Achtung, Raketenkartoffel!

Sie fragen sich, was eine Raketenkartoffel ist? Nun, bevor Stinktier einzog, hatte auch Dachs noch nie von einer Raketenkartoffel gehört. Aber eines Tages klopfte eben dieses Stinktier an Dachs‘ Tür und begehrte Einlass. Es ist der Beginn einer der schönsten, im besten Sinne altmodisch anmutenden Fabeln, die zuletzt veröffentlicht wurden. Und mit das Schönste ist: Sowohl Kinder als auch Erwachsene können sich so wunderbar kringelig lachen dabei – perfekt also zum Vor- und Mitlesen in der Familie.

Es gibt Menschen, die kaufen Bücher schon allein aufgrund ihres Covers, so wie Menschen Wein kaufen, weil ihnen die Flasche gefällt. All diejenigen, die sagen, ein tolles Buchcover könne niemals auf ein tolles Buch schließen lassen, sollten zumindest dieses eine Mal anders denken, denn schon die Umschlagillustration des vielfach ausgezeichneten kanadisch-amerikanischen Zeichners Jon Klassen (u.a. Deutscher Jugendliteraturpreis für sein Buch „Wo ist mein Hut“) ist einfach zauberhaft und verleiht dem Kinderbuch den zarten Anstrich eines Klassikers, den es noch werden könnte. Zugleich fängt sie die Eröffnungsszene des Buches so wunderbar ein, als schaue man dem Dachs über die Schulter, als der die Tür öffnet.

„Und dann noch dieses Grinsen“

Vor der Tür steht ein Stinktier, rechts daneben ein roter Koffer, der fast ein bisschen zu groß geraten scheint. Stinktier zeigt fröhlich-erfreut seine Zähne und hält zur Begrüßung die Pfote hin, doch Dachs ist argwöhnisch. Er vermutet: schmieriger Vertreter, der nur unnützen Kram an der Haustür verkaufen will: „(…) Der da hatte einfach zu viel Gel im Streifen, und der Schwanz war viel zu aufgeplustert. Und dann noch dieses Grinsen und die Art, wie er seine Pfote ausstreckte, als wenn er sich schon die ganze Zeit gefreut hätte, Dachs zu treffen.“

Doch Stinktier bleibt beharrlich, denn die immer ohne Punkt und Komma redende Tante Lula, der Dachs seine üppige Behausung zu verdanken hat, hat auch Stinktier ein Zimmer angeboten. Dachte wohl, das könne eine wunderbare Wohngemeinschaft werden. Und so muss Dachs den ungebetenen Gast hereinbitten und ihm ein Zimmer abtreten. Fortan bringt Stinktier den Haushalt des mürrischen Dachses ganz schön durcheinander. Denn Dachs ist ein sehr strukturierter Dachs. Er widmet seine ganze Aufmerksamkeit seiner wichtigen Steinforschung, ist ganz und gar Wissenschaftler mit Vergrößerungsglas und Steinpolierer.

Und Stinktier? Nun, das spontane, lebhafte und stets fröhliche Stinktier ist ein hervorragender Koch. Meistens (Achtung, Raketenkartoffel!). Hinterlässt aber die Küche wie ein Schlachtfeld. Und er spricht mit Hühnern und lädt sie zu gern zu Märchenstunden in seine Behausung ein. Dachs‘ Behausung. Und plötzlich sitzen auf jedem Quadratzentimeter des Steinezimmers Hühner. Überall. Huhn an Huhn. Gescheckte und Gefleckte. „Bock?“ Bock.

Sprache voller Witz und Wärme

In „Dachs und Stinktier“ erzählt die amerikanische Literaturkritikerin, Kolumnistin und Buchhändlerin Amy Timberlake die ungewöhnliche Geschichte einer Freundschaft zweier völlig konträrer Persönlichkeiten. Ihre Sprache ist voller Witz und Wärme – es ist, als könne man sich in ihr schaukeln wie in einer Hängematte, in die man sich zum Lesen einkuschelt. Die Idee selber ist natürlich nicht neu – so viele Bücher sind schon über ungewöhnliche Freundschaften geschrieben, so viele Filme gedreht worden. Noch nie aber wurde ein ornithologisch interessiertes Stinktier mit einem geologisch interessierten Dachs zusammengesteckt. Amy Timberlake selbst hat mal über ihr Buch gesagt: „Ich würde das als eine Art ‚Wallace & Gromit‘ beschreiben, die Winnie-the-Pooh und ein bisschen ‚Ein seltsames Paar‘ (Film mit Walter Matthau und Jack Lemmon, 1968) treffen.“ Besser kann man das nicht umschreiben.

Wer je ein Zimmer oder eine Wohnung geteilt hat, ob mit Geschwistern oder später in einer Wohngemeinschaft mit Freunden oder Bekannten, wer Freude hat an skurrilen und originellen Persönlichkeiten, wer Ukulele spielt, nerdige Hobbys betreibt oder lustige Nerds zu seinem Freundeskreis zählt, der wird unglaublichen Spaß an „Dach und Stinktier“ haben. Allen anderen, die sich nicht darunter eingruppieren können, sollten trotzdem zugreifen – nirgendwo sonst werden sie sonst lernen, was eigentlich passiert, wenn ein Wiesel versucht, in einem von Hühnern besetzten Haus eines Dachses und eines Stinktiers ein Telegramm zu übermitteln. Was für ein Abenteuer das Leben doch ist!

„Dachs und Stinktier“ ist das erste Buch einer kleinen Reihe über die beiden ungleichen Freunde, zwei weitere Bücher sollen folgen, erneut illustriert von Jon Klassen. In den USA erscheint der zweite Band („Egg marks the spot“) am 14. September 2021, über eine deutsche Veröffentlichung ist noch nichts bekannt.

Amy Timberlake: Dachs und Stinktier, cbj Kinder- und Jugendbuchverlag, München, 2020, 144 Seiten, gebunden, mit farbigen Illustrationen, 16 Euro, ISBN 978-3570177228, Leseprobe, Videogespräch zwischen Amy Timberlake und Jon Klassen (engl.)

 

Kater – lieber ungewöhnlich

Katzenfreunde allerorten, aufgepasst: Hier kommt Peter! Peter ist ein Kater auf zwei Beinen in dem gleichnamigen bezaubernden Buch der kanadischen Autorin Nadine Robert, ganz und gar wunderbar illustriert von Jean Jullien und hervorragend geeignet zum Vorlesen oder ersten Lesen.

Der kleine Junge Phil sitzt am Frühstückstisch und schmiert sich gerade ein Butterbrot. Es ist Sommer, Blumen stehen auf dem Tisch und das Fenster ist geöffnet. Plötzlich hört Phil von draußen ein klägliches Miauen. Oder wie Helge Schneider es beschreiben würde: „Eine Art Hähen oder Spähen. Ein jämmerliches Hilfegesuch. Nicht schriftlich, sondern richtig.“ Phil öffnet die Haustür und findet eine Kiste mit einem schwarz-weißen Kater darin. Und das Wundersame ist: Peter, der Kater, ist nicht wie jeder andere. Denn Peter kann auf zwei Beinen stehen.

Und so jagt Peter Mäuse nicht auf vier Beinen, sondern zweibeining auf einem Skateboard.  Und er trinkt gerne Tee und nutzt seine Krallen zum Massieren. Und mit Kaugummis weiß er auch was anzufangen. Kurzum: Peter ist alles andere als gewöhnlich. Und der fabelhafte französische Grafiker und Illustrator Jean Jullien (unbedingt seinen Instagram-Account anschauen!) erschafft Peter ein Leben wie kein anderes, während Nadine Roberts Texte die Fantasie beflügeln.

„Peter, Kater auf zwei Beinen“ ist ein wunderbar lebensfreudiges, witziges und kurzweiliges Album für Kinder ab 3 Jahren, das mit wenigen Worten und Bildern viel über Freundschaft erzählt. Und darüber, sich nicht von Stereotypen beeinflussen zu lassen, wenn man einem anderen Lebewesen zum ersten Mal begegnet. Das Buch ist in inzwischen in zahlreichen Ländern erschienen und jetzt endlich auch auf Deutsch erhältlich.

Nadine Robert & Jean Jullien: Peter, Kater auf zwei Beinen, Mairisch Verlag, Hamburg, 2019, 56 Seiten, gebunden, 16 Euro, ISBN 978-3938539569

Emma liebt einen Jüngling von 14 Lenzen

Schnappt sich ein Mann eine wesentlich jüngere Frau, reagiert die Gesellschaft nicht so sehr mit gerümpfter Nase, wie dann, wenn sich eine Frau mit einem Jüngling einlässt. Dabei haben sich schon einige Bücher und Filme diesem Tabuthema gewidmet. Hinzugekommen ist jetzt Simonetta Greggio mit ihrem Roman „Mit nackten Händen“. Mit skandalträchtigem Inhalt.

Emma ist Anfang vierzig, Landtierärztin, ohne Mann und ohne Kinder. Will sie Sex haben, reist sie in fremde Städte, um von niemandem erkannt zu werden. „Dort klapperte ich schummrige Bars ab, trank ein paar Gläser, ließ mich treiben. Den Hunger stillte ich etwas im Lauf einer gestohlenen Nacht mit einem Gelegenheitsliebhaber. Es war ein lachhafter Trost: Wie oft hatte ich die Augen geschlossen und einen bestimmten Namen gerufen, immer denselben.“ Es ist Raphael, ihre große Liebe, den sie nicht vergessen kann. Und dann – steht eines Tages dessen Sohn Gio vor ihrer Tür. Knapp fünfzehn Jahre alt. Er erinnert Emma nicht nur an Raphael, sondern auch an Micol, jene Frau, für die sich Raphael damals entschieden hatte. Und damit gegen Emma. „Im zur Schulter geneigten Gesicht warf sein Nasenrücken – wie sein Vater hat er eine leicht gekrümmte Adlernase – einen reliefartigen Schatten auf die unrasierte Wange, halb Samt, halb Sandpapier. Seine leicht geöffneten Lippen waren die seiner Mutter, voll und geschwungen. (…) Gios Gesichtszüge waren regelmäßiger als die von Raphael, ohne die Asymmetrie, die seinem Vater etwas Faunartiges verlieh. Von Micol hatte er die sehr weiße Haut, auch die Haselnussaugen. Aber diese Anmut, dieses ausgewogene Verhältnis von Kind- und Erwachsensein gehörten ihm allein.“

Emma und Gio kommen sich näher. Viel näher, als Gesellschaft und Moral das einem 14-Jährigen und einer erwachsenen Frau erlauben. Die Umgebung reagiert entsprechend mit Abneigung, denn diese Art der Verbindung bleibt natürlich nicht lange geheim. Es beginnt mit einer Meldung in einer Tageszeitung.

Die Autorin lässt viel Raum für Phantasie. Der Liebesakt zwischen Emma und Gio wird nicht erzählt, er bleibt vage. Hier ist kein reißerisches Buch mit Vulgarität entstanden, sondern ein leise und romantisch herumflechtendes Stück. Nicht umsonst aber ist dieses Buch im Diana-Verlag erschienen. Der ist auf ein dezidiert weibliches Publikum ausgerichtet und kooperiert bei mehreren Publikationen mit dem Frauenmagazin „Brigitte“. Das „Figaro Magazine“ nennt die Sprache des Buches poetisch, doch sie ist wohl eher blumig. Die Charaktere bleiben derweil blass und ohne Tiefe, weil stattdessen mehr die Umgebung und das Wetter beschrieben werden. Das Thema reizt zu einem guten Stück Literatur, entstanden aber ist nur ein Stück Unterhaltung. Das wird sich jedoch in der Zielgruppe des Verlags trotzdem gut verkaufen lassen. Ein Buch für das Regal ist es indes nicht.

Simonetta Greggio: Mit nackten Händen, Diana Verlag, München, 2010, 159 Seiten, gebunden, 14,99 Euro, ISBN 978-3453290990