Die Vergessenen um Stauffenberg

Stauffenbergs GefährtenDer Widerstand gegen den Nationalsozialismus ist eng verknüpft mit dem Namen Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Unerwähnt bleiben oft all jene Verschwörer aus dem weiteren Umfeld. Die einstige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags Antje Vollmer und der „Welt“-Redakteur Lars-Broder Keil haben jetzt zehn dieser nahezu unbekannten Widerstandskämpfer eindrucksvoll und sehr nahegehend porträtiert. Ein Buch, das Sie gelesen haben sollten.

Das Umschlagfoto des Buches „Stauffenbergs Gefährten“ zeigt einen jungen Mann, einsam und mit nachdenklichem Blick in verschneitem Gebirge sitzend, festgehalten auf einer Schwarz-Weiß-Fotografie. Der junge Mann ist Friedrich Karl Klausing, junger Offizier und späterer Hauptmann und Widerstandskämpfer. Beim Hochverratsprozess im August 1944 vor dem Volksgerichtshof wird er der mit Abstand jüngste Angeklagte aus dem Kreise Stauffenbergs sein. Sein kurzer Abschiedsbrief („So fragt nicht mehr nach mir, sondern laßt mich damit ausgelöscht sein“), mit dem er seine Familie zu schützen versucht und der in dem von Vollmer verfassten Porträt veröffentlicht ist, erreicht die Eltern erst, als der 24-Jährige bereits hingerichtet worden ist.

Berührend veranschaulicht Vollmer, wie gerade Klausing einen einsamen Weg als Verschwörer einschlug. Seine Familie hatte die nationalsozialistische Karriereleiter genutzt. Vor allem der Vater war ein überzeugter Nationalsozialist und Hitler-Verehrer, der unter der Besetzung Prags Rektor der Karls-Universität wurde. Im Elternhaus konnte der junge Klausing also nicht mit Verständnis rechnen. Umso beklemmender ist für den Leser ein vom Vater an den Sohn gerichteter Brief, den dieser nicht mehr erhält. Glücklicherweise, muss man sagen, denn er ist unbelehrbar ideologisch getränkt. Der Vater begeht schließlich Selbstmord, weil er glaubt, er müsse die Ehre der Familie retten.

„Einsam in der Familie, einsam unter Freunden“

Bei der Vorstellung des Buches auf der Leipziger Buchmesse 2013 erklärte Vollmer, warum sie sich bei der Foto-Auswahl für den Buchumschlag ausgerechnet für Klausings Foto entschieden haben: „Das Foto zeigt am besten die Einsamkeit der Verschwörer, denn wer zu so einer Gruppe gehörte, war einsam, einsam in der Familie, einsam unter Freunden – und so ein Attentat machte man auch nicht im Auftrag des deutschen Volkes.“

Es ist eine wichtige Sammlung von Porträts, die Vollmer und Keil vorgelegt haben. Sie räumt auch auf mit der umstrittenen Figur des Hans Bernd Gisevius. Er ist einer der Überlebenden des 20. Juli und Autor des Buches „Bis zum bitteren Ende“, das nach dem Krieg vernichtend und aus sehr subjektiver Sicht über den Stauffenberg-Kreis berichtete – ohne dass sich seine Mitstreiter gegen diese fatale Darstellung der Ereignisse noch hätten wehren können. Die Erklärung, die Vollmer findet, ist so nachvollziehbar wie bitter.

Die beiden Autoren sind bei ihrer Arbeit umfangreich unterstützt worden. „Wir haben teilweise sehr private Aufzeichnungen zu sehen bekommen, vor allem Briefe und Tagebücher, Dokumente also, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren, und das hat uns sehr dankbar gemacht“, erklärte Vollmer nachdrücklich im März 2013 in Leipzig. So konnte nicht nur eine Annäherung an die unbekannten Gefährten Stauffenbergs entstehen, sondern eine intensive Beschäftigung mit ihrem Handeln, ihren Beweggründen und dem Schicksal ihrer Familien.

Interesse in der Nachkriegszeit gering

„Uns ging es weniger um eine Neuschreibung des Staatsstreichversuchs, sondern vielmehr darum, das Handeln der Beteiligten erlebbarer, verständlicher, emotionaler zu zeichnen – ohne dabei das historische Geschehen aus den Augen zu verlieren“, heißt es im Vorwort. Den Autoren gelingt es damit auch, den Hinterbliebenen endlich zu ermöglichen, woran sie lange Zeit gehindert waren: über ihre Ehemänner und Väter zu sprechen. Denn das Interesse an den Widerstandskämpfern und ihrer Geschichte war in der Nachkriegszeit mehr als gering.

Als Gastautorin konnten Vollmer und Keil die Historikerin Elisabeth Raiser, geb. von Weizsäcker, gewinnen, die ein berührendes Porträt über Margarethe von Oven verfasste. Von Oven arbeitete im Sommer 1943 als Büroleiterin im Heeresamt und tippte die Worte „Der Führer Adolf Hitler ist tot“, mit denen die Aktion „Walküre“ ausgelöst werden sollte. Das Porträt beleuchtet auch sehr eindrucksvoll, woher sie den Mut nahm und unter welcher Anspannung sie bis zum 20. Juli lebte.

Diese Porträts sind vortrefflich geschrieben. Ihre Emotionalität ist derart nahegehend, dass man sich immer wieder mit der Frage konfrontiert sieht: Hätte ich auch so gehandelt? Hätte ich selbst diesen Mut aufgebracht, nicht nur mein Leben zu riskieren, sondern auch das meiner Familie, meiner Freunde und Mitverschwörer?

„Zivilcourage noch immer etwas Notwendiges“

Karl Heinz Bohrer, Professor für Literaturwissenschaft und ehemaliger Herausgeber der Kulturzeitschrift „Merkur“, hielt am 20. Juli 2013 in Berlin die zentrale Gedenkrede zur Erinnerung an die Widerstandskämpfer. In seinem außergewöhnlichen Text zum Thema „Warum wir die Helden des 20. Juli nicht verstehen“ sagte er:

„Je länger die Zeit wird, in der wir uns von dem Tag, der als 20. Juli 1944 auf unserem historischen Kalender steht, zeitlich entfernen, desto mehr ist das Beispielhafte der Verschwörer jenes Tages zu begründen und zu erinnern. Sie selbst verstanden ihr Beispiel noch im Sinne eines symbolischen Ehrenkodex – sei er christlich-humanistisch oder preußisch-aristokratisch gewesen. (…) In einer so gefahrlosen, aber auch den Konformismus begünstigenden Gesellschaft wie der unseren – seit dem Attentat so friedfertigen Epochen –, ist die Zivilcourage noch immer etwas Notwendiges, wenn auch inzwischen Außergewöhnliches geworden. Um wie viel mehr die existentielle.“

Dem ist nichts hinzuzufügen. (Die Rede ist hier online abrufbar.)

Beide Autoren, sowohl Antje Vollmer als auch Lars-Broder Keil, haben sich wiederholt mit dem Widerstand gegen das Nazi-Regime auseinandergesetzt. Von Vollmer erschien zuvor eine von der Kritik begeistert aufgenommene Doppelbiografie über das Paar Heinrich und Gottliebe von Lehndorff, das ebenfalls zu den Mitwissern im Stauffenberg-Kreis gehörte.

Vollmers und Keils erstes gemeinsames Buch ist unbestreitbar eines der wichtigsten Bücher des Jahres 2013. Lesen Sie es!

Antje Vollmer / Lars-Broder Keil: Stauffenbergs Gefährten. Das Schicksal der unbekannten Verschwörer, Hanser Verlag, Berlin, 2013, 256 Seiten, gebunden, 19,90 Euro, ISBN 978-3446241565

Leipziger Buchmesse 2013: „Stauffenbergs Gefährten“

DSC_0028Im ARD-Hörbuch-Forum der Leipziger Buchmesse waren am Freitagmittag Antje Vollmer und Lars-Broder Keil zu Gast. Die beiden sprachen über ihr gemeinsames Buch „Stauffenbergs Gefährten: Das Schicksal der unbekannten Verschwörer“, das jetzt im Hanser Verlag Berlin erschienen ist. Stauffenberg ist der Name, der mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 verbunden ist, die meisten anderen Helfer bleiben stets unerwähnt, ja, gar unbekannt. In zehn Porträts stellen die beiden Autoren einige dieser unbekannten Widerstandskämpfer vor, beschreiben deren Handeln, Beweggründe und das Schicksal ihrer Familien.

Im Gespräch erläuterte Vollmer zunächst, warum sie ausgerechnet ein Foto des jungen Offiziers Friedrich Karl Klausing zum Titelfoto wählten: „Das Foto zeigt am besten die Einsamkeit der Verschwörer, denn wer zu so einer Gruppe gehörte, war einsam, einsam in der Familie, einsam unter Freunden – und so ein Attentat machte man auch nicht im Auftrag des deutschen Volkes.“ Auf der Fotografie aus den 40er Jahren sitzt Klausing allein im Gebirge. Das Foto entstand während einer Winterkampfübung seines Ausbildungslehrgangs auf der Trögel-Hütte in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen, wie aus dem Vorwort des Buches zu erfahren ist.

Zehn Personen haben Antje Vollmer und Lars-Broder Keil aus dem Kreis oder näheren Umfeld jener Männer porträtiert, die einen Staatsstreich zur Entmachtung des NS-Regimes planten, der mit dem Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 seinen Anfang nehmen sollte. „Von diesen zehn Personen konnten wir noch mit zwei interessanten Zeitzeugen sprechen, zum einen mit Richard von Weizsäcker, der viele der Verschwörer persönlich kannte, zum anderen aber auch noch mit Ewald Heinrich von Kleist, dem letzten Überlebenden der Aktionen im Bendlerblock“, erklärte Keil. Noch im vergangenen Jahr führten die Autoren ein langes Interview mit von Kleist, das nun in das Buch eingeflossen ist. Vor wenigen Tagen (8. März 2013) starb von Kleist im Alter von 90 Jahren in München.

Dass die Männer um Stauffenberg tatsächlich unbekannt sind, zeigt ein Beispiel, das Vollmer nannte: Als im Jahr 2008 Philipp von Boeselager starb, habe Frank Schirrmacher in der FAZ geschrieben, der letzte überlebende Beteiligte des Hitler-Attentats sei gestorben. „Es war also völlig unbekannt – sogar in den deutschen Feuilletons -, dass es mit von Kleist noch einen weiteren Überlebenden gab.“

Die Familien der Widerstandskämpfer haben die Autoren bei ihrer Arbeit immens unterstützt. „Wir haben teilweise sehr private Aufzeichnungen zu sehen bekommen, vor allem Briefe und Tagebücher, Dokumente also, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren, und das hat uns sehr dankbar gemacht“, erklärte Vollmer nachdrücklich. Es habe zwar schon einige Bücher über den Stauffenberg-Kreis gegeben, aber nie habe man sich die Mühe gemacht, auch die Familien anzusehen. Bei einigen Porträts war es sogar notwendig, falsche historische Einschätzungen zu korrigieren. Als Beispiel nannte Vollmer den Nachrichten-General Erich Fellgiebel, der gerade auch in der Hollywood-Verfilmung mit Tom Cruise völlig falsch dargestellt werde.

Eine Rolle der zehn Porträtierten nannte Vollmer „ganz unheimlich“: Hans Bernd Gisevius. Sein nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichtes Buch „Bis zum bitteren Ende“ habe das Bild des 20. Juli ganz fatal geprägt.

„Unser großer Wunsch ist es, dass unser Buch in Schulklassen gelesen wird, und jeder Schüler sich ein Porträt vornimmt, um zu begreifen, was diese Menschen für ihre Tat gewagt haben – da kommt man näher ran, als durch irgendwelche Feiern“, sagte Vollmer abschließend und erntete Applaus vom Publikum.

Beide Autoren, sowohl Antje Vollmer, als auch Lars-Broder Keil, haben sich wiederholt mit dem Widerstand gegen das Nazi-Regime auseinandergesetzt. Von Vollmer, einst Bundestagsabgeordnete für Bündnis 90/Die Grünen und von 1994 bis 2005 amtierende Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, erschien zuletzt eine von der Kritik begeistert aufgenommene Doppelbiographie über das Paar Heinrich und Gottliebe von Lehndorff, das ebenfalls zu den Mitwissern im Stauffenberg-Kreis gehörte.

Lars-Broder Keil arbeitet als Redakteur im Ressort Innenpolitik der Welt und hat im vergangenen Jahr mit seinem Kollegen Sven Felix Kellerhoff den Fall Peter Fechter aufgearbeitet.

Antje Vollmer / Lars-Broder Keil: Stauffenbergs Gefährten. Das Schicksal der unbekannten Verschwörer, Hanser Verlag, Berlin, 2013, 256 Seiten, gebunden, 19,90 Euro, ISBN 978-3446241565