Remarque hätte daraus Literatur gemacht!

Berliner OrgieDer Schriftsteller und Drehbuchautor Thomas Brussig hat sich für die Berliner Boulevardzeitung B.Z. ins Rotlichtmilieu der Hauptstadt begeben. Dabei herausgekommen ist – man hätte es bei dem Auftraggeber erwarten können – vor allem ein einseitiger, naiver Bericht über die Prostitution in Berlin, ohne den Frauen die ausreichende Gelegenheit zu geben, ihre Sicht der Dinge darzustellen. Brussig gibt zu, von der Prostitution keinen blassen Schimmer zu haben, erschreckenderweise zeigt er sich aber auch noch als frauenverachtender Macho.

Den Job habe er angenommen, weil ihn seine Ahnungslosigkeit beschäme, schreibt Brussig im Vorwort. Das ist nur eine von vielen Erklärungen, die er parat hat. Ihn interessiere auch „das Verhältnis zwischen Mann und Frau. Denn in der Welt der Prostitution ist es in gewisser Weise auf den Kopf gestellt. Hier ist es nicht der Mann, der versucht, die Frau ins Bett zu kriegen – hier ist es umgekehrt. Frauen wollen mit Männern Sex haben.“ Ein „Traumjob“ sei es für ihn, das sei mal klar. Weil er nur dieses eine Mal die „köstliche Freiheit des Naiven“ haben könne. Und: „Die Frauen wollen sowieso.“ Ja, klischeehaft ist es auch, dieses Buch.

Und so drückt er sich dann zu Beginn erst einmal am Straßenstrich der Oranienburger Straße herum und fabuliert in Gedanken über das treffendste Synonym für diese Art der Prostituierten. Nachdem er schon den eigentlich korrekten Begriff der Sexarbeiterinnen für sie ausgeschlossen hat („ist was für Theoretiker und Langweiler“), verweigert er ihnen auch die Schublade „Frauen“ („es gibt schließlich vielmehr Frauen als Frauen„) und stammtischphilosophiert sich dann zur Bezeichnung „Bordsteinflamingos“ durch. Völlig stereotyp lässt Brussig während seiner Streifzüge ohnehin außer Acht, dass die Prostitution kein ausschließlich weibliches Betätigungsfeld ist und es auch Männer und Transsexuelle in der Prostitution gibt.

„Mich stört, dass es über das Geld läuft“

Die US-Autorin Melissa Gira Grant hat in ihrer klugen Analyse „Hure spielen“ (Edition Nautilus, 2014) dafür gekämpft, dass Sexarbeit tatsächlich als Arbeit anerkannt wird, als Option, Geld zu verdienen und der Armut zu entkommen. Eine Art „Rettungsindustrie“ aber erkenne die Sexarbeit nicht nur nicht als Arbeit an, sondern glaube darüber hinaus zu wissen, dass keine Prostituierte ihrer Arbeit freiwillig nachgeht. Dazu gehört offensichtlich auch Thomas Brussig: „War es Alice Miller, die einmal gesagt hat, dass jede Prostituierte eine Vorgeschichte mit sexuellem Missbrauch hat? Das kann ich mir lebhaft vorstellen, denn ein Körper, der immer respektiert wurde, wird sich nicht wahllos zur Verfügung stellen, auch nicht für Geld.“ Mehr noch: „Es ist etwas an der Prostitution, das ich, ganz altmodisch, nicht richtig finde. Mich stört, dass es über das Geld läuft.“

Wer das in Brussigs Vorwort liest, hofft noch, dass sich dessen Einstellung ändert. Dass er den Sexarbeiterinnen zuhört und sie ernst nimmt, und ihnen auch die Gelegenheit bietet, etwa über die Gefahren in ihrem Leben zu erzählen. Doch das ist offenbar nicht Brussigs Ansinnen. Die Frauen, denen er begegnet, wissen nichts von seinem Auftrag. Er flunkert ihnen vor, Architekt und das erste Mal in einem Nachtclub oder einem Bordell zu sein. So hofft er auf Verständnis, wenn er dann doch wieder die Flucht antritt, denn seiner Frau musste er versprechen, dass es für sein „Puffbuch“ niemals zum Äußersten kommt. Die Sexarbeiterinnen erfahren das nicht, der Leser immerhin im letzten Drittel des Buches.

Wie aber soll sich ein ehrliches Gespräch zwischen Autor und Sexarbeiterin entwickeln, wenn Brussig von Anbeginn mit falschen Karten spielt? Respekt hat er gegenüber den Sexarbeiterinnen nicht, fordert den auf der anderen Seite aber deutlich für sich ein: „Was mir an ihr gefällt: dass sie mich mit Respekt behandelt. Es ist ein professioneller Respekt, aber den hätte sie nicht, wenn sie mit dem, was sie tut, nicht im Reinen wäre. Wenn alle Huren wären wie Kamila, dann wäre Hure kein Schimpfwort mehr.“ Das alles entlarvt das Buch als das, was es wirklich ist: Ein boulevardeskes Schundstück für die männlichen B.Z.-Leser.

Boxershorts mit roten Herzchen

Darüber hinaus erfährt der Leser Dinge über Thomas Brussig, die er sicher nie wissen wollte. Angefangen bei den Boxershorts mit roten Herzchen, die Brussig offenbar nicht nur im Schrank liegen hat, sondern auch anzieht. Dann bekennt Brussig auch noch, dass er nicht mit jeder könne, „wäre dann aber für eine ganze Menge offen“. Je länger seine Testreihe dauert, desto mehr rümpft Brussig die Nase. Nur zwei Etablissements haben es ihm angetan: Der Swingerclub „Tempeloase“ („Die Orgien haben starken Eindruck auf mich gemacht“) sowie das Bordell „Artemis“, bei dem sich Brussigs Beschreibung allerdings wie eine Werbebroschüre liest, so begeistert ist er.

In einem Interview mit der Tageszeitung Die Welt (25. März 2007) hat er erklärt, er wolle das „ungefähr so schreiben, wie es vielleicht Remarque getan hätte, wenn er in den Zwanzigern diesen Auftrag bekommen hätte. Eine Melange machen aus konkreten Erlebnissen, etwas Zeitkolorit und natürlich allgemeingültigen, zeitlosen Erkenntnissen über Mann und Frau.“ Mit Verlaub: Aber Remarque hätte daraus Literatur gemacht!

Immerhin hat Brussig das Buch einen lukrativen Nachfolgeauftrag eingebracht: Udo Lindenberg nämlich hat ihn daraufhin als Autor für dessen Musical „Hinterm Horizont“ verpflichtet. In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau (12. Januar 2011) sagte Lindenberg: „Ich hab ihn 2007 bei der Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille kennen gelernt. Da hatte ich gerade dieses Rotlichtbuch „Berliner Orgie“ von ihm gelesen. Das gefiel mir, und da hab ich ihm die Story erzählt von dem Mädchen aus Ost-Berlin.“

„Berliner Orgien“ ist 2007 erschienen und glücklicherweise mittlerweile vergriffen. Brussig, der mit dem Wenderoman „Helden wie wir“ bekannt geworden ist, hat zuletzt im Jahr 2015 den Roman „Das gibts in keinem Russenfilm“ veröffentlicht. Das „Orgien“-Buch sollte man in der Brussig-Bibliothek tunlichst vermeiden. Wer sich aber für das Thema Sexarbeit interessiert, dem seien unbedingt Melissa Gira Grants „Hure spielen“ (Edition Nautilus, 2014) sowie Tanja Birkners Porträt-Bildband „Halbe Stunde“ empfohlen.

Thomas Brussig: Berliner Orgie, Piper Verlag, München, 2007, 205 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 16,90 Euro, ISBN 978-3492050371 (vergriffen)

Clemens Meyer : „Sexualität ist wie ein Überraschungsei“

DSC_0260Am Donnerstagabend las der Leipziger Kult-Autor Clemens Meyer in Wien aus seinem gefeierten Roman „Im Stein“, den er selbst als „Lebensstoff“ bezeichnet. Dabei zeigte er sich nicht nur als offener und sympathischer Interviewpartner, sondern auch als ernsthafter Vorleser des eigenen Stoffes.

„Sexualität ist wie ein Überraschungsei, nur dass es nicht ganz so gut schmeckt am Ende“, sagt Clemens Meyer in Wien. Sein Roman offenbart das Rotlichtmilieu in all seinen Facetten. „Kaum jemand unter den Schriftstellern seiner Generation weiß so viel wie Clemens Meyer“, schreibt Ina Hartwig in der Süddeutschen Zeitung. Die Feuilletonisten überschlagen sich, begeisterte Synonyme für diesen Roman, dieses Panoptikum und Sittenbild zu finden.

Der Roman erzählt nicht linear, sondern ist voller Zeitsprünge. „Mein Roman ist schwierige Literatur, auch für den Leser nicht leicht“, hat er Gerrit Bartels vom Tagesspiegel in einem lesenswerten Interview gesagt. Meyer ist ein Kunstschaffender, ein Suchender. Und er hat ein surreales Epos geschrieben, das schonungslos und dennoch mit Herz von der Subkultur der käuflichen Liebe erzählt, von Gewalt und Konkurrenz, aber auch vom Geld, das mit der Prostitution verdient wird.

Das „steinere Geschäft“ der Baulöwen

Eine Vielzahl von Gründen haben zum Titel des Buches geführt, erklärt Meyer in Wien. Zum einen versinnbildliche der Stein diese unbekannte Großstadt, in der der Roman angesiedelt ist. Rund 600.000 Einwohner seien in einem Hybrid aus Halle/Saale und Leipzig gefangen. Der „Schweinehans“ lebt teilweise in Katakomben, eine andere Figur im Krematorium. „Es ist auch der archäologische Blick – wir leben ja auch alle auf früheren Städten, und vielleicht werden auch wir irgendwann eine Schicht unter einer Stadt sein.“ „Im Stein“ meine aber auch das „steinere Geschäft“ der Baulöwen und Wohnungsvermieter.

„Wir leben in einer Zeit, in der die Gier nach dem Geld üblich ist, aber in diesem Bereich kommt plötzlich die Moral ins Spiel“, erklärt er. Das fände er interessant. Es gehe um Körper, um das Körperliche an sich, das sich zu Geld machen lasse. „So wie Badelatschen, und doch sind es keine. Ich dachte, hier kannst du mit Sprache, mit Struktur etwas zeigen, die Welt, in der wir leben.“ Auch die Geschleusten, die Geschleppten kommen im Roman vor. Clemens Meyer formuliert es so: „Die Stimmen der Frauen füllen den Stein.“

Reale Vorbilder für die Figuren gibt es indes nicht. „Es gab aber im Jahr 1998 einen Zündfunken.“ Ein Zeitungsartikel über einen Rotlichtboss in Leipzig, dem beide Beine weggeschossen worden sind. „Da habe ich gedacht: Das ist ein interessanter Fall – wenn der das überlebt und zurückkommt, ist der stärker als zuvor, ein König, fast schon von shakespeareschen Ausmaßen.“ Und trotzdem sei er nicht der Rotlichtboss seines Romans geworden. „Der würde mich auch verklagen“, sagt er und lacht. „Nein, er ist es nicht. Er hat das Buch auch gelesen und gemerkt, dass er das nicht ist.“

„Man muss viel zuhören können“

Seit 1998 hat Meyer an seinem Roman gearbeitet. Da war er Anfang 20, und der Roman trug noch den Arbeitstitel „Das Hurenhaus“. Er traf sich mit Leuten, sprach mit Frauen aus dem Gewerbe und hörte vor allem viel zu. „Man muss viel zuhören können“, wiederholt er. Erst im Jahr 2008 begann er mit dem Schreiben. „Zwischendurch habe ich dann „Gewalten“ geschrieben, weil ich mit dem „Stein“ nicht weiterkam.“

Als er am „Stein“ schrieb, war der Schreibtisch mit Notizen bedeckt, Zeitungsausschnitte und Bücher stapelten sich, rundherum standen Pinnwände. Jetzt hat er wie in einem Akt der Loslösung und der Trennung von seinen Romanfiguren alle seine Notizen und Bücher vernichtet. „Ich habe alles weggeworfen – in so eine Aschetonne und musste sogar mehrfach draufspringen“, erzählt er dem Publikum in der Wiener Hauptbücherei. Er habe sogar die Bücher weggeworfen, solche von Sexarbeiterinnen und Bordellkönigen. Milieuliteratur.

Nur zwei Bücher hat er aufgehoben: „Im Strich“, ein Buch, das in Wien spielt und „gar nicht leicht zu kriegen“ war sowie ein Callgirlführer aus München vom Anfang der 70er Jahre. „Das ist sehr schön, dieses Buch, das hat eine ganz eigene Philosophie, und früher konnte ich die Sprüche daraus auswendig.“ Außerdem habe er natürlich den „Zündfunken“ aufgehoben, den Zeitungsausschnitt, mit dem alles begann.

Jetlag in Tokio mit Whisky bekämpft

Meyer ist einer jener Schriftsteller, die an den Schauplätzen ihrer Romane gewesen sein müssen, sofern sie nicht völlig der Phantasie entspringen. Deshalb flog er 2002 nach Tokio. Er habe versucht, den Jetlag mit Whisky zu bekämpfen. „Aber der kam zurück und schlug mich wieder mehrere Stunden zurück – vielleicht hätte ich so viel trinken müssen, dass ich da angekommen wäre, wo ich herkam.“ Er lacht.

Als die Moderatorin und Standard-Kulturchefin Andrea Schurian erklärt, Meyer würden schriftstellerische Vorbilder wie Daniel Woodrell unterstellt, sagt der: „Wer? Den kenn‘ ich gar nicht.“ Uwe Johnson, Alfred Döblin, Hubert Fichte oder Wolfgang Hilbig, die hätten ihn beeindruckt. Und dann: „Wie hieß der Amerikaner?“ „Woodrell.“ „Kenn ich gar nicht!“ Er klappt sein Leseexemplar auf und notiert sich den Namen.

Seinem Lieblingsbuch von Fichte hat Meyer in seinem Roman ein kleines Denkmal gesetzt: „Ecki geht über den Naschmarkt: Der Tote Eisenbahner ist genau null Komma neun Kilometer vom Naschmarkt entfernt“, heißt es da. Bei Fichtes „Die Palette“ geht Jäcki über den Gänsemarkt. Es ist eine Huldigung an Meyers Vorbild. Und es ist einer der drei Teile des Romans, die Meyer in Wien seinem Publikum vorliest.

„Dann las ich das und dachte: Mensch, das ist ja gut!“

„Letztens habe ich ein Kapitel in meinem Buch entdeckt“, fängt er später wieder an zu erzählen. Das Publikum lacht und Meyer merkt, wie seltsam das klingt. „Ich saß in Greifswald bei einer Lesung, und der Moderator sagte, er wollte die Tokio-Szene hören.“ Da habe er erstmal suchen müssen in seinem 560 Seiten starken Buch. „Dann las ich das und dachte: Mensch, das ist ja gut!“ Man nimmt sie ihm ab, diese bescheidene Überraschung über die eigene Sprachgewalt und Kunstfertigkeit.

„15 Jahre habe ich an diesem Roman gearbeitet, es war einer meiner Lebensstoffe, das nächste Buch auch, obwohl das Thema schwieriger ist.“ Kroatisch müsse er nächstes Jahr lernen, so wie er für den „Stein“ habe BWL lernen müssen, weil eine seiner Figuren BWL studiert habe. Der neue Roman, so viel verrät er schon, werde in Kroatien spielen, an den alten Winnetou-Film-Schauplätzen und im Krieg der 90er. „Es gibt ein Kino zwischen den Fronten, das immer diese alten Filme zeigt – was man daraus machen kann, weiß ich aber noch nicht.“

Meyers erster Roman „Als wir träumten“ wird in der Zukunft auf deutschen Kinoleinwänden zu sehen sein. Regisseur Andreas Dresen („Halt auf freier Strecke“) verfilmt den Stoff derzeit, das Drehbuch stammt von Wolfgang Kohlhaase („Die Stille nach dem Schuss“). In Wien erzählt Meyer, dass er gerade erst am Set gewesen sei und seinen Hitchcock-Auftritt gehabt habe: „Ich habe einen Polizisten gespielt und meine Rolle sehr ernst genommen.“ Aber es sei schon seltsam, die Figuren seines Romans in Fleisch und Blut verkörpert zu sehen.

Bei Verfilmung am Drehbuch mitschreiben

Er habe auch schon darüber nachgedacht, „Im Stein“ verfilmen zu lassen. „Es gab eine Anfrage von einer Produktionsfirma, die eine Art amerikanische Serie daraus machen wollte.“ In jedem Fall wolle er aber bei dieser Verfilmung am Drehbuch mitschreiben, das sei ihm sehr wichtig.

„Aber jetzt ist erstmal das Buch da, das war auch schon schwierig genug. Und manchmal kann man sein Buch schon nicht mehr sehen“, sagt er und liest trotzdem noch eine Szene vor.

Der 1977 geborene Clemens Meyer ist bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. Mitte November wurde bekannt, dass er für seinen neuen Roman am 27. Januar mit dem Bremer Literaturpreis 2014 ausgezeichnet wird. In diesem Jahr war er auch für den Deutschen Buchpreis nominiert, den Preis aber bekam Terézia Mora für ihren Roman „Das Ungeheuer“.

Die nächsten Lese-Termine von Clemens Meyer und weitere Informationen sind auf seiner Autoren-Homepage abrufbar. Eine Lesung von ihm ist in jedem Fall empfehlenswert. Nicht nur in Wien.

Clemens Meyer: Im Stein, Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2013, 560 Seiten, gebunden, 22,99 Euro, mit Lesebändchen, ISBN 978-3100486028, Leseprobe