Seitengang fährt zur Leipziger Buchmesse

Leipziger BuchmesseSeit gestern ist es amtlich: „Seitengang – Ein Literatur-Blog“ fährt auch in diesem Jahr wieder zur Leipziger Buchmesse. Vom 14. bis 17. März 2013 berichtet Seitengang direkt aus Leipzig über Lesungen, Autoren und Verlage sowie natürlich auch über die Sputnik LitPop 2013.

Schwerpunkt der Leipziger Buchmesse ist neben der Vorstellung der Neuerscheinungen des Frühjahrs auch in diesem Jahr wieder das Programm “tranzyt. Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus”. Dort präsentieren wie schon im vergangenen Jahr etablierte und aufstrebende Autoren aus Mittelosteuropa zum Teil noch unbekannte Literaturwelten.

Außerdem wird am 14. März um 16 Uhr in der Glashalle der Messe der Preis der Leipziger Buchmesse für herausragende deutschsprachige Neuerscheinungen und Übersetzungen verliehen. 141 Verlage reichten insgesamt 430 Titel ein. Die siebenköpfige Kritikerjury nominierte jetzt jeweils fünf Autoren und Übersetzer in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung.

Bis zum 7. März können Sie Ihren Favoriten in der Kategorie Belletristik wählen. Unter allen Teilnehmern verlost die Leipziger Buchmesse 15 Pakete mit den nominierten Titeln sowie Eintrittskarten zur Messe.

Lesen Sie Gasdanow!

Das Phantom des Alexander WolfEin junger Mann von 16 Jahren erschießt im russischen Bürgerkrieg einen Reiter. Noch Jahre später bedrückt ihn die Erinnerung daran. Doch eines Tages fällt ihm ein Buch in die Hände, in dem genau diese Szene beschrieben steht – aus der Sicht des vermeintlich Getöteten. Hat er überlebt? Der inzwischen erwachsen gewordene Erzähler macht sich auf die Suche nach dem Mann, der offenbar ihr gemeinsames Erlebnis aufgeschrieben hat.

„Das Phantom des Alexander Wolf“ ist eine Entdeckung für deutsche Leser. Der russische Schriftsteller Gaito Gasdanow war Ende der 20er Jahre in Paris einer der hoffnungsvollsten Prosaiker, die die aus Russland emigrierten Literaten zu bieten hatten. Neben Vladimir Nabokov war es der Name Gasdanow, der ähnlich häufig genannt wurde, erst recht nach seinem Debütroman „Abend bei Claire“. Bis heute gilt Gasdanow als einer der wichtigsten Exilautoren des 20. Jahrhunderts.

Allerdings ist er in Deutschland weitestgehend unbekannt geblieben. „Das Phantom des Alexander Wolf“ wurde zum ersten Mal 1947 bis 1948 in der New Yorker Zeitschrift „Nowy Schurnal“ veröffentlicht, ab 1950 erschienen europäische Übersetzungen. Deutschland aber musste bis zum Ende des Jahres 2012 warten, ehe der Hanser Verlag die glänzende Übersetzung von Rosemarie Tietze herausgab. Und zu Recht schreibt Tietze am Ende ihres aufschlussreichen Nachworts: „Höchste Zeit, dass auch für den deutschen Leser das Phantom des Gaito Gasdanow endlich reale Gestalt annimmt.“

„Arbeit von ermüdender Vielfalt“

Der Roman spielt im Paris des Jahres 1936. Der Ich-Erzähler ist russischer Emigrant, der als Journalist sein Geld verdient, obwohl er doch lieber Schriftsteller wäre: „Statt dass ich meine Zeit literarischer Tätigkeit widmete, zu der ich mich hingezogen fühlte, die jedoch gehörigen Zeitaufwand und uneigennützigen Einsatz verlangt hätte, gab ich mich mit Journalismus ab, einer sehr unregelmäßigen Arbeit von ermüdender Vielfalt.“

Seine Suche nach dem Schriftsteller Alexander Wolf gestaltet sich trotz intensiver Recherche schwierig. Erst als er Heiligabend in einem russischen Restaurant einen Mann namens Wladimir Petrowitsch Wosnessenski kennenlernt, kommt er dem Phantom auf die Spur. Denn durch einen wahrhaft erstaunlichen Zufall, den der Leser Gasdanow zu gerne verzeiht, kennt ausgerechnet Wosnessenski den geheimnisvollen Alexander Wolf.

Gasdanows Roman ermöglicht dem Leser eine bemerkenswerte Reise in die Welt des russischen Emigrantenmilieus kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Ganz offensichtlich hat Gasdanow von eigenen Erfahrungen gezehrt. Auch er meldete sich mit fast 16 Jahren freiwillig zum Militär, diente als Soldat auf einem Panzerzug und kam mit 23 Jahren nach Paris, wo er Taxi fuhr und schrieb.

Boxkampf im Halbschwergewicht

Sein Stil im „Phantom des Alexander Wolf“ ist sachlich prägnant, schnörkellos, berichtend, auch in Liebesdingen fast distanziert. Die Beschreibung eines Boxkampfes im Halbschwergewicht zwischen einem Franzosen und einem Amerikaner wird zum hervorragenden Beispiel einer guten Sportberichterstattung.

Gasdanow lässt seinen Erzähler über Leben und Tod, Liebe und Moral diskutieren. Und was ist das für eine herrliche Szene, als der Erzähler von seiner Geliebten aufgefordert wird, Konfekt an Prostituierte zu verteilen! Oft möchte man verzückt mit der Zunge schnalzen, so wunderbar allumfassend ist dieser Roman geraten.

Lesen Sie Gasdanow! Er ist eine Entdeckung, fürwahr.

Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf, Hanser Verlag, München, 2012, 191 Seiten, gebunden, 17,90 Euro, ISBN 978-3446238534

Die Schatzinsel? Pah!

Der Master von BallantraeFamos, ganz und gar famos! Seien Sie dem Mareverlag dankbar, dass er erneut einen literarischen Schatz gehoben hat. Mit der glänzenden und modernen Neuübersetzung von Robert Louis Stevensons „Master von Ballantrae“ ist der alte Klassiker über einen Bruderkampf im Schottland des 18. Jahrhunderts neu zu entdecken. Das sollte man nicht versäumen.

Die Geschichte beginnt im Jahr 1745. In Schottland zieht Bonnie Prince Charlie in den Zweiten Jakobitenaufstand. Unter seiner Fahne reitet auch James Durie, der Master von Ballantrae und einer der Söhne von Lord Durrisdeer, ein Hallodri, Raufbold und Weiberheld, unberechenbar, skrupellos und arrogant. Als der zurückgebliebenen Familie die Kunde vom Tod des Masters zugetragen wird, übernimmt der jüngere und anständige Bruder Henry die Geschäfte und heiratet die Frau, die einst dem Master zugesprochen war. Doch eines Tages kehrt der totgeglaubte James nach Hause zurück.

Das Sujet klingt altbekannt, fast trivial, und doch ist es geradezu meisterlich, was Stevenson daraus geschaffen hat. Gäbe es noch Kaminabende, an denen Freunde beisammen sitzen und sich die tollsten Geschichten erzählen, während Tabak geraucht wird und die Gläser klirren, es wäre diese Geschichte des „Masters von Ballantrae“, die die staunendsten Blicke ernten würde. Das Abenteuer führt durch Schottland, Frankreich, Indien und Amerika. Es gibt Piratengeschichten, Moorwanderungen und Schatzsuchen. Indianer skalpieren das eine oder andere Bleichgesicht, ein Inder versteht mehr Englisch, als er zugibt, und Piraten tun das, was sie eben tun.

Ein Pas de deux par excellence

Die Feindschaft der beiden Brüder findet seinen Höhepunkt in einem nur von Kerzen beleuchteten winterlichen Degen-Duell, das wie ein Tanztheater konzipiert ist. Das Bühnenbild von eindringlicher Qualität, die Requisiten spärlich, aber mit Bedacht gewählt, vollführen die handelnden Personen einen Pas de deux par excellence.

Der Winter spielt eine wichtige Rolle im „Master von Ballantrae“. Stevenson bezeichnete das Buch nicht als Roman, sondern als „Eine Wintergeschichte“ und verweist damit auf die Entstehung des Buches. Ende 1887 hielt sich Stevenson in einem Sanatorium in Saranac auf, um sich dort von einem Tuberkulosespezialisten behandeln zu lassen.

In einem Entwurf für ein Vorwort schreibt Stevenson: „Es war Winter; die Nacht war sehr finster; die Luft war außerordentlich klar und kalt und von köstlicher Waldesfrische. Weit unten hörte man den Fluss mit Eis und Felsbrocken kämpfen; einzelne Lichter waren zu sehen, ungleichmäßig in der Dunkelheit verstreut, doch so weit entfernt, dass sie den Eindruck der Einsamkeit nicht minderten. Das waren gute Voraussetzungen für das Verfassen einer Geschichte.“

„Seine einzige Geschichte in Schwarz und Weiß“

Obgleich der „Master von Ballantrae“ nicht notwendigerweise im Winter gelesen werden muss, sind es doch vor allem die winterlichen Szenen, die besonders wirkungsvoll und eindringlich sind, allen voran die schon erwähnte Duell-Szene. Gilbert Keith Chesterton schreibt in einem Essay aus dem Jahr 1927 über Stevenson: „Stevenson bewies seinen untrüglichen Instinkt, als er [das Buch] „Eine Wintergeschichte“ nannte. Es ist seine einzige Geschichte in Schwarz und Weiß, und ich kann mich keines Worts entsinnen, das ein Farbfleck wäre.“

Auch er lobt die Duell-Szene: „Das Haus Durrisdeer geht nicht unter wie das Haus Usher. Diese mörderische Szene ist durchdrungen von etwas unbenennbar Reinem, Salzigem, Gesundem, und allem zum Trotz ist der weiße Raureif für die Kerzen eine kalte Läuterung wie eine Art Lichtmess.“

Ganz vortrefflich ist sie, diese Ausgabe des Mareverlags. Melanie Walz hat den Text nicht nur brillant übersetzt und dabei alle bisherigen Übersetzungen außer Acht gelassen, sondern ihn auch noch kommentiert sowie ein aufschlussreiches Nachwort und Stevensons Entwürfe für ein Vorwort beigefügt.

Auch äußerlich ist der „Master von Ballantrae“ gelungen: In Leinen gebunden und mit zweifarbiger Prägung auf dem Titel und Rücken, mit einem farbigen Vorsatzpapier und einem Lesebändchen, steckt das Werk in einem von Simone Hoschack und Petra Koßmann gestalteten stabilen Schmuckschuber. Wahrlich eine Pracht. Der geneigte Leser sollte nicht lange zögern.

Robert Louis Stevenson: Der Master von Ballantrae, Mareverlag, Hamburg, 2010, 352 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, im Schmuckschuber, 29,90 Euro, ISBN 978-3866481206

Augen zu und durch

Mit geschlossenen AugenMelissa ist 15 Jahre alt, als sie ihre ersten sexuellen Erfahrungen macht. Eigentlich noch ein Kind lernt die Sizilianerin schnell, dass Sex oft nicht mit Liebe einhergeht. Das Buch der Melissa P. und ihre unverblümten Tagebucheintragungen waren wochenlang auf den italienischen Bestsellerlisten, und Medien sprachen von einem erotischen Skandal. Dabei ist „Mit geschlossenen Augen“ nur der dürre Bericht eines Mädchens mit Identifikationsproblemen.

„Ich will Liebe, Tagebuch. Ich möchte spüren, wie mein Herz schmilzt, und sehen, wie die Stalaktiten meines Eises brechen und im Fluss der Leidenschaft und Schönheit untergehen“, schreibt Melissa zu Beginn und beweist sprachlich, dass sie offenbar früh davon ausgeht, nicht die einzige zu sein, die ihre Aufzeichnungen lesen wird. Selbst wenn ein zuvor geschriebenes Tagebuch noch für eine Buchveröffentlichung aufgehübscht wird – kaum ein 15-jähriges Mädchen würde sich einer solch schwülstigen Sprache befleißigen und sie durchhalten.

Melissas erster Mann heißt Daniele. Er benutzt sie nach Strich und Faden. Unerfahren, naiv und liebeshungrig lässt sie sich demütigen und hofft noch zuletzt, dass sich Zuneigung einstellt, wenn sie nur recht gefügig ist. Ihm folgen andere Männer, die es ihm gleichtun. Derweil ist Melissa nur ein trauriges, neurotisches Mädchen mit masochistischen Anwandlungen. Der feministisch-emanzipatorische Ansatz bleibt dabei fade und nur selten sichtbar.

Die schonungslose Zurschaustellung des Zu-Frau-Werdens ist auch nicht erotisch, wird aber so verkauft. Wer als Leser nur voyeuristische Ziele verfolgt, wird ebenso enttäuscht, wie derjenige, der eine tiefgreifende und berührende Geschichte erwartet. Wer es dennoch lesen will: Das Buch hat nur 160 Seiten – Augen zu und durch.

Melissa P.: Mit geschlossenen Augen, Goldmann Taschenbuchverlag, München, 2004, 160 Seiten, Taschenbuch, 7,95 Euro, ISBN 978-3442457656