Terror-Thriller auf Verlangen

Deutschland, Griechenland, Zypern, Großbritannien, USA, Afghanistan und Pakistan – das sind die Schauplätze des vielschichtigen und sorgfältig recherchierten Terrorismus-Thrillers „Talib – der Schüler“. Er führt direkt in die Welt eines Mannes, der die Angst des Terrors in Europa verbreiten soll – und in die eines anderen, der den Terror stoppen will. Frank Hartmann hat mit seinem Debütroman eine kluge Analyse der Strukturen und Rekrutierungsmechanismen von Organisationen wie Al-Kaida und dem IS geschrieben, die den Leser packt und teilweise raffiniert in die Zwiespältigkeit führt. Ganz nebenbei hat Hartmann mit Vangélis Tsakátos einen griechischen Geheimdienstler erfunden, mit dem man zu gern mal die Kneipen von Athen unsicher machen würde.

Tsakátos (nicht etwa Tsakatós, darauf legt der Mann wert) ist Analyst des US-Geheimdienstes National Security Worldwide (NSW) und gerade nach Athen versetzt worden. Dort soll er die griechischen Behörden bei der Bekämpfung der nationalen Terrorgruppe „Widerstand Hellas“ unterstützen. Die treibt seit Jahrzehnten ihr Unwesen in Griechenland und hat dabei Unterstützer aus allen Bereichen der Gesellschaft.

Schmutzige Bombe bei den Olympischen Spielen

Gleichzeitig gerät rund 6.000 Kilometer entfernt ein junger Mann namens Basim Atwa in Afghanistan in das ausgeklügelte Rekrutierungssystem von Al-Kaida. Wir befinden uns im Jahr 2002, rund ein Jahr nach den verheerenden Terroranschlägen von 9/11 in den USA. Der 23-jährige Basim soll der Welt der Ungläubigen den nächsten Schock verpassen und bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen eine schmutzige Bombe zünden.

Mit welchen zum Teil perfiden und manipulativen Methoden Menschen zu Gotteskriegern gemacht werden, welche persönlichen Erfahrungen einen jungen Menschen aber auch in die Fänge von Terrororganisationen treiben, das schildert Hartmann besonders eindrücklich auf den ersten rund 100 Seiten. Basim verliert mit neun Jahren nicht nur seinen geliebten Vater, sondern auch seine Beine und muss fortan im Rollstuhl sitzen.

Über verschlungene Wege und verschiedenste Orte kommen sich beide Protagonisten immer näher, begegnen und verpassen einander, jeder unterwegs in eigener Mission. Diese unterschiedlichen Lebenslinien, die sich unaufhaltsam aufeinander zubewegen, sind spannend konstruiert, obgleich sie nie konstruiert wirken.

Jahrzehntelange journalistische Erfahrung

Auch sprachlich bewegt sich der Roman auf einem hohen Niveau. Nicht nur hier merkt man dem Werk die jahrzehntelange journalistische Erfahrung des Autors an. Hartmann, dessen halbe Familie aus Griechen besteht und der selbst fünf Jahre in der Nähe von Athen gelebt hat, ist seit 35 Jahren Journalist. Seine Reportagen für große deutschsprachige Tageszeitungen und Magazine führten ihn nach Alaska, Afrika, Indien, Indonesien – und auch Afghanistan. Dort, in der Hauptstadt Kabul, ist vor Jahren die Grund-Idee zu „Talib“ entstanden.

„Talib – der Schüler“ ist derzeit nur als „Book on demand“ erhältlich – einen Verlag für seinen Erstling hat Hartmann bislang nicht gefunden. Viele bekannte Autorinnen und Autoren haben in ihren Anfängen ähnlich gearbeitet, nur für die Schublade oder Freunde geschrieben.

Die Bestsellerautorin Nele Neuhaus zum Beispiel hat 500 Exemplare ihres Erstlings „Unter Haien“ auf eigene Kosten drucken lassen, in der Garage gelagert und dann nach und nach im Kofferraum in die Buchhandlungen gefahren und unter die Leser gebracht. Durch Zufall wurde nach zwei weiteren Büchern „on demand“ eine Vertreterin des Ullstein-Verlags auf ein Buch von ihr aufmerksam. Heute haben die Bücher von Nele Neuhaus allein in Deutschland eine Gesamtauflage von rund fünf Millionen verkauften Exemplaren. Ähnlich ging es E.L. James, der Autorin von „50 Shades of Grey“ (Rezension) oder Lena Späth mit „Beyond Curtains“ (Rezension).

Auch Hartmann hat seine Erfahrungen gemacht. 20 Literaturagenten hat er kontaktiert, nur vier haben sich überhaupt zurückgemeldet. Interesse von Verlagen? Fehlanzeige. Hartmann lässt sich davon nicht beirren. Er sitzt mittlerweile an der Fortsetzung von „Talib“ und macht sich nebenbei im Land mit Lesungen bekannt. Möge an irgendeinem Ort, in irgendeiner Lesung zufällig eine Verlagsvertreterin sitzen und spitze Ohren kriegen. Vangélis Tsakátos muss weiterleben!

Frank Hartmann: Talib – der Schüler, Books on Demand, Norderstedt, 2019, 384 Seiten, gebunden, 22,99 Euro, ISBN 978-3748110354, Leseprobe

Gesucht: Sicherheit

Magnus hat auf einem Internat in Irland sein Abitur gemacht und feilt jetzt an seiner Cambridge-Bewerbung, Carolin wurde von ihrer Mutter mit einem Kochlöffel verprügelt und Luisa hat sich für 13 Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet. Gemein ist ihnen, dass sie im Alter zwischen 18 und 25 Jahren sind und der Generation „Facebook“ angehören. Oder der Generation „Faul“. Oder wie auch immer diese jungen Menschen bezeichnet werden, die herangewachsen sind und unsere Gesellschaft zukünftig mitbestimmen werden. Die beiden jungen Autorinnen Anne Kunze und Katrin Zeug, beide selbst erst Anfang 30, haben in ihrem Buch „Ab 18“ die Geschichten dieser jungen Menschen aufgeschrieben. Mal als Interview, dann als Fließtext, herrlich nah dran und ohne sie bloßzustellen.

Sie erzählen von ihrem Alltag, ihren Träumen und Sorgen. Auffallend ist, dass die meisten dieser jungen Menschen Familien gründen wollen. Richard etwa – mit ihm beginnt das Buch, weil er der Jüngste ist – will vier Kinder haben. Er hat keine Freundin, aber eine Geliebte. Carolin, ebenfalls 18 Jahre, möchte ihre Kinder streng erziehen, „aber vor allem soll mein Kind sehen, dass ich es liebe.“

Aus ihrer eigenen Kindheit erzählt sie, wie ihre Mutter sie mit dem Kochlöffel in die Ecke geprügelt hat und dass sie immer unter ihrer Fettleibigkeit gelitten hat: „Viele Freunde hatte ich nie, ich bin dick, seit ich denken kann. In der Schule wurde ich sehr stark gemobbt. (…) Einmal ist einer, als ich mit dem Bus nach Hause gefahren bin, hergekommen und hat mir eine Stecknadel in den Bauch gesteckt, um zu sehen, ob der platzt.“ Familie zu haben, das spielt für sie eine große Rolle. Manche von ihnen telefonieren täglich mit ihren Eltern, halten immer noch große Stücke auf deren Ratschläge und wollen in der Zukunft ihren Kindern eine glückliche Familie bieten, auch wenn einige von ihnen selbst keine glücklichen Erinnerungen an die eigene Kindheit haben.

Die beiden Autorinnen sind durch ganz Deutschland gefahren, haben Offiziersanwärter in einer Kaserne getroffen, eine Punkband in ihrem Proberaum besucht, eine zum Islam konvertierte Frau beim Fastenbrechen der muslimischen Jugend in Berlin begleitet und einen jungen Fotografen auf seiner Finissage seiner Ausstellung auf der Reeperbahn interviewt. Es geht um Moral, Religion und Wertevorstellungen. Um Ehrgeiz, Facebook und den täglichen, prüfenden Blick in den Spiegel. Viele wissen genau, was sie wollen. Und die meisten von ihnen streben vor allem nach Sicherheit.

Sandra etwa. Sie ist 22, studiert BWL im zweiten Semester und sagt: „Ich wünschte, jemand würde mir sagen, was ich machen soll. Irgendeine Sicherheit. Wenn ich an meine Zukunft denke, bekomme ich Beklemmungen: Ist das richtig, was ich mache? Soll ich lieber abbrechen und eine Ausbildung als irgendwas machen?“ Wie ein Kommentar darauf klingt eine Äußerung der 22-jährigen Tuğba: „Wir wissen in unserer Generation: Der Zeitpunkt, zu dem wir uns sicher fühlen, wird niemals kommen. Deswegen wollen wir flexibel sein, in jedem Moment unseres Lebens Glück finden und suchen, genießen und glücklich sein, man kann das nicht hinausschieben. Vielleicht kann man aber versuchen, mit weniger auszukommen.“

Die Autorinnen erklären ausdrücklich in ihrem Vorwort, dass die Geschichten keine Fallstudien und keine Exempel seien, sondern nur verrieten, wie es ist, heute in Deutschland erwachsen zu werden. Das gelingt. Das gelingt ganz wunderbar. Vielleicht auch deshalb, weil die Autorinnen vor allem Menschen gesucht haben, die sie aufgrund ihrer Tätigkeit oder ihrer besonderen Situation interessiert haben. Anderen sind sie ganz zufällig begegnet oder haben mit Freunden von Freunden gesprochen. Entstanden ist eine authentische Reportage über die Generation der heute 18- bis 25-Jährigen, die absolut lesenswert ist und Grundlage für Diskussionen bietet. Lesen!

Anne Kunze, Katrin Zeug: Ab 18, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2011, 240 Seiten, broschiert, 16,95 Euro, ISBN 978-3498035570