Das Einzige, was hier leuchtet, ist eine Taschenlampe

Simon Beckett, britischer Journalist und Autor der spannenden und international erfolgreichen Thriller-Reihe um den forensischen Anthropologen David Hunter, (bisher sechs Bände: „Die Chemie des Todes“ u.a.) hat einen neuen Ermittler auf den Markt geworfen: Jonah Colley. Er taucht im neuen Beckett-Roman auf, der im Juli im zu Rowohlt gehörenden Wunderlich-Verlag erschienen ist. In „Die Verlorenen“ ermittelt der Sergeant einer bewaffneten Sondereinheit der Londoner Metropolitan Police in einem mysteriösen Fall. Colley erwartet sich davon auch neue Hinweise auf seinen vor zehn Jahren verschwundenen Sohn.

Sie meinen, das müsse doch ein Knaller sein? Ein Pageturner? Ein hervorragender Schmöker für die Sommermonate? Weil einfach immer David-Hunter-Klasse drinsteckt, wo Simon Beckett draufsteht?

Nun.

„Die Verlorenen“ ist all das nicht, sondern ein Werk, bei dem man sich fragen muss: Aus welcher Schublade hat Beckett das denn noch gezogen?

Und für Jonah beginnt ein Albtraum

Zuallererst – die Geschichte, wie der Klappentext sie erzählt: Seit Jonah Colleys Sohn Theo vor zehn Jahren spurlos verschwand, liegt das Leben des Polizisten in Scherben. Damals brach auch der Kontakt zu seinem besten Freund Gavin ab. Nun meldet dieser sich überraschend bei Colley und bittet um ein Treffen. Doch in dem verlassenen Lagerhaus findet Jonah seinen Freund von einst nur noch tot, daneben drei weitere Leichen. Fest in Plastikplane eingewickelt, sehen sie aus wie Kokons. Bei näherem Hinsehen stellt sich heraus: Eines der Opfer ist noch am Leben. Und für Jonah beginnt ein Albtraum.

Dieses Buch könnte wahrscheinlich gut sein, wenn Beckett nicht wie ein junger Debütant schreiben würde, dem noch die Erfahrung aus den Hunter-Büchern fehlt. Die Story ist hanebüchen, langatmig und unglaubwürdig erzählt; teilweise zwar detailreich angedacht, aber nicht zu Ende geführt.

Kommen wir zurück zu den drei Leichen, die in Plastikfolie eingewickelt sind. Warum erinnern sie an Kokons? Man erfährt weder das, noch warum sie so verpackt worden sind oder zuvor mit Branntkalk bestäubt wurden. Das sind grausige Details der ersten 21 Seiten, die später keine Rolle mehr spielen.

Die Figuren sind allesamt keine Sympathieträger

Die Figuren, die Beckett erfindet, sind allesamt keine Sympathieträger. Da wären zum Beispiel der immer mürrische Detective Inspector Jack Fletcher und seine Kollegin, Detective Sergeant Bennet. Beide ermitteln gegen Colley, weil sie glauben, er könnte auch Täter sein. Während Bennet oft nur Beweismitteltütchen oder Kaffeebecher reichen darf, beschreibt Beckett den DI als einen ausgezehrt wirkenden Mann mit vernarbtem Gesicht, dem Lächeln eines zähnefletschenden Raubtiers und stechendem Blick.

Fletcher höhnt, schnauzt, wütet und marschiert. Kollegin Bennet, die eine starke Frauenfigur sein könnte – dann vielleicht auch mit einem Vornamen – verblasst neben ihm völlig.

Auch Colleys Ex-Frau Chrissie kann nicht überzeugen. Die Darstellung der Wiederverheirateten, die mit ihrem neuen Mann – einem Anwalt – in die gehobene Mittelschicht aufgestiegen ist, ganz klischeehaft wohnt und Range Rover fährt, gelingt anfangs noch nachvollziehbar. Sie hat ihrem Mann nie verziehen, dass der auf einer Bank erschöpft einschlief, während der Sohnemann unbeobachtet verschwand. Mit dem Verlauf der Geschichte dringt Chrissie weiter ins Geschehen ein, verliert dabei aber ihre selbstbewusste Stärke, für die man sie zuvor noch geschätzt hat.

Colley selbst erzeugt allerhöchstens Mitleid, oft aber nur bloßes Kopfschütteln. Um das nochmal deutlich zu machen: Wir sprechen bei ihm von einem erfahrenen Polizisten einer bewaffneten Sondereinheit. Wenn nicht bereits während des Lesens, dann fragt man sich zumindest am Ende des Buches, wie dieser Mann die Aufnahme in eine Sondereinheit geschafft hat.

An Naivität kaum zu überbieten

An Naivität ist Jonah Colley jedenfalls kaum zu überbieten, vielleicht nur noch von der 21-jährigen Literaturstudentin Ana aus dem furchtbaren Roman „Shades of Grey“, die nach Meinung dieses Blogs eigentlich auf ewig auf Platz 1 der naivsten Romanfiguren stehen müsste.

Doch zurück zu Jonah Colley. Da fährt also dieser erfahrene Spezialist um Mitternacht allein zu einem verlassenen Kai im Hafen von London, nachdem er von seinem ehemals besten Freund Gavin angerufen und mit einem geheimnisvollen Versprechen dorthin bestellt worden ist. Dass die Gegend Schlachter-Kai heißt, ist noch der Hohn obendrauf.

Er fährt da also hin, aber Gavin ist nicht dort. Höchst professionell leuchtet er mit einer Taschenlampe ins Lagerhaus und findet Gavins Handy. Colley ruft keine Verstärkung, sondern leuchtet weiter. Er findet Gavins Polizeiausweis. Colley ruft wieder keine Verstärkung, sondern leuchtet weiter. Er findet eine Blutspur. Colley ruft weder Verstärkung noch einen Notarzt. Er tut was?

Richtig: Er leuchtet weiter.

Beckett lässt seinen Protagonisten wie Gottes zweite Garnitur ins Unglück rennen. Weder er, noch sein Autor machen dabei eine gute Figur. „Die Verlorenen“, das sind auch Becketts Leser.

„Hätte ich bloß Wasser dabei“

Und das bleibt leider so. Als Colley im Lagerhaus das vierte und einzige noch lebende Opfer zu retten versucht, das gerade gierige Atemzüge nimmt, denkt er so bei sich: „Hätte ich bloß Wasser dabei.“ Nun, der Gedanke darf einem natürlich kommen, weil Wasser dem Opfer auf jeden Fall etwas weitergeholfen hätte. Aber dass der Polizist einer Sondereinheit darüber nachdenkt, nachdem er weder Verstärkung noch Rettungsdienst gerufen hat, als es zeitlich noch sinnvoll gewesen wäre, ist schon etwas befremdlich. Ganz davon abgesehen, dass bewaffnete Sondereinheiten bei Einsätzen in der Regel wohl kaum Wasser mit sich führen, also, warum jetzt darüber nachdenken?

Nach dem Leichenfund erholt sich Colley von einer schweren Verletzung im Krankenhaus. Als er gerade von der Physio kommt, wartet in seinem Zimmer schon eine junge Frau auf ihn – könnte die Psychotherapeutin sein, die man ihm angeboten hatte. Er fragt sie also: „Sind Sie die Therapeutin?“ Die Frau zögert und sagt: „Ich würde mich nicht als Therapeutin bezeichnen…“

Bei Thriller- und Krimifans schrillen die Alarmglocken. Nicht so bei erfahrenen Sonderermittlern, die sonst mit Waffen hantieren und nur bei den besonders kniffligen Fällen gerufen werden. Jonah Colley ist müde und will einfach nur schnell das Gespräch hinter sich bringen. Und plaudert muntert drauf los. Bis ihm irgendwann aufgeht: Dumm gelaufen, das ist eine Boulevard-Journalistin.

Situationsbeschreibungen sind hier Becketts Stärke

Sprachlich ist das alles noch ganz nett geschrieben. Besonders Situationsbeschreibungen sind hier Becketts Stärke, gerade wenn es schnell, brutal und blutig zugeht. In seiner Wortwahl ist er da wie gewohnt wenig zimperlich. Anders als in der Hunter-Reihe sind leider auch die wenigen augenzwinkernden Momente nicht wirklich überzeugend, etwa als Colley ein altes Wespennest für einen Totenschädel hält. Nun ja. Lustig auf dem Niveau eines Flachwitzes.

Gegen Ende, etwa die letzten 100 Seiten, nimmt das Buch dann doch noch Fahrt auf und wird tatsächlich ein wenig spannend. Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass die 300 Seiten zuvor eine ziemliche Qual gewesen sind. „Die Verlorenen“ gerät zum schwachen Auftakt der zunächst vor der Lektüre noch vielversprechend angenommenen, neuen Reihe. Wie viele Bände der 61-jährige Brite am Ende davon schreiben wird, weiß er selbst noch nicht, sagt er. Und was ist mit David Hunter? „Er kommt zurück“, verspricht Beckett. Wenigstens eine Hoffnung.

Simon Beckett: Die Verlorenen, Wunderlich Verlag, Hamburg, 2021, 416 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 24 Euro, ISBN 978-3805200523, Leseprobe

Oh, schaurig ist’s…

Arthur Kipps ist noch ein junger Anwalt, als er von seiner Kanzlei in eine gottverlassene Gegend Englands geschickt wird, um den Nachlass der verstorbenen Mrs. Drablow zu regeln. Ihr Anwesen ist nur bei Ebbe über den Nine Lives Causeway zu erreichen. Wer den Damm verlässt, droht jämmerlich im nebligen Sumpfgebiet zu versinken. Doch was den Advokaten in Eel Marsh House erwartet, hätte er sich in seinen dunkelsten Träumen nicht ausgemalt.

Es ist Angang November, und der frisch verlobte Arthur Kipps freut sich, dem Londoner Nebel zu entkommen. Dankbar nimmt er den Auftrag an, der Beerdigung beizuwohnen und im Anwesen der Verstorbenen nach dem Rechten zu sehen. Crythin Gifford heißt der kleine schmucke Ort, in dem er absteigt, um die Beerdigung abzuwickeln. Doch die Dorfbewohner sind seltsam verschlossen, und auch der Immobilienmakler, der Kipps in die Sachlage einweisen soll, gibt nur ganz und gar verhalten Auskunft. Und so verwundert es Kipps kaum, dass niemand außer ihm und dem Immobilienmakler an der Trauerfeier für die alte Dame teilnimmt.

Am Ende der Messe vernimmt Kipps jedoch ein Rascheln in der Kirche – er dreht sich um und entdeckt mehrere Bankreihen hinter sich eine offensichtlich trauernde Frau. „Allerdings sah ihre Kleidung aus, als wäre sie aus einer alten Truhe oder einem Schrank gekramt worden, denn das Schwarz war ein wenig verschossen.“ Bleich, ausgemergelt und mit tief eingesunkenen Augen hockt die Frau in Schwarz auf der Kirchenbank. Auch später auf dem Friedhof entdeckt er die mysteriöse Frau wieder. Der Immobilienmakler jedoch behauptet, niemanden gesehen zu haben.

Guter englischer Gruselstoff

Als er schließlich Eel Marsh House betritt, nimmt der Spuk volle Fahrt auf. Ein unsichtbares Kind wimmert und schreit, aus einem Zimmer ohne Klinke und Riegel dringen Klopfgeräusche, und immer wieder erscheint aus dem typisch englischen Nebel rund um Eel Marsh House die rätselhafte Frau in Schwarz. Susan Hills Schauerroman versprüht den feinen Grusel, der in diesem Genre vom Leser verlangt wird. Das ist kein Horror, kein Schocker, sondern guter englischer Gruselstoff, angelegt im viktorianischen Zeitalter.

Der Roman jedoch ist bereits 1983 in England erschienen, im Jahr 1993 erstmals auf Deutsch. Stephen Mallatratt hat den Roman für sein Theaterstück adaptiert, das seit mehreren Jahren erfolgreich am Londoner West End gespielt wird. Aber erst jetzt, fast 30 Jahre nachdem das Buch geschrieben worden ist, wird es für das Kino entdeckt. Und niemand Geringeres als „Harry Potter“-Darsteller Daniel Radcliffe spielt die Rolle des jungen Anwalts Arthur Kipps. Gefilmt wurde in den legendären britischen Hammer Studios, die in den 50er und 60er Jahren mit Horrorproduktionen wie „Dracula“ oder „Frankensteins Rache“ bekannt wurden, später aber Konkurs anmelden mussten. Die Hammer Studios wurden wiederbelebt und beleben nun ihrerseits einen Gruselstoff, der wie für sie geschrieben scheint.

Dies ist jedoch lediglich die Kritik des Buches, und da muss der Rezensent mit ein wenig Unverständnis bemerken, wie der Verlag versucht, die Popularität des Hauptdarstellers auszunutzen, um den „Roman zum Film“ besser zu vermarkten. Es hätte genügt, den Roman erneut auf den Markt zu bringen – mit einem passenden Umschlagbild selbstverständlich. Nun aber prangt auf der Vorderseite das Bild des Filmplakats und somit auch Daniel Radcliffe. Doch damit nicht genug: Im Innenteil erwarten den Leser acht Seiten mit Filmfotos. Für Radcliffe-Fans sicherlich ein Augenschmaus, für Freunde der viktorianischen Schauergeschichten jedoch unnötig.

Aus Sicht des Lesers wären zwei unterschiedliche Editionen sinnvoller gewesen: Das „Buch zum Film“, wie es vorliegt, für die Potter- und Radcliffe-Fans, und ein bibliophil gestaltetes für die Genießer von Schauergeschichten und Gruselromanen. Das allerdings hätte wohl auch eine gebundene Ausgabe erforderlich gemacht. Schade, dass solche Chancen zur doppelten Vermarktung nicht genutzt worden sind, denn Susan Hills Geschichte hätte diese Huldigung durchaus verdient.

Susan Hill: Die Frau in Schwarz, Knaur Taschenbuch Verlag, München, 2012, 202 Seiten, acht Seiten Filmfotos, Taschenbuch, 9,99 Euro, ISBN 978-3426502204