich am ersten Tag lädt Jacobs seinen jungen Freund zu sich ins Pfarrhaus ein und weiht ihn dort in sein großes Hobby ein: Die Elektrizität und allerlei damit verbundene, technische Spielereien. Er erfindet Batterien, Lichtschranken und natürlich den Wasser überquerenden Jesus. Mit seinen elektrischen Gerätschaften kann er sogar Jamies Bruder heilen, der für Monate seine Stimme verloren hatte.

Jamie ist fasziniert, während die meisten anderen Jungs wesentlich angetaner sind von Jacobs Frau Patsy, deren blonder Schopf beim Orgelspielen immer so schön hin und her wippt, und die auch ansonsten eine durchaus hübsche Erscheinung ist: „(…) und ich bekam einmal mit, wie mein Bruder Andy – der damals wohl auf die vierzehn zuging – sagte, sie über den Platz laufen zu sehen, sei eine ganz eigene religiöse Erfahrung.“ Die Mädchen wiederum sind völlig vernarrt in Jacobs zweijährigen Sohn Morrie (die Jungs nennen ihn dagegen nur „Morrie, das Klettchen“). Und die Erwachsenen, ja, die sind ihrerseits begeistert, dass sie endlich wieder einen ausgebildeten Pfarrer in ihrer Gemeinde haben.

In „Revival“ zeigt Stephen King einmal mehr, dass er ganz außerordentlich in der Lage ist, die kindliche und jugendliche Sicht der Dinge zu erzählen. Mit einem Lächeln in der Sprache, dass man meinen könnte, er habe auch beim Schreiben dieser Passagen unaufhörlich lächeln mögen. Bis der Horror das erste Mal sein Antlitz zeigt, kurz, nur ganz kurz. Denn eines Tages reißt ein grausiger Verkehrsunfall Jacobs Frau Patsy und ihren gemeinsamen Sohn Morrie aus dem Leben, von King mit drastischen Bildern beschrieben.

Mit Groll und tödlichem Zorn

Jacobs kann den Verlust seiner Frau und seines Sohnes nicht verwinden. Am darauf folgenden Sonntag liest er eine Messe, die seitdem als die „Furchtbare Predigt“ über die Gemeindegrenzen hinaus bekannt ist. Darin listet Jacobs Fall um Fall auf, in denen Gott seine Schäfchen nicht beschützt, sondern offenbar mit Groll verfolgt und mit tödlichem Zorn vernichtet hat. Jacobs Jesus hat jegliche Führungsschiene verlassen. Den Job ist Jacobs aber auch los, denn nach dieser Predigt muss er die Gemeinde verlassen.

Nun dauert es, bis Jacobs Schatten das nächste Mal auf Jamie fällt. Der Leser folgt Jamie auf dem Weg durch die Highschool und die erste Liebe. Aus dem kleinen Jungen wird ein mittelmäßiger Rock-Gitarrist, und falls das Buch jemals verfilmt wird, hat Stephen King dermaßen viele Anspielungen auf berühmte und weniger bekannte Rock-Songs gemacht, dass der Soundtrack zum Film mehrere Tonträger umfassen könnte. Viele der erwähnten Songs finden sich übrigens auch im Repertoire der Band „Rock Bottom Remainders“, in der Stephen King selbst hin und wieder Gitarre spielt. Ein Stephen-King-Fan hat sich die Mühe gemacht und eine YouTube-Playlist zusammengestellt, auf der nahezu alle bei „Revival“ erwähnten Songs zu finden sind. Leider sind einige davon in Deutschland nicht aufrufbar, aber der Rest intensiviert das Leseerlebnis.

„Revival“ trägt auch autobiografische Züge, denn Jamie Morton wird bald drogenabhängig, wie auch Stephen King einst drogen- und alkoholabhängig war. In seinem lesenswerten Interview mit dem Musikmagazin Rolling Stone (Ausgabe 245 / März 2015) erklärt King, er erkenne sich selbst in der Figur des Jamie wieder: „Jamie ist ein Bursche, der nach einem Motorradunfall süchtig wird – so wie ich nach meinem Unfall ein Drogenproblem bekam.“ Im Jahr 1999 wurde King bei einem Spaziergang von einem Auto erfasst und schwer verletzt. Um die Schmerzen zu betäuben, nahm er ein starkes, süchtig machendes Schmerzmittel ein. Aber schon zuvor habe er um 1978/1979 herum ein heftiges Alkoholproblem gehabt. „Ich musste pro Abend eine ganze 24er-Kiste verputzt haben und sagte mir: Du bist Alkoholiker.“ Ab 1978 sei er dazu noch kokainsüchtig geworden („Zwischen 1978 und 1986 war ich voll drauf“) und habe mit „Das Monstrum“ eines seiner schlechtesten Bücher geschrieben.

Elektrisches Wunder

Auch Jamie Morton ist „voll drauf“. Soeben aus der Band geworfen, tapert er, ausgemergelt und pleite von der Drogensucht, eines Tages ganz zufällig in einen kleinen Laden mit Elektrogeräten. Inhaber des Ladens ist – wie sollte es anders sein – Charles Jacobs. Der bringt Jamie auf die Beine und zurück ins Leben, erneut mit einem elektrischen Wunder, das stärker als das bisher erlebte ist. Jacobs lernt dazu, tüftelt weiter und tingelt schließlich mit seinen Zaubereien über die Jahrmärkte. Raffinierterweise lässt King seinen versessenen Reverend auch auf jenem Jahrmarkt arbeiten, der Schauplatz für seinen früheren Roman „Joyland“ gewesen ist.

Jamie und Jacobs Wege kreuzen sich immer wieder, doch Jamie graust es mehr und mehr vor der Verwandlung seines einstigen Freundes. Der widmet sich nämlich plötzlich einer Karriere als Fernseh-Prediger und Heiler, während er glaubt, Religion sei nichts anderes als ein großes Blendwerk. Mit seiner „Revival“-Show tourt er durch Amerika und lässt Blinde wieder sehen, Taube wieder hören und Menschen an Krücken und aus Rollstühlen wieder beschwerdefrei gehen. Das ist auch der Moment, in dem der leise Horror wieder einkehrt.

Wie sehr die Gläubigen nach Wundern lechzen und bereit sind, dafür ihr letztes Geld auszugeben, beschreibt King sehr eindrücklich. Auf der anderen Seite zeigt er auch die erschreckende Wesensveränderung des ehemals beliebten Reverend, der nur ein Ziel vor Augen hat: Die geheime Elektrizität zu entschlüsseln und für ihn nutzbar zu machen, nur um einen Blick hinter die Mauern des Todes zu werfen.

„Es lief mir kalt den Rücken hinunter“

King spielt dabei deutlich mit Mary Shelleys „Frankenstein“-Mythos. Das bekennt er in dem bereits erwähnten Interview mit dem Rolling Stone, als er gefragt wird, wann er die Idee für „Revival“ gehabt habe: „Schon in meiner Jugend. Auf der Highschool las ich ‚The Great God Pan‘, und darin gibt es zwei Männer, die gespannt darauf warten, ob die Protagonistin von den Toten zurückkehren kann oder nicht. Bei dieser Geschichte lief es mir kalt den Rücken hinunter. Und je mehr ich im Lauf der Jahre darüber nachdachte, desto mehr kristallisierte sich dieser ganze Mary-Shelley-Frankenstein-Komplex von ‚Revival‘ heraus.“ Im Roman aber findet sich ebenfalls ein kleiner, wenn auch versteckter Hinweis: Als es zum alles entscheidenden Experiment kommt, heißt die wichtigste Person nicht etwa Jamie Morton oder Charles Jacobs, sondern Mary Fay. Und deren Mutter soll eine geborene Shelley gewesen sein.

Kings Frankenstein aber erschafft nicht nur ein Monster, sondern viele. Denn jede von Jacobs‘ Heilungen sorgt zwar vordergründig für eine Verbesserung des Lebens, aber im Unterbewussten lauern Monster, die besser nicht geweckt worden wären. Um es mit einem berühmt gewordenen Zitat aus dem Film „Acht Millimeter“ zu sagen: „Wenn du dich mit dem Teufel einlässt, verändert sich nicht der Teufel. Der Teufel verändert dich.“ Ähnlich verhält es sich mit der scheinbar heilenden Elektrizität des Charles Jacobs.

Stephen Kings neuer Roman „Revival“ ist ein erzählerisch dichtes Werk und ein Schmöker bester Güte. Wie schon in „Joyland“ beweist King auch hier erneut, dass er Charaktere erschaffen kann, die einem Leser so sehr ans Herz wachsen, dass man sie am Ende ungern gehen lassen möchte. Dies ist kein Buch, das man nach dem Lesen wieder verkauft oder weiter verschenkt, denn man weiß, dass der Tag kommen mag, an dem man es wieder lesen möchte. Und dann muss es parat stehen.

Fehlende Bereitschaft zur korrekten Grammatik

Was bei übersetzten Büchern aus dem Heyne Verlag allerdings immer wieder ein Ärgernis ist, ist die fehlende Bereitschaft zur Verwendung der korrekten Grammatik des Hochdeutschen. Hier wird der Rezensent nicht müde werden, auf dieses Manko aufmerksam zu machen. Dass in den südlichen Bereichen Deutschlands im Zusammenhang mit der Präposition „wegen“ der Dativ statt des Genitivs verwendet wird, sollte keine Grundlage bei der Übersetzung ins Deutsche sein. So muten nämlich Passagen in Büchern wie „Revival“ seltsam an, wenn Charles Jacobs dem sechsjährigen Jamie erklärt, dass ein Satz wie „Denen, wo sich selber helfen“ grammatikalisch nicht korrekt sei, er aber eine Seite weiter selbst plötzlich grammatikalisch falsch spricht: „Ihr wisst schon, wegen seinem Unfall.“ Und das ist leider kein Ausnahmefall.

Das aber sollte letztlich niemanden davon abhalten, „Revival“ zu lesen, denn neben der unsauberen Grammatik bleibt es dennoch ein packender und lesenswerter Roman.

Stephen King: Revival, Heyne Verlag, München, 2015, 512 Seiten, gebunden, 22,99 Euro, ISBN 978-3453269637, Leseprobe

Die Zitate aus dem Rolling Stone-Interview entstammen der deutschen Übersetzung aus der deutschen Magazin-Ausgabe (März 2015). Das Interview führte der US-Autor Andy Greene für die amerikanische Ausgabe des Rolling Stone im Jahr 2014. Veröffentlicht wurde es am 31. Oktober 2014. Zum Zeitpunkt der Rezension ist das Interview im Internet nur auf Englisch vollständig abrufbar.

Der Untergang des Hauses Compson

Schall und WahnEs ist eines der großen Werke der Weltliteratur, aber auch eines der sperrigsten überhaupt: William Faulkners erstmals 1929 erschienener Roman „Schall und Wahn“ („The Sound and the Fury“). Frank Heibert hat das Buch jetzt neu ins Deutsche übersetzt, und das ist ihm kongenial gelungen. Durch seine umsichtige Übertragung in eine modernere Sprache lässt sich der faszinierend erzählte Roman jetzt vollkommen neu entdecken.

„Schall und Wahn“ erzählt von der tragischen Geschichte der Südstaatenfamilie Compson, die unaufhaltsam in den Untergang rauscht. Die einst einflussreiche Familie musste ihr letztes Stück Land verkaufen, damit sie ihrem ältesten Sohn Quentin ein Studium in Harvard finanzieren konnte. Schon das aber nimmt kein gutes Ende, denn der intelligente Sprössling wählt den Freitod, weil er gegenüber seiner Schwester Candice, genannt Caddy, Inzestgedanken hegt, die ihn nicht loslassen.

Caddy wiederum bringt ein uneheliches Kind zur Welt und wird kurzerhand zwangsverheiratet, bald aber wieder geschieden. Letzteres bringt Jason, den zweitältesten Sohn der Familie, regelmäßig zur Weißglut, hatte Caddys Ehemann ihm doch einen Job ihn Aussicht gestellt, der ihm einiges Barvermögen gebracht hätte. Stattdessen muss Jason sich mit einem schlecht bezahlten Job über Wasser halten. Er veruntreut Geld, das für Caddys Tochter gedacht ist, und verzockt weiteres Familienvermögen an der Börse.

Eine Ansammlung von ungefilterten Wahrnehmungen

Und dann ist da noch Benjamin, der Jüngste der Familie. Er ist geistig behindert und erlebt jeden Tag wie eine Ansammlung von ungefilterten Wahrnehmungen, Erinnerungen und Versatzstücken. Der Familie ist er eine Last, nur Caddy kümmert sich um ihren Bruder. Währenddessen trinkt sich der Vater zu Tode, und die Mutter dämmert in ihrem abgedunkelten Schlafgemach vor sich hin.

Erzählt wird das alles in vier Kapiteln, die sich im Grunde an drei aufeinanderfolgenden Tagen des Aprils 1928 ereignen, nur unterbrochen von einem Rückblick auf das Jahr 1910. Innerhalb der Kapitel aber fehlt oft die Chronologie. Die ersten drei Kapitel werden aus Sicht je eines Bruders beschrieben, erst das vierte übernimmt ein allwissender Erzähler. Das schwierigste Kapitel des Buches ist gleich das erste, das den Leser ohne Vorwarnung in den Gedanken-Dschungel von Benjamin „Benjy“ Compson katapultiert.

Hier zeigt sich schon, welche enormen Anforderungen an den Leser gestellt werden, um dieses Dickicht zu durchdringen. Denn Benjy ist nicht in der Lage, Vergangenheit und Gegenwart, Erlebtes und Gedachtes auseinanderzuhalten. Die Folge ist ein Bewusstseinsstrom aus unterschiedlichen Zeitebenen, Orten, Personen und Gedanken. Dem Leser verlangt das gleich zu Beginn einiges an Aufmerksamkeit und Geduld ab. Aber wer sich müht und bereit ist, sich auf diese ungewöhnliche Art der Erzählstruktur einzulassen, wird mit einem wortgewaltigen und intensiven Lese-Erlebnis belohnt. Faulkner-Fans nennen das Buch übrigens nicht von ungefähr das „Monster“.

Wahrlich faszinierend

Nach dem sperrigen ersten Kapitel wechselt Faulkner im Quentin-Kapitel in eine literarisch gehobenere Sprache, gefolgt von einem derben Abgesang im dritten Kapitel, in dem der Misanthrop Jason seine antisemitischen und rassistischen Reden schwingt. Dabei ist es wahrlich faszinierend, mit welchem Geschick Faulkner multiperspektivisch aber auch experimentell erzählen kann. Manche Leser mögen vielleicht aber auch daran verzweifeln. Faulkner hat Lesern, die meinten, sie hätten den Roman auch nach der dritten Lektüre nicht verstanden, trocken empfohlen: „Read it four times!“ („Lesen Sie ihn vier Mal!“) Möglicherweise ist das die Lösung.

Ebenso faszinierend aber ist auch die Arbeit des Übersetzers Frank Heibert, der dieses sprachmächtige Werk in ein modernes Deutsch übertragen hat. Dabei ist hervorhebenswert, dass er den schwierigen Jargon der Schwarzen nicht mit Anleihen aus deutschen Dialekten versieht. Im aufschlussreichen Nachwort erklärt Heibert: „In meiner Übersetzung habe ich versucht, das Faulkner’sche Black American English mit sprachlichen Mitteln nachzubilden, die auf heutige deutsche Leser eine möglichst analoge Wirkung haben. Die Sprache der Schwarzen in meiner Übersetzung soll, ganz in Faulkners Sinne, ihre klare Einfachheit, Würde und Kraft ausdrücken.“ Diese Einfachheit, Würde und Kraft hätte die Sprache verloren, wenn die Schwarzen der Südstaaten mit deutschen Dialekten gesprochen hätten. Vielmehr hätte sie das der Lächerlichkeit ausgesetzt, ganz anders als Faulkner, der die Sprache als Teil und Ausdruck der Verwurzelung und Identität verstand.

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ beschrieb Faulkner im Jahr 1956 als „notorischen Whisky-Trinker und genialen Chronisten der Legende und Verdammnis des amerikanischen Südens; ein homerischer Provinzler, dem der Sezessionskrieg und sein Problem, die Sklavenbefreiung, noch heute als Bühne und Horizont der Welt gilt, als das zentrale und tragischgleichnishafte Ereignis der amerikanischen, wenn nicht der Weltgeschichte.“ Was für ein Glück für uns deutschsprachige Leser, dass Frank Heibert sich an die Aufgabe herangewagt hat, „Schall und Wahn“ neu zu übersetzen und den großen amerikanischen Schriftsteller und Romancier William Faulkner wieder ins verdiente, strahlende Licht zu ziehen.

William Faulkner: Schall und Wahn, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2014, 381 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 24,95 Euro, ISBN 978-3498021351, Leseprobe

Die Wiederentdeckung der Ricarda Huch

Der Fall DerugaVor 150 Jahren kam in Braunschweig die spätere Historikerin und Schriftstellerin Ricarda Huch zur Welt. Inzwischen sind ihre bedeutenden Werke ein wenig in Vergessenheit geraten. Der Insel Verlag hat jetzt ihren bekanntesten Kriminalroman wieder neu aufgelegt, den Huch selbst als „Schundgeschichte“ bezeichnet hatte. Sie habe ihn nur geschrieben, um Geld zu verdienen. Heute, mit rund 100 Jahren Abstand, liest sich der Roman jedoch als historisch feinsinniges Gesellschaftsbild mit thematisch aktueller Brisanz.

Der Arzt Sigismondo Enea Deruga reist von Prag nach München, um einem ihm zu Ohren gekommenen Verdacht nachzugehen, er selbst solle seine geschiedene Frau umgebracht haben. Dort erfährt er, dass das Gericht schon beschlossen hat, gegen ihn Mordanklage zu erheben, so dass es geradezu vorbildlich sei, dass er sich selbst stelle.

Seine Frau, Mingo Swieter, war Anfang Oktober verstorben und hatte ihn in ihrem Testament zum Alleinerben ihres Vermögens gemacht. Das rief die Baronin Truschkowitz, die schon mit der Finanzspritze fest gerechnet hatte, auf den Plan. Sie brachte das Gericht dazu, eine Exhumierung anzuordnen, nach der unglücklicherweise festgestellt wurde, dass Mingo Swieter nicht an ihrer Krebserkrankung gestorben war, sondern an einem furchtbaren Gift namens Curare.

Ein Alibi kann Deruga nicht vorweisen

Von Deruga weiß man, dass er in argen finanziellen Nöten steckt, am Vorabend des Todes seiner Exfrau eine Fahrkarte nach München gelöst hat und erst am übernächsten Tag nach Prag zurückgekehrt ist. Ein Alibi kann er nicht vorweisen. Hat er in der Zeit also seine ehemalige Frau umgebracht, damit er weiterhin seinem verschwenderischen Leben nachgehen kann?

Der Verdacht wiegt schwer, und Deruga macht es weder dem Gericht noch dem Leser leicht, Ansatzpunkte zu finden, die für ihn sprechen. Im Gegenteil: Er ist mürrisch, provozierend, spottet über das Gericht und wird oft ungeduldig und aufbrausend. Der Gerichtsverhandlung scheint er nur mit einem Ohr zu folgen, und auch sonst zeigt er kein besonderes Interesse daran, dass der Verdacht gegen ihn entkräftet wird. Spricht das am Ende dafür, dass der Richtige auf der Anklagebank sitzt?

Ricarda Huch beschreibt ihre Figuren mit vornehmer Zurückhaltung und erzählt mit dem feinsinnigen Gespür für Dialoge und Ironie. „Der Fall Deruga“ gerät so zu mehr als nur einem Kriminalstück, das überwiegend vor Gericht spielt. Es ist vor allem ein scharfsinniger Gesellschaftsroman aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Hier sind die hierarchischen Strukturen noch klar getrennt: Es gibt den Gerichtspräsidenten und den Angeklagten, die Baronesse und das Dienstmädchen, den Arzt und den Bettler. Aber das ist nur der gesellschaftliche Ausgangspunkt.

„Schwarzes Haar und Feueraugen“

Mit ungutem Gefühl vernimmt der Leser gleich zu Beginn die Stimmen des Publikums, die dem Angeklagten einen „italienischen Typus“ bescheinigen, und zwar den der „verschlagenen, heimtückischen, rachsüchtigen Welschen“. Eine andere Stimme raunt: „Ich dachte, er hätte schwarzes Haar und Feueraugen.“ Und dass es doch unmöglich sei, dass ein Mordverdächtiger auf freiem Fuße sei, „noch dazu einer, der so aussehe, als ob er zu jedem Verbrechen fähig wäre“. Das ist fein beobachtet und heutzutage bei Mordprozessen leider kaum anders.

Der Gerichtssaal ist die kleine Bühne dieses Falls. Der Leser sitzt nah am Geschehen. Fast ist der Luftzug beim Schließen der Aktendeckel zu spüren, so dicht schildert Huch den Prozess, das Auf und Ab der Zeugen, die vielen kleinen Begegnungen vor Gericht und die manchmal sogar philosophischen Betrachtungen danach. Der Leser ist nicht nur Zuschauer, er wird zum Geschworenen, dem die schillernde Persönlichkeit des Doktors von allen Seiten präsentiert wird. Fürsprecher allerdings gibt es nur wenige.

„Der Fall Deruga“ ist aber auch der Roman einer Scheidung und trägt dabei autobiographische Züge. Die Person des Deruga gilt als deutliches Porträt von Huchs erstem Ehemann, Ermanno Ceconi, mit dem sie seit 1898 acht Jahre verheiratet und bis an dessen Lebensende im Jahr 1927 verbunden war. Auch das beschreibt „Der Fall Deruga“ eindrucksvoll: Jene seltene und die Zeit überdauernde Harmonie zwischen zwei schon geschiedenen Ehepartnern.

Was ist die moralische Pflicht?

Damit verknüpft ist es letztlich auch die stets aktuelle Brisanz der Sterbehilfe, die das Buch selbst nach fast 100 Jahren immer noch lesenswert macht. Obgleich es damals ein wenig erwähntes Thema ist, macht Huch es zum zentralen Sujet ihres Romans und bietet dem Leser die rechtliche und moralische Betrachtung. Wie ist jemand zu bestrafen, der auf Verlangen tötet, dem aber keine eigennützige Motivation nachzuweisen ist? Was ist die moralische Pflicht, was bedeuten Begriffe wie Nächstenliebe und Menschlichkeit?

Es steckt also viel drin in diesem kleinen Büchlein, das nun glücklicherweise vom Insel Verlag wieder aufgelegt worden ist. Endlich!, möchte man rufen. Der Ruhm der Schriftstellerin Ricarda Huch ist ein wenig vergangen, ihre Schriften über die Geschichte des alten Deutschlands vergessen und vergriffen. Möge „Der Fall Deruga“ der Anfang eines umfassenden Wiederlesens sein.

Ricarda Huch: Der Fall Deruga, Insel Verlag, Berlin, 2014, 213 Seiten, Taschenbuch, 7,99 Euro, ISBN 978-3458360131, Leseprobe

Die Zukunft hat schon begonnen

Der CircleDave Eggers Buch „Der Circle“ wird als das „1984“ des Digitalzeitalters beworben. Seitdem der Roman im August auch in Deutschland erschienen ist, wird er vielfach gelobt und gefeiert. Sogar renommierte Literaturkritiker wie Iris Radisch und der eigentlich so kluge Denis Scheck überschlagen sich förmlich und finden kaum Worte der Kritik. Doch um es deutlich zu sagen: „Der Circle“ ist alles andere als visionär. Und sterbenslangweilig ist er auch.

Der „Circle“ ist ein fiktiver Onlinedienst mit Sitz in Kalifornien. Nicht irgendeiner, sondern der größte und beliebteste. Er bietet die Online-Identität, mit der schlichtweg alles abgewickelt werden kann. Ein bisschen wie Google. Und ein bisschen wie Google versucht auch der „Circle“, den Weg zum Monopol zu beschreiten. Mit allen Mitteln.

Natürlich ist der „Circle“ auch ein begehrter Arbeitgeber. Und so ist vielleicht auch die Dankbarkeit und Überglücklichkeit der 24-jährigen Mae Holland zunächst zu verstehen, als sie einen Job beim „Circle“ ergattert. Der Roman steigt mit ihrem ersten Arbeitstag ein und begleitet Mae danach ganz linear bei ihren Erfahrungen.

Architektonische Wunderwerke aus Stahl und Glas

Mit ihr entdeckt der Leser auch den „Circle“-Campus, der das Nonplusultra von Arbeit und Freizeit vereint: Architektonische Wunderwerke aus Stahl und Glas bieten nicht nur helle Arbeitsräume und Büros, sondern auch Wohneinheiten für die Mitarbeiter, Fitnessräume, ein Schwimmbad, ein medizinisches Zentrum, eine Kindertagesstätte, ein Kino. Grünflächen laden zum Verweilen ein, und auf einer Bühne treten internationale Stars auf und geben kostenlose Konzerte, weil es eine Ehre ist, auf dem „Circle“-Gelände spielen zu dürfen. Das alles geht mit dem Wunsch des „Circles“ einher, dass sich das Leben seiner Mitarbeiter nur noch auf dem Campus abspielen sollte.

Doch der „Circle“ will noch mehr: Anfangs hat Mae nur zwei Bildschirme auf ihrem Schreibtisch stehen. Dann drei. Bald fünf. Immer mehr Aufgaben werden der jungen Mitarbeiterin zugeteilt. Und noch ein weiterer Bildschirm. Über die sozialen Netzwerke soll sie die Community stets über ihre Lieblingsprodukte auf dem Laufenden halten und immer mehr neue Freundschaften schließen. Als sie schließlich noch eine Kamera um den Hals trägt, die rund um die Uhr ihr Leben aufzeichnet und live ins Internet sendet, bleibt ihre Privatsphäre gänzlich auf der Strecke. Der „Circle“ nennt das „transparent werden“.

Doch ist das alles so visionär wie einst George Orwells „1984“ und Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“? Beide Bücher wurden im Zusammenhang mit „Der Circle“ immer wieder genannt. Viele der „Circle“-Visionen haben wir jedoch längst erreicht. Die Daten-Armbänder zum Beispiel, die Informationen zu Maes Gesundheit anzeigen, gibt es schon. Die Firma Apple hat gerade erst die iWatch präsentiert, die Ähnliches vermag. Bei Facebook oder Foursquare verbreiten wir, was wir mögen und wo wir uns gerade aufhalten, und Webcams weben ein immer dichteres Netz digitaler Scheinwerfer in die dunkelsten Ecken unserer Welt. Ohnehin sind wir über unsere Smartphones inzwischen fast überall und immer erreichbar. Schalten wir die Geräte ab, fehlt uns etwas. Wir haben gelernt, nicht privat sein zu müssen. Um es also mit dem Titel des lesenswerten ersten Buchs des Zukunftsforschers Robert Jungk zu sagen: „Die Zukunft hat schon begonnen!“ Der Roman „Der Circle“ aber bringt uns nichts, was wir nicht ohnehin schon wissen.

Geradezu überschwenglich gelobt

Vielleicht darf man das nicht als Makel dieses Buches sehen. Vielleicht genügt es schon, „mit einem Roman eine wichtige gesellschaftliche Debatte neu zu befeuern“. Das nämlich bescheinigt die Wochenzeitung Der Freitag dem Autor. Soviel ist sicher: Das Buch wird geradezu überschwenglich gelobt. Doch wird damit eine Debatte losgetreten oder gar befeuert? Vornehmlich werden damit die Verkaufszahlen befeuert, aber eine Debatte rund um die Auswirkungen des Internets auf die Menschheit und die Privatsphäre? Eher nein.

Man dächte sicherlich auch gnädiger über einen solchen Roman, wenn er wenigstens gut geschrieben wäre, oder zumindest so spannend und facettenreich, wie ihn manche Rezensenten offensichtlich gesehen haben:

„Eggers hat […] einen wahnsinnig fesselnden Roman [geschrieben], der Schauder hervorruft, den man […] keine Minute mehr aus der Hand legen möchte.“ (Hamburger Abendblatt)

„Aufregende Lektüre bis zur letzten Seite.“ (NDR Kultur)

„Dave Eggers hat sehr viel Ahnung von den katastrophischen Nachtseiten unserer Zeit. [Eine] grandiose Dystopie […].“ (Matthias Mattusek)

„Der Circle […], voller Dialogwitz und Rasanz, ist schon jetzt das meistdiskutierte Buch der Saison hierzulande – und das mit vollem Recht.“ (Bayrischer Rundfunk)

Doch „Der Circle“ ist leider auch stilistisch nicht gelungen: flache Figurenzeichnungen und schiefe Bilder gibt es hier eine Menge. Das fängt bei der Protagonistin Mae Holland an, die unglaublich naiv zu Werke geht. Möglicherweise ist das Absicht, aber so unreflektiert kann man doch nun wirklich nicht sein. Am Abend ihres ersten Arbeitstages ist Mae auf einer Party auf dem Campus eingeladen und trifft einen unbekannten Mann. Sie geht mit ihm mit. Denn: „Sie empfand in diesem Moment so viel Liebe für alle innerhalb dieser Mauern, wo alles neu und alles erlaubt war.“

Ähnlich gelingen Eggers auch Personenbeschreibungen: „Er hatte die Haut eines Kindes, die Augen eines deutlich älteren Mannes und eine markante Nase, schief und krumm, aber irgendwie verlieh sie dem Rest des Gesichts Stabilität, wie der Kiel einer Jacht.“ Ja. Das ist selten schöner ausgedrückt worden. Wie auch die Sexszene, an der sich Eggers versucht: „‚Mae‘, sagte er, als sie sich gegen ihn presste, ihre Hüften von seinen Händen gehalten, ihn so tief aufnahm, dass sie seine geschwollene Spitze irgendwo nah an ihrem Herzen spüren konnte.“ Und das soll Spaß machen? Kaum vorstellbar. Das kann nur wehtun!

Darüber hinaus ist die Welt, die Eggers in seinem Roman entwirft, sehr schlicht gehalten. Ist es wirklich vorstellbar, dass ein Konzern wie der „Circle“ so schnell an die Macht kommt und bestehende demokratische Strukturen ändern kann, ohne dass nennenswerte Gegenwehr aufkommt? Wohl kaum. Auch im „Circle“-Konzern ist Kritik praktisch nicht vorhanden. Die Angestellten finden alles dufte und jubeln ihrem Management bei jeder Präsentation frenetisch zu. Es gibt zwar einen geheimnisvollen Gegenspieler, der aber bleibt ziemlich blass im Hintergrund.

Mit seinen Vorgängerwerken sehr aufgefallen

Im Vorfeld durfte man sehr gespannt sein auf das Buch. Der Verlag rührte ordentlich die Werbetrommel und sorgte für die entsprechende Neugier. All die positiven Besprechungen taten das Übrige. Doch Dave Eggers ist in der Literaturszene auch kein Unbekannter mehr. Mit seinen Vorgängerwerken „Weit gegangen“ und „Zeitoun“ ist der US-Amerikaner bereits einem breiten Publikum aufgefallen.

In „Weit gegangen“ beschrieb er die Flucht eines sudanesischen Jungen ins rettende Äthiopien, ein sehr an die Nieren gehendes Stück Literatur, das auf einer wahren Lebensgeschichte beruhte. Auch „Zeitoun“, mehrfach ausgezeichnet, schildert einen wahren Fall: Nach dem Hurrikan Katrina gerät die syrisch-amerikanische Familie Zeitoun ins Visier der amerikanischen Terrorismusfahnder.

Die Vermischung von Fiktion und Realität mit den Stilmitteln der Literatur – das ist Eggers‘ Markenzeichen und seine große Kunst. In „Der Circle“ gelingt das alles leider nicht. Die Erwartungen an einen neuen großen Wurf sind enttäuscht worden. Lesen Sie nicht „Der Circle“. Lesen Sie lieber „Die Zukunft hat schon begonnen“.

Dave Eggers: Der Circle, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2014, 560 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 22,99 Euro, ISBN 978-3462046755, Leseprobe

Der Schmerz der Doppelgänger

Im ersten AugenblickDer neue Roman von Grégoire Delacourt, Autor des Bestsellers „Alle meine Wünsche“, wird von den Medien fälschlicherweise nur als Liebesroman gefeiert. Die französische Tageszeitung Le Figaro etwa schreibt: „Grégoire Delacourt hat den Liebesroman neu erfunden.“ Der Atlantik Verlag druckt das Lob gleich auf den Umschlag. Doch „Im ersten Augenblick“ ist auch der bedrückende Roman einer Identitätssuche und gerade deshalb so lesenswert.

Arthur Dreyfuss ist 20 Jahre alt, macht sich als Automechaniker die Hände dreckig und wohnt allein in einem kleinen freistehenden Häuschen am Rand eines französischen Örtchens mit 687 Einwohnern. Während er eines Abends eine Folge der TV-Serie „Die Sopranos“ sieht, klopft es plötzlich an der Haustür. Als er öffnet, steht vor ihm die amerikanische Schauspielerin Scarlett Johansson.

Obwohl ihm schlagartig bewusst wird, dass er nur seinen Lieblingsfernsehaufzug, weißes Unterhemd und Schlumpf-Boxershort, anhat, bittet er sie herein. „Und welcher Mann auf der Welt, selbst in Unterhemd und Schlumpf-Boxershorts, hätte zu der phänomenalen Schauspielerin aus „Lost in Translation“ nicht „Kommen Sie herein“ gesagt?“

Müde vom Licht der Scheinwerfer

Sie gesteht dem völlig verdatterten Arthur, dass sie vom Filmfestival in Deauville geflohen sei, um ein paar Tage zu verschwinden, müde vom Licht der Scheinwerfer. Arthur entscheidet sich, die erschöpfte Schauspielerin bei sich unterzubringen. Während er sich schlaflos auf dem Ikea-Sofa im Wohnzimmer herumwälzt, schlummert Scarlett selig zwei Etagen höher in seinem Jugendzimmer unter den Postern von Michael Schumacher und der nackten Megan Fox.

Am Abend ihres dritten gemeinsamen Tages gesteht die Schönheit in Arthurs Haus schließlich, dass sie nicht Scarlett Johansson, sondern Jeanine Foucamprez heißt. Sie sieht bloß aus wie Scarlett Johansson, haargenau wie Scarlett Johansson. Und sie leidet fürchterlich unter dieser Last, denn für die Öffentlichkeit ist die Person Jeanine Foucamprez eine unsichtbare Frau. Wahrnehmbar ist nur die äußere Hülle, die Scarlett Johansson gleicht wie das eine sprichwörtliche Ei dem anderen.

Wie geht ein Mensch damit um, dass die Öffentlichkeit das eigene Ich verleugnet und es in eine andere Rolle presst? Wie verhält sich ein möglicher Partner? Liebt er den Menschen oder den äußeren Schein? Und welche Auswirkungen hat beides auf ein Liebespaar? Das sind die Fragen, die – ja, mit einer anmutigen Liebesgeschichte verwoben – in diesem sprachlich außergewöhnlichen Roman gestellt werden.

Die Zweifel bleiben

Die echte Scarlett Johansson hat ihre Rolle in der Öffentlichkeit gefunden, Jeanine Foucamprez nicht. Unfreiwilliger Doppelgänger zu sein, macht nicht nur unglücklich, sondern vor allem einsam, denn die Zweifel bleiben, ob das Gegenüber wirklich den Menschen liebt und nicht doch nur das „Sieht aus wie…“.

Die Angst vor dem Verlust der eigenen Identität und das Doppelgängermotiv finden sich immer wieder in der Literatur („Das Bildnis des Dorian Gray“, „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“). Grégoire Delacourt fügt jetzt noch ein weiteres gelungenes Beispiel hinzu, wenngleich man ihn gewiss nicht mit Oscar Wilde oder Robert Louis Stevenson gleichsetzen kann. Literarisch kann Delacourt da nicht mithalten. Eindringlich aber sind all jene Leser davor zu warnen, die aufgrund des Klappentextes und des kitschigen Umschlags nur von einer schönen, unterhaltsamen Liebesgeschichte ausgehen. Dieses Buch vermag viel mehr!

Umso unverständlicher ist es, dass Scarlett Johansson gegen dieses Buch vor Gericht gezogen ist. Der Roman verletzte und nutze betrügerisch ihre Persönlichkeitsrechte aus. Johansson verlangte nicht nur 50.000 Euro Schadensersatz, sondern wollte auch erreichen, dass keine weiteren Rechte an dem Buch verkauft werden, es also zum Beispiel nicht verfilmt werden könnte. Johanssons Anwälte vertraten die Auffassung, Delacourt habe die Person Scarlett Johansson dafür missbraucht, seinen Roman aufzuwerten und zu einer Sensation zu machen.

„Archetyp der heutigen weiblichen Schönheit“

Delacourt war sprachlos, als er davon erfuhr. Er erklärte laut der britischen Tageszeitung The Guardian, er habe Scarlett Johansson ausgewählt, weil sie der „Archetyp der heutigen weiblichen Schönheit“ sei. Seine Hauptperson aber sei Jeanine Foucamprez, nicht Johansson. Es ist also mehr eine Hommage an die amerikanische Schauspielerin – die aber in Übersee nicht verstanden wurde. Vielleicht auch deshalb nicht, weil der Roman zum Zeitpunkt des Prozesses noch nicht ins Englische übersetzt worden war und Johansson ihn deshalb noch nicht gelesen habe, wie Delacourt in einem kurzen Interview mit der franzözischen Tageszeitung Le Figaro erklärte.

„Wenn ein Autor nicht mehr die Dinge erwähnen kann, die uns umgeben, eine Biermarke, ein Denkmal, einen Schauspieler … dann wird es kompliziert, Romane zu schreiben“, sagte Delacourt weiter. Das Problem daran ist: Marken haben einen Marktwert, und Hollywoodschauspieler haben den auch. Bei dem Prozess in Paris ging es also auch darum, welchen Wert die Marke Johansson hat. Den Gefallen tat das Gericht der Schauspielerin allerdings nicht: Delacourt und sein Verlag müssen 2.500 Euro Schadensersatz bezahlen und 2.500 Euro Anwaltskosten übernehmen. Die Rechte blieben unerwähnt.

Ironischerweise wäre es in Johanssons Heimatland gar nicht zum Prozess gekommen, erklärte der New Yorker Anwalt Lloyd Jassin gegenüber dem amerikanischen Nachrichtenmagazin „Time“. Dort ist die Garantie der Meinungsfreiheit im 1. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten („First Amendment“) unantastbar. In Europa aber, sagte Jassin, würden Persönlichkeitsrechte „sehr viel ernster“ genommen – für Johansson die beste Gelegenheit, sich darauf zu berufen und ein wenig Geld einzuheimsen.

Im Interview mit dem Figaro scherzte Delacourt: „Ich dachte, sie könnte mir Blumen schicken, weil es eine Liebeserklärung für sie war, aber sie wollte es nicht verstehen.“ Und weiter: „Sie beschwert sich über das, was ich sage, das ist ein wenig paradox, aber der Prozess ist schließlich sehr amerikanisch.“

Grégoire Delacourt: Im ersten Augenblick, Atlantik Verlag, Hamburg, 2014, 206 Seiten, gebunden, 17,99 Euro, ISBN 978-3455600018, Leseprobe