Im Stockholmer Nobelviertel Östermalm erhängt sich ein Mann. Doch das Zimmer hat keine Möbel – wie also hat er sich umbringen können? Wenige Stunden später wird auf einer einsamen Yacht in den Schären eine Frau gefunden, die offensichtlich ertrunken ist. Ihre Kleidung und ihr Körper sind jedoch trocken – wie also konnte sie ertrinken? Das fragt sich auch die Stockholmer Polizei. Erst der eigensinnige Kommissar Joona Linna findet die Verbindung zwischen den beiden Todesfällen. Und dann muss nicht mehr nur die Landeskriminalpolizei ermitteln, sondern auch noch der Staatsschutz.
Mit „Paganinis Fluch“ legt das schwedische Autorenduo Alexandra und Alexander Ahndoril alias Lars Kepler den lang erwarteten Nachfolger ihres Debüts „Der Hypnotiseur“ vor. Der beschert dem Leser ein Wiedersehen mit Joona Linna, dem Kommissar mit finnischen Wurzeln und einem Hang zur Dickköpfigkeit. Dessen Charakter entwickelt sich vor allem durch seine Arbeit bei der Landeskriminalpolizei, das Privatleben blitzt nur hin und wieder auf und hätte auch ganz aus dem Buch gestrichen werden können. Und obwohl der Anfang durchaus spannend geschrieben ist, entwickelt sich das Buch erst ab der Mitte zu einem Pageturner. Dann aber will man es auch nicht mehr weglegen, es sei denn, man muss die Augen vor den allzu blutrünstigen, brutalen Details verschließen.
In welche Richtung sich alles entwickelt, ist am Anfang noch herrlich unklar, obwohl der Leser weiß, dass der Erhängte Generaldirektor der Staatlichen Waffenkontrollbehörde und die Ertrunkene die Schwester der Friedensaktivistin Penelope Fernandez war. Doch wie hängt das alles zusammen? Und was hat das alles mit dem Teufelsgeiger Paganini zu tun? Dieser Krimi ist kein literarisch wertvolles Werk, aber es bietet dramatisch-spannende Unterhaltung und eine gute Vorlage für das eigene Kopfkino. Im Vergleich zum Debüt haben sich die beiden Autoren gesteigert, an die Klasse eines Henning Mankells oder Stieg Larssons kommen sie trotz des großen Themas ihres Buches nicht heran. Vielleicht noch nicht.
Einige Worte noch zum Titel des Buches. Möglicherweise verkauft sich ein Krimi mit dem Titelbestandteil „Fluch“ auf dem deutschen Buchmarkt zurzeit besonders gut, wenn immer noch Vampire und Zauberer ihr Unwesen in den Bestsellerlisten treiben. Trotzdem wäre eine Übersetzung des schwedischen Originaltitels „Paganinikontraktet“ zu „Paganini-Vertrag“ vielleicht nicht verkaufsfördernder, aber sinnvoller gewesen. Denn soviel sei verraten: Es geht hier nicht um einen Fluch, den jemand ausstößt, um damit Menschen zu töten, sondern um einen Vertrag. Und der Einsatz der Vertragsparteien ist der ganz persönliche Albtraum.
Lars Kepler: Paganinis Fluch, Gustav Lübbe Verlag, Köln, 2011, 621 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, ISBN 978-3785724286

Ein Serienmörder geht um, und kein Opfer kann sagen, es sei nicht gewarnt worden: Die Post liefert einen kleinen Sarg ins Haus, handgeschnitzt, im Inneren ein heimlich aufgenommenes Foto des Empfängers. Wenige oder einige Zeit später kommt der Tod. Jake Pepper, Detective beim State Bureau of Investigation eines kleinen Bundesstaates im Westen der USA, steht vor einem Rätsel. So beginnt Truman Capotes Novelle „Handgeschnitzte Särge“, die der Verlag Kein & Aber jetzt in der Reihe „Große Literatur im kleinen Format“ veröffentlicht hat.
In einem Außenbezirk Stockholms wird die Leiche eines grausam ermordeten Mannes entdeckt. Im Haus des Familienvaters erwartet die Ermittler um den Kriminalkommissar Joona Linna ein weiteres Blutbad: Die Ehefrau und die gemeinsame Tochter sind ebenfalls brutal erstochen worden. Das Massaker überlebt hat nur einer – Josef, der Sohn der Familie Ek. Schwer verletzt liegt er im Koma. Als Linna durch Zufall erfährt, dass Josef noch eine ältere Schwester hat, schwant ihm Böses. Es gilt, die Schwester vor dem Mörder zu finden, der offenbar die ganze Familie auslöschen wollte. Helfen kann nur Josef selbst. Doch die Ärztin rät ab, ihn aus dem Koma zu holen. Der letzte Ausweg ist eine Hypnose. Linna wendet sich an den Arzt und Hypnotiseur Erik Maria Bark. Der hatte nach einer verhängnisvollen Erfahrung geschworen, nie wieder jemanden zu hypnotisieren. Doch in diesem Fall macht er eine Ausnahme. Und damit geht der Wahnsinn erst richtig los…
Sie nennt sich selbst zynisch „eine lebende Leiche“: Elise Andrioli ist eine glücklich verheiratete Frau, da zerstört ein Bombenattentat in Irland ihr Leben und nimmt das ihres Verlobten. Sie selbst überlebt gelähmt und erblindet. An den Rollstuhl gefesselt und völlig auf die Hilfe ihrer Haushälterin Yvette angewiesen. Die nimmt sie eines Tages mit zum Supermarkt, wo Elise die kleine Virginie kennen lernt. Doch was als launige Unterhaltung mit einem siebenjährigen Mädchen beginnt, entwickelt sich zu einer Schauergeschichte. Denn Virginie erzählt Elise von einer Bestie, die nach und nach Jungen umbringt. Erst am vergangenen Tag habe die Bestie wieder zugeschlagen. Und sie, Virginie, habe den Mörder gesehen. Doch bevor sie mehr erzählen kann, wird sie von ihrer Mutter, die vom Einkaufen zurückkommt, unterbrochen.
Friedrich Ani schreibt nicht die Art von Kriminalroman, die jeder mag. Die gelesen werden, nur um Nervenkitzel zu verspüren. Friedrich Ani schreibt Kriminalromane, die vieles sein können, aber nicht bloß das, was lapidar als „Krimi“ bezeichnet wird. Friedrich Anis Kriminalromane halten unserer Gesellschaft in sprachlicher Brillanz den so oft zitierten Spiegel vor. Einen Spiegel, der trotz Staubschicht die Wahrheit abbildet wie kein anderer. Wir haben ihn verstauben lassen, denn warum sollten wir einen Spiegel streifenfrei putzen, der uns nur das Elend zeigt. Ani ist der würdige Nachfolger von Georges Simenon. Wer die Eigenwilligkeit Maigrets unwiderstehlich findet, kann auch die Romane um Polonius Fischer nicht wieder weglegen.