Tarnkappe oder Nichttarnkappe?

Wie würden Sie entscheiden, wenn Sie eine Kappe besäßen, die Ihnen Unsichtbarkeit beschert? Wenn Sie ungesehen in fremde Wohnungen schlüpfen oder Banktresore ausräumen könnten? Wenn die Kappe mehr und mehr Ihre Gedanken kontrollieren würde, und Sie sich jedes Mal, wenn Sie die Kappe abnähmen, Haarbüschel ausreißen und höllische Schmerzen verspüren würden? Kappe oder Nichtkappe?

Simon Bloch ist an eine solche Tarnkappe gelangt. Ein verloren geglaubter Freund schlüpft in einem unbeobachteten Moment in Simons Wohnung. Er sei auf der Flucht, Simon müsse für eine Zeit auf seinen Koffer aufpassen. Nur für einen Tag. Doch der Freund kehrt nicht zurück. Stattdessen findet Simon in einem Schrank, für den er auf einen Stuhl steigen muss, um ihn zu erreichen, eine fremde Plastiktüte von Aldi und darin – eine braune Kappe aus Leder. Schmierig, abstoßend, mit einem Geruch nach verbranntem Fleisch.

Erst will er sie nur loswerden, doch seine Hände machen sich selbständig und setzen ihm die Kappe auf den Kopf. „Sie saß perfekt, nein, sie passte sich seiner Kopfform an, schien sich in seine Haare zu wühlen, an seiner Kopfhaut zu nagen, es war, als schmatze die Kappe auf seinem Kopf, als vertilge sie etwas da oben, vielleicht seine Haare, seine Gedanken, einen Teil seines Hirns, irgendwas fraß sich seinen Weg zu ihm hinein, er spürte ein Knistern, etwas, was tief in ihm geschah und zugleich auf der Oberfläche, ganz so, als kehre sich alles in ihm Verborgene nach außen und alles Äußere nach innen.“ Und damit wird Simon Bloch unsichtbar.

Ausbruch aus der Routine des Alltags

Simon Bloch, dieser Mittvierziger, der einst den Traum hatte, Filmkomponist zu werden, und nun in einer Agentur für Beschwerdemanagement Briefe unzufriedener Kunden beantwortet, ist jetzt Besitzer einer Tarnkappe. Er genießt seine neue Freiheit und die mit ihr entstandene Möglichkeite, aus der Routine des Alltags auszubrechen, dem Trott zu entkommen, der ihm Struktur und Halt gegeben hat, seit ihm seine Frau Anna durch einen Schicksalsschlag genommen wurde.

Simon wird Träger der Kappe. Fast hört man ihn wie Gollum flüstern: „Mein Schatz.“ Beherrscht der Träger des Einen Rings den Ring oder der Ring den Träger? Kann der Träger der Tarnkappe noch über sich und die Kappe bestimmen oder dominiert nicht vielmehr die Kappe den Träger? Und wie verändert sich ein Mensch, der mit einem Mal unsichtbar ist? In dem literarischen Motiv der Unsichtbarkeit, vor allem bekannt aus der Mythen- und Sagenwelt wie dem Nibelungenepos, erinnert Markus Orths‘ Roman „Die Tarnkappe“ stark an H. G. Wells‘ „Der Unsichtbare“.

Auch in Orths‘ Roman entwickelt sich die psychologische Frage der Unsichtbarkeit. Simon gerät in einen Strudel, der ihn abhängig macht und in die Isolation reißt, hebt sich gleichzeitig aber auch zu einem Entscheider über Leben und Tod empor. An H. G. Wells reicht Orths‘ „Tarnkappe“ nicht heran, trotzdem darf man den Roman nicht als Abklatsch eines alten Motivs abtun. Tarnkappenbomber haben den phantastisch wirkenden Kindheitstraum längst in die Wirklichkeit geholt, und auch Orths gelingt die Ansiedlung des Themas in der Jetztzeit. Das macht den Roman aus, obwohl mancher Metapherreigen nervt, manche Nebengeschichte zu winzig gerät.

Markus Orths: Die Tarnkappe, Schöffling & Co., Frankfurt am Main, 2011, 223 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 19,95 Euro, ISBN 978-3895614712

American Wuff of Love

Er war der treue Begleiter des 42. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Er war Bill Clintons „Buddy“ und zufällig im Nebenraum des Oval Office, als sich Mr. President und Monica Lewinsky näher kamen. Buddy war Clintons Labradorrüde, der 2002 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. In Luis Rafael Sánchez‘ Satire „First Dog – Enthüllungen eines Präsidentenhundes“ spielt er eine letzte große Hauptrolle, die ihm Unrecht tut.

Sánchez lässt den Präsidentenhund vom Geheimdienst kidnappen und in Harvard von Wissenschaftlern verkabeln, vermenschlichen und an einen Sprachcomputer anschließen. Dann soll er Zeugnis ablegen von dem amourösen Abenteuer seines Herrchens. Doch Buddy nutzt die Chance der ungeteilten Aufmerksamkeit zunächst, um über das Hundsein im Allgemeinen und im Speziellen zu philosophieren. Nach der Mittagspause sind die Begebenheiten, die zu Buddys Ergreifung geführt haben, Gegenstand seiner Erzählungen, und erst im dritten Teil des Buches, ab Seite 75, wird der bis dahin auf Spar-Spannung gehaltene Leser mit der Fleischeslust des Präsidenten konfrontiert.

Was aber nun den besonderen Reiz dieser Satire ausmacht, das erschließt sich nicht. Die Kritik an der amerikanischen Gesellschaft, die sich monatelang über den lüsternen Präsidenten das Maul zerriss, ist zwar bissig und mit spitzer Hundezunge geäußert, aber aus dem Sujet hätte der puertoricanische Autor weitaus mehr machen können. In die Breite getreten wird der Text schließlich noch dadurch, dass auch der Autor erklären will, wie er überhaupt an die mysteriösen Enthüllungen des Präsidentenhundes gelangt ist. Am Ende bleibt der Eindruck eines durch menschliche Maschinen aufgeplusterten, arroganten und großkotzigen Hundes, der schon auf den ersten Buchseiten jegliche Sympathie beim Leser verspielt.

Die Vermenschlichung eines Tieres ist ein altbekanntes literarisches Thema. In „Ein Bericht für eine Akademie“ verwandelte Franz Kafka einen Affen in einem Menschen, und in „Lebensansichten des Katers Murr“ ließ E.T.A. Hoffmann den wie ein Mensch sprechenden Kater aus seinem Leben erzählen. Sánchez aber scheitert mit seinem „First Dog“. Im Grunde gut gedacht, teilweise auch wirklich interessante Wendungen und Bonmots eingebaut, aber am Ende reicht es nicht, um einen ständigen Platz im Bücherregal zu ergattern.

Luis Rafael Sánchez: First Dog – Enthüllungen eines Präsidentenhundes, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 2011, 137 Seiten, gebunden, 15,90 Euro, ISBN 978-3803112750

Apocalypse now – Schweizer Fassung

Sind auf der Erde tatsächlich einst Riesen gewandelt, wie es in alten Geschichten erzählt wird? Und was wäre, wenn diese Riesen in naher Zukunft zurück auf den Planeten kämen? Klingt komisch, ist es aber nicht – nicht in Gregor Spörris Endzeit-Thriller „The Lost God“. Eines Tages im Jahr 2012 fallen 19 gigantische Stahlkugeln vom Himmel, zermalmen alles, was sich ihnen in den Weg stellt, und bleiben schließlich liegen. Wissenschaftler versuchen sich an Erklärungen, während das Militär rings um die Absturzstellen Sperrzonen errichtet und Forscherteams entsendet.

Der Schweizer Gregor Spörri hat sich in seinem ersten Buch an ein Science-Fiction-Thema herangewagt, das sowohl von Hollywood als auch von vielen anderen Autoren schon ausgiebigst bearbeitet worden ist: die Invasion von Außerirdischen auf der Erde. Spörri aber hatte sein ganz persönliches Erweckungserlebnis: Der nach Angaben des Verlags erfolgreiche Diskothekenausstatter, Designer, Clubbetreiber und Produzent machte bei einer Ägyptenreise 1988 eine interessante Entdeckung.

Im Wüstenbezirk Bîr Hooker zeigte ihm ein Händler, dessen Vorfahren Grabräuber gewesen sein sollen, einen riesenhaften mumifizierten Finger. Laut Klappentext maß der Finger im ausgestreckten Zustand vom Nagel bis zum Knochenende 38 Zentimeter. Die Innenseite des Buchumschlags zeigt ein Foto des mysteriösen Funds, die Internetseite zum Buch bietet weitere Informationen zum Thema und verleiht dem ganzen Projekt einen wissenschaftlichen, nicht-fiktionalen Anstrich.

„Neues Zeitalter der Barbarei“

Dass Gregor Spörri eine Vision hat, ist beim Lesen unübersehbar. Die anfangs eingeführten Personen scheinen zunächst nur dafür gut zu sein, dem Leser das Weltbild des Autors und damit einhergehend das Übel der Welt aufzuzeigen. Mit dem Fotokünstler Maximilian Lindner wettert er gegen das Abholzen der Regenwälder und das Ausrotten von ganzen Tierrassen, mit einem indonesischen Fahrer wirft er die Theorie vom Treibhauseffekt über den Haufen und verspricht das Hereinbrechen eines „neuen Zeitalters der Barbarei“. Luxus und soziale Not, Sex, Kriminalität und religiöser Fanatismus – rund um den Erdball finden sich genügend Beispiele, um Spörris düstere Vision zu unterstreichen: die Zeichen der Zeit stehen auf „Apocalypse now“.

Der Schreibstil ist anfangs holperig, vor allem die Dialoge wirken sehr geplant, hölzern und wenig lebendig. Teilweise versucht Spörri mit Interjektionen aus der Comic-Sprache Spannung zu erzeugen, doch ein „Bummm“, „Baammm“ und „Buuooommmm“ wirkt eher belustigend und unprofessionell. Das gibt sich aber, nachdem die Stahlkugeln vom Himmel gefallen sind.

Jetzt zeigt sich Spörris Talent: seine Recherchearbeit. Mit viel technischem Hintergrundwissen wird die Geschichte von der Invasion der Außerirdischen nun glaubwürdig, liest sich aber dennoch streckenweise wie ein Sachbuch mit fiktionalen Anteilen. Wer dieses Buch zur Hand nimmt, sollte danach nicht alleine sein, denn es wird Redebedarf geben, lässt der Thriller doch ausreichend Raum für Spekulation und Interpretation. Ein Buch, an dem man sich aufreiben kann.

Gregor Spörri: The Lost God, Münster Verlag, Basel, 2012, 495 Seiten, gebunden, 24 Euro, ISBN 978-3905896336

Komm heim, Kind

Als in einem Heim für schwer erziehbare Mädchen die junge Miranda und ihre Erzieherin Elisabeth brutal erschlagen aufgefunden werden, der Neuzugang Vicky aber, blutige Spuren am Fenster hinterlassend, offensichtlich geflüchtet ist, steht für die Polizei die Schuldfrage schnell fest. Es gilt nur noch, die Flüchtende zu stellen, dann scheint der Fall gelöst. Doch so einfach ist das nicht – das ahnt auch der eigenwillige Kommissar Joona Linna, der von der Stockholmer Landespolizei als Beobachter in die schwedische Provinz nach Sundsvall geschickt worden ist.

„Flammenkinder“ ist der dritte Fall des Ermittlers Joona Linna und gleichzeitig der dritte Kriminalroman des schwedischen Autorenpaars Alexandra und Alexander Ahndoril alias Lars Kepler. Die beiden verstehen ihr Handwerk und mischen die richtigen Essenzen zu einem typisch skandinavischen Krimi zusammen. Da wäre zum einen der Kommissar mit finnischen Wurzeln, ein starker Charakter, der an Kontur gewinnt. Nicht auf den ersten Blick sympathisch, aber derart unkonventionell und achtbar, dass der Leser bald mit ihm bangt und hofft. In manchen Gebaren erinnert er an Polonius Fischer, den von Friedrich Ani erdachten Ermittler bei der Münchener Mordkommission.

Zum anderen spielt die den skandinavischen Krimis eigene Brutalität eine erhebliche Rolle. Allzu zarte Gemüter sollten hier nicht zugreifen. Und letztlich sind es neben der zunächst undurchsichtigen Geschichte die sehr kurzen, meist kaum mehr als drei oder vier Seiten umfassenden Kapitel, die dem Buch die Rasanz geben, ohne dem Leser das Gefühl zu vermitteln, nichts zu sagen zu haben.

Gute Unterhaltung ohne Anspruch, mehr sein zu wollen

„Flammenkinder“ ist – ähnlich wie das Debüt „Der Hypnotiseur“ und der Nachfolger „Paganinis Fluch“ – keine literarische Sensation, sondern eher gute Unterhaltung ohne Anspruch, mehr sein zu wollen. Darin wiederum unterscheiden sich die Kriminalromane von Friedrich Ani und Lars Kepler.

Im Gegensatz zum „Hypnotiseur“ ist der dritte Band schwächer geraten. Vor allem psychologisch darf man ihn nicht zu sehr hinterfragen. Gleichwohl ist er packend erzählt und fasst Themen wie Jugendkriminalität und das Schicksal von Heimkindern auf. Allen Protagonisten ist eines gemein: Sie haben prägende Erfahrungen gemacht, schon bevor Miranda und Elisabeth zu Mordfällen wurden.

Was die Einbandgestaltung anbelangt, ist dem Verlag Bastei Lübbe ein Lob auszusprechen, scheint er doch die bisherige Farbgebung der Vorgänger als Wiedererkennungseffekt beizubehalten. Erwähnenswert ist mittlerweile leider auch, dass Bastei Lübbe die Bücher noch mit Lesebändchen versieht – daran könnten sich manch andere Verlage ein Beispiel nehmen.

Insgesamt kein Kriminalroman, der in diesem Jahr gelesen werden muss, aber zumindest einer von jenen, die gut unterhalten und nicht nur das Geld wert sind, das man für sie bezahlt, sondern auch den Platz im Bücherregal, den man für sie freiräumt, weil man glaubt, irgendwann wird man es wieder zur Hand nehmen. Oder Freunden für den Urlaub als Schmöker anempfehlen.

Lars Kepler: Flammenkinder, Bastei Lübbe Verlag, Köln, 2012, 621 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 19,99 Euro, ISBN 978-3785724637