Zeichnung des Künstlers als junger Mann

VenustransitBen Rama ist wirklich nicht zu beneiden: Er arbeitet in einem öden IT-Job und ist damit sehr unglücklich. Seine Freundin wiederum ist unglücklich mit ihm, genervt von seiner stetig trüben Laune und seiner Antriebslosigkeit. Und eigentlich will Ben nur eines: Zeichnen und als Künstler wahrgenommen werden. In „Venustransit“ erzählt der Deutsch-Iraner Hamed Eshrat die anrührende wie mitreißende Geschichte des jungen Berliners Ben, mit viel Drive, Lokalkolorit und feinem Gespür für Kleinigkeiten, die keine Nebensächlichkeiten sind.

Wir befinden uns in Berlin-Kreuzberg, einer der angesagten Kieze. Ben ist ein grauer Mäuserich, der untergeht in der Masse der Kreativen und Hippen auf den Straßen in der Hauptstadt. Er schwelgt und träumt von seiner Zukunft als Zeichner, und weiß dennoch nicht so recht, wie er das eigentlich anfangen soll. Seine Freundin Julia hängt nicht mehr an seinen Lippen, sondern an denen eines Freundes, zunächst nur metaphorisch, später auch real. Denn sie hat genug von Ben, wie er durchs Leben tapert, lethargisch, verbittert gar, und dabei nur nach Aufforderung in der Lage ist, Pfandflaschen wegzubringen.

„Ich kann’s nicht mehr hören, Glück, Glück, Glück! Weiß doch keiner mehr, was das ist“, sagt Ben an einer Stelle. Nein, was Glück ist, das weiß auch Ben nicht. Das muss er suchen und erfahren. Und was so pathetisch und abgedroschen klingt, das gelingt in „Venustransit“ so überragend anders. Seine Freundin Julia trennt sich von Ben, und natürlich folgt auch eine Phase des Herzschmerzes. Er selbst sieht sich in der Rolle des Sisyphos, einer immer wiederkehrenden Szene in seinen Zeichnungen. Eshrat spielt mit den Klischees einer solchen Story, kann den Leser aber dann immer wieder neu überraschen.

Bens Travelerbook als Faksimile

Faszinierend in diesem Zusammenhang ist etwa Bens Reise nach Indien. Die nimmt einen Extrateil des Buches ein, der sich auch zeichnerisch vom Rest abhebt. „Interludium – Die Reise“ ist dieses Kapitel überschrieben. Darin findet sich Bens Travelerbook als Faksimile mit Bordkarten, Visitenkarten von Hotels und Rechnungen von Restaurants, aber vor allem mit vielen Zeichnungen, Entwürfen, Skizzen, die Ben während seiner Reise angefertigt hat. Allein in diesem Teil kann man sich lange aufhalten, in Ruhe den Strichen folgen, seinen Gedanken nachhängen. Und wer genau hinschaut, erkennt auch hier, dass Bens Geschichte zum Teil autobiographisch sein muss.

Eshrat zeichnet nur mit Bleistift und Kohle. Was aber dessen Phantasie entspringt, ist so bunt, dass es dafür keine Farben braucht. Kraftvoll, kontrastreich, und manchmal ganz schön skurril und abstrakt – das ist sein Stil. Reich an Anspielungen ist „Venustransit“ zudem: Als Ben nach einer Nacht im Berghain von einem Käfer begrüßt wird, ist das eine deutliche Hommage an Franz Kafkas „Verwandlung“, aber es kommen auch Rainer Maria Rilke oder Walt Whitmann zu Wort (Kinogänger erkennen vielleicht eher ein Zitat aus dem „Club der toten Dichter“).

Das Berghain wiederum gehört natürlich zur Kategorie Lokalkolorit, wie auch Alis Späti, wo sich Ben mit seinen Freunden Beule und Tim trifft. Gentrifizierung und Bio-Läden, Neubaugebiete und der stetige Wandel der Stadt, das sind die Themen, die wie beiläufig eingestreut werden und dennoch einen zweiten Zugang zu dieser Großstadt-Graphic-Novel erlauben.

In Teheran geboren, in Bünde aufgewachsen

Hamed Eshrat, der 1979 in Teheran geboren wurde und 1986 mit seiner Familie nach Deutschland floh, wuchs in Bünde (Kreis Herford) auf. Nach dem Abitur studierte er Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee sowie an der Massey-Universität in Wellington (Neuseeland). Heute arbeitet er als Designer, freischaffender Künstler und Autor in Berlin und hat damit den Traum verwirklicht, zu dem sein Held aus „Venustransit“ noch unterwegs ist.

In Eshrats erster Graphic Novel „Tipping Point – Téhéran 1979“ hat er die Geschichte seiner Familie während des politischen Umbruchs im Iran der 70er Jahre erzählt. Dieser Comic ist bislang leider nicht auf Deutsch erschienen, sondern nur in Frankreich bei Edition Sarbacane. Das Manuskript von „Venustransit“, Eshrats zweiter Graphic Novel, wurde 2015 unter die zehn Finalisten des Deutschen Comicbuch-Preises der Berthold-Leibinger-Stiftung gewählt.

Wer jetzt noch zweifelt, ist vielleicht nur noch mit Musik zu überzeugen: Viele Künstler haben in Berlin große Inspiration gefunden: David Bowie, Iggy Pop, Lou Reed oder Federico Aubele. Wer Musik liebt und Schallplatten nicht nur als Hype begreift, wird mit „Venustransit“ einen grandiosen Großstadt-Soundtrack lesen. Nur dass Eshrats Arm der Tonarm ist – und sein Bleistift die Nadel.

Hamed Eshrat: Venustransit, Avant-Verlag, Berlin, 2015, 255 Seiten, Klappenbroschur, 24,95 Euro, ISBN 978-3945034330, Leseprobe

Seitengang dankt dem Avant-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Leipziger Buchmesse 2014: Henryk M. Broder, Ulrich Wickert und die neuen jungen Autoren Chiles

Kassetten-Freunde: Wolfgang Stockmann (v. l.), Marc Sieper, Andrea Herzog, Björn Akstinat und Moderatorin Anne Künstler.
Kassetten-Freunde: Wolfgang Stockmann (v. l.), Marc Sieper, Andrea Herzog, Björn Akstinat und Moderatorin Anne Künstler.
Im vergangenen Jahr feierte die Kassette ihren 50. Geburtstag. Auf der Leipziger Buchmesse fand sich am Samstag eine Talkrunde zusammen, die über fast ausgestorbene Begriffe wie „Bandsalat“, „Überspielen“ und „Mixtape“ sprechen wollte. Und warum viele der Kassettenfreunde immer einen Bleistift dabei haben.

Die zwei Damen und drei Herren schwelgten in eigenen Kassetten-Erinnerungen. Wolfgang Stockmann etwa zeigte sich zutiefst begeistert, dass er einmal eine im Schnee verloren geglaubte Kassette zwei Wochen später im Tauwetter wiedergefunden habe, die immer noch abspielbar gewesen sei. Andrea Herzog blickte noch weiter zurück: „Ich bin ein Tonbandkind, das zur Konfirmation ein Tonbandgerät bekam – das war ein irrsinniger Erfolg für mich, wenn ein Band nach einem Salat wieder funktionierte, aber auch schrecklich, wenn das Gegenteil der Fall war.“

Die Sache mit dem Bleistift fand dann bei Marc Sieper Erwähnung, der als Kind ein Kassettendeck sein Eigen nannte, das nicht mehr zurückspulen konnte. „Da musste ich dann jede Kassette mit dem Bleichstift bearbeiten, wenn ich die Seite noch einmal hören wollte.“

„Sinnliches Erlebnis des Fortschritts einer laufenden Kassette“

Alle Teilnehmer der Talkrunde erklärten daraufhin ihren Ärger über die Radiomoderatoren, die in die Lieder „quatschten“, während sie zu Hause saßen, um die Songs mitzuschneiden. Der Sinn der Veranstaltung im Forum Hörbuch + Literatur wurde indes immer fraglicher. Als schließlich Andrea Herzog vom „sinnlichen Erlebnis des Fortschritts einer laufenden Kassette“ sprach, das bei einer CD verloren gehe, war es für mich Zeit zu gehen.

Buchvorstellung: Thomas Rietzschel (v. l.), Henryk M. Broder und der Moderator
Buchvorstellung: Thomas Rietzschel (v. l.), Henryk M. Broder und der Moderator
Mit den Worten „Danke, dass Sie nicht bei Roger Willemsen nebenan sind“ begann das Gespräch mit Henryk M. Broder im Sachbuchforum. Der Publizist und Autor stellte sein Buch „Die letzten Tage Europas: Wie wir eine gute Idee versenken“ vor. Ebenfalls eingeladen war der ehemalige Kulturkorrespondent der FAZ, Thomas Rietzschel, mit seinem Buch „Geplünderte Demokratie: Die Geschäfte des politischen Kartells“.

Etwas unglücklich war es wohl, dass für beide Autoren nur eine halbe Stunde Zeit zur Verfügung stand und sich beide nicht widersprachen. So gab es keine Gelegenheit zu einer kontroversen Diskussion. Obwohl die polemischen Thesen der beiden Anlass genug gegeben hätten, blieb auch der Moderator überraschend zahm. Die Veranstaltung gab deshalb zwei Europaskeptikern genügend Raum, ihrem Ärger Luft zu machen und sich gegenseitig hochzuschaukeln.

Broder etwa echauffierte sich darüber, dass Politiker mehr als zwei Wochen über die Verringerung der „Rundfunk-Zwangsgebühr“ gestritten hätten. Das Ergebnis sei eine kleine Ersparnis von 48 Cent. „Dafür gibt es bei Kamps zwei ömmelige Brötchen von gestern.“ Ähnlich fuhr Broder fort.

Rietzschel erklärte später, die Europawahl im Mai diene – wie alle Wahlen – nur der Existenzsicherung der Politiker. „Wir sollen wählen gehen, weil die Angst vor den Nichtwählern haben.“ Broder stieß ins selbe Horn: „Ich bin der gleichen Ansicht: Wir werden alle vier Jahre Opfer von Propaganda, dabei haben wir die Wahlfreiheit.“ Und das bedeute für ihn, nicht wählen zu gehen. Rietschel stimmte unumwunden zu. Leider blieb der Moderator hier stumm und hakte nicht nach. Das Publikum murrte. Schon vorher waren Zwischenrufe laut geworden, weil es vor allem Rietzschel vorzog, die Fragen des Moderators stets nicht zu beantworten.

Henryk M.Broder: Die letzten Tage Europas: Wie wir eine gute Idee versenken, Albrecht Knaus Verlag, München, 2013, 224 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, ISBN 978-3813505672

Thomas Rietzschel: Geplünderte Demokratie: Die Geschäfte des politischen Kartells, Paul Zsolnay Verlag, Wien, 2014, 192 Seiten, gebunden, 16,90 Euro, ISBN 978-3552056756

Mister Tagesthemen: Ulrich Wickert (r.) im Gespräch mit Michael Schneider (stellv. Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung).
Mister Tagesthemen: Ulrich Wickert (r.) im Gespräch mit Michael Schneider (stellv. Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung).
In der LVZ-Arena (Leipziger Volkszeitung) stellte wenig später der frühere Tagesthemen-Sprecher Ulrich Wickert seinen neuen Krimi „Das marokkanische Mädchen“ vor, den fünften Fall für den Untersuchungsrichter Jacques Ricou.

Viel erfuhr das Publikum nicht über das neue Buch, dafür umso mehr über das unterschiedliche Geschichtsbewusstsein des protestantischen Deutschlands im Gegensatz zum katholischen Frankreich. Und dass man in Deutschland keine Krimis schreiben könne: „Wir sind in der Kriminalität nur Mittelmaß – in Italien gibt’s dafür die Mafia, in Frankreich nur die Regierung.“

Wickert ist ein hervorragender Kenner Frankreichs, was er nicht nur durch seine Sachbücher und Krimis unter Beweis gestellt hat, sondern schon als ARD-Korrespondent und dann auch Studioleiter in Paris. Unvergessen ist seine Reportage über den Versuch, zu Fuß den vielbefahrenen Place de la Concorde in Paris zu überqueren.

Wickert schwärmt von den Vorzügen Frankreichs

Der ehemalige Mister Tagesthemen schwärmt auch in Leipzig von den Vorzügen Frankreichs: „In Frankreich erlaubt es die Gesellschaft, dass ihr Präsident François Mitterrand verheiratet war, eine Freundin hatte und mit ihr eine Tochter zeugte. Das wusste jeder, aber niemand sprach darüber. Das finde ich gar nicht so schlecht.“

Die wesentlich dunklere Seite des Nachbarlandes aber lernt man in Wickerts Krimis kennen. In seinem neusten Werk geht es um Korruption, aber auch um eine eventuelle Verbindung zwischen dem ehemaligen Präsidenten Sarkozy und dem libyschen Revolutionsführer Gaddafi. Das alles nimmt seinen Anfang, als auf einem Waldweg bei Paris eine marokkanische Familie erschossen in ihrem Auto aufgefunden wird. Wenig später entdeckt die Polizei Kalila, die sechsjährige Tochter, die das Massaker in einem Versteck überlebt hat.

Wickert kündigte an, das sei nicht der letzte Fall für den Bon Vivant namens Jacques Ricou. „Der nächsten Fall habe ich schon im Kopf“, versprach er.

Ulrich Wickert: Das marokkanische Mädchen, Hoffmann und Campe, Hamburg, 2014, 320 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, ISBN 978-3455403398

Zwei neue junge Autoren Chiles: Nona Fernández und Carlos Labbé.
Zwei neue junge Autoren Chiles: Nona Fernández und Carlos Labbé.
Im Forum International präsentierte die Botschaft der Republik Chile mit Nona Fernández und Carlos Labbé zwei neue junge Autoren Chiles. Fernández‘ ins Deutsche übersetzte Roman „Die Toten im trüben Wasser des Mapocho“ ist bereits im Sommer 2012 erschienen, Labbés Roman „Navidad und Matanza“ gar schon im Herbst 2010.

Die Geschichten in Fernández‘ Roman treiben den Mapocho herunter wie die Abwässer der Stadt. Dunkel, unheilverkündend, dreckig. An den Ufern des Flusses ist einst Santiago de Chile gegründet und erbaut worden. Jetzt erzählt er Geschichten von einem inzestuösen Geschwisterpaar, versklavten Gefangenen, einem selbstmordgefährdeter Historiker oder einem auf der Suche nach seinem Kopf umherstreifenden, enthaupteten Häuptling der Mapocho-Indianer.

Der chilenische Schriftsteller Roberto Bolaño hat über Fernández mal gesagt: „Diese schnörkellose Maßlosigkeit, dieser Mut! Jede einzelne Zeile ist entweder lebensnotwendig oder tödlich, ihr Schreiben gespannt bis zum Äußersten.“ Für den Roman „Die Toten im trüben Wasser des Mapocho“ bekam sie den wichtigesten chilenischen Literaturpreis, den Premio Muncipal de Literatura.

Auch der Roman „Navidad und Matanza“ von Carlos Labbé verknüpft mehrere Geschichten miteinander. Es ist ein Roman im Roman und spielt an der chilenischen Pazifikküste. Labbé ist mit diesem Roman in Chile als vielversprechende neue Stimme in der Literatur gepriesen worden. In Leipzig ruft er die Zuhörer dazu auf, ins Internet zu gehen und mehr Literatur aus Lateinamerika zu lesen, die nicht Mainstream ist.

Nona Fernández: Die Toten im trüben Wasser des Mapocho, Septime Verlag, Wien, 2012, 260 Seiten, gebunden, 20,90 Euro, ISBN 978-3902711090

Carlos Labbé: Navidad und Matanza, Lateinamerika Verlag, 2010, 160 Seiten, gebunden, 19 Euro, ISBN 978-3952296660 (derzeit vergriffen)

Ausgabe Nummer 7: Die LitPop im Neuen Rathaus.
Ausgabe Nummer 7: Die LitPop im Neuen Rathaus.
Am Abend dann stieg im Neuen Rathaus die LitPop, seit sieben Jahren die Messe-Party, auf der Literatur und Pop zusammenfinden. Mehr als 20 Lesungen im Ratsplenarsaal, im Festsaal und im Stadtverordnetensaal sowie Konzerte und Disko in den beiden altehrwürdigen Wandelhallen – das alles ist die LitPop.

Rund 2.500 Menschen feierten bis tief in die Nacht und sahen zuvor Lesungen von Stefan Bachmann, Axel Bosse, Greta Taubert, Sulaiman Masomi & Jan Philipp Zymny, Giulia Enders oder Ralf König. Im Festsaal schlug beim LitPop-Poetry-Slam die Stunde der Wortakrobaten Christian Ritter, Katja Hofmann, Micha El-Goehre und Bleu Broode.

Gegen Mitternacht trat in der Unteren Wandelhalle der deutsche Rapper Alligatoah zu einem kurzen Konzert auf, begleitet von der Leipziger Geschwisterband „Heinrich“ als Vorband. An den Plattentellern sorgten danach DJ und Ex-MTV-Moderator Markus Kavka, Preller und Mr Olsen & Senior Kiez für tanzbare Musik bis in die frühen Morgenstunden.