Leipziger Buchmesse 2014: Henryk M. Broder, Ulrich Wickert und die neuen jungen Autoren Chiles

Kassetten-Freunde: Wolfgang Stockmann (v. l.), Marc Sieper, Andrea Herzog, Björn Akstinat und Moderatorin Anne Künstler.
Kassetten-Freunde: Wolfgang Stockmann (v. l.), Marc Sieper, Andrea Herzog, Björn Akstinat und Moderatorin Anne Künstler.
Im vergangenen Jahr feierte die Kassette ihren 50. Geburtstag. Auf der Leipziger Buchmesse fand sich am Samstag eine Talkrunde zusammen, die über fast ausgestorbene Begriffe wie „Bandsalat“, „Überspielen“ und „Mixtape“ sprechen wollte. Und warum viele der Kassettenfreunde immer einen Bleistift dabei haben.

Die zwei Damen und drei Herren schwelgten in eigenen Kassetten-Erinnerungen. Wolfgang Stockmann etwa zeigte sich zutiefst begeistert, dass er einmal eine im Schnee verloren geglaubte Kassette zwei Wochen später im Tauwetter wiedergefunden habe, die immer noch abspielbar gewesen sei. Andrea Herzog blickte noch weiter zurück: „Ich bin ein Tonbandkind, das zur Konfirmation ein Tonbandgerät bekam – das war ein irrsinniger Erfolg für mich, wenn ein Band nach einem Salat wieder funktionierte, aber auch schrecklich, wenn das Gegenteil der Fall war.“

Die Sache mit dem Bleistift fand dann bei Marc Sieper Erwähnung, der als Kind ein Kassettendeck sein Eigen nannte, das nicht mehr zurückspulen konnte. „Da musste ich dann jede Kassette mit dem Bleichstift bearbeiten, wenn ich die Seite noch einmal hören wollte.“

„Sinnliches Erlebnis des Fortschritts einer laufenden Kassette“

Alle Teilnehmer der Talkrunde erklärten daraufhin ihren Ärger über die Radiomoderatoren, die in die Lieder „quatschten“, während sie zu Hause saßen, um die Songs mitzuschneiden. Der Sinn der Veranstaltung im Forum Hörbuch + Literatur wurde indes immer fraglicher. Als schließlich Andrea Herzog vom „sinnlichen Erlebnis des Fortschritts einer laufenden Kassette“ sprach, das bei einer CD verloren gehe, war es für mich Zeit zu gehen.

Buchvorstellung: Thomas Rietzschel (v. l.), Henryk M. Broder und der Moderator
Buchvorstellung: Thomas Rietzschel (v. l.), Henryk M. Broder und der Moderator
Mit den Worten „Danke, dass Sie nicht bei Roger Willemsen nebenan sind“ begann das Gespräch mit Henryk M. Broder im Sachbuchforum. Der Publizist und Autor stellte sein Buch „Die letzten Tage Europas: Wie wir eine gute Idee versenken“ vor. Ebenfalls eingeladen war der ehemalige Kulturkorrespondent der FAZ, Thomas Rietzschel, mit seinem Buch „Geplünderte Demokratie: Die Geschäfte des politischen Kartells“.

Etwas unglücklich war es wohl, dass für beide Autoren nur eine halbe Stunde Zeit zur Verfügung stand und sich beide nicht widersprachen. So gab es keine Gelegenheit zu einer kontroversen Diskussion. Obwohl die polemischen Thesen der beiden Anlass genug gegeben hätten, blieb auch der Moderator überraschend zahm. Die Veranstaltung gab deshalb zwei Europaskeptikern genügend Raum, ihrem Ärger Luft zu machen und sich gegenseitig hochzuschaukeln.

Broder etwa echauffierte sich darüber, dass Politiker mehr als zwei Wochen über die Verringerung der „Rundfunk-Zwangsgebühr“ gestritten hätten. Das Ergebnis sei eine kleine Ersparnis von 48 Cent. „Dafür gibt es bei Kamps zwei ömmelige Brötchen von gestern.“ Ähnlich fuhr Broder fort.

Rietzschel erklärte später, die Europawahl im Mai diene – wie alle Wahlen – nur der Existenzsicherung der Politiker. „Wir sollen wählen gehen, weil die Angst vor den Nichtwählern haben.“ Broder stieß ins selbe Horn: „Ich bin der gleichen Ansicht: Wir werden alle vier Jahre Opfer von Propaganda, dabei haben wir die Wahlfreiheit.“ Und das bedeute für ihn, nicht wählen zu gehen. Rietschel stimmte unumwunden zu. Leider blieb der Moderator hier stumm und hakte nicht nach. Das Publikum murrte. Schon vorher waren Zwischenrufe laut geworden, weil es vor allem Rietzschel vorzog, die Fragen des Moderators stets nicht zu beantworten.

Henryk M.Broder: Die letzten Tage Europas: Wie wir eine gute Idee versenken, Albrecht Knaus Verlag, München, 2013, 224 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, ISBN 978-3813505672

Thomas Rietzschel: Geplünderte Demokratie: Die Geschäfte des politischen Kartells, Paul Zsolnay Verlag, Wien, 2014, 192 Seiten, gebunden, 16,90 Euro, ISBN 978-3552056756

Mister Tagesthemen: Ulrich Wickert (r.) im Gespräch mit Michael Schneider (stellv. Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung).
Mister Tagesthemen: Ulrich Wickert (r.) im Gespräch mit Michael Schneider (stellv. Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung).
In der LVZ-Arena (Leipziger Volkszeitung) stellte wenig später der frühere Tagesthemen-Sprecher Ulrich Wickert seinen neuen Krimi „Das marokkanische Mädchen“ vor, den fünften Fall für den Untersuchungsrichter Jacques Ricou.

Viel erfuhr das Publikum nicht über das neue Buch, dafür umso mehr über das unterschiedliche Geschichtsbewusstsein des protestantischen Deutschlands im Gegensatz zum katholischen Frankreich. Und dass man in Deutschland keine Krimis schreiben könne: „Wir sind in der Kriminalität nur Mittelmaß – in Italien gibt’s dafür die Mafia, in Frankreich nur die Regierung.“

Wickert ist ein hervorragender Kenner Frankreichs, was er nicht nur durch seine Sachbücher und Krimis unter Beweis gestellt hat, sondern schon als ARD-Korrespondent und dann auch Studioleiter in Paris. Unvergessen ist seine Reportage über den Versuch, zu Fuß den vielbefahrenen Place de la Concorde in Paris zu überqueren.

Wickert schwärmt von den Vorzügen Frankreichs

Der ehemalige Mister Tagesthemen schwärmt auch in Leipzig von den Vorzügen Frankreichs: „In Frankreich erlaubt es die Gesellschaft, dass ihr Präsident François Mitterrand verheiratet war, eine Freundin hatte und mit ihr eine Tochter zeugte. Das wusste jeder, aber niemand sprach darüber. Das finde ich gar nicht so schlecht.“

Die wesentlich dunklere Seite des Nachbarlandes aber lernt man in Wickerts Krimis kennen. In seinem neusten Werk geht es um Korruption, aber auch um eine eventuelle Verbindung zwischen dem ehemaligen Präsidenten Sarkozy und dem libyschen Revolutionsführer Gaddafi. Das alles nimmt seinen Anfang, als auf einem Waldweg bei Paris eine marokkanische Familie erschossen in ihrem Auto aufgefunden wird. Wenig später entdeckt die Polizei Kalila, die sechsjährige Tochter, die das Massaker in einem Versteck überlebt hat.

Wickert kündigte an, das sei nicht der letzte Fall für den Bon Vivant namens Jacques Ricou. „Der nächsten Fall habe ich schon im Kopf“, versprach er.

Ulrich Wickert: Das marokkanische Mädchen, Hoffmann und Campe, Hamburg, 2014, 320 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, ISBN 978-3455403398

Zwei neue junge Autoren Chiles: Nona Fernández und Carlos Labbé.
Zwei neue junge Autoren Chiles: Nona Fernández und Carlos Labbé.
Im Forum International präsentierte die Botschaft der Republik Chile mit Nona Fernández und Carlos Labbé zwei neue junge Autoren Chiles. Fernández‘ ins Deutsche übersetzte Roman „Die Toten im trüben Wasser des Mapocho“ ist bereits im Sommer 2012 erschienen, Labbés Roman „Navidad und Matanza“ gar schon im Herbst 2010.

Die Geschichten in Fernández‘ Roman treiben den Mapocho herunter wie die Abwässer der Stadt. Dunkel, unheilverkündend, dreckig. An den Ufern des Flusses ist einst Santiago de Chile gegründet und erbaut worden. Jetzt erzählt er Geschichten von einem inzestuösen Geschwisterpaar, versklavten Gefangenen, einem selbstmordgefährdeter Historiker oder einem auf der Suche nach seinem Kopf umherstreifenden, enthaupteten Häuptling der Mapocho-Indianer.

Der chilenische Schriftsteller Roberto Bolaño hat über Fernández mal gesagt: „Diese schnörkellose Maßlosigkeit, dieser Mut! Jede einzelne Zeile ist entweder lebensnotwendig oder tödlich, ihr Schreiben gespannt bis zum Äußersten.“ Für den Roman „Die Toten im trüben Wasser des Mapocho“ bekam sie den wichtigesten chilenischen Literaturpreis, den Premio Muncipal de Literatura.

Auch der Roman „Navidad und Matanza“ von Carlos Labbé verknüpft mehrere Geschichten miteinander. Es ist ein Roman im Roman und spielt an der chilenischen Pazifikküste. Labbé ist mit diesem Roman in Chile als vielversprechende neue Stimme in der Literatur gepriesen worden. In Leipzig ruft er die Zuhörer dazu auf, ins Internet zu gehen und mehr Literatur aus Lateinamerika zu lesen, die nicht Mainstream ist.

Nona Fernández: Die Toten im trüben Wasser des Mapocho, Septime Verlag, Wien, 2012, 260 Seiten, gebunden, 20,90 Euro, ISBN 978-3902711090

Carlos Labbé: Navidad und Matanza, Lateinamerika Verlag, 2010, 160 Seiten, gebunden, 19 Euro, ISBN 978-3952296660 (derzeit vergriffen)

Ausgabe Nummer 7: Die LitPop im Neuen Rathaus.
Ausgabe Nummer 7: Die LitPop im Neuen Rathaus.
Am Abend dann stieg im Neuen Rathaus die LitPop, seit sieben Jahren die Messe-Party, auf der Literatur und Pop zusammenfinden. Mehr als 20 Lesungen im Ratsplenarsaal, im Festsaal und im Stadtverordnetensaal sowie Konzerte und Disko in den beiden altehrwürdigen Wandelhallen – das alles ist die LitPop.

Rund 2.500 Menschen feierten bis tief in die Nacht und sahen zuvor Lesungen von Stefan Bachmann, Axel Bosse, Greta Taubert, Sulaiman Masomi & Jan Philipp Zymny, Giulia Enders oder Ralf König. Im Festsaal schlug beim LitPop-Poetry-Slam die Stunde der Wortakrobaten Christian Ritter, Katja Hofmann, Micha El-Goehre und Bleu Broode.

Gegen Mitternacht trat in der Unteren Wandelhalle der deutsche Rapper Alligatoah zu einem kurzen Konzert auf, begleitet von der Leipziger Geschwisterband „Heinrich“ als Vorband. An den Plattentellern sorgten danach DJ und Ex-MTV-Moderator Markus Kavka, Preller und Mr Olsen & Senior Kiez für tanzbare Musik bis in die frühen Morgenstunden.

Seitengang auf der Leipziger Buchmesse 2012 – Die Zusammenfassung

Die Buchmesse in Leipzig ist zu Ende, ich bin wieder in Bielefeld. Auf der Sonderseite des Blogs ist bis Sonntagabend die Zusammenfassung der vier Tage erschienen, jetzt geht der lange Text auch auf der Hauptseite online. Und bald dann wieder eine neue Rezension.

Freitag, 16. März 2012:

Nachdem ich am Donnerstag den ersten Tag der Leipziger Buchmesse frühzeitig abbrechen musste, weil ich plötzlich krank und schlapp wurde, war ich am Freitag wieder in den Messehallen unterwegs. Davon und von den wenigen Erlebnissen am Donnerstag berichte ich nun.

Pünktlich um 10 Uhr begann am Donnerstagmorgen mit einem Gong die Leipziger Buchmesse 2012. Von dem sagenumwobenen Gong habe ich allerdings nichts mitbekommen, weil ich erst gegen 10.30 Uhr die Messehallen betrat.

Begonnen habe ich mit dem Programm um 11 Uhr bei der Eröffnung des Cafés Europa mit den Preisträgern des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung, Timothy Snyder und Ian Kershaw. Insbesondere Kershaw, der mit seiner zweibändigen Hitlerbiografie für Furore gesorgt hatte, reizte mich. In seinem aktuellen Werk beschäftigt er sich mit der Frage, warum die Deutschen unter Hitler noch weiterkämpften und durchhielten, obwohl sie militärisch schon am Ende waren. Der Besucherandrang zur Eröffnung des Cafés war aber so groß und die Lautstärke der Lautsprecher so gering, dass ich dem Gespräch kaum folgen konnte. Schade.

Selbiges Problem hatte ich wenig später in der LVZ-Autoren-Arena, in der Egon Bahr und Peter Ensikat ihr gemeinsames Buch „Gedächntnislücken“ vorstellten und in deutschen Nachkriegs- und Nachwendegeschichten schwelgten. Für die nächsten Lesungen wusste ich jetzt: Ellbogen ausfahren und einen Platz sichern.

Weniger problematisch dagegen war es, der Lesung von Jan Peter Bremer beizuwohnen. Der Berliner mit dem Krauskopf las aus seinem neusten Buch „Der amerikanische Investor“, das unlängst in der Sendung „Druckfrisch“ von Denis Scheck höchst gelobt wurde.

Ich selbst habe es noch nicht gelesen, habe es aber bereits auf meine Liste der noch zu lesenden Bücher gesetzt. Irgendwann gibt’s also auch dazu mal eine Rezension bei Seitengang. Ein neues Buch, verriet Bremer, sei noch nicht in Vorbereitung. Und er wolle sich damit auch noch Zeit lassen, zumindest bis zur übernächsten Leipziger Buchmesse.

Die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse habe ich dann leider nicht mehr mitnehmen können, weil es mir nicht mehr so gut ging, nachdem ich schon den ganzen Tag mehr und mehr geschwächelt hatte. Der Ordnung halber: Der Preis der Leipziger Buchmesse 2012 wurde Wolfgang Herrndorf (Belletristik), Jörg Baberowski (Sachbuch/Essayistik) und Christina Viragh (Übersetzung) verliehen. Herrndorf konnte den Preis nicht selbst in Empfang nehmen, sondern Robert Koall, ein enger Freund und Dramaturg seiner Stücke sowie Chefdramaturg am Staatstheater Dresden, übernahm die Rolle für ihn.

Die einzige Lesung von Christian Kracht in der Albertina (alle anderen Messetermine wurden abgesagt) konnte ich am Abend dann auch nicht mehr besuchen. Aber wie man am Freitagmorgen hörte, soll er nur rund eine Stunde gelesen und dann keine Diskussion zugelassen haben, sondern nur signiert.

Der Freitag begann mit einem ausgiebigen Bummel durch die Hallen – ich wollte es nicht übertreiben, nachdem der Donnerstag so frühzeitig für mich vorbei war. Zum ersten Mal sah ich am Stand des Hanser Literaturverlags das erste Buch des Hanser Verlags Berlin, einem neu gegründeten Verlag unter dem Dach des Hanser Literaturverlags. Das erste Programm soll erst im Herbst 2012 erscheinen, das erste Buch aber, so kündigte der Verlag vor rund zwei Wochen an, wurde schon am 16. März veröffentlicht: „Ziemlich beste Freunde“, nicht das Buch zum Film, sondern das Buch, dem der Film zugrundeliegt.

Auf dem blauen Sofa des ZDF war Frank Goosen mit seinem neuen Buch „Sommerfest“ zu Gast. Er las in typisch kohlenpott’schem Slang Auszüge daraus vor und unterhielt sich mit Moderatorin Marita Hübinger über die Kulturlandschaft Ruhrpott und Fußball. Das Ruhrgebiet sei ohne Fußfall nicht denkbar, sagte er und schloss mit einem Plädoyer für den Pott als lebenswerte Region in Nordrhein-Westfalen: „Wir müssen allerdings zusehen, dass die jungen Leute bei uns bleiben und nicht nach Berlin abwandern.“

Am späten Nachmittag schließlich wurde es in der LVZ-Autoren-Arena noch einmal richtig voll. Henryk M. Broder sprach über sein neues Buch „Vergesst Auschwitz!“ Auschwitz sei eine Touristenattraktion, ein „Disneyland des Todes“, das finde er „unerträglich“. Darauf angesprochen, was er denn davon halte, dass die Nationalelf zur Europameisterschaft das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz besuchen solle (der Zentralrat der Juden hatte diesen Vorschlag gemacht, nachdem ein israelischer Fußballspieler des Bundesligisten Kaiserslautern mit antisemitisch angeöbelt worden war): „Das ist eine Schnapsidee, eine billige Nummer, nur damit die Bilder um die Welt gehen“, sagte Broder und kündigte dazu einen Gastbeitrag im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ an, der am Montag (19. März 2012) erscheinen werde.

Aber Broder wetterte auch gegen den SPD-Chef Sigmar Gabriel, der den Umgang Israels mit den Palästinensern mit dem früheren Apartheid-Regime in Südafrika verglichen hatte: „Er hat nicht mehr alle Gurken im Glas!“ Er denke mit einem „sozialdemokatischen Wirrkopf“ und wolle sich nun beim Zentralrat der Juden für koscher erklären lassen, lästerte Broder.

Am Abend schließlich besuchte ich im Cinestar die Lesung von Sarah Kuttner, die natürlich ihren Jack Russel Terrier im Schlepptau hatte. Im ausverkauften Cinestar-Saal begeisterte Kuttner gleich zu Anfang mit der glaubwürdig vorgetragenen Entschuldigung, dass sie ihre diesjährige Lesereise nicht wie sonst in Leipzig begonnen habe, sondern „mit Oldenburg fremdgegangen“ sei. Sie plauderte munter drauf los. Die Lesung selbst kündigte sie mit den Worten an, sie könne gar nicht lesen wie die großen Literaten, mit Augenkontakt und all dem. „Ihr seht diese Augen während der Lesung jetzt also zum letzten Mal“, erklärte sie. Und begann, aus ihrem aktuellen, zweiten Roman „Wachstumsschmerz“ zu lesen – die Geschichte von Luisa und Flo, einem Pärchen über 30, das beschließt, zusammenzuziehen. Es wird viel gelacht an diesem Abend, das macht der kuttnersche Humor, ihr Schreibstil, aber auch die Art, wie sie schelmisch über sich selbst quasselt und dabei allzugern den Faden verliert, um ihn dann aus dem Publikum wieder zugeworfen zu bekommen.

Nach der Lesung stand Kuttner für Fragen der Zuschauer zur Verfügung. Einen dritten Roman werde es solange nicht geben, wwie ihr der zweite „noch nicht auf die Nüsse“ ginge. Und in „Wachstumsschmerz“ würden natürlich auch persönliche Kuttner-Noten stecken. So fände sie selbst Indoor-Klettern ähnlich blöde wie die Protagonistin. Auf die Frage einer Zuschauerin, ob sie schonmal Klettern gewesen sei, hatte Kuttner zunächst nur verstanden, ob sie schonmal bei Schlecker gewesen sei und antwortete dementsprechend verwirrt: „Äh, ja… ob ich schonmal bei Schlecker war? Hast du das wirklich gefragt?“ Lautes Gejohle im Saal. Dann die Richtigstellung. Ja, sie sei einmal mit ihrem Cousin Till geklettert, aber das sei nichts für sie. Und so parierte Kuttner schlagfertig wie immer jede noch so seltsame Frage.

Am Ende durfte auch der Jack Russel Terrier noch ran. Für ein Leckerli zeigte er bereitwillig das einzige Kunststückchen, das er kann: tot umfallen. Sarah schoss mit den Fingern auf ihren Hund, der sogleich auf den Rücken fiel, um dann schwanzwedelnd nach dem Leckerli zu lechzen. Der Applaus war den beiden sicher. Nach einer kurzen Rauchpause signierte Sarah Kuttner schließlich noch all die mitgebrachten oder gerade erst gekauften Kuttnerbücher ihrer Fans. Ein wahrlich gelungener Abend.

Samstag, 17. März 2012:

Der Samstag auf der Buchmesse war – gelinde gesagt – anstrengend. Nicht nur die Menschenmassen, die durch die Gänge strömten und die Stände der Verlage umdrängten – damit war ja zu rechnen -, sondern auch die Cosplayer, die mit ihren Mangakostümen die Glashalle bevölkerten.

Für mich begann der Samstag in der LVZ-Autoren-Arena. Ahnend, dass nicht nur mich der Besuch von Tatort-Kommissar Axel Prahl interessieren würde, stand ich schon etwas früher hinter dem Glasfenster, an dem ich schon Henryk M. Broders Lesung verfolgt hatte. So sah und hörte ich Reste von dem Gespräch mit der Krimi-Autorin Petra Hammesfahr, die ihr neues Buch „Die Schuldlosen“ vorstellte. Von sich selbst sagte die Autorin, sie sei eigentlich keine gute Schreiberin: „Ich kann nur gut lesen und verbessern.“ Wenn sie morgens nach dem Frühstück um zehn Uhr am Schreibtisch Platz nehme, dann lese sie zunächst die Seiten, die sie am Tag zuvor geschrieben habe, und verbessere sie. Außerdem sei sie wohl auch keine gute Krimi-Autorin, denn ihr tue es immer leid, wenn sie Menschen sterben lassen müsse. Der Moderator hakte ein und sagte: „Ich habe vor längerer Zeit hier mit Ingrid Noll gesessen – die liebt es, wenn gemordet wird und Blut fließt. Sie nicht?“

Hammesfahr schüttelte den Kopf und erzählte, sie habe in einem ihrer Romane fast ein ganzes Dorf ausgelöscht. Der Verlag wollte eine Fortsetzung, und weil ihr das Dorf so leid getan habe, habe sie den Überlebenden etwas Gutes auf den Leib geschrieben. „Als der Verlag die erste Fassung las, sagte der: Nein, das kannst du so nicht machen, du schreibst Krimis, da müssen Menschen sterben.“ Aber Hammesfahr argumentierte gegenüber dem Verlag, dass sie schon im ersten Roman so viele Leben ausgelöscht hatte, dass ihr ganz unwohl sei. „Dann lass doch ein paar Menschen zuziehen, hat mein Verlag mir vorgeschlagen.“ Gelächter im Publikum. Geeinigt habe man sich schließlich darauf, dass es die Menschen im Neubaugebiet trifft.

Bisher bin ich die Hammesfahr-Krimis umgangen, nachdem ich eines vor Jahren gelesen und für nicht ansprechend genug befunden hatte. Vielleicht ist es an der Zeit, noch einen Versuch zu wagen. Eine sympathischen Eindruck hat die Autorin jedenfalls hinterlassen. Nicht so sehr allerdings wie Axel Prahl, der nach ihr die kleine Bühne betrat.

Axel Prahl ruft, Nordlicht wie er ist, „Moinsen Leipzig“ in die Runde, als er sich hinsetzt. Menschen zücken Fotoapparate und vornehmlich Handys, die Menge drängelt und schiebt. Prahl: „Kinder, das hier ist eine Lesung, jetzt macht schnell Eure Fotos und dann hört zu, was hier gesagt wird.“ Was gesagt wird? Es geht um den Münster-Tatort, natürlich. Dass Prahl beschämt ist, welche Quote der letzte Münster-Tatort erreicht hat. Dabei war das nicht mal die beste Quote, die er je erreicht hat. „Aber die Leute mögen auch, dass es kein typischer Tatort ist, sondern mehr ein Schlagabtausch zwischen Boerne und Thiel“, sagt Prahl. Ob an den komödiantischen Einlagen lange gefeilt werde, fragt der Moderator. „Oh ja, und wie. Das steht ja alles im Drehbuch. Aber es gab auch schon Ausnahmen, bei denen Jan-Josef und ich überlegt haben, wie eine Szene aussehen könnte“, erzählt Prahl.

Woher das Gerücht denn komme, dass Prahl aus Ostdeutschland sei, will der Moderator wissen. „Das weiß ich auch nicht, aber das ist das schönste Kompliment, was man mir je gemacht hat.“ Relativiert aber dann, dass er noch ein zweites schönes Kompliment bekommen hat, als er im Theater einen kleinen Jungen gemimt hat und nach der Vorstellung ein Schüler zu ihm auf die Bühne gekommen sei und gefragt habe: „In welche Klasse gehst du denn?“

„Und dass ich aus dem Osten komme, stimmt ja auch – ich komme aus Ostholstein“, sagt Prahl und lacht. Dann aber geht’s endlich um seine CD „Blick aufs Mehr“, die er vorstellen will. Damit habe er sich einen Trauim erfüllt. „Ich habe als Jugendlicher natürlich Gitarrespielen gelernt, um am Lagerfeuer mehr Frauen abzukriegen. Aber wenn ich dann mit meinen Freunden am Lagerfeuer gespielt habe, hatten die alle schon eine Frau im Arm und waren am rumknutschen, und zu mir haben sie gesagt: Ach, Axel, spiel doch noch eins.“

Jetzt hat er eine CD aufgenommen, die Texte hat er selbst geschrieben, und ist mit seiner Musik auf Tournee. In seinen Konzerten will er nicht nur Lieder von seiner CD singen, sondern auch Lieblingsstücke anderer Sänger, Rio Reiser zum Beispiel. Wann wird Thiel im Tatort singen? „Nie“, sagt Prahl bestimmt. Die LVZ spielt ein Stück aus Prahls CD ein und der Schauspieler singt aus vollem Halse mit. Dann ist es schnell vorbei, die Massen zerstreuen sich, andere bleiben, weil jetzt der Walser kommt. Ich gehe.

Meinen Kollegen in der Onlineredaktion von nw-news.de habe ich versprochen, mit dem Bielefelder Cartoonisten Ralph Ruthe zu sprechen, der mit einem Video für den deutschen Webvideopreis nominiert ist, und dann einen kleinen Text aus Leipzig zu senden. Also traf ich Ralph Ruthe nach einer seiner Signierstunden in der Glashalle zu einem kurzen Gespräch.

Um 14.30 Uhr präsentierte Zeruya Shalev auf dem Blauen Sofa des ZDF ihr neues Buch „Für den Rest des Lebens“. Sie nennt ihren vierten Roman selbst ihren „optimistischsten und romantischsten Roman“, lässt sich aber im Gespräch mit Wolfgang Herles wenig darauf ein, dass sich auch das Thema Politik in ihrem Roman erstmalig dichter wiederfinde. Es geht natürlich darum, dass Shalev selbst ein Kind adoptiert hat, und auch eine der Hauptpersonen ihres neuen Buches verspürt den unbändigen Wunsch, ein Kind zu adoptieren. Ingeborg Harms hat in der FAZ vom 27. Januar 2012 geschrieben: „(…) eine Adoption mit der Geschichte Israels zu verweben, macht „Für den Rest des Lebens“ zu einem bedeutenden Buch.“

Warum es ein so bedeutendes Buch ist, wird aus dem Gespräch mit Wolfgang Herles leider nicht klar. Es fehlt auch an einer Lesung. So reizt ein mühsam übersetztes Gespräch leider nicht dazu, das Buch auf die „Noch-zu-lesen“-Liste zu setzen. Dafür braucht es mehr Anreize.

Damit hatte sich mein Samstagsbesuch der Messehallen erledigt. Abends sollte noch die großartige LitPop folgen. Dass ich die Messehallen auch am Sonntag nicht mehr sehen sollte, war am Samstag allerdings noch nicht klar. Ursprünglich war geplant, am Sonntag meine Lieblingsverlage abzuklappern und nach Leseexemplaren der Frühlings-Neuerscheinungen zu fragen. Doch aufgrund meines Gesundheitszustandes habe ich am Sonntagmorgen beschlossen, die Leipziger Buchmesse 2012 abzubrechen.

Insofern war die Sputnik LitPop für mich – ohne es zu wissen – die (würdige) Abschlussfeier der Leipziger Buchmesse 2012. Im pompösen Neuen Rathaus von Leipzig stieg auch in diesem Jahr wieder die Party, auf der sich Lesungen und Konzerte treffen. Das Motto der Veranstalter: „Auch junge Leute interessieren sich für Literatur – man muss sie nur entsprechend präsentieren.“ In der Unteren und Oberen Wandelhalle, im Festsaal, im Ratsplenarsaal und im Stadtverordnetensaal lasen unter anderem Steven Uhly, Oliver Geyer, Vince Ebert und Sarah Kuttner und es spielten Max Prosa, Supershirt und Frida Gold.

Für Sarah Kuttner war natürlich kein Platz mehr frei, aber die hatte ich ja bereits am Freitag ausgiebigst gesehen. Stattdessen drängte ich mich in den Ratsplenarsaal, stieg über Beine und Arme und machte es mir auf dem Holzboden bequem. Christiane Hagn hatte gerade ihre Lesung beendet, jetzt kam Oliver Geyer, der aus seinem Roman „Sommerhaus jetzt“ las. Eine Gruppe von Freunden tut sich zusammen, jeder plündert sein Sparbucher, seinen Bausparvertrag oder anderen Sparvertrag, um sich gemeinsam den Traum vom Haus am See zu verwirklichen. Das hat Oliver Geyer tatsächlich erlebt. Und er sagt: „Ich würde es immer wieder tun.“ Auch wenn natürlich längst nicht alles reibungslos geklappt hat, wie man sich vorstellen kann. Geyer seinen Zuhörern am Samstag eine Passage vor, in der nach der Einweihungsparty die Abwasserrohre geplatzt sind. Keine hochtrabende Literatur, aber zumindest vorgelesen urkomisch. Das Buch kommt erstmal auf die „Muss ich mir mal genauer ansehen“-Liste.

Im Anschluss fordert Vince Ebert „Machen Sie sich frei“. Hier wartet manch naturwissenschaftlich aufbereiteter Kalauer, manch interessante Wissensnote. Vince Ebert, Kabarettist und diplomierter Physiker, liest und kalauert vor sich hin und bringt den Saal vor allem mit seinem Homöopathie-Text zum Lachen. Das Buch „Machen Sie sich frei“ ist aber sicher eines der Bücher, die man als Hörbuch vom Autor persönlich eingelesen hören sollte. Nur so wirken seine Pointen wirklich. Für einen solchen Abend ist das sehr amüsant, für Comedy-Fans allemal. Als Buch reizt es mich nicht.

Damit war der Abend der Lesungen vorbei, jetzt kam der Abend der Konzerte und schließlich die Nacht der Partys. Die Obere Wandelhalle war schon rappelvoll, als ich aus dem Ratsplenarsaal kam. Ich suchte mir einen Platz in der Nähe der Wand, hatte (auch aufgrund meiner Größe) einen guten Seitenblick auf die Bühne (ist doch klar: der Blogger von Seitengang braucht den Bühnen-Seitenblick…) und noch genug Freiheit um mich herum. Noch. Denn kaum hatte die Band Frida Gold die Bühne betreten und sich die Türen des Saals geöffnet, in dem Sarah Kuttner gelesen hatte, wurde es höllisch eng. Die Sarah-Kuttner-Fans wollten raus, aber dann doch vielleicht noch ein wenig stehenbleiben und Frida Gold gucken, die Frida-Gold-Fans wollten nur Frida Gold sehen, uns so prallten auf dem Gang um die Obere Wandelhalle herum zwei Gruppen aufeinander. Oder vielmer: sie pressten sich aneinander vorbei. Da ist es von Vorteil, wenn man groß ist, Seitengang-Blogger ist und den Bühnen-Seitenblick hat. Da kann man das Frida-Gold-Konzert nämlich genießen.

Das allerdings war wiederum viel zu kurz. Knapp eine Stunde spielte Frida Gold nur, dann mussten sie Platz machen für eine Band namens „Supershirt“. Ich hab dann auch Platz gemacht und bin in die Untere Wandelhalle gestiefelt, habe ein Bier-Bier getrunken und mich mit allerlei anderem LitPop-Volk rhythmisch zu den Beats auf der riesigen Tanzfläche bewegt. Wenn ich richtig gesund gewesen wäre, hätte ich das bis zum frühen Morgen durchgehalten. So aber musste ich schon bald das Tanzbein ruhig stellen und den Heimweg antreten. Ich dachte ja, ich würde am Sonntag nochmal zur Messe rausfahren.

Sonntag, 18. März 2012:

Wie bereits gesagt: Einen Buchmesse-Sonntag im Jahr 2012 gab’s nicht mehr. Aufgrund meines Gesundheitszustands hab ich davon abgesehen, nochmal zur Messe zu fahren. Das ist mir zwar schwergefallen, aber es war ja nicht die letzte Messe. Für mich war es trotz der gesundheitlichen Strapazen ein echtes Erlebnis. Im nächsten Jahr werde ich wiederkommen, dann gesund sein und bleiben und von meinen Entdeckungen zeitnaher berichten können als in diesem Jahr. Das ist ja alles noch verbesserungswürdig.

Danke für Eure Genesungswünsche, danke, dass Ihr mir gefolgt seid, mich gelesen habt und die Rezensionen meines Blogs in Zukunft vielleicht sogar abonnieren wollt (ja, das geht!).

Ich habe schon die Anfrage bekommen, ob ich auch zur Frankfurter Buchmesse fahre – da kann ich nur sagen: Mal sehen! Ihr werdet es rechtzeitig erfahren. Leipzig jedenfalls ist großartig. Deshalb gilt mein letzter Dank dem Team der Leipziger Buchmesse 2012, das eine großartige Arbeit geleistet hat.

Tschüss, LBM12, und hallo, LBM13!

Von Freitag, 16. März, bis Sonntag, 18. März, gab es auf einer inzwischen gelöschten Sonder-Seite des Blogs die ausführlichen Berichte vom Tag und von den Highlights. Spontane Impressionen, Live-Bilder und Bonmots gab es auf der Facebook-Seite des Blogs und über Twitter.

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