Buch Wien: Freundschaft, Eulen und die Liebe unter Aliens

Filip Florian (l.) im Gespräch mit seinem Übersetzer Georg Aescht - Foto: Christian Lund
Filip Florian (l.) im Gespräch mit seinem Übersetzer Georg Aescht – Foto: Christian Lund
Das Programm der „Buch Wien“ ist in diesem Jahr erstaunlich dürftig und schlecht auf die einzelnen Messetage verteilt. Äußerst wundersam etwa ist, dass sich ein Großteil der interessanten Autoren und vor allem der Publikumslieblinge am Sonntag auf der Buchmesse tummeln: Bernhard Aichner, Marjana Gaponenko, Thomas Raab, Peter Henisch, Reinhard Kaiser-Mühlecker, Dirk Stermann und nicht zuletzt Ela Angerer. Dementsprechend kann ich heute nur von zwei herausragenden Lesungen berichten:

Zunächst stellte der rumänische Schriftsteller Filip Florian vor erschütternd leeren Stuhlreihen seinen neuen Roman „Alle Eulen“ vor. Es ist sein dritter Roman und der zweite, der auf Deutsch erschienen ist (zuvor: „Kleine Finger“, Suhrkamp, 2008). Florian, 1968 in Bukarest geboren, gilt mittlerweile als einer der besten rumänischen Schriftsteller der heutigen Zeit. Sein Übersetzer und gleichzeitig Moderator der Lesung, Georg Aescht, geht sogar so weit, ihn einen „besessenen Schriftsteller“ zu nennen. Mit „Alle Eulen“ habe Florian einen Roman einer großen Freundschaft verfasst, erklärte Aescht.

In dem Buch trifft Luca, ein Lausbub aus der Kleinstadt, auf Emil, der nach einem bewegten Leben in Bukarest unverhofft in der Provinz landet. Emil öffnet Lucas Blick und Geist für Literatur und Musik, Luca schenkt ihm dafür seine Neugierde und liefert immer zuverlässig den letzten Dorfklatsch. Emil wiederum hat die Gabe, mit Eulen sprechen zu können, und Luca wünscht sich fortan nichts sehnlicher, als das auch zu können. Es ist also ein nicht nur ein Roman über ungleiche Freunde, sondern auch über die Liebe zur Natur.

Rückbesinnung auf die Poesie

Dass diese Liebe zur Natur aber gleichzeitig auch zur Liebe von Poesie und Literatur führen kann, wie es Aescht im Gespräch vorschlug, verneinte Florian. Für ihn ist das unabhängig voneinander. Wohl aber könne die Rückbesinnung auf die Poesie verdeutlichen, dass es etwas Tieferes gibt, als das, was uns täglich umgibt.

Nachdem Florian eine Passage auf Rumänisch vorgetragen und Aescht dieselbe Stelle auf Deutsch gelesen hatte, erklärte letzterer: „Beim Lesen seiner Sätze muss ich oft innerlich schmunzeln, manchmal kommen mir auch die Tränen.“ Darauf Florian: „Das sind die Augentropfen.“ Aescht wiederum: „Nein, das ist der Humor, der so still ist, dass man innerlich angerührt ist.“ Ob Florian den Humor absichtlich in den Roman bastelt.

Es sei seine Art zu schreiben, erklärt der. „So schreibe ich nun mal, und jeder Leser nimmt den Text anders wahr, oft auch anders als der Autor.“ Und wenn er an seinem Schreibtisch sitzt und schreibt, dann schreibt er „ganz“, wie er das bezeichnet. Nichts interessiert ihn dann, nur das Schreiben. „Und vielleicht die Ergebnisse des FC Liverpool, da bin ich etwas verrückt.“ Ansonsten aber sei er ganz in seiner Welt verhaftet, „deren Hauch mich beseelt und mich aus der Welt des Scheins hinausträgt“.

„Zauberhaft melancholisches Buch“

Die Presse feiert Florians neuen Roman bereits frenetisch: „‚Alle Eulen‘, von Georg Aescht in so flüssiges wie sinnliches Deutsch gebracht, ist ein zauberhaft melancholisches Buch über die Abendstunde der Erinnerung (…)“, schreibt etwa Jan Koneffke in der Neuen Zürcher Zeitung. Und Paul Jandl urteilt in der Welt: „‚Alle Eulen‘, mit dem Filip Florian sich endgültig als fixe Größe in der nicht gerade stimmenarmen rumänischen Literatur etabliert, ist kein dickes, aber ein gewaltiges Buch, ein böses Märchen mit nicht ganz so bösem Ausgang.“

Filip Florian: Alle Eulen, Matthes & Seitz, Berlin, 2016, 213 Seiten, gebunden, 19,90 Euro, ISBN: 978-3957572219

Am Abend dann las Terézia Mora in der Alten Schmiede in Wien aus ihrem aktuellen Erzählband „Die Liebe unter Aliens“. Am Vorabend noch hatte sie die Eröffnungsrede der „Buch Wien“ gehalten, jetzt waren die zahlreichen Zuschauer neugierig auf ihre Kurzprosa. Nach „Seltsame Materie“, 1999 bei Rowohlt erschienen, ist das jetzt ihr zweiter Band mit Erzählungen.

Darin wendet sie sich Menschen zu, die sich verlieren, aber nicht aufgeben, die verloren sind, aber weiter hoffen. Ein Ausflug ans Meer soll ein junges Paar zusammenführen. Ein Nachtportier fühlt sich heimlich zu seiner Halbschwester hingezogen. Ein japanischer Professor verliebt sich in eine Göttin. Die Liebe geht hier reichlich seltsame Wege, und sprachlich ist das alles eine Wucht! Zehn Erzählungen versammelt dieser Band, und sie berichten auch von der Fremdheit sich selbst und anderen gegenüber, erklärt Moderatorin Angelika Reitzer: „Immer wieder wechseln die Perspektiven, erleben wir Blicke von innen und außen – das Stilmittel, für das sie bekannt und berühmt ist.“ Diese starke erzählerische Liebe bringe „das Blasse zum Leuchten“.

Mora erzählte sodann, sie habe im Februar zum ersten Mal in Wien aus ihrem damals noch nicht erschienenen Erzählband vorgelesen und habe sich zu der Veranstaltung einen Musiker aussuchen dürfen, der sie begleitet. „Ich habe dann gesagt, ich hätte gerne Félix Lajkó (ungarisch-serbischer Musiker), weil ich dachte: den kriegen die nie! Haben sie aber. Ich habe die Titelstory ‚Die Liebe unter Aliens‘ gelesen, und es fühlte sich wirklich an wie zwei Aliens nebeneinander – er verstand kein Deutsch und hat aber trotzdem gespielt, als wären wir eine Einheit.“

Geschichte des jüdischen Malers Felix Nussbaum

Um dieses Erlebnis nicht zu wiederholen, entschied sich Mora an diesem Abend für die Erzählung mit dem Titel „Selbstbildnis mit Geschirrtuch“, die ursprünglich als Auftragsarbeit entstanden war. Sie erzählt die Geschichte des jüdischen Malers Felix Nussbaum und dessen Frau Felka Platek, allerdings übertragen in die heutige Zeit.

Mora ist Figurensammlerin, erklärt sie. Sie habe eine Liste mit 22 Figuren gehabt, aus denen sie die zehn besten für das Buch ausgewählt habe. Für die Figur des Marathonmanns in einer ihrer Erzählungen habe sie etwa drei Vorbilder gehabt, das älteste stamme aus ihrer eigenen Kindheit: „Ich war 15, als ein Mann mir und anderen Fahrgästen erzählte, er sei den Marathon in Wien gelaufen, und das Schönste für ihn sei gewesen, dass es an der Strecke Südfrüchte gegeben habe. Alle anderen haben ihn belächelt, für mich war er ein Held.“ Die anderen beiden Marathonfiguren seien ein Nachbar – und ihr ehemaliger Lektor. „Ich gebe den Figuren eine Geschichte, damit sie ein Zuhause haben.“

Im Vorfeld ihres Erzählbandes habe sie natürlich auch viele Erzählungen anderer Autoren gelesen, so etwa von Alice Munro oder Hilary Mantel, aber sie habe nicht viel Herausragendes entdeckt: „Gott sei Dank, das wäre doof gewesen, wenn ich was gefunden hätte, bei dem ich gesagt hätte: besser kann man das nicht machen!“

Abschluss der Trilogie um Darius Kopp

Als nächstes plant Mora, ihre Trilogie über den IT-Spezialisten Darius Kopp abzuschließen, die sie mit „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ (2009) und „Das Ungeheuer“ (2013) begonnen hat. „Nein, es folgt jetzt nicht noch ein Erzählband, sondern ein Roman – das musste ich meinem Verlag auch versprechen.“

Terézia Mora: Die Liebe unter Aliens, Luchterhand, München, 2016, 272 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN: 978-3630873190, Leseprobe

Apocalypse now – Schweizer Fassung

Sind auf der Erde tatsächlich einst Riesen gewandelt, wie es in alten Geschichten erzählt wird? Und was wäre, wenn diese Riesen in naher Zukunft zurück auf den Planeten kämen? Klingt komisch, ist es aber nicht – nicht in Gregor Spörris Endzeit-Thriller „The Lost God“. Eines Tages im Jahr 2012 fallen 19 gigantische Stahlkugeln vom Himmel, zermalmen alles, was sich ihnen in den Weg stellt, und bleiben schließlich liegen. Wissenschaftler versuchen sich an Erklärungen, während das Militär rings um die Absturzstellen Sperrzonen errichtet und Forscherteams entsendet.

Der Schweizer Gregor Spörri hat sich in seinem ersten Buch an ein Science-Fiction-Thema herangewagt, das sowohl von Hollywood als auch von vielen anderen Autoren schon ausgiebigst bearbeitet worden ist: die Invasion von Außerirdischen auf der Erde. Spörri aber hatte sein ganz persönliches Erweckungserlebnis: Der nach Angaben des Verlags erfolgreiche Diskothekenausstatter, Designer, Clubbetreiber und Produzent machte bei einer Ägyptenreise 1988 eine interessante Entdeckung.

Im Wüstenbezirk Bîr Hooker zeigte ihm ein Händler, dessen Vorfahren Grabräuber gewesen sein sollen, einen riesenhaften mumifizierten Finger. Laut Klappentext maß der Finger im ausgestreckten Zustand vom Nagel bis zum Knochenende 38 Zentimeter. Die Innenseite des Buchumschlags zeigt ein Foto des mysteriösen Funds, die Internetseite zum Buch bietet weitere Informationen zum Thema und verleiht dem ganzen Projekt einen wissenschaftlichen, nicht-fiktionalen Anstrich.

„Neues Zeitalter der Barbarei“

Dass Gregor Spörri eine Vision hat, ist beim Lesen unübersehbar. Die anfangs eingeführten Personen scheinen zunächst nur dafür gut zu sein, dem Leser das Weltbild des Autors und damit einhergehend das Übel der Welt aufzuzeigen. Mit dem Fotokünstler Maximilian Lindner wettert er gegen das Abholzen der Regenwälder und das Ausrotten von ganzen Tierrassen, mit einem indonesischen Fahrer wirft er die Theorie vom Treibhauseffekt über den Haufen und verspricht das Hereinbrechen eines „neuen Zeitalters der Barbarei“. Luxus und soziale Not, Sex, Kriminalität und religiöser Fanatismus – rund um den Erdball finden sich genügend Beispiele, um Spörris düstere Vision zu unterstreichen: die Zeichen der Zeit stehen auf „Apocalypse now“.

Der Schreibstil ist anfangs holperig, vor allem die Dialoge wirken sehr geplant, hölzern und wenig lebendig. Teilweise versucht Spörri mit Interjektionen aus der Comic-Sprache Spannung zu erzeugen, doch ein „Bummm“, „Baammm“ und „Buuooommmm“ wirkt eher belustigend und unprofessionell. Das gibt sich aber, nachdem die Stahlkugeln vom Himmel gefallen sind.

Jetzt zeigt sich Spörris Talent: seine Recherchearbeit. Mit viel technischem Hintergrundwissen wird die Geschichte von der Invasion der Außerirdischen nun glaubwürdig, liest sich aber dennoch streckenweise wie ein Sachbuch mit fiktionalen Anteilen. Wer dieses Buch zur Hand nimmt, sollte danach nicht alleine sein, denn es wird Redebedarf geben, lässt der Thriller doch ausreichend Raum für Spekulation und Interpretation. Ein Buch, an dem man sich aufreiben kann.

Gregor Spörri: The Lost God, Münster Verlag, Basel, 2012, 495 Seiten, gebunden, 24 Euro, ISBN 978-3905896336