Gesucht: Sicherheit

Magnus hat auf einem Internat in Irland sein Abitur gemacht und feilt jetzt an seiner Cambridge-Bewerbung, Carolin wurde von ihrer Mutter mit einem Kochlöffel verprügelt und Luisa hat sich für 13 Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet. Gemein ist ihnen, dass sie im Alter zwischen 18 und 25 Jahren sind und der Generation „Facebook“ angehören. Oder der Generation „Faul“. Oder wie auch immer diese jungen Menschen bezeichnet werden, die herangewachsen sind und unsere Gesellschaft zukünftig mitbestimmen werden. Die beiden jungen Autorinnen Anne Kunze und Katrin Zeug, beide selbst erst Anfang 30, haben in ihrem Buch „Ab 18“ die Geschichten dieser jungen Menschen aufgeschrieben. Mal als Interview, dann als Fließtext, herrlich nah dran und ohne sie bloßzustellen.

Sie erzählen von ihrem Alltag, ihren Träumen und Sorgen. Auffallend ist, dass die meisten dieser jungen Menschen Familien gründen wollen. Richard etwa – mit ihm beginnt das Buch, weil er der Jüngste ist – will vier Kinder haben. Er hat keine Freundin, aber eine Geliebte. Carolin, ebenfalls 18 Jahre, möchte ihre Kinder streng erziehen, „aber vor allem soll mein Kind sehen, dass ich es liebe.“

Aus ihrer eigenen Kindheit erzählt sie, wie ihre Mutter sie mit dem Kochlöffel in die Ecke geprügelt hat und dass sie immer unter ihrer Fettleibigkeit gelitten hat: „Viele Freunde hatte ich nie, ich bin dick, seit ich denken kann. In der Schule wurde ich sehr stark gemobbt. (…) Einmal ist einer, als ich mit dem Bus nach Hause gefahren bin, hergekommen und hat mir eine Stecknadel in den Bauch gesteckt, um zu sehen, ob der platzt.“ Familie zu haben, das spielt für sie eine große Rolle. Manche von ihnen telefonieren täglich mit ihren Eltern, halten immer noch große Stücke auf deren Ratschläge und wollen in der Zukunft ihren Kindern eine glückliche Familie bieten, auch wenn einige von ihnen selbst keine glücklichen Erinnerungen an die eigene Kindheit haben.

Die beiden Autorinnen sind durch ganz Deutschland gefahren, haben Offiziersanwärter in einer Kaserne getroffen, eine Punkband in ihrem Proberaum besucht, eine zum Islam konvertierte Frau beim Fastenbrechen der muslimischen Jugend in Berlin begleitet und einen jungen Fotografen auf seiner Finissage seiner Ausstellung auf der Reeperbahn interviewt. Es geht um Moral, Religion und Wertevorstellungen. Um Ehrgeiz, Facebook und den täglichen, prüfenden Blick in den Spiegel. Viele wissen genau, was sie wollen. Und die meisten von ihnen streben vor allem nach Sicherheit.

Sandra etwa. Sie ist 22, studiert BWL im zweiten Semester und sagt: „Ich wünschte, jemand würde mir sagen, was ich machen soll. Irgendeine Sicherheit. Wenn ich an meine Zukunft denke, bekomme ich Beklemmungen: Ist das richtig, was ich mache? Soll ich lieber abbrechen und eine Ausbildung als irgendwas machen?“ Wie ein Kommentar darauf klingt eine Äußerung der 22-jährigen Tuğba: „Wir wissen in unserer Generation: Der Zeitpunkt, zu dem wir uns sicher fühlen, wird niemals kommen. Deswegen wollen wir flexibel sein, in jedem Moment unseres Lebens Glück finden und suchen, genießen und glücklich sein, man kann das nicht hinausschieben. Vielleicht kann man aber versuchen, mit weniger auszukommen.“

Die Autorinnen erklären ausdrücklich in ihrem Vorwort, dass die Geschichten keine Fallstudien und keine Exempel seien, sondern nur verrieten, wie es ist, heute in Deutschland erwachsen zu werden. Das gelingt. Das gelingt ganz wunderbar. Vielleicht auch deshalb, weil die Autorinnen vor allem Menschen gesucht haben, die sie aufgrund ihrer Tätigkeit oder ihrer besonderen Situation interessiert haben. Anderen sind sie ganz zufällig begegnet oder haben mit Freunden von Freunden gesprochen. Entstanden ist eine authentische Reportage über die Generation der heute 18- bis 25-Jährigen, die absolut lesenswert ist und Grundlage für Diskussionen bietet. Lesen!

Anne Kunze, Katrin Zeug: Ab 18, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2011, 240 Seiten, broschiert, 16,95 Euro, ISBN 978-3498035570

In Schweden stirbt es sich an Paganini

Im Stockholmer Nobelviertel Östermalm erhängt sich ein Mann. Doch das Zimmer hat keine Möbel – wie also hat er sich umbringen können? Wenige Stunden später wird auf einer einsamen Yacht in den Schären eine Frau gefunden, die offensichtlich ertrunken ist. Ihre Kleidung und ihr Körper sind jedoch trocken – wie also konnte sie ertrinken? Das fragt sich auch die Stockholmer Polizei. Erst der eigensinnige Kommissar Joona Linna findet die Verbindung zwischen den beiden Todesfällen. Und dann muss nicht mehr nur die Landeskriminalpolizei ermitteln, sondern auch noch der Staatsschutz.

Mit „Paganinis Fluch“ legt das schwedische Autorenduo Alexandra und Alexander Ahndoril alias Lars Kepler den lang erwarteten Nachfolger ihres Debüts „Der Hypnotiseur“ vor. Der beschert dem Leser ein Wiedersehen mit Joona Linna, dem Kommissar mit finnischen Wurzeln und einem Hang zur Dickköpfigkeit. Dessen Charakter entwickelt sich vor allem durch seine Arbeit bei der Landeskriminalpolizei, das Privatleben blitzt nur hin und wieder auf und hätte auch ganz aus dem Buch gestrichen werden können. Und obwohl der Anfang durchaus spannend geschrieben ist, entwickelt sich das Buch erst ab der Mitte zu einem Pageturner. Dann aber will man es auch nicht mehr weglegen, es sei denn, man muss die Augen vor den allzu blutrünstigen, brutalen Details verschließen.

In welche Richtung sich alles entwickelt, ist am Anfang noch herrlich unklar, obwohl der Leser weiß, dass der Erhängte Generaldirektor der Staatlichen Waffenkontrollbehörde und die Ertrunkene die Schwester der Friedensaktivistin Penelope Fernandez war. Doch wie hängt das alles zusammen? Und was hat das alles mit dem Teufelsgeiger Paganini zu tun? Dieser Krimi ist kein literarisch wertvolles Werk, aber es bietet dramatisch-spannende Unterhaltung und eine gute Vorlage für das eigene Kopfkino. Im Vergleich zum Debüt haben sich die beiden Autoren gesteigert, an die Klasse eines Henning Mankells oder Stieg Larssons kommen sie trotz des großen Themas ihres Buches nicht heran. Vielleicht noch nicht.

Einige Worte noch zum Titel des Buches. Möglicherweise verkauft sich ein Krimi mit dem Titelbestandteil „Fluch“ auf dem deutschen Buchmarkt zurzeit besonders gut, wenn immer noch Vampire und Zauberer ihr Unwesen in den Bestsellerlisten treiben. Trotzdem wäre eine Übersetzung des schwedischen Originaltitels „Paganinikontraktet“ zu „Paganini-Vertrag“ vielleicht nicht verkaufsfördernder, aber sinnvoller gewesen. Denn soviel sei verraten: Es geht hier nicht um einen Fluch, den jemand ausstößt, um damit Menschen zu töten, sondern um einen Vertrag. Und der Einsatz der Vertragsparteien ist der ganz persönliche Albtraum.

Lars Kepler: Paganinis Fluch, Gustav Lübbe Verlag, Köln, 2011, 621 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, ISBN 978-3785724286

Alberne Vampire

„Hier können wir nicht anhalten. Das ist Fledermausland“, sagt Raoul Duke alias Johnny Depp in Fear and Loathing in Las Vegas. Wie recht er hat: Um Fledermausland sollte man besser einen großen Bogen machen, es sei denn, man steht auf alberne Tommy-Jaud-Vampire.

Denn wahrscheinlich hätte Tommy Jaud einen ähnlich bemüht-lustigen Vampirroman schreiben können, wenn Oliver Dierssen das nicht schon für ihn übernommen hätte. Der Hannoveraner hat als Protagonisten seines Urban-Fantasy-Romans den planlosen Möchtegern-Studenten Sebastian Schätz erfunden, der in Niedersachsens Landeshauptstadt vor sich hinpuzzelt. Er arbeitet für kleines Geld in einem Asiashop, in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung herrscht kreatives Chaos und seine Eltern gehen derweil fest davon aus, dass ihr Filius emsig studiert. Und dann ist da noch Kim, jene nach Mango duftende, unglaublich gutaussehende Frau, an der er interessiert ist, die mit ihm aber immer nur ins Kino gehen will. Kann man ihr allerdings nicht verdenken, denn Sebastian Schätz stellt sich selbst als wehleidiges, antriebsloses Bürschchen dar – die flapsige Sprache, in der er dem Leser von seinen skurrilen Erlebnissen erzählt, macht es leider nicht besser.

Alles beginnt damit, dass Sebastian eines Nachts Besuch von einer Fledermaus bekommt. Das macht ihn derart panisch, dass er zunächst nackt in den Wohnungsflur flüchtet und von dort einige Notrufnummern wählt. Als ihm aber niemand helfen will, packt er erstaunlicherweise das Problem selbst an, mit der Folge, dass er schließlich nur mit einem Bademantel bekleidet auf der Fensterbank steht und seine Hand im Rollladenkasten festklemmt. Danach überschlagen sich die Ereignisse, Spannung kommt deshalb aber nicht auf. Spannung, die klingt im Fledermausland so: „Die Windschutzscheibe des Wagens zerbarst. Eine Flut winziger Scherben ergoss sich ins Fahrzeug. Es klirrte, zischte und schäumte. Die Luft roch nach Fanta. Das Taxi kam von der Fahrbahn ab, stieß ungebremst gegen ein Hindernis, drehte sich um die eigene Achse. Die Fliehkraft riss an mir, warf mich in die Sicherheitsgurte, presste mir die Luft aus den Lungen.“ (S. 244)

Ja, Sebastian Schätz erlebt so einige ereignisreiche Tage. Er wird auf einer Kinotoilette von einem depressiven Vampir angefallen, ein Oger sucht ihn wegen einer Lebensberatung auf und urplötzlich hat er auch noch einen putzwütigen Gast zu Besuch, der in seinem Spülenschrank übernachtet. Als schließlich Zwerge auf seinem Sofa sitzen, glaubt auch Sebastian, dass hier nicht mehr alles mit rechten Dingen zugeht.

Wahrscheinlich braucht es eine bestimmte Art von Humor, um dieses Buch zu mögen. Tommy-Jaud-Fans kommen sicherlich auf ihre Kosten. Wer jedoch einen ernsthaften Vampirroman erwartet, sollte besser die Hände davon lassen und sich an die Radleys halten. Dem „Fledermausland“ fehlt es in weiten Strecken an Spannung, den Protagonisten möchte man rütteln und schütteln, damit der endlich aus seiner Lethargie erwacht und ein Mann der Tat wird, und die Auflösung des Ganzen kommt am Ende viel zu schnell und problemlos daher, als dass sie den Leser begeistern kann. Was allerdings sehr rührend geschrieben ist, sind die Danksagungen des Autors, der laut Angaben des Verlags seit 2007 als Arzt in einer psychiatrischen Klinik arbeitet, sich für das alphabetische Einsortieren von Büchern, gelegentliches stressfreies Reisen und uneingängige Rockmusik interessiert. „Fledermausland“ ist sein erster Roman; mittlerweile liegt als zweites Werk der Roman „Fausto“ vor.

Oliver Dierssen: Fledermausland, Heyne Verlag, München, 2009, 448 Seiten, Taschenbuch, 12,95 Euro, ISBN 978-3453266636

Als Porno schick wurde

Bettie Page und Linda Lovelace sind zwei der berühmtesten amerikanischen Sex-Ikonen. Die französische Zeichnerin Nine Antico erzählt in ihrer großartigen Doppelbiografie von der Karriere dieser beiden Frauen, aber auch vom Wesen und Unwesen der Pornoindustrie. Mit Respekt, aber auch mit dem nötigen Abstand.

Antico lässt als allwissenden Erzähler der Geschichte einen Mann auftreten, der selbst ein Symbol der amerikanischen Sexindustrie geworden ist: Playboy-Chef Hugh Hefner, der zu Beginn des Buches zwei unbedarfte Mädchen, die Playboy-Bunnys werden wollen, mit diabolisch-väterlichem Lächeln fragt: „Mädchen, habt ihr überhaupt eine Ahnung, worauf ihr euch einlasst?“ Haben sie natürlich nicht. Und deshalb zeigt der gute, alte Hugh den beiden Mädchen mal, wie das eigentlich mit Bettie Page und Linda Lovelace war: „Diese beiden Frauen haben mit vielen Schwierigkeiten kämpfen müssen, aber sie haben ihre jeweilige Ära geprägt.“

Bettie Page, das wohl einzige Pin-Up-Model der 50er Jahre, das auch heute noch als Kult gilt und vor allem in der BDSM-Szene als Fetisch- und Bondagemodel bekannt ist, und Linda Lovelace, die Frau, die in dem Pornostreifen „Deep Throat“ ihre Klitoris im Hals hatte und den Pornofilm für das breite Publikum interessant machte.

Die nüchternen schwarz-weißen Zeichnungen zeigen die Wege der beiden Frauen in ihrem gesellschaftlichen und historischen Kontext. Und obwohl das Buch erst ab 18 empfohlen wird und einige sexuelle Passagen zu sehen sind, wird es nie schlüpfrig oder unangenehm. Das Buch erregt viel weniger, als dass es erschüttert.

In Zeitsprüngen stellt die 1981 geborene Antico das Leben der beiden Ikonen gegenüber, zeigt ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf und wie sie das Frauenbild ihrer jeweiligen Zeit beeinflusst haben. Beiden Frauen ist gemein, dass sie doch eigentlich Schauspielerinnen werden wollen, dafür aber den Umweg über Nacktfotos und -videos in Kauf nehmen, um irgendwann vielleicht entdeckt zu werden. Und so erleben schließlich beide Frauen sowohl die Glanz- als auch die Schattenseiten des Erfolgs in der Sexindustrie.

Die spielt nicht nur durch Hugh Hefner ihre eigene Rolle in Anticos Buch, sondern auch durch viele andere Wegbereiter und -begleiter der beiden Frauen. Der jungen Zeichnerin gelingt damit ein ernsthaftes, vielschichtiges Werk, das dennoch einen Mangel hat: Dass Hugh Hefner, der selbst Nutznießer der Arbeitsbedingungen in der Sexindustrie ist, zwei zukünftige Playboy-Bunnys vor dem Einstieg in diese Welt warnen will, ist kaum vorstellbar.

Doch abgesehen davon: absolute Leseempfehlung für dieses feministische Doppelportait!

Nine Antico: Coney Island Baby, Verlag bbb Edition Moderne, Zürich, 2011, 232 Seiten, broschiert, 26 Euro, ISBN 978-3037310731