Komm heim, Kind

Als in einem Heim für schwer erziehbare Mädchen die junge Miranda und ihre Erzieherin Elisabeth brutal erschlagen aufgefunden werden, der Neuzugang Vicky aber, blutige Spuren am Fenster hinterlassend, offensichtlich geflüchtet ist, steht für die Polizei die Schuldfrage schnell fest. Es gilt nur noch, die Flüchtende zu stellen, dann scheint der Fall gelöst. Doch so einfach ist das nicht – das ahnt auch der eigenwillige Kommissar Joona Linna, der von der Stockholmer Landespolizei als Beobachter in die schwedische Provinz nach Sundsvall geschickt worden ist.

„Flammenkinder“ ist der dritte Fall des Ermittlers Joona Linna und gleichzeitig der dritte Kriminalroman des schwedischen Autorenpaars Alexandra und Alexander Ahndoril alias Lars Kepler. Die beiden verstehen ihr Handwerk und mischen die richtigen Essenzen zu einem typisch skandinavischen Krimi zusammen. Da wäre zum einen der Kommissar mit finnischen Wurzeln, ein starker Charakter, der an Kontur gewinnt. Nicht auf den ersten Blick sympathisch, aber derart unkonventionell und achtbar, dass der Leser bald mit ihm bangt und hofft. In manchen Gebaren erinnert er an Polonius Fischer, den von Friedrich Ani erdachten Ermittler bei der Münchener Mordkommission.

Zum anderen spielt die den skandinavischen Krimis eigene Brutalität eine erhebliche Rolle. Allzu zarte Gemüter sollten hier nicht zugreifen. Und letztlich sind es neben der zunächst undurchsichtigen Geschichte die sehr kurzen, meist kaum mehr als drei oder vier Seiten umfassenden Kapitel, die dem Buch die Rasanz geben, ohne dem Leser das Gefühl zu vermitteln, nichts zu sagen zu haben.

Gute Unterhaltung ohne Anspruch, mehr sein zu wollen

„Flammenkinder“ ist – ähnlich wie das Debüt „Der Hypnotiseur“ und der Nachfolger „Paganinis Fluch“ – keine literarische Sensation, sondern eher gute Unterhaltung ohne Anspruch, mehr sein zu wollen. Darin wiederum unterscheiden sich die Kriminalromane von Friedrich Ani und Lars Kepler.

Im Gegensatz zum „Hypnotiseur“ ist der dritte Band schwächer geraten. Vor allem psychologisch darf man ihn nicht zu sehr hinterfragen. Gleichwohl ist er packend erzählt und fasst Themen wie Jugendkriminalität und das Schicksal von Heimkindern auf. Allen Protagonisten ist eines gemein: Sie haben prägende Erfahrungen gemacht, schon bevor Miranda und Elisabeth zu Mordfällen wurden.

Was die Einbandgestaltung anbelangt, ist dem Verlag Bastei Lübbe ein Lob auszusprechen, scheint er doch die bisherige Farbgebung der Vorgänger als Wiedererkennungseffekt beizubehalten. Erwähnenswert ist mittlerweile leider auch, dass Bastei Lübbe die Bücher noch mit Lesebändchen versieht – daran könnten sich manch andere Verlage ein Beispiel nehmen.

Insgesamt kein Kriminalroman, der in diesem Jahr gelesen werden muss, aber zumindest einer von jenen, die gut unterhalten und nicht nur das Geld wert sind, das man für sie bezahlt, sondern auch den Platz im Bücherregal, den man für sie freiräumt, weil man glaubt, irgendwann wird man es wieder zur Hand nehmen. Oder Freunden für den Urlaub als Schmöker anempfehlen.

Lars Kepler: Flammenkinder, Bastei Lübbe Verlag, Köln, 2012, 621 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 19,99 Euro, ISBN 978-3785724637

Finnische Ganoven und eine Wodka-Tante

Die Geschichte ist skurril, überzeugen kann sie dennoch nicht: Finnische Gangster überfallen in Schweden einen Geldtransporter und erbeuten Säcke voller Geldscheine. Doch beim Wechseln des Fluchtautos wirbelt eine Windhose das Bargeld durch die Luft – fort ist der Mammon. Wie soll Obergangster Ernesto jetzt seinen Leuten erklären, wo das Geld geblieben ist? Ein neuer Überfall muss her.

Doch wenn der erste schon schief geht, steht dem zweiten nicht auch ein ähnliches Schicksal bevor? Ernesto, Sohn eines Exilchilenen, kehrt zurück in seine finnische Heimatstadt Hämeenlinna. Dort kennt er allerlei Kleinganoven und Kriminelle, die ihm möglicherweise bei seinem neuen Plan helfen können. Außerdem bietet ihm seine wodkasüchtige Tante Henna einen Unterschlupf vor der akribisch jeden Stein umdrehenden Polizei. Ernesto stellt aus allerlei bizarren Persönlichkeiten ein neues Team zusammen, eine finnische Crew, die letztendlich mit einem geklauten Panzer den ganzen großen Durchbruch wagen will.

Der Leser muss schon arg aufpassen, um die diversen Personen auseinanderzuhalten. Das liegt gewiss vor allem daran, dass finnische Namen zunächst gewöhnungsbedürftig sind. Goran, Rune, Jarra, Osmi, Erja, Hurme, Allu, Nikkilä und wie sie alle heißen. Dazu die diversen finnischen Straßennamen, denn natürlich sind die bösen Jungs viel unterwegs. Das aber kann man einem finnischen Autor wohl kaum ankreiden.

Was aber viel schwerer wiegt, ist die Jerry-Cotton-Schule, die der Autor Tapani Bagge durchlaufen hat. Nach Angaben des Suhrkamp Verlags begann Bagge seine schriftstellerische Laufbahn mit zwanzig Jahren als Verfasser von Jerry-Cotton-Romanen, „bevor er ins seriöse Fach wechselte“. Dieser Grundstein ist bei der reißerischen Darstellung dieser Ganovengeschichte unüberlesbar. Freunde amerikanischer Pulp-Unterhaltung werden daran aber sicher ihre Freude haben, wie auch an dem mitunter sehr schwarzen Humor. Für Liebhaber durchdachter Kriminalliteratur ist „Schwarzer Himmel“ indes nichts.

„Schwarzer Himmel“ wurde im Jahr 2007 mit dem Finnischen Krimipreis ausgezeichnet; in Deutschland ist es der erste Roman, der von Tapani Bagge erschienen ist. Für Oktober hat der Suhrkamp Verlag das zweite Buch angekündigt, in dem der Leser einigen Figuren aus „Schwarzer Himmel“ wiederbegegnen wird.

Tapani Bagge: Schwarzer Himmel, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Berlin, 2012, 272 Seiten, Taschenbuch, 8,99 Euro, ISBN 978-3518463192

In Schweden stirbt es sich an Paganini

Im Stockholmer Nobelviertel Östermalm erhängt sich ein Mann. Doch das Zimmer hat keine Möbel – wie also hat er sich umbringen können? Wenige Stunden später wird auf einer einsamen Yacht in den Schären eine Frau gefunden, die offensichtlich ertrunken ist. Ihre Kleidung und ihr Körper sind jedoch trocken – wie also konnte sie ertrinken? Das fragt sich auch die Stockholmer Polizei. Erst der eigensinnige Kommissar Joona Linna findet die Verbindung zwischen den beiden Todesfällen. Und dann muss nicht mehr nur die Landeskriminalpolizei ermitteln, sondern auch noch der Staatsschutz.

Mit „Paganinis Fluch“ legt das schwedische Autorenduo Alexandra und Alexander Ahndoril alias Lars Kepler den lang erwarteten Nachfolger ihres Debüts „Der Hypnotiseur“ vor. Der beschert dem Leser ein Wiedersehen mit Joona Linna, dem Kommissar mit finnischen Wurzeln und einem Hang zur Dickköpfigkeit. Dessen Charakter entwickelt sich vor allem durch seine Arbeit bei der Landeskriminalpolizei, das Privatleben blitzt nur hin und wieder auf und hätte auch ganz aus dem Buch gestrichen werden können. Und obwohl der Anfang durchaus spannend geschrieben ist, entwickelt sich das Buch erst ab der Mitte zu einem Pageturner. Dann aber will man es auch nicht mehr weglegen, es sei denn, man muss die Augen vor den allzu blutrünstigen, brutalen Details verschließen.

In welche Richtung sich alles entwickelt, ist am Anfang noch herrlich unklar, obwohl der Leser weiß, dass der Erhängte Generaldirektor der Staatlichen Waffenkontrollbehörde und die Ertrunkene die Schwester der Friedensaktivistin Penelope Fernandez war. Doch wie hängt das alles zusammen? Und was hat das alles mit dem Teufelsgeiger Paganini zu tun? Dieser Krimi ist kein literarisch wertvolles Werk, aber es bietet dramatisch-spannende Unterhaltung und eine gute Vorlage für das eigene Kopfkino. Im Vergleich zum Debüt haben sich die beiden Autoren gesteigert, an die Klasse eines Henning Mankells oder Stieg Larssons kommen sie trotz des großen Themas ihres Buches nicht heran. Vielleicht noch nicht.

Einige Worte noch zum Titel des Buches. Möglicherweise verkauft sich ein Krimi mit dem Titelbestandteil „Fluch“ auf dem deutschen Buchmarkt zurzeit besonders gut, wenn immer noch Vampire und Zauberer ihr Unwesen in den Bestsellerlisten treiben. Trotzdem wäre eine Übersetzung des schwedischen Originaltitels „Paganinikontraktet“ zu „Paganini-Vertrag“ vielleicht nicht verkaufsfördernder, aber sinnvoller gewesen. Denn soviel sei verraten: Es geht hier nicht um einen Fluch, den jemand ausstößt, um damit Menschen zu töten, sondern um einen Vertrag. Und der Einsatz der Vertragsparteien ist der ganz persönliche Albtraum.

Lars Kepler: Paganinis Fluch, Gustav Lübbe Verlag, Köln, 2011, 621 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, ISBN 978-3785724286

Schau mir in die Augen, Opfer

In einem Außenbezirk Stockholms wird die Leiche eines grausam ermordeten Mannes entdeckt. Im Haus des Familienvaters erwartet die Ermittler um den Kriminalkommissar Joona Linna ein weiteres Blutbad: Die Ehefrau und die gemeinsame Tochter sind ebenfalls brutal erstochen worden. Das Massaker überlebt hat nur einer – Josef, der Sohn der Familie Ek. Schwer verletzt liegt er im Koma. Als Linna durch Zufall erfährt, dass Josef noch eine ältere Schwester hat, schwant ihm Böses. Es gilt, die Schwester vor dem Mörder zu finden, der offenbar die ganze Familie auslöschen wollte. Helfen kann nur Josef selbst. Doch die Ärztin rät ab, ihn aus dem Koma zu holen. Der letzte Ausweg ist eine Hypnose. Linna wendet sich an den Arzt und Hypnotiseur Erik Maria Bark. Der hatte nach einer verhängnisvollen Erfahrung geschworen, nie wieder jemanden zu hypnotisieren. Doch in diesem Fall macht er eine Ausnahme. Und damit geht der Wahnsinn erst richtig los…

„‚Wie Feuer, genau wie Feuer.‘ So lauteten die ersten Worte, die der hypnotisierte Junge sagte. Obwohl er lebensgefährlich verletzt war – Dutzende Stich- und Schnittwunden im Gesicht, an den Beinen, an Rumpf und Rücken, unter den Füßen, im Nacken und am Hinterkopf -, hatte man ihn hypnotisiert, weil man hoffte, mit seinen Augen sehen zu können, was geschehen war. ‚Ich kneife die Augen zusammen‘, murmelte er. ‚Ich gehe in die Küche, aber da stimmt etwas nicht, es knirscht zwischen den Stühlen, und auf dem Fußboden breitet sich ein leuchtend rotes Feuer aus.'“

Der Kriminalroman des schwedischen Autorenduos Alexandra und Alexander Ahndoril, die unter dem Pseudonym Lars Kepler ihr erstes Buch veröffentlicht haben, beginnt genauso spannend, wie es der Klappentext verspricht. Doch ist der Mord an der Familie Ek nur ein kleiner Teil einer mit unterschiedlichen Handlungssträngen gefüllten Geschichte. Manche davon sind so hanebüchen, dass der Leser besser die Augen davor verschließt, andere sind gänzlich unerheblich. Trotzdem ist das Buch gute Unterhaltung für all jene Leser, die von blutrünstig-schwedischen Krimis noch nicht genug haben.

Die Charaktere, allen voran Joona Linna und Erik Maria Bark, sind interessant gezeichnet, wenngleich Barks Hypnose-Historie etwas zu sehr in die Länge gezogen ist. Natürlich muss einer der beiden Probleme mit Alkohol oder Frauen oder ähnlichem haben. In diesem Fall ist es Erik Maria Bark, der verschiedene Tabletten schluckt; seine Frau derweil vertraut ihm nicht mehr, seit er sie vor etlichen Jahren mit einer Kollegin betrogen hat. Und der gemeinsame Sohn steckt tief in der Pubertät und hat damit auch die typischen Probleme mit seinen uncoolen Eltern.

„Der Hypnotiseur“ gehört sicherlich nicht zu den besten schwedischen Krimi-Debüts. In einigen Jahren wird man von diesem Buch nicht mehr sprechen, sondern es wird untergehen in einer Masse von anderen von den Medien hochgelobten Debüts. Trotzdem ist es angenehm zu lesende Unterhaltung, keineswegs anspruchsvoll, aber auf der anderen Seite auch nicht eines der Bücher, die den Leser mit Langeweile quälen. Eine klare Leseempfehlung vermag ich nicht zu geben. Mache der Leser sich sein eigenes Bild!

Lars Kepler: Der Hypnotiseur, Gustav Lübbe Verlag, Köln, 2010, 638 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, ISBN 978-3785724262

Die Vorort-Voyeurin

Wer linst nicht gerne bei einem abendlichen Spaziergang in die hell erleuchteten Wohnzimmer anderer Menschen? Yvonne Gärstrand, erfolgreiche Chefin einer Firma für Zeitmanagement und verheiratete Mutter eines fast erwachsenen Sohnes, frönt diesem Laster ganz ausgiebig.

Durch Zufall findet sie einen kleinen idyllischen Vorort. Dort streift sie durch die Gassen und beobachtet die Einwohner in ihrem Alltag. „Sie war mit der Zeit recht gut darin geworden, die Vorort-Variante des „Wer wohnt hier?“ zu spielen. Sie versuchte zu erraten, wer in den Häusern wohnte, und mußte ihr Bild dann eventuell korrigieren, wenn sie die Bewohner sah.“ Doch ein Haus bleibt ihr rätselhaft: Der Orchideenweg 9. Als sie an einer Anschlagtafel einen handgeschriebenen Zettel liest, mit dem für genau dieses Haus eine Haushaltshilfe gesucht wird, wittert sie ihre Chance, ihre Neugier zu befriedigen.

Unter dem Pseudonym Nora Brick tritt sie bei Bernhard Ekberg im Orchideenweg 9 eine Stelle als Putzfrau an. Der Hausherr ist ein seltsamer Kauz: Im Keller stehen fein säuberlich aufgereiht die eingemachten Früchte seiner Frau. Doch von der fehlt jede Spur. „Verreist“ sei sie, sagt Bernhard Ekberg. Doch glauben will Yvonne alias Nora das nicht. Sie ist zu neugierig und dringt weiter in das rätselhafte Mysterium um Bernhard Ekberg ein – und verliebt sich dabei in den Strohwitwer. Doch der ist weit entfernt von den titelgebenden sauberen Verhältnissen. Unter Schichten von Staub und Schmutz verbirgt sich ein dunkles Geheimnis und eine kranke Seele.

Das Buch ist vieles: Krimi, Anleitung zur Gartengestaltung, Einblick in die schwedische Provinz, Psychogramm, Liebesroman. Fast wirkt es, als könne es sich nicht für ein Genre entscheiden. Muss es auch nicht. Lesenswert ist es allemal, aber es genügt, es gelesen zu haben, um es dann weiterzugeben. Dies ist keines der Bücher, die man sich ins Regal stellt, weil sie so begeistert haben, dass man glaubt, man lese sie in einigen Jahren wieder. Kaum zu verstehen ist es, wie sich eine erfolgreiche Frau wie Yvonne Gärstrand in einen Schluffi wie Bernhard Ekberg verlieben kann. Zwar kriselt es in ihrer eigenen Ehe, ihr Mann geht fremd und zeigt kaum noch Interesse an ihr, aber die plötzliche Erkenntnis, dass sie sich in diesen Mann verliebt hat, wirkt nicht überzeugend.

Letztendlich bleibt es ein Buch, das durch seine Sprache und eine feine Spur Ironie begeistern kann. Vor dem Kauf empfehle ich unbedingt, die ersten Seiten anzulesen! Wer davon nicht begeistert ist, sollte zu einem anderen Buch greifen.

Marie Hermanson: Saubere Verhältnisse, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 2007, 243 Seiten, Taschenbuch, 7,90 Euro, ISBN 978-3518459577

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