Stolz und Vorurteil

Als sich der Angeklagte zum letzten Wort erhebt, steht auch die Frau auf. Sie zieht die Waffe und schießt. Acht Schuss, acht Treffer. „Hoffentlich ist er tot“, sagt sie noch und lässt sich widerstandslos festnehmen. „Die Wahrheit der Dinge“, der neue Justiz-Roman von Markus Thiele (Debüt: „Echo des Schweigens“), beginnt ungewohnt dramatisch.

Wie schon beim Vorgänger liegen ihm wahre Rechtsfälle zugrunde: Zum einen der von Marianne Bachmeier, einer Mutter, die 1981 im Gerichtssaal den mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter erschoss. Zum anderen das Schicksal des Schwarzen Amadeu Antonio Kiowa, der 1990 in Eberswalde eines der ersten tödlich verletzten Opfer rassistisch motivierter Gewalt in Deutschland wurde. „Die Wahrheit der Dinge“ ist ein bedrückender, anspruchsvoller Roman von unbedingter Aktualität, den man nicht so schnell vergisst.

Hat er Fehler gemacht?

Seit Corinna Maier in seinem Gerichtssaal die Pistole aus der Handtasche zog und den Angeklagten erschoss, rutscht der Strafrichter am Landgericht Hamburg, Frank Petersen, in eine tiefe Sinnkrise. Hätte er die Tat verhindern können? Hat er Fehler gemacht? Seine Frau wirft ihm vor, er habe den Respekt verloren. Allem gegenüber. Seine Chefin widerspricht: „Das hat die Frau nicht dazu veranlasst, den Abzug zu drücken. Sie hat geschossen, weil sie mit keinem anderen Urteil außer dem Tod des Angeklagten einverstanden gewesen wäre. Sie hat sich selbst zum Richter erhoben, weil sie Ihren Spruch nie akzeptiert hätte.“

Ein Akt der Selbstjustiz also. Dass vor Gericht nur Recht gesprochen wird, nicht aber Gerechtigkeit hergestellt wird, fassen Juristen gerne mit dem Satz zusammen, man bekomme nur ein Urteil, keine Gerechtigkeit.

Im echten Fall von Marianne Bachmeier zeigten Menschen damals Verständnis für ihre Tat. Im Roman will Frank Petersen die Frau verstehen, ihre Motive, ihre Gedanken. Als er hört, dass sie ihre Haftstrafe abgesessen hat und demnächst in die Freiheit entlassen wird, fasst er den Entschluss, sie zu treffen. Er beschließt, ihr und sich selbst die Fragen zu stellen, vor denen er bisher die Augen verschlossen hat.

„Sag dem Affenmann, dass er mich nicht anpacken soll“

Eine zweite Zeitebene erzählt von dem Schwarzen Steve Otremba, der 1989 an der Uni Hamburg als Gastdoktor die Bekanntschaft einer jungen Studentin macht. Die beiden verlieben sich, wollen bald heiraten. Doch von Anfang an wird diese Beziehung gesellschaftlich geächtet. Im Linienbus will Steve einem gestürzten Betrunkenen aufhelfen, reicht ihm dazu die Hand. Der aber lallt nur: „Ey, Blondie, sag dem Affenmann, dass er mich nicht anpacken soll.“ Keiner der anderen Fahrgäste reagiert, der Busfahrer fährt beharrlich weiter. Steve nimmt’s mit Humor, klettert auf einen Sitz, mimt den Affen. Der Bus hält an. Der Fahrer wirft Steve aus dem Bus. Die Fahrgäste bleiben stumm.

Es ist auch das Jahr 1989, als in der Bäckerei neben Mandelhörnchen und Himbeertorte auch Blechkuchen verkauft wird mit Vanillepudding und schwarz-brauner Schokoglasur. Das nennt sich dann Nigeria-Platte.

Der Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland beunruhigen Steve scheinbar nicht. 1990 zieht der Mediziner für sein praktisches Jahr nach Eberswalde (Brandenburg). Wenig später ist er tot. Neonazistische Skinheads haben ihn und zwei weitere Schwarze auf der Straße angegriffen. Steve ist so schwer verletzt, dass er ins Koma fällt, aus dem er nicht wieder erwacht.

Thiele glänzt einmal mehr mit seiner Art zu schreiben

Der selbst als Rechtsanwalt praktizierende Autor Markus Thiele führt beide Fälle raffiniert und glaubwürdig zusammen, und doch steht jeder Handlungsstrang für sich selbst. Wie schon in seinem Debütroman glänzt Thiele einmal mehr mit seiner Art zu schreiben. Seine feinfühligen Personenbeschreibungen und seine Beobachtungsgabe für die poetischen, kleinen Momente des Lebens zeugen von seinem Können.

Thiele beweist, dass Juristen nicht nur staubtrockene Gesetzestext-Wälzer oder unverbindliche „Kommt drauf an“-Schwadronierer sein müssen, sondern gute Romanciers sein können. Im Gegensatz zu seinem Erstling „Echo des Schweigens“ über den Strafverteidiger Hannes Jansen hat er sich diesmal thematisch zurückgenommen und nicht versucht, möglichst viele Sujets zwischen zwei Buchdeckel zu pressen.

Leider ist die Figur des zweifelnden Richters im Grenzgebiet von Recht und Schuld nicht eine so ans Herz wachsende Rolle wie die des verschuldeten und schwer verliebten Hannes Jansen, der zwischen Gesetz und Moral steht. Das mag aber auch an der Persönlichkeitsstruktur des Richters liegen, den Thiele analytisch als authentisch leidenschaftlichen, aber eigenwilligen Juristen zeichnet. Wo Hannes Jansen noch gefallen will, hat Frank Petersen das nicht mehr nötig.

Markus Thiele weiß, was er tut. Ihm ist mit „Die Wahrheit der Dinge“ einmal mehr ein kluger Roman gelungen, spannend und anrührend geschrieben, mit einer klaren Meinung, aber ohne belehrend zu sein. Nachdenklich stimmend und sehr empfehlenswert!

Markus Thiele: Die Wahrheit der Dinge, Benevento Verlag, Wals bei Salzburg, 2021, 240 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 22 Euro, ISBN 978-3710900938, Leseprobe

Seitengang dankt dem Benevento-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Wenn ein Kind zum Mörder wird

Das Kind das tötetWenn der Brite Simon Lelic ein Buch schreibt, kann man sicher sein, dass es ungewöhnlich ist und umstrittene Themen anpackt. Sein Debütroman „Ein toter Lehrer“ befasste sich mit einem Lehrer, der in seiner Schule Amok läuft. In seinem neuesten Streich („Das Kind, das tötet“) erzählt er von einem Anwalt, der einen 12-jährigen mutmaßlichen Mörder verteidigen will. Was die Gesellschaft vom Ideal eines fairen Verfahrens für jeden Angeklagten, gleich seiner ihm vorgeworfenen Tat, hält, führt Lelic eindrucksvoll vor Augen.

Der Geschichte liegt ein Fall aus Englands Justizgeschichte zugrunde: Im Jahr 1993 entführen die beiden Zehnjährigen Jon Venables und Robert Thompson im Einkaufszentrum von Liverpool den erst zwei Jahre alten Jamie Bulger. Eine Videokamera filmt, wie die drei zusammen das Gebäude verlassen. Es sind die letzten Bilder des lebendigen Jamie. Rund drei Stunden später ist er tot. Misshandelt und schließlich von einem Zug überrollt.

Auch Felicitas Forbes muss bis zu ihrem Tod Schreckliches erleiden. Die 11-Jährige in Lelics Roman wird von ihrem Mörder schwer misshandelt, sexuell missbraucht und anschließend in einem Fluss ertränkt. Daniel Blake, „Das Kind, das tötet“, wird wenige Zeit nach der Tat gefasst. Genauso erging es auch damals Jon Venables und Robert Thompson. Und in beiden Fällen folgt eine Hexenjagd sondergleichen.

Wohltuende Überzeugung für Moral und Gerechtigkeit

Für den jungen Anwalt Leo Curtice ist der Anruf, ob er die Pflichtverteidigung im Fall Blake übernehme, wie ein Sechser im Lotto. Er wittert die große Chance, endlich erfolgreich zu sein. Mit großem Ehrgeiz und einer wohltuenden Überzeugung für Moral und Gerechtigkeit macht er sich an die Arbeit, muss aber an mehreren Fronten gleichzeitig kämpfen.

Denn die Öffentlichkeit und die Medien gehen wenig zimperlich mit seinem Mandanten um. Die Gazetten des Landes machen Daniel Blake zu einem Monster, dem kein Recht auf eine Verteidigung gestatten werden dürfe. Leos Tochter Ellie wird in der Schule zunehmend gemobbt und eines Tages sogar mit roter Tinte überschüttet. Die Harmonie in der Familie hängt an einem dünnen Faden, denn auch Leos Frau Meg, die selbst öffentlich beschimpft wird, hat immer weniger Verständnis für sein Engagement in diesem Fall.

Als Leo die ersten Drohbriefe bekommt, ist das der Anfang vom Ende. Er verheimlicht sie. Stattdessen baut er weiter an seiner Verteidigungslinie und versucht, Daniels Vertrauen zu erlangen, der bislang geschwiegen und nichts zu seinen Beweggründen gesagt hat. Auch darum geht es in Lelics Roman: Die Ahnung dafür zu bekommen, was diesen kleinen Jungen dazu gebracht hat, eine 11-Jährige zu ertränken. Eine Ahnung, mehr nicht.

Die Geschichte in der Geschichte

Ausdrücklich muss bei diesem Buch gewarnt werden, dass es sich dabei nicht um einen Krimi oder einen Thriller handelt. Dies ist ein Roman. Und er ist beileibe nicht immer leicht zu lesen, weil Lelic gerne auch die Geschichte in der Geschichte erzählt. Jene über Daniels Familie und die Ohnmacht der Mutter und des Stiefvaters, mit den Geschehnissen umzugehen. Auch jene über die Gefahr des Auseinanderbrechens einer Ehe. Oder eben jene dramatische Geschichte einer Tochter, Leos Tochter Ellie, die plötzlich verschwindet. Als Folge der Drohbriefe? Als Racheakt?

Lelic schreibt das alles gekonnt auf, ohne dabei in reißerische Darstellungen zu verfallen. Seine klare Untersuchung der Ereignisse ist trotzdem nahegehend und aufwühlend. Und so ist Lelics drittes Buch einmal mehr ein empfehlenswertes Werk geworden. Dass der Droemer Verlag den wesentlich zurückhaltenderen Original-Titel „The Child Who“ geradezu marktschreierisch mit „Das Kind, das tötet“ übersetzt und veröffentlicht, ist jedoch nicht zu verstehen.

In der britischen Tageszeitung „The Guardian“ stellte der Kulturredakteur die Frage: „Könnte dieses Buch Lelics absoluter Durchbruch sein?“ Und antwortete selbst: „Verdient hätte er es.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Simon Lelic: Das Kind, das tötet, Droemer Verlag, München, 2013, 350 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, ISBN 3426199435, Leseprobe