Es war einmal – verschollen

Es ist wieder diese Zeit angebrochen, in der sich manch Familie in der Stube um den großen Ohrensessel sammelt, und jemand aus ihrer Mitte aus alten Büchern vorliest. Währenddessen prasselt ein Feuer im Kamin, und draußen ist es unwirtlich, stürmisch und kalt. In der Anderen Bibliothek sind jetzt die „Verschollenen Märchen“ von Johann Wilhelm Wolf in einem feinen Extradruck erschienen, die sich vortrefflich für solche Stunden eignen. Zum Lesen und Vorlesen – ein wahrlich hinreißender Genuss!

Märchen sind im deutschsprachigen Raum vornehmlich mit den Brüdern Grimm verbunden. Deren berühmte Sammlung der „Kinder- und Hausmärchen“ dürfte in vielen Bücherregalen zu finden sein. Als Jacob und Wilhelm Grimm im 19. Jahrhundert schon die ersten Auflagen unters Volk gebracht hatten, machte sich in Hessen auch ein bis heute weitgehend unbekannt gebliebener Mann namens Johann Wilhelm Wolf auf, um seinerseits Erzählungen von gar wundersamen Begebenheiten zu sammeln.

„In Darmstadt war nichts zu gewinnen“

„In unserem Wohnort Darmstadt war natürlich (…) nichts zu gewinnen, darum zogen wir in den Odenwald, um dort in der noch weniger von der sogenannten ‚Aufklärung‘ und dem ‚Fortschritt‘ angesteckten Bevölkerung die frisch duftenden Blüthen zu lesen“, schreibt Wolf in seiner Vorrede.

Das Material für seine „Deutschen Hausmärchen“ trug er mit seinem Schwager, dem in Darmstadt stationierten Lieutenant und Millitärschriftsteller Wilhelm von Ploennies, Sohn der Dichterin Luise von Ploennies, zusammen. Sie befragten die Soldaten der Kompanie, besuchten die Spinnstuben des Odenwaldes und die Wirtshäuser an der Bergstraße. Und allerorten erzählten die Menschen ihnen ihre Geschichten. Darunter die „von einem Pfarrer, der zu kräftig predigte“, von der „Schlange im brennenden Wald“, den „13 verwünschten Prinzessinnen“, „von der schönen Schwanenjungfer“ sowie jene über „die eisernen Stiefel“. Die beiden letzten lobt Wolf in seiner Vorrede als „zwei der schönsten Märchen“.

Puff! Aus der Traum!

Die Geschichte von der Schwanenjungfer, ausgearbeitet von Wilhelm von Ploennies, erzählt von einem jungen Jägerburschen, dem auf der Pirsch eine „wunderherrliche Jungfrau“ begegnet, die ihr Leben jedoch als Schwan fristen muss. Um sie zu erlösen, soll der Jäger jeden Sonntag ein Vaterunser für sie beten und nie wieder von ihrer Schönheit sprechen. Das alles gelingt ihm recht prächtig, bis er die Prinzessin von Frankreich heiraten soll – und die Ehre einem anderen Mann zubilligt.

Da wünscht der König zu erfahren, warum der Jäger seine Tochter verschmäht. Und der erzählt kurzerhand von seiner Braut, die noch tausendmal schöner sei als die Prinzessin. Puff! Aus der Traum! Um die Schwanenjungfer dennoch zu erlösen, muss der liebestolle Jäger jetzt noch viel härtere Prüfungen überstehen und seine Braut auf dem gläsernen Berg und in der finsteren Welt suchen gehen. Er macht Bekanntschaft mit den Klauen des Vogels Greif und erleidet während dreier Nächte manche schauderliche Pein.

Gelebte Wortschatzpflege

Die Andere Bibliothek hat die Märchensammlung glücklicherweise nicht in den Duktus der Jetztzeit übertragen, wie viele Verlage derzeit Klassiker neu zu beleben versuchen, sondern sie im Urzustand belassen. Wir können also Wörter lesen, die der „Verein deutsche Sprache“ (früher: „Verein zur Rettung der deutschen Sprache“) vermutlich schon auf die Rote Liste gesetzt hat. Dieses Märchenlesen ist also auch gelebte Wortschatzpflege.

Dazu hat der Verlag das Buch gewohnt bibliophil editiert. Ein bezaubernd gestalteter Leineneinband schmeichelt der Hand, die ihn hält, und den Augen, die ihn betrachten. Schon hier begegnen wir dem ersten Schwan. Er trägt die Krone, die wir auch über dem Titel jedes Märchens wieder aufgegriffen sehen. Und mit dem farblich passenden Lesebändchen findet der Vorleser gleich zur zuletzt vorgetragenen Seite zurück.

Gestaltet hat das alles die Berliner Typografin Manja Hellpap, die für die Andere Bibliothek bereits mehrere Werke bearbeitet hat. Darunter findet sich unter anderem Selma Lagerlöfs „Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden“. Bereits 1988 hatte der Verlag die „Verschollenen Märchen“ als limitierte Ausgabe und im Schuber veröffentlicht. Da die Ausgabe jedoch inzwischen vergriffen ist, war es an der Zeit, dass Wolfs Märchen erneut gedruckt wurden. Solche Sprache, solch ein Schatz darf nicht verschollen sein!

Johann Wilhelm Wolf: Verschollene Märchen, Die Andere Bibliothek, Berlin, 2016, 348 Seiten, gebunden, Lesebändchen, 16 Euro, ISBN 978-3847740322

Die düstere Bibliothek des Herrn Murakami

Die unheimliche BibliothekAch, würde es doch mehr Jugendliche geben wie diesen Jungen aus Haruki Murakamis Erzählung „Die unheimliche Bibliothek“, die endlich auf Deutsch erschienen ist, kunstfertig von Kat Menschik illustriert. Eifrig leiht der kleine Mann Buch um Buch aus der Stadtbibliothek aus und findet seine Antworten abseits der Internetsuchmaschinen. Nur die fürchterliche Erfahrung im Keller der Bibliothek wünscht man sich für keinen Heranwachsenden. „Die unheimliche Bibliothek“ ist eine lesenswerte Erzählung, in der die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen.

Der kleine Junge ist sicherlich nicht der typische Jugendliche der heutigen Generation. Von Google scheint er glücklicherweise noch nichts gehört zu haben. Stattdessen stillt er seinen Wissenshunger in den Büchern einer Bibliothek, die mit den wundersamsten Werken bestückt ist. Weiß er etwas nicht, besucht er stets die Stadtbücherei, um es herauszufinden. Das war schon immer so. „Schon von klein auf“, erzählt er. Als er sich eines Tages auf dem Weg nach Hause fragt, wie man damals im Osmanischen Reich eigentlich die Steuern eintrieb, muss er auch diese ungewöhnliche Frage gleich beantwortet wissen, findet er.

In den Untiefen der Bücherei trifft er schließlich auf einen Bibliothekar, der dem perfiden Horror einer Gebrüder-Grimm-Hexe in nichts nachsteht. Er gaukelt dem Jungen vor, ihn zum Lesesaal zu bringen. Tatsächlich aber führt er ihn durch ein unterirdisches Labyrinth in ein Kellerverlies, wo er den Jungen einen Monat lang eingesperrt lassen will, bis dessen Gehirn vor lauter angelesenem Wissen groß und schmackhaft geworden ist.

Die Ängste eines Heranwachsenden

Doch ein freundlicher Schafsmann und ein wunderschönes, aber stummes Mädchen verhelfen dem Jungen zur Flucht. Dabei bleibt stets die Frage: Wo hört der Traum auf und wo beginnt die Realität? Oder beruht alles auf einem Albtraum? Murakamis Erzählung jedenfalls gruselt den Leser mächtig, sofern er sich darauf einlässt, weil er das Kindsein noch nicht verlernt und die Ängste eines Heranwachsenden noch nicht vergessen hat.

Dass ein Hort des Wissens mit solchen Schrecken aufwarten kann, zeigt sehr malerisch die Angst, sich auch in einer vertrauten Umgebung letztlich nicht hundertprozentig sicher fühlen zu können. Doch so schrecklich die Erfahrung für den Jungen ist – hätte er eine Internetsuchmaschine benutzt, wäre er um sein wohl größtes Abenteuer gebracht worden. Und er hätte niemals das wunderschöne Mädchen kennengelernt. Das Ende jedoch, soviel sei verraten, ist ausgesprochen rätselhaft. Wer mit offen bleibenden Fragen am Ende eines Buches nicht umgehen kann, sollte deshalb besser die Finger von diesem Büchlein lassen.

Das Wort „Büchlein“ meint in diesem Fall die Lesemenge, denn „Die unheimliche Bibliothek“ ist ein gutes Beispiel für den Wert von Büchern. Nur 64 Seiten umfasst die Erzählung, 20 davon zeigen die ganzseitigen und düsteren Illustrationen der Berliner Zeichnerin Kat Menschik. Das gebundene Buch kostet 14,99 Euro – wer da Geld durch Seitenzahl teilt, hat keinen Sinn für bibliophile Ausgaben. Denn der Verlag DuMont legt hier eine wirklich herrliche Edition vor: Die Illustrationen, das hochfeine Papier, das Lesebändchen, der würdige Umschlag – das alles macht die Erzählung zu einem wahren Leseerlebnis.

Mit aktuellem Wälzer in aller Munde

Dass Murakami, der derzeit mit seinem aktuellen Wälzer „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ in aller Munde ist, auch solch kurze Geschichten famos erzählen kann, hat er schon in zwei vorangegangenen Erzählungen bewiesen. Auch „Die Bäckereiüberfälle“ und „Schlaf“ sind beide in ähnlich opulenter Aufmachung und ebenfalls von Kat Menschik illustriert im DuMont-Buchverlag erschienen.

Murakami ist nach wie vor ein Anwärter auf den Literaturnobelpreis. Auch sein neuestes Werk wird schon wieder als meisterhaft gefeiert. „Die unheimliche Bibliothek“ wirkt da fast wie eine Schreibspielerei. Die ist jedoch nicht minder faszinierend.

Haruki Murakami: Die unheimliche Bibliothek, DuMont Buchverlag, Köln, 2013, 64 Seiten, 20 farbige Abbildungen, Lesebändchen, gebunden, 14,99 Euro, ISBN 978-3832197179, Leseprobe