Schrulliges Lustspiel am Strand

9783956400742-frontcoverDer Sommer bedeutet für viele Familien: Nichts wie raus ans Meer! Dass der Strand dadurch jedes Jahr zur Spielwiese der Eitelkeiten wird, aber auch zum Theater der Nacktheit, zum Schauplatz von Konflikten und zur Bühne eines Sozialkosmos sondergleichen, ist nie treffender und vergnüglicher beschrieben worden als in der Graphic Novel „Rein in die Fluten!“ vom französischen Comic-Duo David Prudhomme und Pascal Rabaté. Die perfekte Lektüre für den sich noch einmal aufbäumenden Sommer.

Schon auf dem Weg in den fiktiven Badeort Polovos Plage begegnen sich die ersten Charaktere dieses Lustspiels: Die Familienväter, die argwöhnisch die Autos der anderen Tankstellenbesucher beäugen („Wieviel pumpt der denn in seine Karre?“, „Was braucht der auch ’nen Allrad, um ans Meer zu fahren?“) und auf dem Rücksitz die eigene Brut sitzen haben, die sich entweder missmutig einen MP3-Player teilen muss oder damit beschäftigt, alle Varianten von „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ zu singen, zur Freude ihrer Eltern („Singt uns doch mal was Schönes, ihr Racker!“). Die zugreisenden Bierbäuchigen mit ihren überheblichen Sprüchen und die jovialen Jungväter mit ihren frenetischen Ausrufen, die jedes Abteil zur Weißglut treiben. Die Stausteher, die bereits am Vortag Angelangten und die Yuppies von Welt. Doch dieses Menschen-Potpourri ist noch steigerungsfähig, denn erst am Strand entrollt sich das wahre Panorama.

Und mal ehrlich: Wir kennen sie alle, diese wunderlichen Typen, denen man an so einem Tag am Meer unweigerlich begegnet. Wir kennen sie alle, und auch deshalb ist dieser Comic so amüsant. Diese Geschichte braucht keine Hauptfigur, denn die Protagonisten sind wir selbst, die wir uns an den Meeren dieser Welt zum Zeitvertreib, zum Sonnenbad oder auch – das würde natürlich keiner zugeben – aus voyeuristischen Motiven tummeln.

Cineastische Struktur

Prudhomme und Rabaté haben den ganzen Wahnsinn erzählerisch fantastisch eingefangen: Oft mutet die Struktur cineastisch an, wenn etwa eine Szene zunächst das vor der Bahnschranke stehende Auto zeigt, die nächste Szene einen Perspektivwechsel vornimmt und der Leser plötzlich im vorbeirauschenden Zug sitzt, dort einige Augenblicke verweilt, bis ein Auto vorübersaust und den Leser dorthin katapultiert. Es ist, als säße man in einem chinesischen Restaurant an einem dieser drehbaren Tische, und jeder der Gäste dürfte mal drehen, um sich die Szene aus einem anderen Blickwinkel anzusehen. Es wird gezoomt und geschwenkt.

Das führt auch grafisch zu feinen Überraschungen, wenn sich Illusionen auflösen: eine der schönsten ist sicherlich jene, als sich ein Herr mit gelbem Sonnenhut, sonnenbrandroten Armen und dickem weißen Bauch dem FKK-Strand nähert und man wähnt, er komme über eine Düne. Doch tritt der Betrachter ein Stück zurück, entpuppt sich die Düne als nackter Frauenkörper. Wenige Seiten später suchen Eltern ihren Jungen. Die Mutter entdeckt ihn am Horizont in einem steinernen Wellenbrecher, der Leser aber ist ähnlich blind wie der Vater. Erst als die Szenerie weiter heranrückt, kann man ihn mit Mühe und Not zwischen den Steinen klettern sehen. Die Mutter: „Wir müssen ihm echt so ’ne Neonhose besorgen.“

„Die Ferien des Monsieur Hulot“

Der cineastische Gedanke kommt nicht von ungefähr, auch wenn Autor und Zeichner damit weniger die Kamerafahrten verbinden, denn tatsächlich hat ein alter Kultfilm die beiden zu ihrem Comic inspiriert: „Die Ferien des Monsieur Hulot“ von und mit Komiker und Regisseur Jacques Tati. Der hatte schon 1953 seine Landsleute am Meer ordentlich persifliert. Gegenüber Kai Löffler vom Deutschlandfunk sagte Rabaté: „Wir bewundern beide sehr die Arbeit von Jaques Tati; sie ist gleichzeitig poetisch und burlesk komisch. Ich würde sogar sagen, Tati ist einer unserer Haupteinflüsse.“

Und so wie Tati in die Rolle des Monsieur Hulot schlüpft, haben auch Prudhomme und Rabaté ihren Platz in Polovos Plage gefunden. Entdecken Sie die beiden am Strand oder im Dorf oder irgendwo im Meer! Und auf dem Weg dorthin und beim Lesen ihres Comics können Sie förmlich den heißen Sand unter den Füßen spüren, und die See rauschen und die Kinder juchzen und manche Paare streiten hören. Sie werden die Augen verdrehen, Sie werden lachen und den Kopf schütteln ob der grotesken Figuren, und sich darin vielleicht ein wenig selbst erkennen. Unbedingt aber werden Sie eines des besten Sommerbücher dieses Jahres lesen – und damit einen Schatz heben, von dem Sie noch in grauen Herbsttagen zehren können.

David Prudhomme, Pascal Rabaté: Rein in die Fluten!, Reprodukt Verlag, Berlin, 2016, 120 Seiten, gebunden, 24 Euro, ISBN 978-3956400742, Leseprobe

Seitengang dankt dem Reprodukt-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Diese Rezension ist auch auf NW.de erschienen, dem Onlinedienst der Neuen Westfälischen (Bielefeld).

Mit Champagner stürzt man besser ab

Die Kunst Champagner zu trinken„I think, we’ll have champagne with the bird“, sagt Miss Sophie bei „Dinner for one“, und Champagner ist nur eines von vielen Getränken an diesem denkwürdigen Abend. Dass Champagnertrinken nicht nur die feinperlige Lust der Schönen und Reichen ist, sondern vielmehr eine Kunst und ein Wagnis, das lehrt uns die französische Autorin Amélie Nothomb literarisch und erbarmungslos mit ihrem neuen Roman „Die Kunst, Champagner zu trinken“.

Nothomb ist bekannt dafür, dass ihre Romane oft autobiographisch geprägt sind. In ihrem aktuellen Buch macht sie daraus noch weniger einen Hehl als sonst, denn die Protagonistin heißt schlichtweg Amélie und ist erfolgreiche Schriftstellerin in Paris. Man darf es als Können respektive als Kunst bezeichnen, wenn einer Schriftstellerin es so famos gelingt, dem Leser das Gefühl zu geben, er folge tatsächlich der Autorin und als befände er sich höchstpersönlich in einer Folge der Arte-Serie „Durch die Nacht mit…“.

Bei einer Lesung lernt Amélie die 22-jährige Pétronille kennen, eine Frau, die aussieht wie ein fünfzehnjähriger Junge. Beide eint nicht nur das Interesse für Literatur, sondern vor allem das Faible für Champagner. Schon bei ihrer nächsten Begegnung schlürfen sie einen Brut von Roederer, während um sie herum Kaffee getrunken wird. Nothomb bemerkt dazu: „Frankreich ist jenes Zauberreich, wo Ihnen in der gewöhnlichsten Kneipe jederzeit ein ideal temperierter großer Champagner serviert werden kann.“

Die Liebe zum Champagner ist eine unbedingte

Amélie ist angetan von Pétronille, nicht zuletzt, weil sie weder snobistisch ihren Champagner trinkt, noch die unpassend vom Garçon dazu gereichten Erdnüsse isst. Pétronille genießt nur. Die Liebe zum Champagner ist eine unbedingte. Für sie braucht es Mitstreiter, Mitgenießer, Hedonisten, mit denen der Rausch Seite an Seite zelebriert werden kann. Hat Amélie in Pétronille die trink- und genusslustige wie -süchtige Begleiterin gefunden? Und hat Pétronille dagegen mit Amélie die Mentorin entdeckt, die ihr, der baldigen Literatur-Debütantin, auf die Sprünge hilft? Aus dem Für und Wider dieser Konstellation hätte sich etwas mehr Reiz entwickeln können.

Dennoch ist „Die Kunst, Champagner zu trinken“ schon deshalb ein wahnsinnig faszinierendes Buch, weil Nothomb einfach ein Händchen hat für befremdliche Situationen. Ganz und gar wunderbar gelingt ihr etwa die Beschreibung einer Begegnung mit Vivienne Westwood, der Erfinderin der Punk-Mode, die sie bei einem Interview-Termin völlig lässig links liegen lässt und dann sogar noch mit ihrem Hund Gassi gehen schickt. Das ist von wahrlich feinem Witz! Von dezent beobachteter Dekadenz dagegen zeugt eine Szene auf der Skipiste, die Amélie und Pétronille mit einer Champagnerflasche in der Hand statt mit Skistöcken hinunterrasen. Was kostet die Welt? Und ist sie nicht vergänglich wie das Perlen einer geöffneten Champagnerflasche? Wer wird uns denn einen kleinen Rausch verwehren?

Dass jeder alkoholische Zaubergarten aber auch eine Klippe hat, über die sich trefflich stürzen und fallen lässt, das verschweigt Nothomb nicht. Und plötzlich schmeckt alles wie eine Flasche, die viel zu lange geöffnet in der Sonne gestanden hat. Aber auch dieser letzte Schluck, die Neige, gehört dazu, zum Roman, zum Leben, und zum Gelage, das das Leben jedem von uns bietet.

Einen Toast auf den Champagner

„Die Kunst, Champagner zu trinken“ ist ein feines, kleines Büchlein, das niemand unbedacht an vermeintliche Champagnertrinker verschenken sollte. Vielmehr gilt es, den Leser unter den Bonvivants und Hedonisten zu suchen, der den feinen Stoff des Schaumweins zu goutieren versteht. Und ist man selbst ein solcher, dann sei schnell eine Flasche Schampus mit dem Degen geköpft und die Lektüre zu einem vergnüglichen Genuss herbeigereicht. Einen Toast auf den Champagner: Lass uns stets Freunde bleiben, oder zumindest bis zur Neige dieser Flasche! Santé, was für ein Kleinod von Champagner-Roman!

Amélie Nothomb: Die Kunst, Champagner zu trinken, Diogenes Verlag, Zürich, 2016, 144 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3257069617, Leseprobe