Buch Wien: Barbi Marković, die „verschissene Zeit“ und ein ganz besonderer Spielzug

Den zweiten Messetag habe ich nicht auf der „Buch Wien“ verbracht – erst am Abend besuchte ich die Lesung der in Belgrad geborenen Autorin Barbi Marković. Sie las im zauberhaften Buchladen-Café „phil“, in dem ich vor acht Jahren (!) Nadine Kegele und ihre Literatur bei einer Lesung entdeckte, aus ihrem neuen Roman „Die verschissene Zeit“.

Der Kulturjournalist und ORF-Redakteur Florian Baranyi, der den Abend moderierte, sprach eingangs von einem „abstrusen Zeitreiseplot“. Der Verlag beschreibt den Roman als „einzigartiges popkulturelles Spiel mit dem Belgrad der Neunziger – und zugleich ein verrückter Wettlauf gegen eine Zeit, die die Gesellschaft eindeutig verschissen hat“. Denn dieser Roman ist nicht nur ein Roman – doch dazu später mehr.

Der Klappentext: Belgrad, 1995. Marko, seine Schwester Vanja und Kasandra aus der Roma-Siedlung leben im „riesigen psychowirtschaftlichen Desaster“ der 90er-Jahre – einem Teufelskreis aus Armut, Gewalt, Inflation, Drogen und neuen Technologien. Doch gibt es in diesem Roman auch Gangs und Dealer, einen verrückten Wissenschaftler und eine Zeitmaschine, eine Balkan-Pop-Ikone und schrägen Sex, es gibt Bombardements und Zerstörung, aber auch Musik und Freundschaft. Und als die drei Jugendlichen in das Kriegsjahr 1999 katapultiert werden, begreifen sie, dass sie ihre Stadt aus den verheerenden 90ern befreien müssen. In einer rasanten Verfolgungsjagd versuchen sie, den Schlüssel zur Zeitschleife zu finden und Geschichte neu zu schreiben.

Den richtigen Zeitpunkt erwischen

Geschichte neu schreiben oder die Vergangenheit ändern – das sind ja die Dinge, die wir uns vornähmen, wenn wir durch die Zeit reisen könnten. Doch Marković, die 2017 beim Bachmann-Preis-Wettbewerb in Klagenfurt mitgemacht hat, räumte mit der rosigen Vorstellung auf. Denn mit der Zeitreise den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, an dem sich Dinge in der Vergangenheit geändert haben, sei sehr schwierig. „Die Dinge, an die ich mich erinnere, sind ja inzwischen nur noch Karikaturen dessen, was wirklich geschehen ist damals.“ Und wie soll man dann den richtigen Zeitpunkt bestimmen, ab dem sich Geschichte neu schreiben ließe?

Doch das ist alles schon viel zu weit drin in der Materie. Marković las zunächst einige Seiten vom Anfang, damit das Publikum sich auskenne, reinkomme in die Zeit, die Sprache, den Umgang. So ergeht sich Kasandra schon auf der fünften Seite in einer derben, nicht salonfähigen Schimpftirade auf, Vanja hat gleich im zweiten Absatz des Romans befunden: „Marko ist ein Idiot, ein Arschloch und Elternarschkriecher. Warum müssen wir verwandt sein?“ Die Sprache dieses Romans ist in ihrer Deutlichkeit wenig zimperlich. Soll heißen: es wird viel geflucht und mit anzüglichen Begriffen um sich geworfen. Florian Baranyi fühlte sich an Filme von Quentin Tarantino erinnert. Ob diese ganzen Schimpfwörter (lesen Sie die Leseprobe unten!) Straßen-Serbisch seien, fragte er. Marković erklärte, dass die meisten Schimpfwörter tatsächlich existieren – gerade die völlig ungewöhnlichen. Andere habe sie erfunden, bei manchen die Geschlechter ausgetauscht, um ein Gleichgewicht herzustellen.

„Zusammenfassen könnte ich das nicht“

Wie soll man bei einer Lesung zusammenfassen, wovon dieses Buch genau handelt? „Ich habe das alles geschrieben, aber zusammenfassen könnte ich das nicht“, sagte Marković. Wichtig sei ihr gewesen, durch die Zeitreisen Einblicke in verschiedene Phasen der 90er Jahre zu gewähren, auch gesellschaftlich. „Das sind die krassesten Jahre, die ich kenne: die 90er.“

Marković ist 1980 in Belgrad geboren und lebt seit 2006 in Wien. Sie hat die 90er in der Heimat erlebt, die Krisenjahre, vor allem aber den Kosovokrieg 1999. In ihrem Buch geht es auch um diese verschissene Zeit, die Marković geprägt hat – ein Wissenschaftler will den Ausbruch der Jugoslawien-Kriege verhindern und hat glücklicherweise eine Zeitmaschine parat. Aber etwas geht schief. Mehr sei hier nicht verraten.

Im „phil“ ging es aber nicht um den Krieg. Im „phil“ las Marković ein paar Stellen, die ihr gefielen, sagte sie. Sie lächelte, ja, lachte viel an diesem Abend beim Vorlesen – es war mitreißend, ihr die Freude am eigenen Text so deutlich anzusehen. Wie sie die serbische Jugend treffsicher beschrieb, begeisterte das Publikum – jede*r hatte die Figuren vor Augen, wenn sich Halbstarke auf den Straßen von Belgrad treffen und sich gegenseitig nur zuraunen: „Was?“ „Was?“ „Was?“ „Was?“ Das dritte und vierte „Was?“ jeweils mit einem energisch-mutigen Kinnrecken nach oben. Das, was sich da zwischen den einsilbigen Zeilen abspielt, hat Marković hervorragend beschrieben.

Marković als Spielleiterin

Es fällt auf, dass Marković die Leser*innen im Roman direkt anspricht – wir selber sollen es erleben. Es ist also nicht Vanjas Bruder, sondern „dein Bruder“, und es ist auch „Eure Freundin Kasandra“. Warum? „Ich wollte daraus ein privates Rollenspiel machen, das man selbst erleben kann.“ Wie das Pen-&-Paper-Rollenspiel „Dungeons & Dragons“, nur mit Marković als Spielleiterin. Bei dieser Art von Spielen gibt ein*e Spielleiter*in das Setting vor, alle anderen am Tisch übernehmen jeweils eine Rolle und alle zusammen erleben durch gemeinsames Erzählen eine Geschichte,

Und genauso ist der Roman auch entstanden: durch ein Spiel. „Ich habe das mit anderen gespielt, und es war schwierig für mich, den Text danach in einen Roman zu überführen.“ Wer Tischrollenspiele kennt, weiß, dass dort auch 20 Minuten darüber gesprochen werden kann, ob eine Tür geöffnet werden soll oder lieber nicht. Für einen Roman, und sei er noch so surreal, ginge das natürlich nicht.

Marković geht aber noch einen besonderen Spielzug weiter: In einem Beiheft des Romans, das im hinteren Umschlag steckt, steht die Anleitung für das Rollenspiel von „Die verschissene Zeit“. „Ihr könnt Figuren in dieser Geschichte sein (…) und alles anders machen als im Roman.“ Markovićs Erlebniswelt wird also zum Rollenspiel, zum Roman, zum Rollenspiel. Am Ende ist es eine never ending story?

Barbi Marković: Die verschissene Zeit, Residenz-Verlag, Salzburg und Wien, 2021, 229 Seiten, Taschenbuch, mit Beiheft, 24 Euro, ISBN 978-3701716982, Leseprobe, Spielmaterial

Lesen Sie Gasdanow!

Das Phantom des Alexander WolfEin junger Mann von 16 Jahren erschießt im russischen Bürgerkrieg einen Reiter. Noch Jahre später bedrückt ihn die Erinnerung daran. Doch eines Tages fällt ihm ein Buch in die Hände, in dem genau diese Szene beschrieben steht – aus der Sicht des vermeintlich Getöteten. Hat er überlebt? Der inzwischen erwachsen gewordene Erzähler macht sich auf die Suche nach dem Mann, der offenbar ihr gemeinsames Erlebnis aufgeschrieben hat.

„Das Phantom des Alexander Wolf“ ist eine Entdeckung für deutsche Leser. Der russische Schriftsteller Gaito Gasdanow war Ende der 20er Jahre in Paris einer der hoffnungsvollsten Prosaiker, die die aus Russland emigrierten Literaten zu bieten hatten. Neben Vladimir Nabokov war es der Name Gasdanow, der ähnlich häufig genannt wurde, erst recht nach seinem Debütroman „Abend bei Claire“. Bis heute gilt Gasdanow als einer der wichtigsten Exilautoren des 20. Jahrhunderts.

Allerdings ist er in Deutschland weitestgehend unbekannt geblieben. „Das Phantom des Alexander Wolf“ wurde zum ersten Mal 1947 bis 1948 in der New Yorker Zeitschrift „Nowy Schurnal“ veröffentlicht, ab 1950 erschienen europäische Übersetzungen. Deutschland aber musste bis zum Ende des Jahres 2012 warten, ehe der Hanser Verlag die glänzende Übersetzung von Rosemarie Tietze herausgab. Und zu Recht schreibt Tietze am Ende ihres aufschlussreichen Nachworts: „Höchste Zeit, dass auch für den deutschen Leser das Phantom des Gaito Gasdanow endlich reale Gestalt annimmt.“

„Arbeit von ermüdender Vielfalt“

Der Roman spielt im Paris des Jahres 1936. Der Ich-Erzähler ist russischer Emigrant, der als Journalist sein Geld verdient, obwohl er doch lieber Schriftsteller wäre: „Statt dass ich meine Zeit literarischer Tätigkeit widmete, zu der ich mich hingezogen fühlte, die jedoch gehörigen Zeitaufwand und uneigennützigen Einsatz verlangt hätte, gab ich mich mit Journalismus ab, einer sehr unregelmäßigen Arbeit von ermüdender Vielfalt.“

Seine Suche nach dem Schriftsteller Alexander Wolf gestaltet sich trotz intensiver Recherche schwierig. Erst als er Heiligabend in einem russischen Restaurant einen Mann namens Wladimir Petrowitsch Wosnessenski kennenlernt, kommt er dem Phantom auf die Spur. Denn durch einen wahrhaft erstaunlichen Zufall, den der Leser Gasdanow zu gerne verzeiht, kennt ausgerechnet Wosnessenski den geheimnisvollen Alexander Wolf.

Gasdanows Roman ermöglicht dem Leser eine bemerkenswerte Reise in die Welt des russischen Emigrantenmilieus kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Ganz offensichtlich hat Gasdanow von eigenen Erfahrungen gezehrt. Auch er meldete sich mit fast 16 Jahren freiwillig zum Militär, diente als Soldat auf einem Panzerzug und kam mit 23 Jahren nach Paris, wo er Taxi fuhr und schrieb.

Boxkampf im Halbschwergewicht

Sein Stil im „Phantom des Alexander Wolf“ ist sachlich prägnant, schnörkellos, berichtend, auch in Liebesdingen fast distanziert. Die Beschreibung eines Boxkampfes im Halbschwergewicht zwischen einem Franzosen und einem Amerikaner wird zum hervorragenden Beispiel einer guten Sportberichterstattung.

Gasdanow lässt seinen Erzähler über Leben und Tod, Liebe und Moral diskutieren. Und was ist das für eine herrliche Szene, als der Erzähler von seiner Geliebten aufgefordert wird, Konfekt an Prostituierte zu verteilen! Oft möchte man verzückt mit der Zunge schnalzen, so wunderbar allumfassend ist dieser Roman geraten.

Lesen Sie Gasdanow! Er ist eine Entdeckung, fürwahr.

Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf, Hanser Verlag, München, 2012, 191 Seiten, gebunden, 17,90 Euro, ISBN 978-3446238534