Gone Girl zum Zweiten

Girl on the TrainWie konnte „Girl on the Train“ nur ein Bestseller werden? Es erinnert an allen Ecken und Kanten an Gillian Flynns Bestseller „Gone Girl“, kann aber mit dem Vorbild an Raffinesse und Spannung überhaupt nicht mithalten. Hintergründig betrachtet, ist „Girl on the Train“ das Produkt einer perfekten Werbemaschinerie. Immerhin aber gelingt der Autorin Paula Hawkins bei der Protagonistin des Romans die vortreffliche Darstellung einer alkoholkranken Frau.

Jeden Morgen fährt Rachel mit dem Zug nach London, und jeden Morgen hält der Zug an derselben Stelle auf freier Fläche an. Dann geht ihr Blick zum Fenster hinaus und hinüber zur Wohnsiedlung, die direkt an die Bahngleise grenzt. Früher hat sie dort auch gewohnt, mit ihrem Mann, glücklich, in der kleinen Vorstadtidylle. Jetzt wohnt eine neue Frau bei ihrem Ex-Mann, sie haben ein kleines Kind zusammen, und Rachel kommt und kommt nicht los von ihrem Tom, der nicht mehr ihrer ist. Und weil sie das Leben derzeit so deprimiert, sehnt sie sich nach Liebe, Zuneigung, Geborgenheit und projiziert all diese Wünsche auf ein junges Paar, das sie nicht kennt. Sie nennt sie Jess und Jason.

Beide wohnen ebenfalls in der kleinen Wohnsiedlung an den Bahngleisen. Und jedes Mal, wenn Rachels Zug dort halten muss, beobachtet sie das Leben der beiden. Vieles malt sie sich aus, einiges aber kann sie auch aus dem Fenster sehen. Eines Tages bricht das Bild einer perfekten Liebe entzwei, denn Rachel beobachtet eine Szene, die sie in Mark und Bein erschüttert. Wenig später liest sie in der Zeitung von einem Vermisstenfall – daneben ein Foto von ihrer Jess. Für Rachel steht außer Frage, dass sie ihre Beobachtungen nicht für sich behalten sollte und begibt sich nicht nur dadurch in Gefahr.

Nach 32 Seiten drängt sich der Vergleich auf

Das klingt zunächst einmal nach einem soliden Thrillerplot. Nach 32 Seiten aber drängt sich zunehmend der Vergleich mit „Gone Girl“ auf, denn der Roman wird nicht nur aus Rachels Sicht erzählt, sondern auch aus der von Megan, die man bis dahin nur unter dem Namen „Jess“ kennt. Megans Erzählung aber beginnt ein Jahr zuvor und bewegt sich auf das Jetzt zu, während Rachels Erzählstrang linear in der Gegenwart verläuft. Das kennen Leser bereits von „Gone Girl“: Dort ist es der Ehemann, der die Gegenwart erzählt, und aus dem Tagebuch der verschwundenen Ehefrau erfahren die Leser, was zuvor passiert ist. Beide Erzählstränge wechseln sich auch bei „Gone Girl“ immer wieder ab. Doch die Konstruktion des Romans ist nicht die einzige Parallele. Die englischen Romantitel sind in beiden Fällen auch in der deutschen Übersetzung beibehalten worden und klingen zumindest so ähnlich, dass es wohl eher kein Zufall ist. Auch beide Covergestaltungen ähneln sich in Farbe und Typographie.

Der Verlag Blanvalet, der zur Verlagsgruppe Random House gehört, hat zur Veröffentlichung eine große Werbekampage gefahren, die ihre Wirkung offensichtlich nicht verfehlt hat, denn auch in Deutschland kletterte das Buch in den Bestsellerlisten nach oben. Besucher der Bertelsmann-Party 2015 in Berlin fanden in ihren Überraschungstüten ein Exemplar von „Girl on the Train“ – ein geschickter Werbe-Schachzug, um das Buch auch unter den Promi-Multiplikatoren zu verbreiten. Doch kann man das Bertelsmann und Blanvalet wirklich vorwerfen? So funktioniert die Buchbranche nun mal.

Was man dem Roman jedoch lassen muss, ist die hervorragende und zum Fremdschämen geeignete Darstellung der alkoholkranken Rachel. Alkohol ist hier kein Genussmittel mehr, was sich schon daran erkennen lässt, dass sie Gin & Tonic fertig gemischt aus Dosen trinkt. Im Grunde ist Rachel ständig sturzbetrunken und weiß oft am Morgen nicht mehr, was sie in der Nacht so alles angestellt hat, nachdem sie sich am Laden um die Ecke noch eine Flasche Wein gegönnt hat. Oft hat sie dann ihren Ex-Mann angerufen und gebettelt, dass er sie doch wieder lieben solle. Der aber macht sie stattdessen runter und stürzt sie damit noch weiter in die Abhängigkeitsspirale. Hin und wieder redet sie sich ein, keinen Alkohol mehr zu trinken und sich einen neuen Job zu suchen, doch der Vorsatz hält manchmal wenige Tage, häufig jedoch nur wenige Stunden und ein paar Enttäuschungen, bis sie wieder zum Hochprozentigen greift.

Wer kann ihr glauben?

Alkoholisiert ist sie aber die denkbar schlechteste Zeugin für ein mögliches Verbrechen. Wer kann ihr glauben, wenn sie Träume für die Realität hält und ihr allzu oft eine Alkoholfahne vorausflattert? Paula Hawkins stellt das alles hervorragend und sehr eindringlich dar. Auch den Leser führt sie damit gerne an der Nase herum, so dass durch die verschiedenen Sichtweisen immer mehr mögliche Perspektiven und Tatvarianten ins Spiel kommen. Das ist durchaus gut gemacht.

Was bleibt, ist also eine ganz solide Thrillerhandlung, verbunden mit einer ausgezeichneten Darstellung des Alkoholismus. Von Paula Hawkins darf man sicher noch mindestens einen weiteren Roman erwarten, denn die in Simbabwe aufgewachsene Autorin wird wohl gerne an ihren Erfolg anknüpfen wollen. Hawkins arbeitete fünfzehn Jahre lang als Wirtschaftsjournalistin, bevor sie unter dem Pseudonym Amy Silver mit dem Schreiben von Liebesromanen begann. „Girl on the Train“ ist ihr erster Roman unter ihrem Klarnamen. Die Filmrechte hat sich Dreamworks gesichert, und am 7. Oktober 2016 kommt der Film schon in die amerikanischen Kinos. Die Rolle von Rachel hat die britisch-US-amerikanische Schauspielerin Emily Blunt („Der Teufel trägt Prada“, „Lachsfischen im Jemen“) übernommen.

Paula Hawkins: Girl on the Train – Du kennst sie nicht, aber sie kennt dich, Blanvalet Verlag, München, 2015, 447 Seiten, broschiert, 12,99 Euro, ISBN 978-3764505226, Video-Buchtrailer, Leseprobe

„Jaaa. Weihnachten. Jaja.“

(c) Insel VerlagBereits vor drei Jahren ist im Insel-Verlag das Büchlein „Dezembergeschichten“ erschienen: eine Sammlung von zehn Kurzgeschichten von Peter Bichsel, dem Schweizer Meister der literarischen Kleinode. Es ist Dezember, wir stehen kurz vor dem Weihnachtsfest – keine Zeit eignet sich besser, um dieses famose Buch aufzuschlagen.

Peter Bichsel ist international für seine hervorragende Kurzprosa, aber auch für seine Romane bekannt. In dem nur 60 Seiten umfassenden Bändlein der Insel-Bücherei hat Herausgeberin Adrienne Schneider zehn Texte aus dem großen Werk Bichsels ausgewählt, die thematisch in den Dezember und zur Weihnachtszeit passen. Es sind Geschichten, fürwahr, doch würde Bichsel sie bloß „Kolumnen“ nennen. Einige davon sind auch als solche in der Schweizer Illustrierten erschienen, wo er noch immer publiziert.

Sie erzählen von belauschten Gesprächen in der Eisenbahn, von der Arroganz der Erwachsenen gegenüber Kindern, von Fremdenfeindlichkeit oder auch von Bichsels Großvater und dessen Bananenbaum. Das klingt, abgesehen von der Fremdenfeindlichkeit, in erster Linie sehr vergnüglich, doch mitunter beschleicht den Leser ein ungutes Gefühl, wabernd und wie Nebelschwaden. Denn Bichsel schreibt nicht nur auf, was er beobachtet oder hört. Er ist nicht bloß Chronist des Alltags, sondern legt den Finger in manche Wunden und drückt dann zu.

Beispielhaft sei hier die erste Kurzgeschichte erwähnt, die den schlichten Titel „Feiertage“ trägt. Hier bemerkt Bichsel nicht ohne Ironie unseren nachlässigen Umgang mit christlichen Feiertagen wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten: „Die Feiertage sind nicht besonders, weil sie uns zur Gewohnheit geworden sind, zu einer noch größeren Gewohnheit als der Alltag.“ Solche Sätze schmerzen, weil sie so wahr sind. Und der Rest stimmt wohl leider auch.

Bichsels Miniaturen sind reizvoll schlicht und lassen sich dennoch nicht hintereinander weglesen. So ist das Bändchen „Dezembergeschichten“ eher ein Buch zum Innehalten und Nachdenken. Weniger zum Nachdenken als zum Stirnrunzeln verführt jedoch eine Passage in der Kurzgeschichte „Die heilige Zeit“, wo sich der Schweizer ordentlich in der deutschen Grammatik vertut: „Eine Geschichte hat seine Zeit, hat einen Anfang und ein Ende, wie das Leben.“ Von wem da die Rede ist, bleibt offen. Möglicherweise meint Bichsel mit dem Pronomen sich selbst und nicht etwa die Geschichte. Wohl eher aber liegt er dem Irrglauben auf, wenn alles seine Zeit habe, habe auch eine Geschichte seine Zeit und nicht etwa ihre.

Lehrerkindern und genauen Lesern fallen solche Fehler sofort auf, andere überlesen sie vielleicht. Allen aber sei trotz des kleinen Fehlers dieses Büchlein ans Herz gelegt, für die Weihnachtszeit ebenso, wie für die Zeit davor und danach. Die Herausgeberin schreibt in ihrem Nachwort, dass in nur wenigen Worten eine „detailgenaue Bichselwelt“ entsteht. Bichsels Antwort etwa auf die Frage, was er an Weihnachten mache, sei lapidar: „Jaaa. Weihnachten. Jaja.“ Mehr nicht. Treten Sie also ein in diese Bichselwelt!

Peter Bichsel: Dezembergeschichten, Insel Verlag, Berlin, 2013, 60 Seiten, gebunden, 8 Euro, ISBN 978-3458193883, Leseprobe