„Der nasse Fisch“ als bildgewaltiges Comicstück

Am 13. Oktober beginnt endlich die wohl am meisten erwartete deutsche Fernsehserie: „Babylon Berlin“, ein gigantisches Projekt, das nicht nur Unsummen von Geld gekostet, sondern auch drei Regisseure, Dutzende bekannte Schauspieler und Tausende Komparsen beschäftigt hat. Grundlage für die Serie sind die grandiosen Kriminalromane von Volker Kutscher („Ein nasser Fisch“), die im Berlin der Zwanziger- und Dreißigerjahre spielen. Fans von Graphic Novels sei jedoch auch ganz besonders die Adaption von Arne Jysch ans Herz gelegt. Der deutsche Comic-Zeichner ahmt nicht bloß die Vorlage nach, sondern findet seinen ganz eigenen Schwarzweiß-Dreh.

Im März 1929 steigt der junge Kommissar Gereon Rath in Berlin aus dem Zug, um seine neue Stelle bei der Sittenpolizei anzutreten. Er hatte Köln nach einer unrühmlichen Geschichte verlassen müssen und war mit dem Vitamin B seines alten Herrn in die deutsche Hauptstadt gekommen. Viel Zeit, dem Leser seine Vorgeschichte zu erzählen, bleibt ihm jedoch nicht. Der nächtliche Besuch eines wütenden Russen bringt ihn leicht verletzt in ein amouröses Abenteuer mit seiner Hauswirtin, und die erste Ermittlung folgt auf dem Fuße.

Eine Pornofotogesellschaft und eine Leiche im Kanal

Der Vormieter hat die Miete geprellt und der noch unbedarfte Gereon Rath an einem Sonntag im pulsierenden Berlin nichts Besseres zu tun, als ein paar Erkundigungen einzuholen. Derweil wird aus dem Landwehrkanal eine Leiche gefischt, die Sitte hebt eine Pornofotogesellschaft aus, und der junge Kommissar lernt die teilweise illegalen Methoden seines Chefs kennen. Nicht nur deshalb will Gereon Rath lieber zur Mordinspektion am Alexanderplatz, wo der legendäre Kriminalkommissar Ernst Gennat die Geschicke lenkt. Als der im Fall der Kanalleiche einfach nicht vorankommt, werden auch andere Inspektionen hinzugezogen. Und plötzlich erkennt Rath, dass er einen entscheidenden Wissensvorsprung hat: er kennt den Toten aus dem Landwehrkanal.

Arne Jysch versetzt den Leser durch die Darstellung von Mode, Interieur und Zeitgeist sehr direkt und unmittelbar in die Jahre der Weimarer Republik. Wir erleben Straßenkämpfe zum 1. Mai, tummeln uns in Bars und Spelunken und vernehmen immer wieder Andeutungen auf das Erstarken der Nationalsozialisten. Es fällt auf, wie detailreich seine Bilder sind, und wie akribisch er recherchiert hat – bis in die kleinste Requisite.

Gekonnte Arbeit mit Schattierungen

Im Anhang des Buches gibt Jysch einen kleinen Einblick in die thematisch weitgefächerte Auswahl der Literatur und Bildbände, die er dafür benutzt hat. Darunter Bücher über die Tanzdielen und Vergnügungspaläste, über Mode, Politik und Erotik. Die Folge davon: Jysch hat ein bildgewaltiges Comic-Stück entworfen, das oft selbst wie ein Bildband wirkt. Er arbeitet gekonnt mit Schattierungen und schafft damit eindringliche Stimmungen.

Vier Jahre hat er daran gearbeitet. Er hat den „nassen Fisch“ von Volker Kutscher nicht nur um die Hälfte gekürzt und Figuren und Seitenstränge aus dem Plot entfernt, sondern ihn gleich auch noch neu strukturiert. Kutscher erzählt auktorial aus mehreren Perspektiven, in Jyschs Version erleben wir die Geschichte nur aus Sicht von Geroen Rath.

„Änderungen ohne Murren akzeptiert“

„Volker Kutscher danke ich (…) dafür, dass er meine Änderungen an seiner Geschichte ohne Murren akzeptiert hat“, schreibt Jysch am Ende des Buches. Fürwahr, möchte man ihm beipflichten. Denn so ist ihm eine wahrlich beachtenswerte Bearbeitung mit scharfem Blick auf die Zeit von politischer Unwägbarkeit und rauschhaften Exzessen gelungen. Und ein ganz anderer „nasser Fisch“.

Arne Jysch: Der nasse Fisch, Carlsen Verlag, Hamburg, 2016, 216 Seiten, gebunden, 17,99 Euro, ISBN 978-3551782489, Leseprobe, Buch-Trailer

Seitengang dankt dem Carlsen-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.