Solange wir uns erinnern

Welches Erbe tritt man an, wenn der Vater stirbt? Wie gehen wir Söhne und Töchter mit dem Tod um, und wie halten wir das Andenken und die Erinnerungen an die Eltern und die Kindheit wach? Der spanische Illustrator Paco Roca hat mit „La casa“ versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden – und zugleich sein persönlichstes Werk vorgelegt: ein zutiefst berührendes Buch über sich und den Tod seines eigenen Vaters.

Ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters Antonio kommen die drei Geschwister Vicente, José und Carla im ehemaligen Ferienhaus der Familie zusammen, um das verwitternde Gebäude zu renovieren und es danach zu einem guten Preis verkaufen zu können. Vicente ist dabei einer der hilfreichsten Gesellen, denn der Mechaniker weiß mit Werkzeug umzugehen und beginnt gleich mit den ersten Instandsetzungen.

Ganz anders als José: der verdient sein schmales Geld als Schriftsteller, hat eher zwei linke Hände und steht sich oft selbst im Weg. Als er mit dem Schlauch den trockenen Garten bewässern soll, macht der Tollpatsch sich erst mal selber nass. Niemand käme wohl auf die Idee, diesen Mann einen Liegestuhl aufbauen zu lassen, geschweige denn, ihn mit Handwerksarbeit zu betrauen. Und dann ist da noch Carla, das Nesthäkchen, das den Papierkram rund ums Haus übernommen hat, aber auch sonst keine Arbeit liegen lässt.

Vorwurf als scheinbar unüberwindbare Mauer

Zwei Geschwister, die anpacken können, und ein Heiopei-Bruder, dem man eher unterstellt, dass er schon eine Ausrede finden wird, warum er dieses oder jenes nicht tun kann – schon diese Konstellation sorgt für Streitereien. Vicente aber macht zusätzlich noch das Fass auf, dass er im Krankenhaus ganz allein die Entscheidung treffen musste, ob Papa Antonio reanimiert werden soll oder nicht. Er ließ den Vater gehen. Und zweifelt nun furchtbar, ob er die richtige Wahl getroffen hat. Zudem steht der gegenseitige Vorwurf, man habe sich nicht ausreichend um den kranken Antonio gekümmert, als scheinbar unüberwindbare Mauer zwischen den Geschwistern.

Und dann sind da noch die Erinnerungen. Jeder Leser kennt sie, diese Erinnerungen, die einen plötzlich überfallen: an gemeinsam Erlebtes, an Schrullen und Marotten der Eltern, an Liebgewonnenes und Eigentümliches, an Vertrautes und Fremdgewordenes. Carla erzählt: „Neulich war mir, als hätte ich ihn auf der Straße gesehen. Ich wollte ihn rufen, aber dann fiel mir ein, dass er nicht mehr da ist. Das hat mich traurig gemacht.“

Vicente und Carla stehen am Pool, der – fast metaphorisch – wasserlos vor sich hinrottet, während die Erinnerungen sie überschwemmen. Wie sie als Kinder fast einen Aufstand angezettelt und gedroht haben, erst dann beim weiteren Ausbau des Hauses mitzuhelfen, wenn sie einen Pool bekämen. „Den ganzen Sommer haben wir gegraben.“ – „Aber fertig war er erst im November, als es zu kalt zum Baden war.“ Vor dem geistigen Auge flimmern der stets schuftende Vater, mal im Garten, mal in der Garage, und die Mutter, die in der Tür steht und ruft, dass das Essen kalt wird.

Zeichnerisch grandios gelungen

Zeichnerisch sind die Überänge zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die Zeitsprünge und Erinnerungsblitze grandios gelungen. „La casa“ ist kein Comic der grellen Farben, sondern ein behutsam koloriertes Werk, das sich in vielen herbstlichen Ockertönen ergeht, ohne dadurch eintönig zu wirken. So gelingt es Paco Roca ganz wunderbar, (Ver-)Stimmungen einzufangen, auch durch den Einsatz von filmischen Gestaltungsmitteln wie Zoom oder Nahaufnahmen.

Nehmen Sie sich Zeit für diese Graphic Novel. „La casa“ benötigt Muße und Geduld, um wie ein leichter Herbstwind durch die Geschichte zu ziehen und zaghaft ein paar Erinnerungen aufzuwirbeln. Am Leser geht dieses Buch nicht spurlos vorbei; und im Erinnern an die eigene Familie wird gewiss, dass das Altern und das Abschiednehmen lange Prozesse sind, vor denen wir nicht flüchten sollten. Und dass eine Familiengeschichte nicht stirbt, wenn ein Mensch von uns geht. Solange wir uns erinnern.

Paco Roca: la casa, Reprodukt Verlag, Berlin, 2016, 128 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3956401046, Leseprobe

Seitengang dankt dem Reprodukt-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Ein Labyrinth der Möglichkeiten

Das LabyrinthDer schwedische Online-Journalist und Blogger Sigge Eklund hat einen Roman geschrieben, der vom deutschen Verlag Dumont als Antwort auf Gillian Flynns „Gone Girl“ beworben wird. „Das Labyrinth“ hat diesen Vergleich jedoch gar nicht nötig, denn das Leseerlebnis ist noch eindringlicher und verstörender als bei dem amerikanischen Bestseller. Dieser Roman ist wie ein Wein mit einem langen Abgang. Und den letzten Tropfen vergisst man nicht.

Das Ehepaar Åsa und Martin Horn ist verzweifelt: Ihre elfjährige Tochter Magda verschwindet genau zu der Zeit, als die beiden im Restaurant um die Ecke zu Abend essen. Zwar haben die beiden immer mal wieder nach ihrer Tochter gesehen, die Haustür jedoch völlig arglos nie abgeschlossen. So ist es die erste Vermutung, ein Mann könnte sich ins Haus geschlichen und Magda mitgenommen haben, denn als Åsa und Martin gegen zehn Uhr zurückkehren, ist Magda nicht mehr da.

Es beginnt eine große Suchaktion, zunächst mit den Nachbarn, dann mit der Polizei, mit Suchtrupps und Tauchern. Bei einer Pressekonferenz wenden sich Åsa und Martin direkt an einen möglichen Entführer. Doch die Botschaft wird ihnen wenig später selbst zum Verhängnis, denn nun konzentriert sich die Ermittlungsarbeit der Polizei auf sie beide: Sie stehen im Verdacht, ihre Tochter ermordet zu haben.

Aus vier verschiedenen Perspektiven erzählt

Und genau hier setzt die Handlung des Romans ein. Erzählt wird die Geschichte aus vier verschiedenen Perspektiven: Zum einen natürlich aus der Sicht von Åsa und Martin, zum anderen aber auch durch Tom, einem sehr loyalen Mitarbeiter von Martin, sowie dessen Ex-Freundin Katja. Alle vier sind in irgendeiner Weise miteinander verbunden, und sei es auch nur über Magda.

Als Leser sitzt man schnell zwischen den Stühlen, denn alle machen den anderen und auch dem Leser etwas vor, teilweise aber auch sich selbst. Bei Gerichtsprozessen heißt es nicht umsonst, dass der Zeuge das unsicherste Beweismittel ist. Vor allem dann, wenn er ein eigenes Interesse an einem bestimmten Ausgang des Verfahrens hat. Åsa und Martin reiben sich gegenseitig auf, durch gegenseitige Schuldzuweisungen, aber auch durch ihre eigenen Schuldgefühle. Ihre Ehe besteht nur noch auf dem Papier. Martin stürzt sich in seine Arbeit als Verlagslektor, Åsa streift auch nach Monaten noch nachts durch die Gegend und hofft, nachempfinden zu können, wie Magdas Entführer sie ausgewählt, beobachtet und schließlich mitgenommen hat.

Tom ist nicht einfach nur loyal, sondern geradezu unterwürfig und latent homoerotisch fasziniert von seinem Chef. Er ist besessen von dem Gedanken, Martin entlasten und dessen Unschuld beweisen zu können und ermittelt auf eigene Faust. Und Katja ist die neue Krankenschwester an Magdas Schule und hat erst kurz vor ihrem Verschwinden seltsame Male am Körper des Mädchens entdeckt. Was Åsa und Tom nicht wissen: Martin und Katja kennen sich. Und das ist nicht das letzte Geheimnis, das Martin mit sich herumträgt.

Symbol für das Gewirr aus Gedanken

Das titelgebende Labyrinth ist Symbol für die falschen Wege, die man einschlägt, für das Gewirr aus Gedanken, aus dem man schlecht den Ausgang findet, wenn sich das Ganze nicht aus einer höheren Warte betrachten lässt. Erst zum Schluss gelingt es zumindest dem Leser, sich zu erheben und das ganze fürchterliche Debakel von oben zu betrachten.

Auch wenn „Das Labyrinth“ auf den Krimi-Tischen der Buchhandlungen liegt, so ist es dennoch kein klassischer Krimi, sondern ein wirklich gut geschriebenes und vielschichtiges Beziehungsdrama mit hervorragend ausgefeilten Charakteren. Am Ende bleibt wie so oft die Gewissheit, dass ein wenig Offenheit und Miteinanderreden Vieles verhindert hätte.

Sigge Eklund: Das Labyrinth, Dumont Buchverlag, Köln, 2015, 383 Seiten, broschiert, 14,99 Euro, ISBN 978-3832197582

12 Frauen

AnnaliederWelche Entdeckung ist diese Autorin! Ein gutes Dreivierteljahr, nachdem Nadine Kegele bei der Lesefestwoche Wien aus ihrem Debütwerk „Annalieder“ vorgelesen hat, stellt sich das Gefühl der Hochachtung schnell wieder ein. Der Erstling, endlich vollständig vom Rezensenten gelesen, ist so tief beeindruckend wie schwierige Kost, aber nicht für jedermann geeignet.

„Annalieder“, das sind zwölf Erzählungen über zwölf Frauen, von denen Anna nur eine ist. Diese Geschichten sind allesamt keine Lieder, die man vergnügt trällern würde, obgleich sie Momente der Komik haben. Es sind vielmehr Melodien, die zu nachdenklichen Chansons taugen, viel Moll, einige Misstöne, scheinbar Unpassendes dazwischen, wie ein Klavierspieler, der zu viele Tasten auf einmal trifft.

Die Frauen in Kegeles Geschichten stecken mitten drin. Im Leben, im Schlamassel, im Auf- oder Ausbruch. Die eine schneidet sich versehentlich die Brustwarze auf, als sie mit dem Rasierer in der Hand nach dem Duschgel greift. Die andere kämpft mit den erzkonservativen Vorstellungen ihres Mannes, der eine Schlagbohrmaschine nicht in der Hand einer Frau sehen möchte und meint, Schwangere dürfen nicht verreisen.

Vaterfiguren zum Partner

Eine sucht sich Vaterfiguren zum Partner („Warum keinen Vater suchen, wenn man einen Vater vermisst, hatte sie geantwortet und mit dem Arm über ihren Mund gewischt.“), eine andere ist Prostituierte und mag nicht mehr.

Kegeles Frauen sind verwundet, ob nun tatsächlich blutend wie eine aufgeschnittene Brustwarze oder seelisch. Es geht um den alltäglichen Kampf der Geschlechter, das ewige „Mann und Frau“, das noch immer nicht gleichberechtigt ist. Es geht aber auch um Scham und existenzielle Fragen.

Schwangerschaft ist ebenso ein großes Thema bei Kegele. „Mir tut es immer leid, wenn sichtlich schwangere Frauen im Publikum sitzen und ich diese Geschichten vortrage“, sagte sie bei ihrer Lesung in Wien. Aber eine Mutterschaft sei etwas Schwieriges, wo Frauen viel abverlangt werde.

Man muss sich mit den Erzählungen beschäftigen

Auch dem Leser wird einiges abverlangt, vor allem Konzentration. Manch einer mag sagen, dieses Büchlein zu lesen, sei Arbeit. Ja, das ist es vielleicht, aber mehr im Sinne von Beschäftigung. Man muss sich mit diesen Erzählungen beschäftigen, denn so lapidar Kegele auf den ersten Blick schreibt – wer die Wörter nur überfliegt, könnte die Landebahn für den Sinn verpassen.

Kegele schreibt nicht nur, sie richtet an. Da finden Sätze plötzlich kein Ende, sodass man meint, man habe Unfertiges vor sich. Die Sprache ist so beschädigt wie die Heldinnen der Erzählungen. Das muss man nicht mögen, aber man kann es. Es sind Kunst-Erzählungen. Nicht über Kunst, sondern mit Kunst. Gekonnt.

Das haben auch andere schon erkannt: Die junge Vorarlberger Autorin, die mit 18 nach Wien kam und dort nach dem Zweiten Bildungsweg Germanistik, Theaterwissenschaften und Gender Studies studierte, ist bereits mehrfach ausgezeichnet worden. Unter anderem ist sie die Publikumspreisträgerin des Bachmann-Preis-Wettbewerbs 2013.

Kegele schreibt wie Kegele

Neue Autoren werden gerne mit großen Namen verglichen. „Schreibt wie Proust.“ „Denkt wie Aristoteles.“ „Erinnert an Hemingway.“ Hier mal was Neues: Kegele schreibt wie Kegele. Sie braucht keine großen Namen und Vergleiche.

Wer sich ihr und ihrem Werk erst mal vorsichtig und mit Bedacht nähern möchte, dem sei ihre Homepage empfohlen. Auch bei Twitter kann man ihr folgen. Außerdem hat sie für die Literaturseite zehnSeiten.de aus „Annalieder“ vorgelesen. Das Video ist noch bei YouTube abrufbar.

Am 25. August erscheint im Wiener Czernin Verlag der erste Roman von Nadine Kegele („Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause“). Für eine Passage aus diesem Buch hatte Kegele im vergangenen Jahr den Publikumspreis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs gewonnen.

Der Textauszug war innerhalb der Jury höchst umstritten, wie auf der Internetseite des Bachmann-Preises nachzulesen und zu sehen ist. Dem Publikum aber scheint er gefallen zu haben. Ob Kegele auch einen ganzen Roman so kunstfertig schreiben kann, und ob dem Leser auch das zusagt, bleibt indes abzuwarten.

Nadine Kegele: Annalieder, Czernin Verlag, Wien, 2013, 112 Seiten, gebunden, 17,90 Euro, ISBN 978-3707604467, Leseprobe

Peter Stamm liest in Wien aus „Nacht ist der Tag“

Foto: LCM Richard Schuster
Foto: LCM Richard Schuster
Am Dienstagabend las der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm bei der Wiener Lesefestwoche aus seinem neuen Roman „Nacht ist der Tag“. Vor rund 50 Zuhörern gab er im Literaturhaus einen intensiven Einblick in das im Juli erschienene Buch und stellte sich den klugen Fragen des Moderators Stefan Gmünder.

Der neue Roman erzählt von den tragischen Erlebnissen der erfolgreichen Fernsehmoderatorin Gillian. Nach einem Streit mit ihrem Mann Matthias hat das Paar in der Nacht einen schweren Autounfall. Ihr Mann wird tödlich verletzt. Sie selbst überlebt, ihr zuvor schönes Gesicht ist aber fürchterlich entstellt.

Die Ärzte machen ihr zwar Hoffnung, dass sie in rund sechs Monaten wieder annähernd so aussähe wie zuvor, doch bis dahin ist der Blick in den Spiegel unerträglich. Es ist der Kampf einer Frau, die dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen ist, aber mit den Folgen leben muss. Leben können und leben müssen.

Eindringlich und mit vorsichtigen Worten

„Bin ich der, den ich spiele, oder bin ich der, der ich bin, wenn ich meine Kleider ausziehe?“, fasst Stamm nach der Lesung zusammen. „Und was macht das mit mir, wenn mein Körper sich grundlegend ändert?“ Es ist ein schwieriges Thema, das sich der Schweizer ausgesucht hat. Aber schon bei der Lesung wird deutlich, wie eindringlich und mit vorsichtigen Worten er sich der Thematik nähert.

Er ist ohnehin bekannt für seinen präzisen Schreibstil, seine Nüchternheit und seine Erzählungen über Menschen in Lebenskrisen. Die Personen seiner Romane kämpfen mit den großen Problemen. Oder wie Gmünder es am Abend treffender ausdrückte: „Es geht nicht um Breite, sondern um Tiefe.“

Stefan Gmünder, Leiter der Literaturredaktion der Wiener Tageszeitung Der Standard, sagte bei der Einführung über den Autor, Stamm spreche vom literarischen Schreiben als Arbeit. „Ich ‚muss‘ nicht schreiben, aber ich liebe das Schreiben mehr als jede andere Beschäftigung“, heißt es auf Stamms Homepage. In Wien schließlich gestand er: „Ich wüsste nicht, was ich sonst tun sollte.“ Und mit einem Schmunzeln: „Ich kann auch nichts anderes.“

„Ich hatte ein strukturelles Problem“

Den Stoff für den Roman hatte Stamm vor Jahren schon einmal in abgewandelter Form aufgegeben. „Ich hatte nur den Anfang, die Geschichte einer Heilung, aber ich hatte ein strukturelles Problem damit“, erklärte er. Er habe aber unbedingt daran arbeiten wollen. Erst nach der Umstellung der Struktur sei der Roman und die Arbeit daran wieder möglich geworden.

Die Namen in „Nacht ist der Tag“ aber seien schon von Anfang an da gewesen. „Ich kann keine Figur beschreiben, die keinen Namen hat“, sagte Stamm. Gmünder aber verwies zurecht darauf, dass der Name Gillian etwas heraussteche. Ob es dazu eine Hintergrundgeschichte gebe. „Nein, Namen wandern einem ja zu. Aber ich kann nicht erklären, woher der Name Gillian stammt.“

Stattdessen aber konnte Stamm erklären, warum er so gerne auf Lesereise geht: „Beim Schreiben ist man ganz allein, beim Lesen sieht man wenigstens auch mal die Leute, die das Zeug kaufen.“ Das Publikum nahm die Chance zum Lachen gerne an. Es wirkte wie eine Erlösung nach dem schweren Stoff.

Die Leute, die sein neustes „Zeug“ noch nicht gekauft hatten, konnten das noch am Abend nachholen und von Peter Stamm signieren lassen. Auf Seitengang wird beizeiten die Rezension zu „Nacht ist der Tag“ zu lesen sein.

Peter Stamm: Nacht ist der Tag, Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2013, 256 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, ISBN 978-3100751348, Leseprobe

Im Riesenrad der Siebziger

JoylandWer bei dem neuen Roman von Stephen King eine mystische Horrorgeschichte erwartet, wird enttäuscht sein. „Joyland“ ist kein Horror, sondern ein lesenswertes Märchen, ein zu Herzen gehendes Drama und eine bewegende Coming-of-Age-Story.

Erzählt wird die Geschichte des 21-jährigen Collegestudenten Devin Jones, der in den Semesterferien des Sommers 1973 im Vergnügungspark Joyland an der Küste von North Carolina anheuert. Dort haben die Fahrgeschäfte schon bessere Zeiten gesehen: Joyland ist ein maroder Massenvergnügungshort mit antikem Charme. Fortan ist Devin mal Karussellbremser, mal Zuckerwatteverkäufer oder Schießbudenbestücker und zeigt herausragendes Talent, als er zur Kinderbelustigung in das Fell des Park-Maskottchens „Howie the Happy Hound“ schlüpfen muss.

Als seine wenig sympathische Freundin Wendy mit ihm Schluss macht, ist er am Boden zerstört, denkt an Selbstmord und hört Pink Floyds „Dark Side of the Moon“ rauf und runter. Um einen klaren Kopf zu bekommen, verlängert er sein Engagement im Joyland. Auf seinen täglichen Wegen am Strand entlang, wo die Reichen mit ihren Villen protzen, lernt er einen Jungen im Rollstuhl, dessen Mutter und die Glückseligkeit kennen, die jemand versprühen kann, obwohl er zu jung sterben wird.

Eigenwillige Typen aus dem Schaustellermilieu

Tod und Vergänglichkeit, Loslassen und Gehenkönnen sind Themen, die in „Joyland“ stark zur Sprache kommen. Dass es in der Geisterbahn spuken soll, weil einst eine junge Frau ihrem Mörder nicht entgehen konnte, tritt dagegen fast gänzlich in den Hintergrund. Beherrschender sind die eigenwilligen Typen aus dem Schaustellermilieu, die King eindringlich und vorurteilsfrei beschreibt.

In King’schen Dimensionen gedacht, ist „Joyland“ mit rund 350 Seiten eher eine Kurzgeschichte und sein voriges Werk „Der Anschlag“ ein Roman. Aber King hat schon mit „Das Mädchen“ gezeigt, dass ihm auch kurze Abrisse gelingen. Und King kann sich erstaunlich zurückziehen, zurückhalten vor allem, fein beobachten. Seine Beschreibungen erzeugen Sehnsucht und Reiselust. Wie ein Bild von Edward Hopper.

Der Roman ist eine Eintrittskarte in eine schwüle Spätsommerphantasie, die glitzert, blinkt und Lärm macht wie ein Vergnügungspark. Selbst wenn es still wird und die Lichter ausgehen, dann ist die Erinnerung an die letzte Fahrt mit dem Riesenrad, das flaue Gefühl im Magen, der weite Blick über die Miniaturen am Erdboden eine nostalgische Flucht, die man wagen sollte. „Joyland“ lohnt sich. Es ist das weise Werk eines alten Meisters.

Die deutsche Übersetzung allerdings ist zeitweise befremdlich. Beharrlich wird im Zusammenhang mit „wegen“ der Dativ statt des Genitivs verwendet. Ebenso zieht sich das eher in Süddeutschland umgangssprachlich bekannte „es hat“ für „es gibt“ durch den Roman. Nachvollziehbare Gründe fehlen. Das ist ausgesprochen schade für ein so empfehlenswertes Buch, aber möglicherweise dem Verlagsort München geschuldet. Leser sollte es dennoch nicht davon abhalten, ihr Ticket für „Joyland“ zu lösen.

Stephen King: Joyland, Heyne Verlag, München, 2013, 352 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, ISBN 978-3453268722

Hinweis: Diese Rezension ist auch in gekürzter Fassung erschienen in der Neuen Westfälischen Zeitung von Samstag/Sonntag, 10./11. August 2013, Nr. 184, 203. Jahrgang, hier: Magazin, S. 5