Du hast Angst vorm Hermannplatz

RequiemBerliner Hipster haben längst den Jutebeutel wiederentdeckt. Über der Schulter tragen sie jetzt Aufschriften wie „Bitte nicht schubsen, ich hab einen Joghurt im Beutel“ oder „Mir reicht’s! Ich geh schaukeln!“ durch die Hauptstadt. Das Modelabel „Muschi Kreuzberg“ hat den Beutel „Du hast Angst vorm Hermannplatz“ unters Volk gebracht – er ist mittlerweile ausverkauft. Für Peter Huths Horrorroman „Berlin Requiem“ müsste der Beutel neu aufgelegt werden, denn dort schlurfen am Hermannplatz Zombies durch die Gegend und verbreiten Angst und Schrecken.

Der Hermannplatz. Nüchtern betrachtet ist er nur ein hässlicher, lauter Platz im Norden von Neukölln, Grenze zu Kreuzberg und Knotenpunkt für allerlei Straßen. Graffiti, Karstadt und Multikulti zeichnen ein vielfältiges Bild. Der Hermannplatz wird aber auch seinen negativen Ruf nicht los, ist er doch nicht nur ein Austragungsort für die jährlichen Maikrawalle, sondern auch noch Ausläufer der Hasenheide, Berlins Drogenumschlagsplatz Nummer eins. Und jetzt lässt Peter Huth dort auch noch eine Zombie-Seuche los. Aber Benjamin von Stuckrad-Barre frohlockt: „Berlin ist voller Zombies – endlich schreibt es mal jemand auf.“

Ganz so ist es leider nicht. „Berlin Requiem“ ist keine Bereicherung der Buchlandschaft, sondern allenfalls eine nette Idee. In der Hauptstadt grassiert eine seltsame Seuche, die die Infizierten zunächst sterben und dann zu Zombies werden lässt. Wer von einem dieser Untoten gebissen wird, kann sich eigenlich nur noch die Kugel geben, denn ein Kopfschuss ist das einzige Mittel dagegen.

Mauerbau rund um die Bezirke Kreuzberg und Neukölln

Der Populist Olaf Sentheim nutzt die Gunst der Stunde und verbreitet über ein Fernsehinterview, dass angeblich nur Menschen mit Migrationshintergrund infiziert werden können. Der Berliner Senat entscheidet, rund um die Bezirke Kreuzberg und Neukölln eine Mauer zu ziehen. Polizisten auf den Wachtürmen kontrollieren, dass niemand rausgelangt. Rein will sowieso keiner. Die verbliebenen Migranten aus den anderen Stadtteilen flüchten, Bürgerwehren bewaffnen sich, rechtes Gedankengut schlägt durch. Die Stadt steht vor dem Ausnahmezustand.

Ein Journalist mit dem sehr sinnigen Namen Robert Truhs recherchiert die Hintergründe, bekommt aber eher zufällig den entscheidenden Hinweis, was dieser Virus tatsächlich alles anrichten kann. Am Ende ist es aber dann doch die Liebe, die zur Entscheidung drängt, denn Truhs erfährt, dass seine Geliebte Sarah in die Kontrollierte Zone innerhalb der Mauer eingedrungen ist.

Peter Huths Freund Kai Meyer, selbst Autor, schreibt im Nachwort eine kurze Geschichte der Horrorfilme, die „schon früh das politische Geschehen gespiegelt“ haben, begonnen mit George A. Romeros „Night of the Living Dead“ (1968), der wirklich sehenswert ist. Für Meyer kommt „Berlin Requiem“ „genau zum richtigen Zeitpunkt“, und er hält das Buch für einen wichtigen Roman. Leider kann man allenfalls ersteres behaupten: Zombies sind nach den Vampiren jetzt gerade noch angesagt, und Huths Roman hat damit noch Chancen, im genreliebenden Publikum seichte Gesellschaftskritik unterzubringen. Wichtig ist der Roman nur für all diejenigen, die unmittelbar oder mittelbar daran verdienen.

Meinungsmacher wie Thilo Sarrazin

Mit „Berlin Requiem“ greift Huth vor allem Meinungsmacher wie Thilo Sarrazin auf. Wie schon in dessen Erstlingswerk verbreitet Sarrazin auch in seinem im Februar 2014 erschienenen Buch „Der neue Tugendterror“ anti-islamische und -muslimische Thesen und klassischen Rassismus. Welche Folgen das haben kann, zeigt Huth am Beispiel des Populisten Olaf Sentheim. Bis der seltsamerweise seine Meinung ändert. Die Beweggründe dafür aber bleiben leider im Dunkeln.

In einem Interview mit dem Online-Medienportal meedia.de erklärt Huth, warum er Zombies nach Berlin geschafft hat: „Weil die Grundthematik die gleiche wie die der Integrationsdebatte ist: Die Angst vor einer rasant wachsenden Masse, die Furcht, dass Quantität eine vermeintliche Qualität schlägt, dass wir überrollt werden von etwas, was uns fremd ist. So kamen die Zombies nach Berlin. Und am Ende, wie in jedem guten Horrorfilm, müssen wir uns am meisten vor denen gruseln, die uns am nächsten sind: unseren Mitmenschen.“

Das stimmt soweit. Das schafft dieses Buch. Das funktioniert aber gerade deshalb so gut, weil Peter Huth ein Boulevard-Mann ist: Volontär beim Express, dann Bild-Journalist in Hamburg und seit 2008 Chefredakteur der Berliner Boulevardzeitung B.Z. – dieser Mann hat den Boulevardjournalismus von der Pike auf gelernt.

Boulevardeske Trivialliteratur

Und genauso schreibt Huth auch seinen Roman: Einfachste Sprache, kurze Sätze, stark emotionalisierend, klassische Schwarz-Weiß-Zeichnung. Das ist ihm nicht vorzuwerfen, weil er es nicht anders kann, aber das macht den Schreibstil leider auch genauso billig, wie die Trash-Zombiefilme monitär in ihren besten Zeiten immer gewesen sind. „Berlin Requiem“ ist boulevardeske Trivialliteratur. Kostprobe gefällig? „Roberts Kopf zuckt, er träumt. Wer schläft, verarbeitet die Wirklichkeit. Kein Wunder, dass Roberts Kopf zuckt.“

Der Roman krankt aber nicht nur am Schreibstil, sondern auch am Erzählgerüst. Immer wieder wird etwa eine völlig unwichtige Dreiecksbeziehung zwischen Robert Truhs, seinem Freund Christian und seiner Geliebten Sarah als Grundlage für ohnehin unlogische Entscheidungen der drei Charaktere herangezogen. Die Hintergründe der Seuche bleiben im Dunkeln, Mechanismen des Katastrophenschutzes fehlen in diesem Zombie-Berlin offensichtlich auch, die Regierung flüchtet nach Bonn und eine nicht besonders intelligente Meute von Berlinern greift zur Waffe. Andere Bürger scheint es nicht zu geben. Das ist nicht wirklich nachvollziehbar. Ein wichtiges Buch? Nein.

Haben Sie keine Angst vorm Hermannplatz! Haben Sie Angst, dass Ihnen jemand dieses Buch empfiehlt!

Peter Huth: Berlin Requiem, Heyne Verlag, München, 2014, 333 Seiten, broschiert, 12,99 Euro, ISBN 978-3453676664, Leseprobe, Trailer zum Buch

Die Totgeburt einer Legende

Der Veröffentlichung des ersten Teils der „Legend“-Trilogie von Marie Lu ging eine Medienkampagne voraus. Die Filmrechte sind bereits verkauft, ein Buchtrailer versprach Großes. Doch „Fallender Himmel“ ist nur eine von vielen Dystopien, die derzeit vor allem im Jugendbuchbereich auf den Markt schwemmen. Und die Idee krankt vor allem an ihrer Unausgereiftheit.

Los Angeles im Jahr 2130. Die Republik Amerika führt Krieg gegen die Kolonien, während in den Städten Seuchen grassieren. Durch die Straßen patroulliert die Seuchenpolizei und markiert all jene Häuser, in denen bereits Erkrankte wohnen, mit einem roten X. Auch an dem Haus von Days Familie prangt ein solches Mal, aber er wäre nicht Amerikas meistgesuchter Verbrecher, wenn es ihm nicht gelingen sollte, Medikamente für seine Familie zu besorgen.

Doch der Einbruch im Krankenhaus verläuft anders, als Day erwartet hat. Er muss fliehen, wird schwer verletzt und kann seinen Verfolger nur mit einem beherzten Messerwurf abschütteln.

Von Rachegelüsten getrieben

Der Verfolger aber ist niemand anderes als Metias Iparis. Dessen 15-jährige Schwester June hat als einziges Kind jemals die volle Punktzahl des „Großen Tests“ erreicht und ist als Elitesoldatin für eine Militärkarriere vorgesehen. Ihr erster Auftrag lautet: Den vermeintlichen Mörder ihres Bruders Metias zu finden – Day, Staatsfeind Nummer eins. June, von Rachegelüsten getrieben, heftet sich an die Fersen des sagenumwobenen Rebellen und erkennt fast zu spät, dass sie nur ein Rädchen in einem großen, perfiden Spiel ist.

Dystopien haben derzeit Hochkonjunktur. Und es gibt gute Beispiele wie die „Die Tribute von Panem“-Trilogie. Oder „Die Nacht von Shyness“. Doch der Anfang der „Legend“-Trilogie ist zu wenig durchdacht, um aus dem Wust der Anti-Utopien herauszustechen. Kaum etwas erfährt der Leser über die Hintergründe des Kriegs gegen die Kolonien, die politischen Machtverhältnisse und das Leben der Menschen abseits der Seuchen und Militäraktionen. Der Plot ist geprägt von Schwarz-weiß-Malerei, teilweise sehr brutalen Szenen und einer wenig nachvollziehbaren Liebesgeschichte. Die Idee, die Geschichte abwechselnd aus beiderlei Sicht zu erzählen, ist nicht neu, sorgt aber zumindest für etwas Abwechslung. Die beiden Hauptcharaktere bleiben dennoch blass und entwickeln keine Tiefe. Trotzdem: Dem rebellischen Day ist man als Leser schon näher, als der unglaublich stupide folgsamen June.

Diese Geschichte überzeugt nicht. Sie ist lesbar, ja, aber vor allem ist es ein Werk, das das Regal nicht braucht. Bitte nicht mehr davon!

Marie Lu: Legend – Fallender Himmel, Loewe Verlag, Bindlach, 2012, 367 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 17,95 Euro, ISBN 978-3785573945, vom Verlag empfohlenes Alter: 14 bis 17 Jahre