Wie nur diese ganze Leere füllen?

In den USA ist Melissa Broder schon lange keine Unbekannte mehr. Auf ihrem Twitter-Account @sosadtoday schreibt sie seit Jahren über Sex, Einsamkeit und Selbstzweifel. Mehr als 677.000 Menschen folgen der Poetin dort. Jetzt ist ihr erster Roman auf Deutsch erschienen – und der ist ihr hervorragend gelungen.

Das Buch mit dem lapidaren Titel „Fische“ handelt von der 38-jährigen Lucy, einer frustrierter Singlefrau, die seit neun Jahren an ihrer Doktorarbeit über die antike griechische Dichterin Sappho schreibt, und das Projekt ebensowenig zu Ende bringt, wie sie ihrem Leben einen rechten Sinn geben mag. Als sie ihrem Ex-Freund Jamie die Nase bricht, weil der ihre Beziehungspause als Beziehungsende verstanden und sich die nächste Frau geangelt hat, geht ihr Leben noch ein wenig mehr den Bach runter.

Eines Abends erwacht sie mit Heißhunger, nachdem sie zu viele Schlaftabletten geschluckt hat. Als sie das zweite Mal wach wird, sitzt sie im Nachthemd im Auto, überall liegen Donuts verstreut, und ein Polizist beugt sich über den Beifahrersitz. Sie kann einer Anzeige nur entgehen, indem sie eine Therapie macht.

Lucy hat nur zwei Aufträge zu erfüllen

Und so landet sie schließlich weit entfernt von ihrer Heimat am Venice Beach und hütet das gläserne Strandhaus ihrer Halbschwester Annika, die für den Sommer auf Reisen ist. Lucy hat nur zwei Aufträge zu erfüllen: regelmäßig die Gruppentherapiesitzungen zu besuchen und Annikas diabeteskranken Jagdhund Dominic zu versorgen.

Dass die Geschichte gründlich nach hinten losgeht, muss man wahrscheinlich nicht erwähnen. Aber bei aller Komik, die dieses Buch so famos einzufangen weiß, erstarrt dem Leser das Lächeln dann und wann im Gesicht. Denn Melissa Broder schreibt in der Langform genauso weiter, wie sie bei Twitter Bonmots am laufenden Meter in die Welt entlässt. Ihre Wörter und Sätze umschreiben die Leere, die ein Leben manchmal hat.

Menschen neigen dazu, ihre Einsamkeit, Verzweiflung, ihren brutalen Neid auf das Glück anderer und die innige Sucht nach Nähe zu überspielen. Melissa Broder schreibt darüber, und zwar so messerscharf, dass es wehtut. Dass man manchmal wegschauen mag, weil man sich fragen muss: Wie ist das eigentlich bei mir?

Männerhirn im sexuellen Eifer des Gefechts

Die anderen, zum Teil exzentrischen, aber auch sehr amüsanten Frauen in ihrer Gruppentherapie betrachtet Lucy lange Zeit mit Spott, erkennt jedoch bald: So viel anders ergeht es ihr selbst nicht. Sie alle gelangen immer wieder an die falschen Männer, wollen sich davon befreien, um gleich darauf den nächsten derselben Art und Güte an Land zu ziehen.

Mit bitterer Satire beschreibt Broder auch Lucys Versuche, ihre sexuelle Lust zu befriedigen. Dabei ist vor allem die Hotelbegegnung mit einem Tinder-Date lesenswert, weil sie das stumpfe Hirn des Mannes im sexuellen Eifer des Gefechts so hervorragend entlarvt. Gleichzeitig wird deutlich, wie selbstzerstörerisch und obsessiv (nicht nur Liebes-)Beziehungen sein können. Weil sie mit der Sucht einhergehen, sich nicht einsam fühlen zu müssen und deshalb zwanghaft nach der Liebe streben.

Melissa Broder nimmt auch bei der Schilderung von Sex kein Blatt vor den Mund und erst recht kein Feigenblatt vor die Intimzone. Körperteile und Körperfunktionen werden in expressis verbis und fast akribisch detailliert beschrieben – wer damit ein Problem hat, sollte Broders „Fische“ besser meiden, denn nach der mittelmäßigen Beziehung mit Jamie probiert sich Lucy nun in einer Art Sexsucht aus.

Jetzt spinnt die Broder total

An diesem Buch reibt man sich auf. Man liest lachend und mit Kopfschütteln, mit Wut und Mitgefühl. Und dann kommt die Passage, wo das Buch völlig abdreht – und hier ist es wichtig, dass man es dann nicht zur Seite legt und sagt: Jetzt spinnt die Broder total. Denn Lucy begegnet ihrem Traummann Theo. Und der ist ein Fischmann. Kein Fischer, sondern ein ausgewachsener Fischmann. Mit Schwanzflosse. Ein junger Mann, der zu lieben versteht. Und der den Tinder-Sex als solchen in den Schatten stellt, weil er Sex wieder als Liebesspiel zwischen Mann und Frau erlebbar macht.

Die Idee zu dieser ungewöhnlichen Begegnung entnahm Broder der Erzählung „La Sirena“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, die sie gerade las, als das Buch entstand. „Es geht darum, dass ein Mann die Geschichte seiner Liebesaffäre mit einer Meerjungfrau erzählt, und ich wusste nicht, wie dunkel es war“, sagte Broder der New York Times. Und weiter: „So viele Männer sind von Schiffen mit Steinen in den Taschen weggegangen. Aber warum ist es immer ein Mann und eine Meerjungfrau? Was, wenn es eine Frau wäre, und was, wenn es in Venice Beach spielt, wo ich lebe?“, fragte sich Broder.

Oscar für den besten Film

Neun Monate später war der Roman fertig. Und wenn man ehrlich ist: So richtig abgedreht ist die Idee nicht, denn auch Star-Regisseur Guillero del Toro inszenierte in „Shape of Water“ gerade erst eine zarte Liebesgeschichte zwischen einer Frau und einem Fischmann – und erhielt dafür unter anderem den Oscar für den besten Film.

Der satirische Debütroman der US-amerikanischen Social-Media-Ikone ist nicht nur ein bisschen märchenhaft, sondern in weiten Teilen mitreißend, berührend und zeitweise auch philosophisch und meditativ. Melissa Broder hat in den USA bereits mehrere Gedichtbände veröffentlicht. 2016 inspirierten sie ihre Tweets zu einer Sammlung von Essays über das Altern, den Tod und den Sex. Sie nannte das Buch wie ihren Twitter-Account: „So sad today“. Twitter ist mittlerweile nicht mehr auf 140 Zeichen beschränkt. Aber Broders Worte eignen sich für mehr. Ein Roman zumindest ist die richtige Weite für sie. Das hat sie mit „Fische“ bewiesen.

Melissa Broder: Fische, Ullstein Verlag, 2018, 352 Seiten, gebunden, 21 Euro, ISBN 978-3550050299, Leseprobe

Die Frau mit dem goldenen Tweet

Black BoxDie US-Amerikanerin Jennifer Egan ist eine Autorin mit ungewöhnlichen Ideen. Ihr Erfindungsreichtum und ihre oft raffinierte Erzähltechnik begeisterten zuletzt in ihrem Roman „Der größere Teil der Welt“, der mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet worden ist. Jetzt hat sie einen neuen Coup gelandet: „Black Box“, ein Twitter-Roman, bei dem jeder Absatz nicht länger ist als 140 Zeichen. Unbedingt lesen!

„Ich habe mich gefragt, wie man einen literarischen Text schreiben könnte, der sich für die Verbreitung über Twitter eignen würde. Das ist natürlich keine ganz neue Idee, aber sie lässt sich vielfältig ausschöpfen – denn es hat etwas sehr Intimes, Menschen über ihre Handys zu erreichen, und mit 140 Zeichen kann erstaunliche Poesie entstehen“, schreibt die Autorin selbst über ihr neustes Werk.

„Erstaunliche Poesie“ ist noch untertrieben, denn „Black Box“ lässt sich auch als Sammlung von Aphorismen lesen: „Sonne auf nackter Haut kann ebenso sättigen wie eine Mahlzeit.“ Oder: „Ein hellstrahlender Mond kann einen in Erstaunen versetzen, egal wie oft man ihn schon gesehen hat.“ Oder: „Der Schrank einer Schönheit ist unverwechselbar. Er ähnelt einem Köcher voller bunter Pfeile.“ Noch dazu ist das kleine Büchlein vom Verlag Schöffling & Co. mit Liebe gestaltet: Der Umschlag schwarz glänzend mit weißen Lettern, der Buchschnitt schwarz, eine „Black Box“, die geborgen werden will.

Eine Datenschnittstelle im Fuß

Darin finden wir die Aufzeichnungen einer Agentin aus der Zukunft: Die 33-jährige Lulu stellt ihren Körper einem nicht näher benannten Geheimdienst als Aufzeichnungsmedium, als „Black box“ zur Verfügung. Ihr Körper, der kaum noch ihr eigener ist, dient zugleich als Eintrittskarte in die Welt der Reichen und Mächtigen.

Ihr neuster Auftrag führt sie ans Mittelmeer, wo sie auf die Beschattung eines Verbrechers angesetzt, der gefährlicher nicht sein könnte. Ihr Körper jedoch ist für den Auftrag bestens gerüstet: Im linken Auge ist eine Kamera mit Blitzlicht implantiert, im Ohr hat sie ein hochsensibles Aufnahmegerät und im Fuß eine Datenschnittstelle. Darüber hinaus beherrscht Lulu den Umgang mit den erotisierenden Waffen einer Frau.

Ihre Tweets sind eine Mixtur aus innerem Gedankenstrom und kurzen Nachrichten an ihre Auftraggeber. Dass dieser Kurznachrichtenroman auf knapp 90 Seiten aber auch eine ungeheuerliche Spannung erzeugt, liegt nicht nur an dem rasanten Stakkato der Tweets, sondern vor allem an der sprachlichen Raffinesse, gepaart mit einem grandiosen Feinsinn für Humor. Lulu könnte die Protagonistin für den nächsten Tarantino-Film sein, eine Superheldin, fernab von der Austauschbarkeit eines Bond-Girls.

Erst getwittert, dann als Buch veröffentlicht

Noch bevor „Black Box“ in Amerika als Buch veröffentlicht wurde, brachte das US-Magazin „New Yorker“ den Roman bei Twitter unter die Leser, Tweet für Tweet, Absatz für Absatz. Als der Roman am 7. August 2013 in Deutschland auf den Markt kam, taten es die Online-Redakteure des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ ihren amerikanischen Kollegen gleich und versendeten „Black Box“ an zehn aufeinanderfolgenden Abenden über den Rezensions-Kanal. Die Reaktionen waren gemischt: manche begeistert, andere verwirrt, verhalten lobend oder auch Unverständnis äußernd.

Fürwahr, dieser Twitter-Roman ist ein Experiment, über das sich trefflich streiten lässt. Aber wagen Sie es und lassen Sie sich darauf ein!

Jennifer Egan: Black Box, Schöffling & Co., 2013, 89 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 9,95 Euro, ISBN 978-3895612510